Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Acta und die Politik des Abgrunds

Von

Der Copyright-Pakt Acta offenbart eine fundamental falsche Weichenstellung. Die Unterhaltungsbranche nimmt lieber den Kampf gegen das Netz auf, als sich um neue Geschäftsmodelle zu kümmern. Das rabiate Vorgehen erinnert an die Abschreckungspolitik des Kalten Krieges - und verprellt eine ganze Generation.

John Foster Dulles hatte einen der schwierigsten Jobs, den das 20. Jahrhundert zu vergeben hatte: Er war US-Außenminister zu Beginn des Kalten Krieges. In einem Artikel im "Life Magazine" im Januar 1956 beschrieb Dulles seine politische Strategie, die einen besonderen Namen bekam: Brinkmanship. "Brink" bedeutet Abgrund, es handelt sich um eine Politik der maximalen Drohgebärde, das Bild der größten Katastrophe als Taktik, um Verhandlungspartner zur Kooperation zu drängen. John Foster Dulles war ein Meister der Abschreckungspolitik.

Wenn am 11. Februar 2012 vermutlich über einhunderttausend Leute im Frost gegen die Acta-Verträge auf die Straße gegangen sind und noch viele mehr in ganz Europa, dann findet sich der Grund indirekt in der Abschreckungspolitik. Mächtige Unternehmensverbände treten gegenüber der Politik mit vergleichbaren Argumenten auf, es drohe die digitale Katastrophe, wenn man nicht handele, massivstmöglich, das Urheberrecht müsse im Internet radikal verteidigt werden. Das Resultat ist eben nicht nur Acta - es ist die Haltung, die sich dahinter verbirgt: Ohne das Urheberrecht in seiner vordigital geprägten Form würde mindestens die westliche Zivilisation, vermutlich aber doch eher die gesamte Welt untergehen. Damit geht ein fataler Wahlspruch einher: "Der Zweck heiligt die Mittel." Wer am Abgrund steht oder sich so fühlt, der wird alles tun, um nicht abzustürzen. Alles bedeutet in diesem Fall: die vermeintlichen Interessen der Inhalte-Industrie durchzusetzen um den Preis eines funktionierenden, offenen Internets.

Das entscheidende Wörtchen lautet dabei: vermeintlich. Denn längst hat sich - abseits der Interessen der Urheber und auch vieler Verwerter - eine Lobby-Industrie herausgebildet, deren Kraft und finanzielle Mittel sich aus der scheinbaren Notwendigkeit des andauernden Kampfes ergeben. Die Lobbyorganisationen, deren politischer Druck hinter dem Internet-Part von Acta steht, haben sich mit dem Kampf um das Netz aufgebläht. Der Verband der US-Filmstudios MPAA etwa erreichte zwischenzeitlich ein Jahresbudget von fast 100 Millionen Dollar. Dabei steuern solche Organisationen sowohl die Erhebung von Daten über Online-Piraterie wie auch die Maßnahmen dagegen, zu denen Acta gezählt werden muss. Man muss nicht Anhänger von Verschwörungstheorien sein, um diese Konstruktion problematisch zu finden. Wer die Aufgabe hat, sich Maßnahmen auszudenken gegen die Bedrohung aus dem Internet und gleichzeitig selbst deren Größe und Gefährlichkeit festlegt, der hat vielleicht ein klitzekleines bisschen weniger Interesse an einer sinnvollen Lösung.

Das Netz muss sich unserem Geschäftsmodell beugen

Und genau das ist das Drama von Acta - dieser Vertrag, der nationale Gesetze provozieren soll, löst kein Problem. Er ist so schwammig gehalten, dass von "gar nichts" bis zu einem de-facto-Verbot von YouTube und Facebook ungefähr alles an gesetzlichen Konsequenzen möglich wäre. Damit sind die Acta-Verträge zu einem doppelten Symbol geworden. Für die Inhalte-Industrie ist Acta Wegweiser und Selbstvergewisserung, mit dem Kopf durch die Wand zu müssen: Das Netz muss sich unserem Geschäftsmodell beugen. Leider verhindert diese Einstellung - der Kalte Krieg lässt Grüße ausrichten - auch eine für alle Beteiligten sinnvolle Neugestaltung des Urheberrechts und eine Anpassung der Geschäftsmodelle. Dass man von tollen neuen Filmen liest, diese dann aber über Monate nicht legal erwerben kann, ist nicht nur die dämlichste aller Zumutungen der Filmindustrie, sondern auch entgangener Umsatz.

