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Ratlose Internet-Politiker: Warum der Radiergummi fürs Web versagen muss

Eine Analyse von

Das Internet soll endlich vergesslich werden, das fordern die Bundesminister Aigner und de Maizière. Ein "digitaler Radiergummi" soll peinliche Bilder nach ein paar Jahren von allein aus dem Netz katapultieren. Klingt gut - klappt aber nie.

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Radiergummi: Internet nachträglich automatisiert säubern?

Es gibt ein Wort für den Effekt, dass Daten im Internet umso langlebiger sind, je mehr man darauf drängt, sie wieder loszuwerden. Benannt ist er nach Barbra Streisand, der Schauspielerin mit der schönen Stimme. Streisand hat auch ein schönes Haus, es steht an der Steilküste Kaliforniens. Eines Tages im Jahr 2003 veröffentlichten der Millionär Kenneth Adelmann und seine Frau Gabrielle ein Foto von diesem Haus im Internet - neben Tausenden anderen Bildern von Kaliforniens Küste. Die beiden hatten von ihrem Privathubschrauber aus eine gewaltige Fotoserie produziert, die gesamte Küste des Staates abgelichtet, und zwar, um Vergleiche mit älteren Bildern der gleichen Gegend zu ermöglichen und so die Erosion der Steilküsten zu dokumentieren. Eine Art Google Coast View im Dienste der Umwelt gewissermaßen.

Streisand aber sah nicht das gemeinnützige Projekt, sondern nur ein Foto ihrer gewaltigen Villa mit Meerblick, das sie als Eingriff in ihre Privatsphäre wertete, so wie so viele der deutschen Street-View-Skeptiker. Sie schickte ihre Anwälte los, damit die das Bild aus dem Netz klagten. Zehn Millionen Dollar sollten sie von den Adelmanns verlangen. Vergeblich - das Foto ist bis heute online.

Zwangsläufiger Kontrollverlust

Die vieldiskutierte Klage hatte jedoch einen Effekt, den Streisand wohl kaum intendiert haben dürfte: Das Bild ihres Hauses erfreute sich plötzlich größter Beliebtheit. Hunderttausende schauten mal bei Californiacoastline.org vorbei, um einen Blick auf die Villa der Künstlerin zu werfen. Seitdem werden Fälle, in denen der Versuch, ein digitales Dokument zum Verschwinden zu bringen, zu dessen Vervielfältigung und zu erhöhter Aufmerksamkeit führt, "Streisand-Effekt" genannt. Das letzte und prominenteste Beispiel dafür ist die rasante Vervielfältigung des Web-Angebots von WikiLeaks. Im englischsprachigen Wikipedia-Eintrag zu dem Begriff findet man, selbstverständlich, auch das besagte Foto von Streisands Haus.

Die Geschichte des Streisand-Effekts illustriert sehr schön ein Problem, das die Digitalisierung der Menschheit gebracht hat: Digitale Daten sind leicht herzustellen, beliebig kopierbar, sie brauchen meist nicht viel Speicherplatz und können deshalb gewissermaßen ewig bleiben, wo man sie mal abgelegt hat. Und wenn das ein öffentlicher Ort, sprich: eine Web-Seite ist, dann können sie auch auf ewig von jedermann betrachtet, gelesen, studiert, kopiert werden, der dort vorbeikommt. Wenn man Daten in digitaler Form veröffentlicht (oder wie in Streisands Fall, wenn diese Daten von anderen veröffentlicht werden), ist damit ein zwangsläufiger Kontrollverlust verbunden.

Vorschläge aus Berlin: Radieren, rasieren, verfallen

An diesem Kontrollverlust arbeitet sich die Berliner Politik in den letzten Monaten ab. Sie hat die Kopierbarkeit und Langlebigkeit von digitalen Daten, insbesondere von Bildern, als Problem erkannt und müht sich deshalb im Schnelldurchlauf durch eine Debatte, die im Netz spätestens seit dem Fall Streisand, also seit 2003, geführt wird.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und nun auch seine Kollegin, Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU), flirten mit der Idee eines "digitalen Radiergummis", einer Art Internetformat für Dateien mit Verfallsdatum. Wer nicht sicher ist, ob er das Bild von sich selbst mit der komischen Zigarette in der Hand in zehn Jahren wirklich noch so witzig findet, soll sich gewissermaßen selbst eine Löschfrist setzen. Soll dem hochzuladenden Foto vorher einen Umschlag mitgeben, der dann dafür sorgt, dass es nach ein paar Jahren von selbst verschwindet. Der Saarbrücker Informatikprofessor Michael Backes hat soeben, auf Einladung des Verbraucherschutzministeriums, sogar eine Software vorgestellt, die das möglich machen soll: Bilder mit Verfallsdatum ins Netz zu stellen.

