Netztheoretiker Evgeny Morozov: Tirade gegen die Erlöserideologie

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Apple-Store: Erlösung durch Technologie?

Das Internet macht vieles besser, aber auch einiges schlechter: Der Netztheoretiker Evgeny Morozov wettert in seinem neuen Buch gegen die Verklärung des Internets zum Heilsbringer für Politik, Kultur und Gesellschaft. Effizienz sei kein moralisches Kriterium.

Evgeny Morozov hat einen Alptraum. Der Autor sieht darin eine Zukunft Wirklichkeit werden, wie sie sich Investoren aus dem Silicon Valley vorstellen: Menschen überwachen im Jahr 2020 mit winzigen Sensoren ihr Leben, in der Politik sind Hinterzimmergespräche wegen absoluter Transparenz im Netz unmöglich, und Online-Plattformen haben Parteien ersetzt.

Klingt doch eigentlich ganz gut, oder?

Daran dürfte Morozovs neues Buch "To Save Everything, Click Here" zumindest Zweifel wecken. Der aus Weißrussland stammende Autor (2011 mit dem Buch "The Net Delusion" bekanntgeworden) nimmt eine Ideologie auseinander, die oft mitschwingt, wenn Unternehmer, Aktivisten und Netzversteher über Technik sprechen. Es ist die Überzeugung, dass man hochkomplexe soziale Probleme durch Software und Hardware lösen kann, indem man Prozesse effizienter und transparenter gestaltet. Morozov bezeichnet diese Überzeugung als Solutionism - den Glauben an einfache, technische Lösungen für alles.

Seine Argumentation gegen diesen Technikglauben entwickelt Morozov auf 360 Seiten nicht sonderlich diszipliniert. Er zitiert zu viele Studien und Artikel, schweift von seiner Argumentation ab. Das ist zwar immer leidenschaftlich und mit Verve geschrieben, doch manchmal verliert man die Thesen aus dem Blick ob der vielen Details .

Morozovs Kerngedanken im Überblick:

1. Was effizient ist, muss nicht gut sein.

Morozov geht davon aus, dass jede Technologie moralisch bewertet werden muss. Die entscheidende Frage ist: Wie gut, wie schlecht ist eine Technologie? Und nicht: Wie effizient löst sie ein ganz bestimmtes Problem?

Oft hat, was auf den ersten Blick ineffizient erscheint, auf den zweiten sein Gutes. Zum Beispiel komplizierte Gesetzgebungsverfahren in den USA, aber auch in Deutschland. Kritiker der Systeme wollen, dass Entscheidungen schneller, effizienter fallen, ohne Verhandlungen in Hinterzimmern, ohne vorab ausgehandelte Kompromisse, am besten in direkten Online-Abstimmungen.

Morozov wendet ein: Gesetzgebung in Demokratien kann nicht schnell und perfekt sein, denn zu ihrem Wesen gehört, dass möglichst viele Interessengruppen mitreden, dass Bedenken Gehör finden und so Kompromisse entstehen. Kulturförderung über eine Online-Plattform wie Kickstarter? Morozov hält dagegen: Je mehr unterschiedliche Stellen über Förderung entscheiden, desto höher ist die Chance, dass Ungewöhnliches entsteht. Ineffizienz ist nützlich, sagt Morozov.

Bleibt die jedes Mal neu zu stellende Frage, welche Effizienz nützlich und welche womöglich überwiegend schädlich ist.

2. Algorithmen handeln nicht per se objektiv und richtig.

Eric Schmidt glaubt, dass Googles Suchmaschine diese Suchanfrage einmal sinnvoll beantworten kann: "Die beste Musik von Lady Gaga". Doch eine objektive Antwort auf diese Frage kann es nicht geben, auch Google kann sie nicht liefern. Dennoch haben viele Nutzer bei den Suchergebnissen das Gefühl, es handele sich um objektive Wahrheiten, weil diese von einer Maschine kommen.

Allerdings haben Menschen diese Software geschrieben, ihre vielleicht falschen Annahmen über die Bedeutung bestimmter Faktoren bestimmen die Ergebnisse. Jeder Algorithmus ist das Resultat einer bestimmten Weltsicht, ganz gleich, ob er nun bei Twitter die "Trending Topics" anzeigt oder aus Googles Werbeprogrammen vermeintliche Kinderporno- und Gewaltseiten herausfiltert.

Die Annahmen der Programmierer und die Entscheidungen der Programme sind nicht immer richtig, das belegt Morozov mit vielen Beispielen. Seine Botschaft, die hierzulande allerdings bereits seit Jahren immer wieder formuliert wird, etwa von Frank Schirrmacher oder Miriam Meckel: Zweifelt mehr!

3. Vermeintliche Lösungen lenken von wahren Problemen ab

Online-Plattformen sollen ein Korrektiv zur Interessenorganisation im US-Zwei-Parteiensystem schaffen? Morozov hält solchen Ideen entgegen: Wer mit dem System unzufrieden ist, muss das System ändern und für ein anderes Wahlrecht kämpfen. Schrittzähler und spielerische Bewegungs-Apps sollen den vielen übergewichtigen US-Kindern helfen? Ein Ablenkungsmanöver, findet Morozov. Es sollte Unternehmen verboten werden, extrem ungesunde Lebensmittel an Kinder zu vermarkten.

Was allerdings spräche dagegen, Kinder oder auch Erwachsenen mit entsprechenden Belohnungssystemen gesündere Ernährung schmackhaft zu machen? Manchmal wirken Morozovs Beispiele etwas arg bemüht auf seine Thesen hin zurechtgebogen.

4. Es gibt nicht DIE Technologie und DAS Internet.

Morozov regt bei Internet-Skeptikern ("Das Internet macht dumm") und Apologeten ("Das Internet revolutioniert alles") gleichermaßen auf, dass sie das Netz als etwas Statisches, Gegebenes betrachten statt als Sammlung sehr unterschiedlicher Werkzeuge, die sich ständig wandeln. Es gibt keine Konstante, die alle Online-Technologien gemeinsam hätten, es gibt nur immer neue, auch von wirtschaftlichen und politischen Interessen geformte Erscheinungsformen des Internets. Und bei jeder einzelnen muss man erneut analysieren, was sie Gutes und was sie Schlechtes bringt.

5. Technik soll Menschen dienen

Was gute von schlechten Technikfolgen unterscheidet, beschreibt Morozov sehr allgemein. Technik soll Menschen befreien, Maschinen sollen die uninteressanten, hässlichen Arbeiten ausführen, damit Menschen mehr Freiheit haben zum Denken.

Fazit: Morozov hat mit vielen seiner Kritikpunkte zweifellos recht - allzu blinder Technikoptimismus wird die Welt kaum retten. Gerade aus deutscher Sicht aber wirkt die Vehemenz seiner Argumentation oft etwas übermotiviert, denn hierzulande wird der Diskurs nicht von den Euphorikern bestimmt. Aus unserer Sicht liest sich Morozovs Buch ein wenig wie ein Debattenbeitrag ohne echten Widerpart.

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"To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism", März 2013, 432 Seiten, Allen Lane, 24,99 Euro (US-Hardcover-Ausgabe), / 13,82 Euro (Kindle-Ausgabe)

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