Ohne zeitliche Begrenzung EU-Kommission schafft Roaming-Gebühren doch ab

Der Plan der EU-Kommission, kostenfreies Roaming im EU-Ausland auf 90 Tage pro Jahr zu begrenzen, war auf massive Kritik gestoßen. Nun will die Kommission auf eine Frist verzichten.

Handynutzung am Strand
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Handynutzung am Strand


Handynutzer sollen einem überarbeiteten Vorschlag der EU-Kommission zufolge ab Mitte 2017 ohne zeitliche Begrenzung kostenfreies Roaming im EU-Ausland nutzen können.

Nach heftiger Kritik hatte Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker vor anderthalb Wochen angeordnet, den ersten Plan zur Neuregelung der Auslands-Handykosten zurückzuziehen. Demnach waren mindestens 90 Tage und lediglich 30 Tage am Stück kostenfreies Roaming pro Jahr im EU-Ausland vorgesehen. Parlament und Staaten hatten die Neuregelung vergangenes Jahr beschlossen. Die EU-Kommission sollte lediglich noch Details ausarbeiten. "Dauerhaftes Roaming" war in dem Beschluss nicht vorgesehen.

"Wir haben entschieden, dass es keine täglichen Begrenzungen geben soll", sagte der zuständige EU-Kommissar Andrus Ansip in Brüssel. Stattdessen solle jeder Nutzer "wie daheim" Roaming nutzen können. Allerdings müsse Missbrauch verhindert werden können. Anbietern solle dafür eine Reihe von Möglichkeiten an die Hand gegeben werden.

Sanktionsmöglichkeiten für Telekom-Anbieter

"Wir haben derzeit sehr unterschiedliche Telekommunikationspreise in der Europäischen Union", sagte EU-Digitalkommissar Günther Oettinger. "Die Telekommunikationspreise in Lettland etwa sind um ein sechseinhalbfaches niedriger als die von Irland. Also könnte geschäftsmäßig ein Missbrauch dadurch betrieben werden, dass man Sim-Karten aus Lettland in Irland vertreibt, und der Ire in Dublin nach Dublin telefoniert zu Preisen, die in Lettland bestehen."

Anbieter von Telekommunikationsdiensten sollen daher einschreiten können, wenn ein Nutzer sich in seinem Heimatland aufhält - aber dennoch dauerhaft auf günstigere Roaming-Tarife aus dem Ausland zurückgreift. Die Telekom-Konzerne sollen solche Nutzer darauf ansprechen und für sie einen Aufpreis einführen können.

"Wenn jemand nachhaltig mit einer Sim-Karte telefoniert, ohne jemals am Ort dieses Gebührenmarktes zu sein, dann bekommt die Telekom-Company das Recht, ihn abzumahnen, ihn anzuhören, was die Gründe dafür sind", sagte Oettinger. Dienst- und Urlaubsreisen sollen aber unbegrenzt ohne Roaming-Zuschläge möglich sein.

Der Europäische Verbraucherverband Beuc begrüßte den neuen Plan. "Das sind gute Nachrichten, dass die Zeitbegrenzung beim Roaming fallengelassen wurde", sagte Beuc-Generaldirektorin Monique Goyens. Es sollten nicht alle Verbraucher für den hypothetischen Missbrauch einiger weniger bestraft werden.

Der endgültige Vorschlag soll nun im Dezember angenommen werden. Zuvor sind Beratungen mit der europäischen Regulierungsbehörde Berec, den EU-Staaten und weiteren Beteiligten wie Telekom-Unternehmen geplant.