Aber das wird sich niemals durchsetzen.

Backes' System funktioniert, vereinfacht gesagt, so: Bilder werden vor dem Hochladen und Onlinestellen verschlüsselt. Ansehen kann sie nur, wer ein Zusatzprogramm für seinen Browser, ein sogenanntes Plug-in, installiert hat. Das Plug-in holt sich von einem anderen Server den Schlüssel, der das Bild sichtbar macht. Aber nur bis zu dem Tag, an dem das Verfallsdatum abläuft.

Dieses Modell birgt eine Menge Probleme:

  • Man könnte sich die entsprechenden Bilder nur mit dem entsprechenden Plug-in ansehen. Das gibt es bislang nur für Firefox. Ein gewaltiger Prozentsatz aller Internetnutzer, die Nutzer von Internet Explorer, Safari, Opera und so weiter, wären ausgesperrt. Wer jedoch bei Facebook oder anderswo ein Bild hochlädt, will, dass alle Freunde es sehen können. Nicht nur ein paar Nerds mit dem richtigen Plug-in.
  • Wenn der Schlüsselverteil-Server einmal kollabiert, wären mit einem Schlag alle Bilder oder alle anderen so verpackten Dateien unzugänglich.
  • Das System soll nach dem Ende der Testphase kostenpflichtig sein. Um ihre Bilder mit einem Verfallsdatum zu versehen, müssten die Nutzer also Geld bezahlen, zum Beispiel, verriet Backes dem "Tagesspiegel", zehn Euro im Monat als Flatrate. Man müsste also nicht nur eine umständliche Prozedur absolvieren, bevor man ein Bild hochlädt, sondern auch noch dafür bezahlen.
  • Das Kopieren, Abspeichern, Herunter- und erneut anderswo Hochladen der Bilder könnte das System nicht verhindern. Dem Streisand-Effekt könnte man damit also nicht begegnen - wenn ein Bild interessant genug ist, gibt es im Zweifel längst eine unsterbliche Kopie davon, wenn das Original dereinst pflichtgemäß verlöscht.
  • Solche Kopien müssten gar nicht von böswilligen Menschen gemacht werden, sondern unter Umständen einfach von den Crawlern, Roboter-Programmen von Suchmaschinen oder anderen Netz-Katalogen. Um das zu verhindern, haben Backes und sein Team eine weitere Sicherheitshürde eingebaut: Vor dem Ansehen des Bildes müsste der Betrachter eine verschwommene Buchstabenkombination abtippen, ein sogenanntes Captcha, um seine Menschlichkeit zu beweisen. Es ist abzusehen, dass diese unfassbar lästige Schikane schnell zu fanatischer Ablehnung der "X-pire" genannten Software führen würde.

Kurz: Backes' System mag in der Theorie seinen Wert haben, in der Praxis macht es Arbeit und Umstände, widerspricht den Grundregeln eines offenen, für alle zugänglichen Netzes und löst dabei nicht einmal das eigentliche Problem: das des Kontrollverlustes im Zusammenhang mit digitalen Daten.

Es zeigt aber auch einen Lösungsweg auf, zumindest für die Fälle, in denen die Radiergummi-Software tatsächlich zum Einsatz kommen könnte: Wer derartigen Aufwand betreibt, um ein Bild in ferner Zukunft automatisiert zum Verschwinden bringen zu können - der könnte vielleicht auch einfach mal kurz darüber nachdenken, ob es tatsächlich klug ist, dieses Bild der Web-Öffentlichkeit überhaupt zugänglich zu machen.

Was das Problem des Streisand-Effekts allerdings auch nicht löst - dort ging es ja nicht um Bilder, die Streisand selbst, sondern solche, die jemand anderes veröffentlicht hatte. Und zwar, wie der Ausgang der Sache zeigt, durchaus mit Recht. Unrechtmäßige, Persönlichkeits-, Urheber- oder andere Rechte verletzende Bilder oder andere Dateien werden also auch weiterhin auf anderem, nämlich juristischem Wege aus dem Netz getilgt werden müssen. Das ist möglich, allerdings unter Umständen langwierig. Und es bedarf internationaler Koordination.

Das Internet ist da wie der globale Finanzmarkt: Seine Exzesse und Gefahren lassen sich mit nationalen Alleingängen nicht unter Kontrolle bringen.

