Russische Troll-Bekämpferin "Diese Scheusale an die Öffentlichkeit zerren"

Ludmilla Sawtschuk ist die Insiderin, die über die Propagandatrolle des Kreml ausgepackt hat. Im Interview erklärt sie, was sie antreibt, wie die russischen Internet-Claqueure arbeiten - und ob sie sich jetzt fürchtet.

Aktivistin Ludmilla Sawtschuk: "Atmosphäre höchster Geheimhaltung"
Ludmila Sawtschuk

Aktivistin Ludmilla Sawtschuk: "Atmosphäre höchster Geheimhaltung"

Ein Interview von , Moskau


Ludmilla Sawtschuk spricht hastig, sie bedient zwei Telefone gleichzeitig. Sie stehen nicht mehr still, seit am Morgen die Nachrichtenagenturen ein Feature über sie gesendet haben, über die Frau aus Sankt Petersburg, die den Kreml-Trollen den Kampf angesagt hat. Sawtschuk ist 34 und eigentlich Journalistin. Und sie will etwas richtigstellen, denn anders als in ersten Meldungen dargestellt, hat sie sich von Anfang an bewusst eingeschleust in das Sankt Petersburger Trollhaus.

Sie hat sich mit anderen Aktivisten zusammengeschlossen, sie nennen sich "Info-Peace". Ihren ehemaligen Arbeitgeber will Sawtschuk jetzt vor Gericht zerren - damit endlich die ganze Wahrheit ans Licht kommt über die Trollfabrik des Kreml und ihre Hintermänner.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in einer Petersburger "Trollfabrik" gearbeitet, gegen Geld Kommentare gepostet, die der Kreml-Linie entsprechen. Wie sind Sie da reingekommen?

Sawtschuk: Ich habe mich im vergangenen Oktober dazu entschieden, diese Struktur von innen zu erforschen. Ich habe mit einigen Freunden darüber gesprochen, Aktivisten. Ich habe mein Vorgehen auch mit Juristen beraten.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Sawtschuk: Man muss dort einige Verpflichtungserklärungen unterzeichnen, auch eine Geheimhaltungsklausel. Man darf nicht über die Arbeit sprechen, vor allem nicht mit der Presse. Es wird gezielt eine Atmosphäre höchster Geheimhaltung geschaffen, die ich von Anfang an lächerlich fand. In Wahrheit haben diese Papiere keine juristische Gültigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Auf welchen Plattformen sind die Sankt Petersburger Trolle aktiv?

Sawtschuk: Persönlich habe ich Folgendes gesehen: Facebook, Twitter, YouTube, Livejournal.com, dazu die russischen Netzwerke VK.com und Odnoklassniki. Auch die Diskussionsbereiche aller großen Nachrichtenseiten gehören zu den Zielen, aber auch Foren der Webseiten russischer Provinzstädte. Ein Kollege hat vor allem Beiträge in Foren von Saratow und Engels geschrieben, zwei Städten an der Wolga. Ich habe mit Livejournal-Blogs gearbeitet, die in Russland besonders beliebt sind.

SPIEGEL ONLINE: Werden nur russische Foren bearbeitet? Gibt es Mitarbeiter, die Englisch oder Deutsch schreiben?

Sawtschuk: Die meisten arbeiten auf Russisch. Ich weiß aber, dass einige auch auf Englisch Beiträge verfasst haben. Ukrainisch spielt eine große Rolle. Ich habe auch von Deutsch gehört, aber nicht in diesem Gebäude.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Hinweise, dass es weitere Trollhäuser gibt?

Sawtschuk: Ja. Die Niederlassung in Sankt Petersburg ist einfach nur am besten erforscht. Einige Kollegen haben von Dienstreisen in ein Moskauer Büro berichtet. Es gibt auch Informationen über ein weiteres Gebäude in Sankt Petersburg, mit höherer Geheimhaltung.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Arbeit organisiert?

Sawtschuk: Es gibt Abteilungen: Meine kümmerte sich nur um Livejournal-Blogs, eine andere um Kommentierung bei Medien. Dann gibt es eine Gruppe, die sich als Journalisten ausgibt. Sie betreiben Fake-Nachrichtenportale, die sich als ukrainische Medien ausgeben. Sie heißen "Charkow-News", oder "Föderale Nachrichtenagentur". Wir hatten Videoblogger. Manche geben sich den Anschein, sie seien Anhänger der russischen Opposition.

SPIEGEL ONLINE: Bei wem haben Sie Ihren Arbeitsvertrag unterschrieben?

Sawtschuk: Sie unterschreiben überhaupt keine Verträge. Das ist der Grund, warum ich jetzt Klage vor einem Sankt Petersburger Gericht einreiche. Das ist die einzige Möglichkeit, diese Scheusale an die Öffentlichkeit zu zerren. Wir wollen der Welt zeigen, wer hinter der Trollfabrik steht.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es keinen Vertrag gab: Wie wird das Gehalt gezahlt?

