Programmier-Wettbewerb: Nur noch kurz die Welt hacken

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Schnellwarnsysteme für Erdbeben, Plattformen für Whistleblower oder schwimmende Inseln aus Müll: Versuche zur Weltrettung können unterschiedlich aussehen. Entwickler steuern Codeschnipsel bei, "Random Hacks of Kindness" heißt ihr Programmier-Hilfsprojekt.

Andreas Baldeau und Jan Girlich (Screenshot): Eine App soll Autisten Emotionen vermitteln Zur Großansicht

Andreas Baldeau und Jan Girlich (Screenshot): Eine App soll Autisten Emotionen vermitteln

Hamburg - Andreas Baldeau lacht, und das war vor ein paar Stunden noch anders. Am Vorabend dachte der 28-jährige Softwareentwickler noch, dass sein ganzes Tagwerk umsonst war. Zusammen mit Jan Girlich möchte er eine App schreiben, mit der Autisten zu dem lachenden Gesicht die Information geliefert bekommen, dass Andreas Baldeau gerade fröhlich ist. Abends hatte er die zündende Idee dafür, und zum Test lacht er jetzt in die Smartphone-Kamera. Seit fast 20 Stunden arbeiten die beiden Software-Entwickler an dieser App, und diesmal ist ihre Arbeitskraft kostenlos.

Als einer von 20 Hamburger Entwicklern nahm er am vergangenen Wochenende an den "Random Hacks of Kindness" (RHOK) teil. Ähnlich wie andere Hackdays oder Hackathons ist das ein konstruktives Arbeitstreffen: Programmierer trafen sich in 25 Städten der Welt, um ehrenamtlich für den guten Zweck zu hacken, sei es in Nairobi, San Francisco, Prag, Toronto oder Bangalore. In Deutschland hatte sich diesmal nicht nur Berlin angemeldet , sondern zum ersten Mal auch Hamburg.

Angelehnt an die englische Phrase "Random Acts of Kindness" geht es um spontane Hilfsbereitschaft, um das "Programmieren für die Menschlichkeit", wie es im Untertitel der Veranstaltung heißt. Gearbeitet wird zwar ehrenamtlich, aber es ist ein Wettbewerb, bei dem Sponsoren Gewinne vergeben für die besten Projekte. Die RHOK sind ursprünglich eine Initiative von Google, Microsoft, Yahoo, die Nasa und der Weltbank. Seit 2009 geht es nämlich eigentlich darum, Lösungen für Krisensituationen zu erschaffen, hervorgerufen zum Beispiel durch Naturkatastrophen, Klimawandel, Terrorismus oder humanitäre Probleme. Zu den ersten Projekten gehörte zum Beispiel die Kurznachrichten-Anwendung "I'm OK", mit der Menschen in Notsituationen ihre Angehörigen benachrichtigen können, dass sie noch leben. Das System kam schon ein Jahr später, beim Erdbeben in Haiti, zum Einsatz im Ernstfall.

Die Liste der Initiatoren mag nicht auf jeden Weltretter sofort einladend wirken, aber die Veranstaltung eignet sich bestens als Trittbrett und lässt sich selbst ganz gut hacken. Denn manche Entwicklerteams entscheiden sich, lieber einem kleineren Projekt zu helfen, zum Beispiel aus der eigenen Stadt.

"Endlich echte Weltprobleme"

Der geschriebene Code wird veröffentlicht, zum Beispiel beim Hosting-Dienst Github. Weltweit kann er jetzt genutzt, bestaunt oder weiter entwickelt werden. Und das Konzept funktioniert natürlich auch für lokale Projekte - wenn die Welt vielleicht ein etwas zu ambitioniertes Projekt ist für ein Wochenende.

Zwar gibt es schon eine lange Liste von Aufgabenstellungen auf der RHOK-Seite. Hier wünschen sich NGOs und Hilfsorganisationen zum Beispiel die Entwicklung eines schnelleren Erdbeben-Warnsystems , technologische Unterstützung für Whistleblower oder eine Plattform, die Flüchtlinge erfasst und mit Helfern in Kontakt bringt.