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insgesamt 185 Beiträge
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1. Ach herrje...
LeisureSuitLenny 11.01.2011
... bitte schickt diese Politiker endlich in Rente. Sie verstehen das Internet nicht und sind im letzten Jahrtausend stehengeblieben - voller Angst.
2. erschreckend
nestor88 11.01.2011
Ich finde es erschreckend, dass jemand der sich "Internetforscher" nennt eine dermaßen weltfremden Vorschlag macht. Von unseren Politikern erwarte ich diesbezueglich keine sinnvollen Dinge. Aber von einem Fachmann... Naja..letztendlich geht es um die Möglichkeit damit Geld zu verdienen. Da kann man schonmal ne blödsinnige Meinung vertreten:-)
3. Vds
Stilzchenrumpel 11.01.2011
Man will also, dass das Internet quasi automatisch die Löschung von Bildern veranlasst, die als Speicherabbild, temporäre Dateien, oder wie auch immer, auf allen möglichen Servern und so weiter gespeichert sind? Fordern das eigentlich diesselben Politiker, die auch die VDS unbedingt wiederhaben wollen? Wie passt das zusammen? Vielleicht würden Privatfotos ja helfen, schwere Verbrechen aufzuklären.
4. ich bin erschrocken
Fackus 11.01.2011
Zitat von sysopDas Internet soll endlich vergesslich werden, das fordern die Bundesminister Aigner und de Maizère. Ein "digitaler Radiergummi" soll peinliche Bilder nach ein paar Jahren von allein aus dem Netz katapultieren. Klingt gut - klappt aber nie. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,738957,00.html
Schöner Artikel. Wer nur im Ansatz ahnt, wie das Netz tickt, fängt ja schon bei der Idee 'Radiergummi im Netz' das Grinsen an. Daß solche wirren Ideen überhaupt den Weg in einen der Politikerköpfe finden, macht betroffen: Denn genau die sind es ja, die sich anmassen, uns mit ständig neuen Regeln zu pesten. Vielleicht hat's ein Gutes: Die sind mit dieser Wissens-Verfasssung nicht so gefährlich, wie man manchmal glaubt.
5. Au Backes!
systembolaget 11.01.2011
Bitte erbarme sich doch jemand und erkläre dem Herrn Informatikprofessor die Vergeblichkeit solcher Unterfangen. Daß fast alle Politiker ahnungslos sind, auch wenn sie heute ein smartphone bedienen oder bei Google 'n Wort in die Suchmaske eintippen können, ist ja schon seit den BTX-hacks aus analogen Vorzeiten bekannt - aber ein Informatikprofessor sollte es doch besser wissen. Oder kann in Saarbrücken jeder mal ran und den Professor geben?
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Illustration Greg Bridges für den SPIEGEL
Heft 2/2011:
Facebook & Co.:
Die Unersättlichen

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Facebook: Das Weltnetz
Mitglieder
Facebook
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach Angaben von Goldman Sachs hatte Facebook Anfang 2011 600 Millionen Mitglieder weltweit, nach eigenen Angaben loggt sich jeden Tag die Hälfte von ihnen auf der Seite ein (Stand: Januar 2011).
Plattform
Seit Mai 2007 können externe Entwickler auf Nutzerdaten zugreifen, wenn die Facebook-Mitglieder dem zustimmen. Seit die Plattform für externe Entwickler geöffnet wurde, wächst das Angebot des einstigen Studentennetzwerk rasant – die Nutzer können aus mehreren tausend kostenloser Anwendungen wählen – Spielen, Fotoverwaltern, Programmen zum Abgleich von Lese-, Film- und Musikvorlieben zum Beispiel.
"Mir gefällt das"
Facebook überall: Die "Mir gefällt das"-Funktion können Website-Betreiber auf ihren eigenen Seiten einbauen. Mit einem Klick teilen Facebook-Nutzer ihren Freunden mit, was ihnen gefällt. Im Gegenzug kann Facebook Werbung gezielter schalten - und weiß, welche Seiten die Mitglieder ansurfen.
Geschäft
Der Umsatz von Facebook lag 2009 schätzungsweise bei 800 Millionen Dollar. Als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im November 2007 bei einer Präsentation in New York 250 Werbekunden ein "Interface, um Erkenntnisse über die Facebook-Aktivitäten von Mitgliedern zu sammeln, die fürs Marketing relevant sind", versprach, brach ein Proteststurm los.
Firmenwert
Facebook hat Google 2010 als meistbesuchte Website in den USA überholt. Anfang 2011 investierten die US-Großbank Goldman Sachs und die russische Beteiligungsgruppe Digital Sky Technologies 500 Millionen Dollar in das US-Unternehmen. Der Wert des Netzwerks klettert auf 50 Milliarden Dollar.
Hollywood
Der Film zum Phänomen: Die Gründungsgeschichte von Facebook wurde 2010 von David Fincher mit Jesse Eisenberg in der Hauptrolle verfilmt. "The Social Network" zeigt Zuckerberg als soziopathischen Nerd, der Facebook aus enttäuschter Liebe gründet.

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