Sawtschuk: Schwarz, bar auf die Hand. Sie bezahlen keine Steuern, keine Beiträge zur Rentenversicherung. Aber es ist gutes Geld, 50.000 Rubel im Monat, umgerechnet rund 800 Euro. Nur weiß niemand genau, woher es eigentlich kommt. Als Bürger regt mich das auf: Für wichtige soziale Projekte gibt es in Russland kein Geld, für diesen Unfug aber schon, für Hunderte Trolle.

SPIEGEL ONLINE: Wer steht dahinter?

Sawtschuk: Die Chefs habe ich nie zu sehen bekommen. Es gibt aber Mutmaßungen. Es soll sich dabei um den Unternehmer Jewgenij Prigoschin handeln. Er kommentiert diese Vorwürfe nie. Wir wollen erreichen, dass die Richter ihn vorladen, damit er sich endlich bekennen muss. Ob das gelingen wird, weiß ich nicht.

Jewgenij Prigoschin betreibt in Sankt Petersburg Restaurants und ein Cateringunternehmen. Er soll mit Präsident Wladimir Putin gut bekannt sein. Prigoschin verdankt sein Vermögen wohl auch lukrativen Staatsaufträgen. So berichtete die russische "Forbes"-Ausgabe 2013, Prigoschin habe einen Zwei-Milliarden-Euro-Auftrag zur Versorgung von Schulen und Armee mit Fertiggerichten erhalten. Zur Eröffnung von Prigoschins Fabrik kam der Staatschef persönlich. Prigoschin wurde schon in diversen Berichten mit Internet-Propagandisten in Verbindung gebracht, unter anderem von der russischen "Nowaja Gaseta".

SPIEGEL ONLINE: Wer sind die Trolle?

Sawtschuk: Studenten. Ich war mit 34 Jahren eine Ausnahme. Das schlimme ist: Diesen jungen Leuten ist total gleichgültig, was sie schreiben. Ich bin der der Meinung, dass die Arbeit dieser Trollfabrik den Tatbestand des Extremismus erfüllt.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Sawtschuk: Da wird Ukrainern und Amerikanern der Tod gewünscht. Es wird angestachelt zu Hass zwischen Nationalitäten. Diese Leute schreiben heute das eine, morgen etwas anderes, und übermorgen setzen sie sich vielleicht auch im realen Leben eine Maske auf, gehen auf die Straße und bringen jemanden um.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat Ihnen operative Anweisungen gegeben?

Sawtschuk: In jeder Abteilung war das unterschiedlich. Bei uns war das schriftlich, via Intranet und nannte sich "technische Aufgabe". Denjenigen, die Medien-Artikel kommentieren sollten, wurde mündlich kommuniziert, was sie schreiben sollen. Eine Schlüssel-These, die sie mit wechselnder Wortwahl verbreiten sollten: Boris Nemzow ist selbst schuld an seinem Tod, zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht ein Troll-Arbeitstag aus?

Sawtschuk: In der Regel hat er zwölf Stunden, die Abteilungen fangen aber unterschiedlich an. Es gibt eine Nachtschicht, die Videoblogger kommen nur zu den Aufnahmen. Es gibt ein kleines Café, wo man essen kann. Aber viele haben wenig Zeit für Pausen, weil sie ihre Quote erreichen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sahen Ihre Arbeitsaufträge aus?

Sawtschuk: Mal sollten wir darüber schreiben, wie furchtbar alles in der EU sei, dann wieder ging es darum, den Verteidigungsminister Sergej Schoigu zu loben. Man sitzt dann da, und schreibt Dinge wie: Gestern ging ich spazieren, und auf einmal kam mir in den Sinn, wie schlimm die Lage in Europa ist.

SPIEGEL ONLINE: Welche Identitäten nehmen die Trolle an?

Sawtschuk: Eher normale Leute, manchmal geben sie sich aber auch als Anhänger der Opposition aus. Wir hatten in unserer Abteilung aber - das war ziemlich skurril - den Blog einer angeblichen Wahrsagerin.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst?

Sawtschuk: Ich habe lange gezweifelt, ob ich unter meinem wahren Namen auftreten soll. Ich hatte lange Angst vor dunklen Unterführungen. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Drohungen gab es aber nicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn den Eindruck, dass diese Trolle überhaupt etwas bewirken?

Sawtschuk: Absolut. Die Aggressivität, der Hass aus dem Internet springt über ins reale Leben.

Zum Autor
Benjamin Bidder ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE in Moskau und berichtet regelmäßig über die Krise in der Ukraine - unter anderem aus Moskau, Kiew, Odessa, Donezk.

E-Mail: Benjamin_Bidder@spiegel.de

Der Autor auf Facebook

Mehr Artikel von Benjamin Bidder

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.