Auf die Idee der App für Autisten kamen die Hamburger Baldeau und Girlich zum Beispiel über diese Problemliste, die sie auf die Seite Hacking Autism führte. Dort fanden sie den Wunsch nach einer App, die mit Hilfe von Gesichterkennung auch die Emotion des Abgebildeten analysiert und verrät. "Mood Detector" nennen sie ihren ersten Wurf intern. "Wir dachten, das müsste doch ganz einfach sein, denn die einzelnen technischen Komponenten für so etwas gibt es ja längst", sagt Girlich. Schließlich arbeiten schon verschiedene Forscher an so einer Emotionserkennung. "Aber dann mussten wir feststellen, dass das alles nicht frei zugänglich ist", so Girlich.

Weil sie keine Open-Source-Komponenten für ihre Zwecke fanden, wollten die beiden nach einem Tag aufgeben. Dann halfen sie sich mit einer Krücke: Statt einer eigenen Gesichtserkennung lassen sie das Bild nun zu einer Seite schicken, die das kann. Wegen des Zeitverlustes sei der Code zwar "noch ganz schön rough", sagt Baldeau, aber er werde trotzdem veröffentlicht, wie ein Bauteil - zum Weitermachen für sich selbst oder für andere. Er steht schließlich allen offen und darf benutzt werden.

Trotzdem profitieren nicht nur die anderen vom Engagement der Entwickler, sondern auch die beiden selbst: "Ich lerne eine Menge dabei", sagt Girlich, "außerdem kann ich mich endlich mal mit echten Weltproblemen auseinander setzen. In unserem Joballtag hingegen geht es manchmal nur darum, dass ein bestimmter Button blau sein soll statt rot."

Eine Online-Plattform für Inseln aus Müll

Gleich nebenan beschäftigt sich ein anderes Hamburger Team mit einem Projekt aus Hannover: Marcus Thiesen zeigt Fotos von einem Floß aus Autoreifen und von einer schwimmenden Styropor-Schale, in der etwas wächst. "Die bauen irgendwie Inseln aus Müll. Und die brauchen unsere Hilfe", sagt er. Die, das sind Aktivisten rund um den Künstler Joy Lohmann, die mit schwimmenden Inseln experimentieren. Nach Möglichkeit sollen sie sich kostenlos herstellen lassen, zum Beispiel aus alten Autoreifen und schwimmenden Plastikflaschen. Wenn der Meeresspiegel steigt, so die Idee, könnten solche Inseln doch die Rettung sein, gerade in armen Regionen, in denen es an Rohstoffen mangelt - an Müll aber nicht. Auf den Inseln könnte man leben und etwas anpflanzen, davon sind Lohmann und seine Mitstreiter überzeugt.

Sie haben eine Utopie, aber kein Geld für das Projekt. Und weil diese Utopie auch noch andere Menschen auf der Welt teilen, baut Thiesen jetzt auch etwas: keine Insel, sondern ein Programm. Auch er ist Software-Entwickler, er und seine Kollegen können in diesem Fall helfen: Es soll eine Online-Plattform geben, in der die einzelnen Projekte zusammengeführt werden und an der sich jeder beteiligen oder bedienen kann: Mit Ideen, mit Bauplänen für Inselkonstrukte oder mit Angaben, wo es welchen Müll gibt, der sich gut als Baumaterial eignen würde.

"Ein lokales Projekt ist angenehmer, weil man gleich einen Ansprechpartner für Nachfragen hat", sagt Thiesen. Doch es sei gar nicht so einfach, Software zu verschenken. "Viele Organisationen und Vereine wissen gar nicht, dass Software ihnen bei manchen Problemen helfen könnte. Oder ihnen ist nicht klar, was sie eigentlich wollen und brauchen." Zu den ersten Hamburger RHOK sind nur die Insel-Architekten auf die engagierten Programmierer zugekommen.

In anderen Städten sind die hilfsbereiten Hacker schon bekannter und werden deshalb auch in Anspruch genommen: In New Orleans soll ein "Random Hack" vom Wochenende den Menschen zukünftig helfen, leere Ladenlokale durch ihre Ideen und Wünsche wieder mit Leben zu füllen. Bisher geschah das im Rahmen eines Kunstprojekts mit Klebezetteln, jetzt haben Programmierer an einer App gebastelt. Für Toronto wurde an einer App gearbeitet , mit der sich Informationen zu jedem Baum der Stadt einfach abrufen lassen. Die Stadt hatte sich das Projekt gewünscht.

Die Beschreibungen aller Probleme und Lösungsansätze finden sich unter www.rhok.org

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