brt/dpa

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spätaufsteher 21.09.2016
1. welcher Missbrauch?
Ich warte seit Jahren auf die Abschaffung der albernen Roaming-Gebühren. Ich verstehe auch nicht, was daran missbräuchlich sein soll, wenn ich den freien Binnenmarkt nutze und mir einen Anbieter außerhalb Deutschlands suche. Angesichts der absurd übertriebenen Mondpreise die Anbieter in Deutschland für Kommunikation aufrufen, brauchen die sich nicht zu wundern, wenn die Kunden bald stiften gehen. Das nennt sich freier Markt und ist doch angeblich das, was EU-Kommission und Konzerne immer wollen. In jedem Fall ein guter Schritt. Vielleicht ist das ein Anreiz für die deutschen Unternehmen endlich die Preise zu senken. Die hohen Kosten in Verbindung mit dem wirklich schlecht ausgebauten Netzen in Verbindung mit einem Gesetzgeber der seit Jahren einen quasi-Monopolisten pampert wo es nur geht in Verbindung mit rückständiger Gesetzgebung haben Deutschland mittlerweile eine ausgewachsenes Entwicklungsdefizit im Bereich Kommunikation beschert. Hier darf sich endlich mal was bewegen.
gratiola 21.09.2016
2. Mal eine gute Nachricht
Missbrauch durch z.B. Vertreiberfirmen zu unterbinden ist o.k. Die beste Nachricht ist, dass durch klare Regeln das Kleingrdruckte und Ausnahmetatbedtaende, wenn es denn dann auch do gehandhabt wird. nachvollziehbar transparent wird. Fa könnte die EU für die verquer Beamtempost Un D ein Vorbild sein. Das wäre ein richtig guter Anfang nach dem Brexit. Hoffen wir es mal.
querollo 21.09.2016
3. Lernzielkontrollen
Hmmm, mal sehen, ob ich das verstanden habe. Also, um die nationalen Telefon-Tarif-Verträge von Firmen zu schützen, wird es Privatpersonen untersagt, dort Verträge abzuschließen, wo das Angebot am billigsten ist. Richtig? Ist es dann auch so, dass es Firmen künftig untersagt wird, dort mit Privatpersonen Arbeitsverträge abzuschließen, wo diese am billigsten sind, um die heimischen Arbeits-Tarif-Verträge zu schützen? Das würde sich daraus ja irgendwie logisch ergeben, oder? Gibts schon ein Statement von der Fleisch-, Bau- oder Reinigungsindustrie?
nochnbier 21.09.2016
4. Freier Binnenmarkt? Ach nee lieber doch nicht ...
Zitat: "Anbieter von Telekommunikationsdiensten sollen daher einschreiten können, wenn ein Nutzer sich in seinem Heimatland aufhält - aber dennoch dauerhaft auf günstigere Roaming-Tarife aus dem Ausland zurückgreift." Das würde aber bedeuten, dass der Anbieter das irgendwie beweisen muss. Dazu wäre eine Überwachung und Speicherung der Standortdaten des Nutzers erforderlich. Das ist nicht nur Datenschutzrechtlich bedenklich, sondern auch eine Einschränkung des Wettbewerbs, weil ich als Kunde gezwungen werde auf einen heimischen Anbieter zuzugreifen. Schließlich gibt es auch genügend Arbeitnehmer, die sich aus beruflichen Gründen überwiegend im EU-Ausland aufhalten. Gerichtlich werden die Sanktionsmöglichkeiten keinen Bestand haben.
syracusa 21.09.2016
5.
Zitat von spätaufsteherIch warte seit Jahren auf die Abschaffung der albernen Roaming-Gebühren. Ich verstehe auch nicht, was daran missbräuchlich sein soll, wenn ich den freien Binnenmarkt nutze und mir einen Anbieter außerhalb Deutschlands suche. Angesichts der absurd übertriebenen Mondpreise die Anbieter in Deutschland für Kommunikation aufrufen, brauchen die sich nicht zu wundern, wenn die Kunden bald stiften gehen. Das nennt sich freier Markt und ist doch angeblich das, was EU-Kommission und Konzerne immer wollen. In jedem Fall ein guter Schritt. Vielleicht ist das ein Anreiz für die deutschen Unternehmen endlich die Preise zu senken. Die hohen Kosten in Verbindung mit dem wirklich schlecht ausgebauten Netzen in Verbindung mit einem Gesetzgeber der seit Jahren einen quasi-Monopolisten pampert wo es nur geht in Verbindung mit rückständiger Gesetzgebung haben Deutschland mittlerweile eine ausgewachsenes Entwicklungsdefizit im Bereich Kommunikation beschert. Hier darf sich endlich mal was bewegen.
Es ist sehr einfach zu verstehen, was daran falsch ist. Mal abgesehen von eher dumm zu nennenden Verschwörungstheorien bzgl. angeblich überhöhter Gewinnerwartungen der Telekomanbieter sind die nationalen Preise für Mobilfunk hauptsächlich durch die Kosten des Aufbaus und der Wartung der notwendigen Infrastruktur definiert. Es ist logisch, dass diese Kosten in einem Stadtstaat mit niedrigem Lohnniveau extrem viel niedriger sind als in einem dünn besiedelten Flächenstaat mit hohem Lohnniveau. Erklären Sie doch mal, warum Sie glauben, das teuer erbaute und betriebene deutsche Mobilfunknetz eines deutschen Anbieters zu den niedrigen Preisen eines Anbieters aus einem baltischen Staat nutzen zu dürfen. Auf Ihre Begründung bin ich sehr gespannt.
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