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S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Das Apfelkuchen-Prinzip

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Das Internet hat seine Nutzer erzogen: Heute will man nicht mehr nur wissen, dass etwas passiert, man will wissen, warum und wie es passiert. Geheimnisse sind nur in Ausnahmen erlaubt, Transparenz ist die Regel - und wird längst eingefordert.

Wie ungefähr jeder Enkel bin ich davon überzeugt, dass meine Großmutter den zweifellos besten Apfelkuchen der Welt buk. Die Zutaten standen auf einem eingehefteten Zettel in einem Backbuch - aber das Rezept war natürlich nichts ohne das Wissen über die genaue Zubereitung. Dieses Wissen hat meine Großmutter mit ins Grab genommen, denn es war bei strengster Strafe - Apfelkuchenentzug! - verboten, während der Zubereitung in die Küche zu kommen. Meine Großmutter sagte: "Ihr müsst mir schon vertrauen, dass ich das richtig mache. Der Apfelkuchen schmeckt doch." Das stimmte natürlich.

Das 20. Jahrhundert war eine Zeit der Black Boxes, vor allem deshalb, weil die Verbreitung von Informationen ein teures, aufwendiges Geschäft war. Die wichtigsten Apparate der Gesellschaft - Politik, Wirtschaft, Medien - bestanden aus der Perspektive des Bürgers aus Black Boxes: große Häuser, in denen irgendetwas schwer Nachvollziehbares passierte, und am Ende wurde das Ergebnis präsentiert. Und zwar in der Regel von Medien, die nach demselben Muster funktionierten. In der Politik ebenso wie in den Redaktionen, in Konzernen sowieso: hier, ein schöner Apfelkuchen, bitte vertraut uns. "Entscheidend ist, was hinten rauskommt." Der Wunsch nach mehr Transparenz, über die punktuelle Inszenierung hinaus, wurde mit bedauerndem Kopfschütteln abgeschlagen, zu kompliziert, zu zeitintensiv, die Instrumente fehlen. Das stimmte natürlich. Das bedeutet nicht, dass etwa die Medien des 20. Jahrhunderts schlecht gearbeitet hätten. Aber sie funktionierten nach dem Apfelkuchen-Prinzip: Wenn's am Ende schmeckt, kann der Prozess ruhig verborgen bleiben. Allenfalls wird er retrospektiv aufbereitet.

Digital Vernetztes ist niemals fertig

Dann hat die Digitalisierung den Pixel gebracht, der noch geduldiger ist als Papier. Die Vernetzung kam hinzu, und damit konnte der Pixel nachträglich verändert werden. Der Informationsfluss verdiente sich seinen Namen. Aus dieser Möglichkeit ist beim Publikum eine Erwartung erwachsen: Papier macht ein abgeschlossenes Werk notwendig. Was zählte, war das Endergebnis, schwarz auf weiß. Die digitale Vernetzung aber ersetzt das schriftliche, abgeschlossene Werk der Informationsvermittlung durch einen ständigen Prozess. Diese Transformation ist in vollem Gange, auch wenn man kaum sagen kann, ob und wann sie jemals vollständig abgeschlossen sein wird.

Digital Vernetztes aber ist niemals fertig, man kann sich als Schöpfer bloß darum bemühen, es aktuell zu halten. Wenn man möchte. Dieser Umstand hat den Blick auf die Apfelkuchen der Welt grundlegend verändert. Es scheint, als färbe die digitale Welt mehr und mehr ab: Der Prozess - wie genau passiert eigentlich was? - wird für das Publikum immer interessanter, Informationen darüber werden selbstverständlicher. Dank Pixel und Vernetzung ist ihre Verbreitung auch nicht mehr zu aufwendig. Deshalb experimentieren mehrere Parteien auf unterschiedlich geschickte Weise mit Internetplattformen wie "Liquid Feedback" - dort soll der politische Meinungsbildungsprozess für alle Interessierten sichtbar werden. Und nicht nur die Essenz in Form eines dreißigsekündigen Interviewausschnitts in den 20-Uhr-Nachrichten.

