Talkshow im russischen TV: Julian Assange scheitert an Hisbollah-Chef

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Israel ist böse, Assad ein netter Politiker: In der ersten Sendung seiner neuen Talkshow lässt WikiLeaks-Gründer Julian Assange ausgerechnet den Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah zu Wort kommen - weitgehend unwidersprochen.

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Assange-Werbung bei RT: Stichwortgeber für die Hisbollah

Seit 500 Tagen sitzt er mit Fußfessel in Großbritannien fest, Finanzdienstleister boykottieren seine Enthüllungsorganisation WikiLeaks - jetzt meldet sich der einstige Web-Star Julian Assange zurück - er hat eine eigene Fernsehsendung gestartet. "The World of Tomorrow" heißt das halbstündige Interview-Format auf dem russischen Nachrichtensender RT.

Erst hat WikiLeaks Staatsgeheimnisse aufgedeckt, nun will sich Assange zum Sprachrohr von Rebellen und Entrechteten machen, die ihm in den Medien zu kurz kommen, zunächst in zehn Folgen. In der ersten Sendung kann er einen Scoop präsentieren: Sein Gast ist Hassan Nasrallah, Chef der schiitischen Hisbollah im Libanon, zugeschaltet von einem geheimen Ort. Seit Jahren hat er westlichen Medien kein Interview mehr gegeben, er lebt versteckt, aus Angst vor einem israelischen Angriff.

"Israel ist ein illegaler Staat", sagt Nasrallah zur Einstimmung, dann kann es losgehen. Assange fragt den Anführer, der nur noch selten und dann für wenige Minuten öffentlich auftritt, was passieren muss, damit das Blutvergießen in Syrien aufhört. Oder zumindest seine Unterstützung für Assad, denn die Hisbollah hält zur Assad-Regierung und gerät damit zunehmend selbst in die Kritik. Andere Aufstände in der Region hatte Nasrallah begrüßt und gefördert.

Wo ist die rote Linie, will Assange wissen, wie viel Tote muss es in Syrien geben, bis sich die Hisbollah von Assad abwende? Hunderttausend, eine Million? Nasrallah erklärt: Syrien habe sich verdient gemacht um die Palästinenser, außerdem könne man mit Assad reden. Der wolle ja auch Reformen und sei sehr glaubwürdig. Die Opposition - Nasrallah zufolge von al-Qaida unterwandert - sei zu einem Dialog schließlich nicht bereit.

Dann spielt Assange Weltpolitik. Er versucht, Nasrallah als Friedensvermittler zu installieren - er könnte doch zwischen der syrischen Opposition und der Regierung verhandeln. Ob er dazu bereit sei? "Jeder Gruppe, die mit der Regierung in einen Dialog treten will, werden wir helfen", sagt Nasrallah. Solange allerdings gekämpft wird, seien politische Verhandlungen schwierig.

Die halbe Stunde ist bald vorbei, Fragen, die ansatzweise kritisch sind - die Hisbollah provozierte 2006 einen Krieg mit Israel durch die Entführung zweiter Soldaten - prallen am offenbar bestens gelaunten Nasrallah ab. Assange hingegen fragt fast bewundernd, wie der Anführer es denn schaffe, seine Leute bei Laune zu halten.

An Absurdität ist all das kaum zu übertreffen. Damit reiht sich "The World of Tomorrow" nahtlos in das Programm von RT ein, dem 2005 vom Staat gegründeten Fernsehnetzwerk, das mit rund 2000 Mitarbeitern auf Englisch, Spanisch und Arabisch sendet. Von lustigen Reisereportagen, in denen bärtige Männer mit Kettenpanzern durch russische Wälder pflügen, bis hin zu politischen Sendungen, die mit fast religiösem Eifer vor der amerikanischen Weltherrschaft warnen.

Der Journalist und Russland-Experte Klaus-Helge Donath nennt RT Putins treue Stimme. In der "taz" schrieb er, die russischen Journalisten seien von den Kreml-Propagandisten handverlesen. "Die ausländischen Mitarbeiter stellen einen seltsamen Mix aus Abenteurern, unerfahrenen Berufsanfängern, Ahnungslosen, ausgemusterten Westjournalisten oder Geldkarrieristen dar."

Über die Proteste nach der Wahl in Russland hat der Sender zwar berichtet, jedoch mit deutlich kritischem Einschlag. Margarita Simonyan, die Chefin des Senders, hatte auf Twitter klargemacht, was sie von den Anführern der Demonstranten zu halten sei: "Burn in hell." Die russische Opposition hält RT folglich für einen Propagandasender des Kreml.

