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Anti-Zensursoftware Psiphon: Der digitale Blockadebrecher

Von Christoph Mayerl, Toronto

Sie sind der Alptraum aller autoritären Regime: Mit Programmen wie Psiphon können Nutzer staatliche Internetsperren umgehen. Der Hersteller verschenkt die Hilfssoftware für Dissidenten. In Syrien wird sie wie heiße Ware weitergereicht.

Psiphon: Psiphon: Diese Software umgeht Internet-Sperren Fotos
Andre Forget

Rauchschwaden über Damaskus, Panzer in Aleppo, jubelnde Rebellen in Homs. Wenn es nach Syriens Präsident Baschar al-Assad ginge, würde solches Bildmaterial nicht auf westliche Foto- und Videoplattformen gelangen. Dass die Welt von Massakern, Bombardierungen und heftigen Kämpfen erfährt, liegt auch daran, dass Aktivisten in Syrien die Internetsperren der Machthaber mit Blockadebrecher-Software wie Psiphon umgehen können.

"Jeden Tag benutzen in Syrien zwischen 20.000 und 40.000 Menschen Psiphon", sagt Rafal Rohozinski. Der 47-jährige Kanadier ist ein Spezialist für den Cyberkrieg. Er hat die Entwicklung des Internetsperren-Umgehers Psiphon maßgeblich vorangetrieben. Die erste Version der Anti-Blockade-Software erschien 2006, Ende dieses Jahres soll eine Variante herauskommen, die auf den meisten Smartphones läuft.

Psiphon ist nicht das einzige Programm, das Sperren im Netz überwindet. "Die grundsätzliche Technik ist bei allen gleich", sagt der Informatiker Stephan Köpsell. Er hat an der TU Dresden das Anonymisierungsprogramm JAP mitentwickelt. Köpsell bewertet den Ansatz der kanadischen Software positiv: "State of the art" sei Psiphon, sagt der Informatiker. Sein Kollege Sebastian Clauß bestätigt die Einschätzung nach einem ersten Blick auf das Programm. "Die Techniken sehen etabliert aus."

Blockadebrecher wie Psiphon funktionieren so: Sie verwischen die Datenspur zwischen einem Rechner und einem Server. Regierungsstellen in Syrien können zum Beispiel die Anfragen an bestimmte US-Server sperren. Westliche Nachrichtenseiten wie BBC oder die "New York Times", Plattformen wie YouTube, aber auch soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook sind in China, Usbekistan oder Iran oft nicht erreichbar.

Blockadebrecher filtern den Datenstrom zum Beispiel anhand der IP-Adressen. Um die US-Server zu verschleiern, leiten Programme wie Psiphon den Datenverkehr über Umwege. Schon auf dem Rechner des Nutzers wird die Anfrage in ein anderes Format umcodiert und zunächst an einen Stellvertreter-Server weitergeleitet, einen sogenannten Proxy. Dort wird die eigentlich gewünschte Adresse extrahiert und die Verbindung hergestellt. Die abgerufenen Informationen nehmen den gleichen unverdächtigen Weg zurück.

"Sex ist nicht so gefährlich wie Nachrichten"

Psiphon richtet sich ausdrücklich gegen die Zensur in autoritären Staaten. Da öffentliche Download-Links dort sofort gesperrt werden, wird die Software Rafal Rohozinski zufolge in mehr als 40 Ländern über geschmuggelte USB-Sticks verteilt. Aktivisten verschicken Hinweise auf versteckte Downloadseiten per SMS an Bekannte, verteilen Handzettel oder veröffentlichen sie unter Pseudonym in sozialen Netzwerken. Psiphon wird vor allem für Informationen und Kommunikation benutzt. "Wir dachten zunächst, dass Unterhaltung eine größere Rolle spielen wird", meint Rohozinski. "Aber viele Länder blocken etwa pornografische Inhalte gar nicht. Sex ist nicht so gefährlich wie Nachrichten."

Seit 2008 wird Psiphon von einer Firma weiterentwickelt, eine aufgepeppte Bezahlversion soll in einigen Monaten auf den Markt kommen. "Enthusiasmus ist großartig, kann aber auch schnell wieder versiegen", sagt Rohozinski, der das Unternehmen als Geschäftsführer leitet. "Mit Psiphon verdienen wir kein Geld."

Die Firma hat im Rahmen von Projekten Finanzhilfe von Institutionen wie dem US-Außenministerium, der britischen BBC und dem US-Auslandssender Radio Free Europe und Radio Free Asia erhalten. Das Geld stecke man in die Weiterentwicklung, sagt Rohozinski. Die Bekanntheit von Psiphon dürfte ihm bei seinem anderen Job nutzen: Er ist Geschäftsführer einer privaten Cyber-Sicherheitsfirma, der SecDev Group.

"Wir bieten keine Anonymität."

Rohozinski warnt vor einem sorglosen Einsatz der Blockadebrecher-Software: "Es ist immer ein Restrisiko da. Fällt den Behörden trotz aller Verschlüsselung etwas am Datenverkehr auf, können sie diesen auch zurückverfolgen. Wir bieten keine Anonymität." Die Software schützt beispielsweise nicht gegen die Infektion von Rechnern durch Überwachungssoftware (hier ein ausführlicher Überblick).