Wenn Stuttgart 21 überraschend für Aufruhr sorgt, wo sich ganz normale Bürger zuvor mit allen möglichen Großprojekten abgefunden haben, hängt das auch damit zusammen, dass die Ansprüche gestiegen sind: Die Leute wollen an den Prozessen beteiligt werden. "Aber das konnten sie doch, alle Dokumente lagen vier Wochen in Zimmer 137b aus!", sagte ein Zuständiger. Und das stimmte natürlich. Aber neue Möglichkeiten schleichen sich erst ganz langsam an, betreffen erst nur wenige Spezialisten - und plötzlich gelten sie unfairerweise auch rückwirkend als Standard und werden vom Publikum in seiner wenig rücksichtsvollen Art erwartet. Gefälligst. Das Publikum fühlte sich - nach den neuen Standards - vom Entstehungsprozess um Stuttgart 21 praktisch ausgeschlossen.

Das Betriebsgeheimnis wird nicht abgeschafft

Mit dem gesteigerten Interesse an allen möglichen Prozessen wird das Erwartungsmanagement wichtiger, die ständige Feinjustierung dessen, was dem Publikum am Ende präsentiert wird. Eine Lebensmittelkette wirbt mit einem präzisen "Lebenslauf" seiner Produkte: vom Samen über den Dünger und die Pflückarbeit bis zum Transport ist bei einem Apfel inzwischen jedes Detail interessant. Der Modebegriff "Nachhaltigkeit" bedeutet nichts anderes als ein dramatisch gesteigertes Interesse am Prozess. Wie kommt etwas zustande, welche Wirkung hat es? Diese Entwicklung kann und sollte man nicht allein auf das Internet zurückführen. Aber bevor es das Internet gab, war es wesentlich leichter zu begründen, weshalb sich solche Informationen kaum sinnvoll veröffentlichen lassen.

Das vielbeschworene Recht der Öffentlichkeit, irgendetwas zu erfahren, Einsicht in die Black Boxes zu verlangen, war vor dem Netz genaugenommen das Recht der medialen Vertreter der Öffentlichkeit. Wenn Informationsverbreitung aber keine Kostenfrage mehr ist, entfällt der Zwang zur Black Box. Nicht, dass jeder Prozess in jedem Apparat transparent gemacht werden muss, das Betriebsgeheimnis wird nicht abgeschafft. Aber in Wirtschaft, Politik und Medien entsteht eine Drucklastumkehr: Es braucht einen Grund, um etwas geheim zu halten - und nicht, um etwas zu veröffentlichen. Politik und Wirtschaft sind anfälliger für den Druck der Öffentlichkeit und beginnen oft widerwillig und zum Teil inszeniert, aber spürbar, sich ständig in die Karten schauen zu lassen, ihre Prozesse transparenter zu gestalten. In vielen Medien aber scheint es kaum denkbar, die eigenen Schaffensprozesse konsequent sichtbar zu machen, wo es gefahrlos möglich wäre. Nicht einmal Links zu Primärquellen sind üblich in deutschen Online-Redaktionen, "Vertraut uns. Apfelkuchen!"

Das Unwohlsein vieler Bürger, was die Medien in Sachen Bundespräsident betrifft, rührt auch daher, dass das Publikum das Gefühl hatte, es gebe eine versteckte Agenda. Dass die Redaktionen der Republik nicht mit offenen Karten gespielt hätten. Sondern ganz im Gegenteil den Eindruck der Black Box plakativ aufrechterhalten haben, "uns liegt die Mailbox-Nachricht vor, euch zeigen wir sie nicht". Das Apfelkuchen-Prinzip, die Notwendigkeit der Black Box, geboren aus den hohen Kosten für Informationsverbreitung im 20. Jahrhundert, muss in allen Apparaten in Frage gestellt werden. Ja, muss in Frage gestellt werden, denn es droht eine massive Vertrauenskrise aller Apparate zwischen Wirtschaft, Politik und Medien. Die Leute möchten wissen, warum etwas und wie es passiert, in allen Bereichen. Sie haben ein Recht darauf, die Prozesse zu kennen. Und inzwischen gibt es auch die Möglichkeit, deshalb wird der Ruf immer lauter werden: "Backt euren Apfelkuchen im Internet. Wir müssen ihn schließlich essen."

tl;dr

Das Internet stellt in Wirtschaft, Politik, Medien, überall die Black Box in Frage. Das Betriebsgeheimnis wird vom Standard zur Ausnahme.

