Nazi-Vergleiche: Ukrainer beschimpfen Merkel bei Facebook

Von , Moskau

Die Facebook-Seite der Bundeskanzlerin ist derzeit nahezu lahmgelegt. Tausende bösartige Kommentare vergleichen Merkel mit dem Nazi-Außenminister Ribbentrop - oder mit Adolf Hitler. Die Schmähungen stammen offenbar aus der Ukraine.

Facebook-Seite des ukrainischen Internetsenders Hromadske-TV: Angela Merkel als Hitler Zur Großansicht

Facebook-Seite des ukrainischen Internetsenders Hromadske-TV: Angela Merkel als Hitler

Es sind Zehntausende Kommentare, die sich auf Facebook unter dem Kabinenfoto von Angela Merkel mit der deutschen Nationalmannschaft angesammelt haben, und in der überwältigenden Mehrheit bricht sich nicht Jubel über den Weltmeistertitel die Bahn. Sondern Zorn, über Deutschlands vermeintlich verfehlte Außenpolitik. "Danke, Frau Ribbentrop" steht in unzähligen Kommentaren auf der Facebook-Seite von Angela Merkel, hinterlassen offenbar von wütenden Ukrainern.

Manche User posten sogar Fotomontagen, mal zeigen sie Merkel als Hitler-Verschnitt, mal als Wiedergängerin von Joachim von Ribbentrop, Hitlers Außenminister. Manche Posts variieren: "Sie verraten die Ukraine, Frau Ribbentrop", oder auch: "Danke, Frau Putin". Manchmal steht da auch "Putler", als Kombination aus Putin und Hitler.

Merkels Mitarbeiter sprechen von einem "Spam-Angriff" und behalten sich vor "Beiträge zu löschen, die Beleidigungen, Verleumdungen, Rassismus oder politischen Extremismus enthalten." Wirkung zeigt das nicht, aktuell stehen 40.000 Kommentare unter dem Bild - in den meisten geht es um "Frau Ribbentrop".

Der Auslöser der Welle wirkt nichtig: Als das WM-Finale am Sonntag angepfiffen wurde nahm Merkel auf der Ehrentribüne Platz, zwischenzeitlich saß sie dabei auch neben Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Es gibt Fotos, auf denen es wirkt, als plauschten die beiden miteinander, fast wie Vertraute.

Die eine Spam-Welle pro Putin, die andere kontra Russland

Offenbar haben das in der Ukraine viele aufgefasst wie eine Geste des Verrates: Merkel handele Deals mit Putin aus, auf dem Rücken der Ukraine. Und wann immer Deutsche und Russen scheinbar in Einvernehmen handeln, weckt das in Osteuropa Erinnerungen an den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, den Hitlers Chefdiplomat Ribbentrop 1939 unterschrieb. In einem geheimen Zusatzprotokoll teilten die Sowjetunion und das Dritte Reich Osteuropa in Interessensphären auf, festgelegt wurde auch die Aufteilung Polens.

Merkel, so sehen es die wütenden Kommentatoren, habe die Ukraine verraten und wolle Putin das umkämpfte Donezk überlassen. Das klingt grotesk für deutsche Ohren, gilt Merkels Verhältnis zu Putin - anders als das ihres Vorgängers Gerhard Schröder - doch als schwierig. Erst vor einigen Monaten wurde der Bundesregierung in einer anderen Spam-Welle eine antirussische Haltung vorgeworfen.

Überraschend ist nun vor allem die Wucht, mit der sich die Wut auf Merkel entlädt, zumal die Ukrainer selbst leidvolle Erfahrungen mit ungerechtfertigten Nazi-Vergleichen haben: Moskau beschimpft die neue Regierung in Kiew seit Monaten als "faschistische Junta". Manche Kommentatoren in Kiew glauben deshalb auch, dass womöglich Russlands Geheimdienst FSB hinter der Spam-Attacke stecken könnte, um einen Keil zu treiben zwischen Kiew und Berlin.

"Ziemlich seltsame Position"

Andererseits halten sich in der Ukraine schon seit Monaten hartnäckig Gerüchte, die Kanzlerin pflege ein allzu freundschaftliches Verhältnis zum Kreml-Chef. Für Empörung sorgte in der Ukraine, dass sich das Kanzleramt dafür starkgemacht hatte, dass auch ein Freund Putins an Verhandlungen mit den Separatisten teilnahm, ein Mann namens Wiktor Medwetschuk. Der ukrainische Politiker verfolgt seit Jahren einen extremen prorussischen Kurs, in der Ukraine ist er verschrien als Agent Moskaus.

Doch die Attacken auf Merkel werden auch von ukrainischen Prominenten aufgegriffen. So zeigt etwa der populäre Internetaktivist und Militäranalytiker Dmitrij Timtschuk Verständnis für die Hasskommentare, wegen Merkels angeblich "ziemlich seltsamer Position zu Russlands Aggression gegen die Ukraine und ihrer ungesunden Sympathie für Putin".

Der Internetsender Hromadske-TV, der eine wichtige Rolle spielte während der Maidan-Revolution, veröffentlichte eine Fotomontage, die Merkel mit Hitler-Bärtchen zeigt.

Die Nazi-Vergleiche stoßen allerdings auch vielen Ukrainern übel auf. Die einflussreiche Nachrichtenseite "Ukrainska Prawda" warnt davor, mit "infantilen Ausfällen" den Partner in Berlin zu verprellen. Das spiele vor allem einem in die Hände: dem Kreml.

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