Für Assange ist RT das Vehikel, um seine Sendung in möglichst in viele Haushalte zu bekommen, vor allem in den USA. Die Entscheidung für das staatslastige Fernsehnetzwerk mag plausibel sein - sie schadet aber auch dem Ansehen des selbsternannten Wahrheitskämpfers. "Shame on you, Mr. Assange!", schrieb der russische Medienunternehmer und Multimilliardär Alexander Lebedew auf Twitter zur Wahl des Senders.

Für RT ist die Assange-Sendung eine wichtige Nachricht, die halbstündigen Nachrichten am Dienstvormittag wurden damit aufgemacht, außerdem ein längliches Interview mit Assange ausgetrahlt, in dem er die Show erklärt und einmal mehr "Guardian" und "New York Times" angreift. Er wirft den Zeitungen vor, gegen Vereinbarungen mit WikiLeaks verstoßen zu haben.

Bei "The World of Tomorrow" hat er nun die volle Kontrolle, wie er betont. Er will darüber sprechen, wie er die Welt sieht. Die RT-Reporterin fragt noch einmal nach: Ob der Sender versucht habe, Einfluss zu nehmen? "Nein, nicht ein bisschen", sagt Assange. Man habe für eine kommende Sendung prominente Figuren der russischen Opposition in die Sendung eingeladen, sagt Assange. Etwas weniger laut fügt er hinzu, dass auch Vertreter der russischen Regierung auftreten werden.

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1.
Cotti 17.04.2012
Zitat von sysopIsrael ist böse, Assad ein netter Politiker: In der ersten Sendung seiner neuen Talkshow lässt WikiLkeas-Gründer Julian Assange ausgerechnet den Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah zu Wort kommen - weitgehend unwidersprochen. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,828035,00.html
Wenn man wirklich wissen will, wie einzelne Menschen denken, darf man nicht ständig dazwischen quatschen. Warum also sollte Assange dem Hisbolla-Chef widersprechen? Es reicht doch wohl, dass hiesige "Moderatoren" sich ständig nur zu profilieren versuchen - zum Verdruss der informationsbegierigen Zuschauer.
2. Spiegel vs Russia Today
etablierter1984 17.04.2012
Zitat von sysopIsrael ist böse, Assad ein netter Politiker: In der ersten Sendung seiner neuen Talkshow lässt WikiLkeas-Gründer Julian Assange ausgerechnet den Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah zu Wort kommen - weitgehend unwidersprochen. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,828035,00.html
Das gefällt euch vom Spiegel wohl nicht, wenn es einen TV-Sender gibt, der mal von der anderen Seite berichtet und der mal Leute zu Wort kommen lässt, die bei euch niemals zu Wort kommen dürfen. Ich finde es gut, auch mal die andere Seite der Medienwelt sehen zu dürfen. Vielen dank an die Spiegel Redaktion, dass Ihr Werbung für RT (Russia Today) gemacht habt!
3.
WhereIsMyMoney 17.04.2012
RT ist wirklich ein reiner Propagandasender. Gut, der Unterschied zu den Mainstreammedien ist nicht wirklich groß, wenn man sich die Gleichschaltung derer ansieht. Assange ist zwar ein Selbstdarsteller. Aber die Arbeit von Wikileaks ist fantastisch und wird immer noch unterschätzt. Und ich habe auch nichts dagegen wenn man die Leute ausreden lässt, anstatt mit Fragen, die gleichzeitig die Meinung des Reporters hervorbringen, draufzuhauen. Meistens sieht man doch wer die Menschen sind, wenn man sie reden lässt, genauso ist es bei dem Hisbollah-Chef. Über Israel habe ich schon alles gesagt.
4.
WhereIsMyMoney 17.04.2012
RT ist wirklich ein reiner Propagandasender. Gut, der Unterschied zu den Mainstreammedien ist nicht wirklich groß, wenn man sich die Gleichschaltung derer ansieht. Assange ist zwar ein Selbstdarsteller. Aber die Arbeit von Wikileaks ist fantastisch und wird immer noch unterschätzt. Und ich habe auch nichts dagegen wenn man die Leute ausreden lässt, anstatt mit Fragen, die gleichzeitig die Meinung des Reporters hervorbringen, draufzuhauen. Meistens sieht man doch wer die Menschen sind, wenn man sie reden lässt, genauso ist es bei dem Hisbollah-Chef. Über Israel habe ich schon alles gesagt.
5.
ewspapst 17.04.2012
Habe ich etwas verschlafen, oder gibt es die "Stimme Amerikas" und "die deutsche welle" doch noch? Das sind doch alles rein neutraale Sender, die in keinem Fall jemanden beeinflussen wollen, oder täusche ich mich?
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