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Kolumne - Die Mensch-Maschine
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insgesamt 28 Beiträge
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1. Zu schön um wahr zu sein
Superbeowulf 24.01.2012
Also ich finde, dass Herr Lobo da ein zu optimistisches Bild zeichnet. Er postuliert einen Menschen bzw. eine Öffentlichkeit, die wissbegierig nach tiefgründigen Informationen v.a. in der Politik, ist und sich nicht mit dem Ergebnis abspeisen lässt. Das Gegenteil ist doch der Fall. Das gemeine Volk glaubt immer noch zu gerne jeden Mist, den ihn die Mittelstrommedien vorgekauft hinrotzen und brüllen dann nach "mehr."
2. halte ich für unsinn
chinataxi 24.01.2012
immer wieder gibt es schreiber die gerne diese transparenz fordern, aber nur wenn es nicht die eigene person betrifft. bestes beispiel marc zuckerberg, der aufgrund seiner eigenen dummheit aus versehen seine privatfotos ins netz gestellt hat um sie dann schnell wieder "privat" zu setzen. die einzigen die transparenz fordern sind die die kasse machen wollen.
3. Blogger fordern transparenz
susaz 24.01.2012
Zitat von sysopDas Internet hat seine Nutzer erzogen: Heute will man nicht mehr nur wissen, dass etwas passiert, man will wissen warum und wie es passiert. Geheimnisse sind nur in Ausnahmen erlaubt, Transparenz ist die Regel - und wird längst eingefordert. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,811007,00.html
Sascha Lobo hat vollkommen Recht, doch lässt er unbeleuchtet, dass vor allem Blogger eine wichtige Rolle hinsichtlich der Transparenz eingenommen haben, so etwa die folgende deutsch-südafrikanische Blogger-Gemeinschaft: SÜDAFRIKA – Land der Kontraste | The German Gateway to South Africa (http://2010sdafrika.wordpress.com/). Diese setzen sich beispielweise offensiv mit sozialen Missständen auseinander. Die spannende Frage wird sein, ob Blogger und NGOs künftig zusammenarbeiten werden?
4. Aua
Dani1987 24.01.2012
"Wie ungefähr jeder Enkel bin ich davon überzeugt, dass meine Großmutter den zweifellos besten Apfelkuchen der Welt *buk*." Vielleicht mal weniger bunte Haare, statt dessen mehr den indikativ geübt. backen (Konjugation) (http://de.wiktionary.org/wiki/backen_%28Konjugation%29)
5. Kuchenbacken 2.0
VvJ_Shogun 24.01.2012
Wieder was gelernt - das veraltete Präteritum von "backen"... Aber im Ernst: Die negative Seite dieser "absoluten" Transparenz ist, dass man nicht mehr differenzieren kann zwischen relevanter und irrelevanter Information, da man von der schieren Menge erschlagen wird. So weiss ich zum Beispiel, dass die längste Katze der Welt 1,20 lang ist (und der geneigte Leser jetzt auch). Nur ist diese Information, die in meinem Emailportal direkt neben aktuellen Meldungen aus Politik und Wirtschaft erschien, nicht nur total transparent, sondern auch absolut wertlos (ausser vielleicht für Katzenzüchter). Die beschriebene Tendenz geht also nicht nur in Transparenz auf, sondern auch in diversen Täuschungsmanövern und Rauchkerzen, die von Politik und Medien eingesetzt werden, um von wichtigen Meldungen abzulenken (oder warum ist ein 500.000 Euro Haus in Niedersachsen plötzlich wichtiger als die Euro-Rettung?). Das war aber schon in den 90ern nicht anders, wie Pierre Bourdieu in "Sur la Television" schreibt (1998). Dieser Trend wird nun verstärkt. Die grossen Tageszeitungen geraten als Akteure in den Sog dieser Entwicklung und müssen dem "Twitter-Journalismus" folgen, wobei sie die Tendenz eben dadurch noch verstärken. Ein Beispiel war die falsche Meldung über einen Internetblog beim Amoklauf von Winnenden (2009), bei dem die Politik durch oben beschriebenen Zwang zur Transparenz zum Kommentar gezwungen wurde, obwohl die Ermittlungsbehörden von Anfang an auf die Unsicherheit dieser Information hingewiesen hatten. Was auf der einen Seite eine "Druckumkehr" bewirkt, setzt auf der anderen Seite auch der Seite des Journalismus sehr zu, die man als "Qualitätsjournalismus" bezeichnen könnte. Zeit ist hier der entscheidende Faktor. Auch im 21. Jahrhundert mit "Hirnerweiterungen" wie Ipad oder Galaxy-Smartphone (um die Waffengleichheit wieder herzustellen), braucht das menschliche Gehirn immer noch genauso lange um selbst zu denken wie im Mittelalter vor der Erfindung des Buchdrucks.
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Sascha Lobo
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Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".

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