Die andere Seite des Symbols Acta aber treibt die Leute zu Recht auf die Straße. Dort protestierten überraschend junge Leute, die überraschend gut informiert waren. Völlig normale junge Leute sprachen sachlich korrekte, unaufgeregte Sätze zu den Acta-Verträgen in die zahlreichen Kameras, eine solche Informationstiefe hätte bei spontanen Interviews im Bundestag vermutlich kaum erreicht werden können. Der Protest gegen Acta war ein Protest dagegen, wie eine unzureichend informierte, wenig diskussionsfreudige Politik sich intransparent von Lobby-Gruppen eine Vorgehensweise diktieren lässt, die mit der eigenen digitalen Lebenswelt überkreuz liegt.

Bezahlt jemand Geld für Kulturprodukte im Netz?

Und genau hier tun sich eine Reihe gefährlicher Abgründe auf. Es beginnt damit, dass die Art, wie Acta und seine Brüder geboren werden, das ohnehin schon geringe Vertrauen in die Apparate der EU erschüttert. Was angesichts der derzeitigen Probleme des Kontinents gleich nach Überdachung des Mittelmeers das zweitdümmste ist, was passieren kann. Es geht weiter damit, dass eine Generation lernt, dass Politik sich nicht nur nicht an ihrer Lebenswelt orientiert - das wäre ja nur Politikverdrossenheit - sondern ihren Alltagserkenntnissen und Bedürfnissen dazu noch entgegensteht. Das schürt regelrechte Politikablehnung.

Neben der Opferbereitschaft eines freien Internet auf dem Altar veralteter Geschäftsmodelle aber ist die ärgerlichste Bedrohung durch die kalten Acta-Krieger: die vertane Chance. Denn alles urheberrechtliche Streben im Digitalen lässt sich zusammenstreichen auf eine simple Frage: Bezahlt jemand Geld für Kulturprodukte im Netz? Die Antwort steht in den meisten Kulturbereichen seit Jahren fest und lautet ja. Die überwiegende Mehrheit der erwachsenen Nutzer ist unter bestimmten Umständen bereit, für digitale Kulturprodukte zu bezahlen, jedes Jahr steigen die entsprechenden Zahlen. Dahinein müsste alle Kraft der Inhalte-Verwerter fließen: Die Leute im Netz bezahlen doch schon, optimiert diesen Prozess wie ungefähr alle anderen Industrien auch!

Damit wird die wunderbare Grundidee des Urheberrechts, die so dringend ein neues, digitales Gewand bräuchte, ausgezehrt, bis nichts mehr übrig ist. Schon heute ist es schwer, im Netz den Begriff "Urheberrecht" neutral zu verwenden, weil in seinem Namen zu oft gefährlicher Unfug getrieben wurde. Wenn derjenige Teil der Inhalte-Industrie, dem mehr an Inhalten gelegen ist als am fortdauernden Kampf gegen das Netz, nicht bald umkehrt, wird vielen selbst ein erneuertes Urheberrecht kaum mehr akzeptabel erscheinen. Und das wäre die wahre Katastrophe.

John Foster Dulles hat am Schluss des eingangs erwähnten Artikels von 1956 übrigens beschrieben, woher die Inspiration für seine Politik kam: "Wir müssen zum Geist des Kreuzzugs der frühen Tage der Republik zurückkehren, als wir noch sicher waren, eine bessere [Ideologie] zu haben als alle anderen, die der Rest der Welt brauchte und wollte, und die wir um die Welt trugen." Ein digitaler Kalter Krieg, ein Kreuzzug des veralteten Urheberrechts gegen das Internet - really, Inhalte-Industrie?

tl;dr

Wenn das Urheberrecht und seine Umsetzung nicht schnell der digitalen Realität angepasst werden, könnte es zu spät sein.