Wenn es den Geheimdiensten eines repressiven Regimes gelänge, sich in die Server der Firma zu hacken, würden sie keine verwertbaren Informationen zu den Nutzern vorfinden. Das Unternehmen löscht alle IP-Adressen sofort. Rohozinski versichert: "Ich kenne derzeit keine Technologie, mit der eine Behörde einen unserer Kunden identifizieren könnte."

Bei der Internetzensur hat keine Seite einen uneinholbaren Vorteil. Die Programmierer reagieren, indem sie ständig in Bewegung bleiben. "Wir ändern kontinuierlich die Adressen unserer Proxys und das Aussehen unserer Protokolle", sagt Rohozinski. Denn einige Sperrprogramme suchen nicht nur nach Adressen, sondern auch nach verräterischen Mustern im Datenverkehr, die anzeigen, ob jemand auf Multimedia-Inhalte zugreift oder sich in sozialen Netzwerken bewegt.

Experte vermutet iranische Hilfe für Syriens Netzsperren

"Die Internetzensoren Syriens haben sehr schnell dazugelernt", sagt Rohozinski. Verdächtig schnell. "Die Techniken zur Protokollerkennung, die die syrischen Behörden verwenden, ähneln denen, die wir aus Iran kennen." Für Rohozinski ein Hinweis darauf, dass Teheran das Assad-Regime mit Experten und Know-how unterstützt: "Iran hat sich hier zu einem der führenden Länder entwickelt."

Die Cyber-Soldaten autoritärer Staaten melden sich massenhaft bei Psiphon an, um möglichst viele Proxy-Server auszuspähen. Deshalb sieht ein Nutzer nur einen winzigen Ausschnitt aus dem Serverbestand. "Außerdem gucken wir genau zu", sagt Rohozinski. Falls die Anwesenheit bestimmter Nutzer überproportional zu Blockaden führt, werden sie in Quarantänegruppen abgeschoben, wo sie keinen Schaden mehr anrichten können. "Die Zensoren merken davon nichts."

Rohozinski selbst fürchtet den zunehmenden Einfluss staatlicher Akteure auf die Infrastruktur des Netzes: "Wir erleben gerade einen konstitutiven Moment in der Geschichte des Internets." Die erste Generation, die unabhängig von Regierungen agierte und das freie Internet schuf, verschwinde nach und nach. Rohozinski: "Es gibt keine Garantie, dass jene zweite Aufklärung, die wir in den vergangenen 20 Jahren erlebt haben, in zehn Jahren nicht schon wieder vorbei sein wird."

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1. Sicher
braunschweiger77 06.10.2012
"Psiphon richtet sich ausdrücklich gegen die Zensur in autoritären Staaten" Na klar, die Zensur in den "demokratischen Staaten" möchte man natürlich nicht antasten. Deshalb wird dieses Programm auch nur syrischen "Aktivisten", nicht aber dem Otto-Normalverbraucher im Westen zur Verfügung gestellt.
2.
kalanak 06.10.2012
Zitat von braunschweiger77"Psiphon richtet sich ausdrücklich gegen die Zensur in autoritären Staaten" Na klar, die Zensur in den "demokratischen Staaten" möchte man natürlich nicht antasten. Deshalb wird dieses Programm auch nur syrischen "Aktivisten", nicht aber dem Otto-Normalverbraucher im Westen zur Verfügung gestellt.
Kleiner Tipp: "psiphon download" bei google eingeben und es erscheint der eine oder andere Hinweis zum Download der Software.
3. Bitte um Erklärung...
derfflinger 06.10.2012
Zitat von braunschweiger77"Psiphon richtet sich ausdrücklich gegen die Zensur in autoritären Staaten" Na klar, die Zensur in den "demokratischen Staaten" möchte man natürlich nicht antasten. Deshalb wird dieses Programm auch nur syrischen "Aktivisten", nicht aber dem Otto-Normalverbraucher im Westen zur Verfügung gestellt.
Könnten Sie dies mal erklären? Wo werden Sie und ich zensiert, wie wirkt sich das aus, woran erkennt man das? Danke! D
4. "I don't want your freedom..."
tzdv9000 06.10.2012
Zitat von braunschweiger77"Psiphon richtet sich ausdrücklich gegen die Zensur in autoritären Staaten" Na klar, die Zensur in den "demokratischen Staaten" möchte man natürlich nicht antasten. Deshalb wird dieses Programm auch nur syrischen "Aktivisten", nicht aber dem Otto-Normalverbraucher im Westen zur Verfügung gestellt.
In der Tat wäre dies mal einer eingehenderen Berichterstattung wert...es wird ja immer gern über die Pressefreiheit gesprochen (gejammert), wenn es um Journalisten geht; die Pressefreiheit des Bürger wird hingegen stets ignoriert (oder wie z.B. bei der Hannoverschen AZ alles gnadenlos wegzensiert, was nicht konform zur Meinung ominöser "Moderatoren" ist).
5.
Flari 06.10.2012
Zitat von braunschweiger77"Psiphon richtet sich ausdrücklich gegen die Zensur in autoritären Staaten" Na klar, die Zensur in den "demokratischen Staaten" möchte man natürlich nicht antasten. Deshalb wird dieses Programm auch nur syrischen "Aktivisten", nicht aber dem Otto-Normalverbraucher im Westen zur Verfügung gestellt.
Genau! Viele im Westen wissen daher auch nicht, dass uns die Bilderberger bis auf ein paar Millionen ausrotten wollen und der Rest durch Chemtrails und HAARP zu Marionetten umgepolt wird.. (Vorsicht Ironie!)
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