Newsletter
Kolumne - Die Mensch-Maschine
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 140 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
ManeGarrincha 14.02.2012
Zitat von sysopDPADer Copyright-Pakt Acta offenbart eine fundamental falsche Weichenstellung. Die Unterhaltungsbranche nimmt lieber den Kampf gegen das Netz auf, als sich um neue Geschäftsmodelle zu kümmern. Das rabiate Vorgehen erinnert an die Abschreckungspolitik des Kalten Krieges - und verprellt eine ganze Generation. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,815155,00.html
Wow, der erste Kommentar von Sascha Lobo, dem ich voll und ganz zustimmen kann. Was reitet die Industrie denn eigentlich, ich bin an so vielen älteren Filmen interessiert, die schlichtweg nicht zu bekommen sind, oft auch nicht einmal illegal. Verknappung mag vielleicht bei Öl funktionieren, nicht aber bei Kulturgütern. Eine ordentlich durchdachte Kulturflatrat zahlten, glaube ich, die meisten Menschen gerne, dann muss aber auch alles angeboten werden, nicht nur der aktuelle Mainstreamschrott (Film, Musik, etc), und alles weltweit zeitgleich. Der Hass, den sich die GEMA durch ihre YouTube-Blockade berechtigterweise zuzieht, mündet wohl in derart viel "illegal" heruntergeladene Musik, dass sie sich nur selbst in die Finger schneidet. Und wer noch einmal behauptet, der "Diebstahl" eines digitalen Produktes sei dasselbe wie etwa der Diebstahl einer Handtasche darf wegen offensichtlichen Mangels an Intelligenz eigentlich gar nicht mehr Ernst genommen werden. Also, Industrie und Behörden, bitte schleunigst die Konzepte an die Wirklichkeit anpassen, und nicht umgekehrt.
2. Exakt!
Naclador 14.02.2012
Zitat von sysopDPADer Copyright-Pakt Acta offenbart eine fundamental falsche Weichenstellung. Die Unterhaltungsbranche nimmt lieber den Kampf gegen das Netz auf, als sich um neue Geschäftsmodelle zu kümmern. Das rabiate Vorgehen erinnert an die Abschreckungspolitik des Kalten Krieges - und verprellt eine ganze Generation. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,815155,00.html
Dem Beitrag ist aus meiner Sicht nichts mehr hinzu zu fügen.
3. die meisten scheinen nicht zu wissen was ACTA ist
Nonvaio01 14.02.2012
Zitat von sysopDPADer Copyright-Pakt Acta offenbart eine fundamental falsche Weichenstellung. Die Unterhaltungsbranche nimmt lieber den Kampf gegen das Netz auf, als sich um neue Geschäftsmodelle zu kümmern. Das rabiate Vorgehen erinnert an die Abschreckungspolitik des Kalten Krieges - und verprellt eine ganze Generation. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,815155,00.html
die ACTA hier verteidigen haben keine Ahnung. Wenn eine webseite wie SPON z.b. ueber eine Tauschboerse berichtet, dann kann die Content industrie Spon einfach abschalten lassen, ohne vorwarnung und ohne richterlichen beschluss. das ist was ACTA ist. Nur der verdacht einer Firma reicht, es muss kein richter gefragt werden, es muessen keine regeln eingehalten werden. Ich weiss nicht ob SPON das so gut findet wie es im Artikel rueberkamm. Ich bin ueberrascht das die Journalisten da nicht staerkere gegen an gehen, denn die sind Ihren Job ruck zuck los. Und wenn die seite ersteinmal dicht ist, dann kann der seiten inhaber klagen, aber das dauert, und bis dahin ist er aus dem Geschaeft. da keiner fragt warum die seite geschlossen werden soll, laesst das TRor und Tuer offen fuer eine Zensur. Spon schreibt z.b. das Apple zu weit geht mit den Klagen oder das Samsung zu weit geht....zack seite geschlosssen weil Apple oder Samsung darin eine verletztung seiner rechte Sieht den anderen zu verklagen. dagegen kann SPON nichts machen, denn die werden in den USA abgeschaltet, SPON wird da gar nicht informiert. Ob das auch noch so toll ist weiss ich nicht.
4. ntl;r
janeinistrichtig 14.02.2012
Guter und interessanter Artikel. Ich habe allerdings wenig Hoffnung, dass sich bei der "Inhalte-Industrie" irgendetwas an Konzept bzw. Haltung kurz- bis mittelfristig verändern wird. Vielmehr scheint es mir wahrscheinlich, dass es sich, auch im Zuge von IPv6, nur um einen Stellvertreterkrieg handelt, es letzlich und endlich darum geht, die Kontrolle über das "subversive" Internet zu erlangen. Im Sinne von weitestgehender Vermeidung von Anonymität.
5. Das Urheberrecht in seiner vordigital geprägten Form
tradtke 14.02.2012
Nicht einmal das ist ja erhalten geblieben. Zu Zeiten analoger Bild- und Tonträger war ein kopieren zur privaten Verwendung ja durchaus rechtlich eingeräumt und problemlos möglich. Durch massives Einwirken der Lobbyverbände der Unterhaltungsindustrie auf den Gesetzgeber ist dies ja schon in den ersten beiden 'Körben zur Reform des Urheberrechts' de facto abgeschafft worden. Davon abgesehen, geht es bei ACTA & Co. ja um weit mehr, als um Urheberrechte: Schlichtweg um die Kontrolle - man könnte auch sagen Inbesitznahme - über das Medium Internet und dessen 'Inwertsetzung'.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Sascha Lobo
Fotostrecke
Acta-Pakt: Demonstrationen für die Internet-Freiheit

Facebook

Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: