S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Das dunkle Reich des Steve Jobs

Programme sind Politik, Software ist Macht: Entscheidungen der großen IT-Unternehmen beeinflussen unser aller Leben, daher müssen sie als politische Akte begriffen werden, findet Sascha Lobo. Und denkt dabei an das digitale Reich von Steve Jobs - eine Art DDR der Technologie.

Einer der stärksten Schlachtrufe der 68er, "Das Private ist politisch", entwickelte sich von der Frauenbewegung ausgehend: Eine private Handlung habe eine politische Aussage und Wirkung. Bald stand der Slogan auch für die Kontrolle über die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit - für Freiheit also. Gegenwärtig tobt ein nicht immer sichtbarer Kampf um Produkte und Plattformen in der digitalen Sphäre, auch hier geht es um Kontrolle und damit um Freiheit. Das Problem ist, dass wesentliche Teilnehmer dieses Kampfes glauben, sie befänden sich in einer normalen Marktkonkurrenz. In Wahrheit ist die Herstellung von Technologie, vor allem von Software, längst gesellschaftsdefinierend und damit ein politischer Akt. Schon 1991 überschrieb der Journalist Norbert Mappes-Niediek einen Artikel in der "Zeit" mit "Software ist Macht". Das Netz hat diese Macht noch potenziert. "Code is Law" schrieb der Harvard-Professor Lawrence Lessig schon im Jahr 2000. "Das Programmierte ist politisch", so muss der Schlachtruf heute lauten.

Der große Unterschied zwischen analoger und digitaler Gesellschaft ist, dass die digitale auf privat organisierten Servern stattfindet. Der Slogan ist deshalb als Aufforderung an die Unternehmen zu verstehen, die die digitale Gesellschaft überhaupt erst ermöglichen. Viele davon haben eben noch Drähte verlötet und finden sich jetzt schon mit politischen Entscheidungen von großer Tragweite konfrontiert, wie in Ägypten, Tunesien, China. Sie gestalten die digitale Gesellschaft mit der gebündelten Macht ihrer Käufer und Nutzer. Dagegen ist nichts zu sagen, Unternehmen sind nicht grundsätzlich böse, auch nicht große. Im Gegenteil: Das Internet selbst ist der beste Beweis, dass der Kapitalismus gut für den Fortschritt der Gesellschaft sein kann. Das Problem beginnt, wenn Unternehmen ihre Verantwortung gegenüber der digitalen Gesellschaft ignorieren - auch gegenüber anderen Teilnehmern des Marktes. Derzeit wird dieses Problem kaum deutlicher sichtbar als beim wertvollsten Technologiekonzern der Welt, Apple.

Von Beginn an konnte man Apple durchaus als politisches, weil gesellschaftsveränderndes Unternehmen verstehen. Der legendäre Werbespot "1984", der auf das gleichnamige Buch von George Orwell anspielt, ist ein Zeichen dafür. Auch ein Zitat des Gründers Steve Jobs von 1994 offenbart gesellschaftspolitische Untertöne: "Unglücklicherweise rebellieren die Leute nicht gegen Microsoft" - das war die Klage des beleidigten Rebellenführers.

Heute ist dieser Anführer der selbsternannten Technologierebellen die mächtigste Person der digitalen Gesellschaft, prägend oder marktbeherrschend in Design und Gestaltung, Film, Musik, Verlagslandschaft, Mobilfunk, Software, Hardware und anderem mehr. Und wie bei politischen Rebellen, die vor ihrem Putsch an die Macht noch selten mit Heilsversprechen gespart haben, erweist sich die frühere Tendenz zur Offenheit bei Apple als Teil der Inszenierung zum Gegenspieler von Microsoft.

Steve Jobs beherrscht mediale Inszenierungen abstoßend gut, "Click, Boom, Amazing!". Eigentlich ist Apple eine PR-Agentur mit angeschlossenem Merchandising. Dabei prägt Apple das Post-PC-Zeitalter wie keine andere Firma, spielt aber unfair und dekretiert digitaldiktatorisch die Deal-Regeln. Bei der Vorstellung des iPad2 verglich Steve Jobs seinen App-Store (65.000 iPad-Programme) mit dem Markt von Googles offenem Konkurrenzsystem Honeycomb (100 Programme). Dass Honeycomb nur Wochen zuvor gestartet war, das iPad dagegen fast ein Jahr vorher, verschwieg er. Ein Vater, der stolz seinen fünfzehnjährigen Sohn vorzeigt, weil der ein Neugeborenes vermöbeln kann? Noch unanständiger war das falsche Zitat einer Samsung-Managerin. Jobs zitierte sie mit den Worten, die Verkäufe des Samsung-Tablets seien "quite small", also recht klein, gewesen. Ihre tatsächlichen Worte - wie Samsung längst klargestellt und mit einer Tonaufzeichnung belegt hatte - waren "quite smooth": recht geschmeidig.

Nicht nur gegenüber Konkurrenten erweist sich Apple als boshaft und autoritär: Als das Unternehmen einem großen deutschen Verlag die Verträge für Bücher im App-Format präsentierte, fand sich darin allen Ernstes eine Liste nicht erlaubter Worte wie etwa "Fuck". Und das ist nur die inhaltliche Dimension, also Zensur. Apples Walled Garden, das geschlossene, digitale Reich von Steve Jobs, ist eine Art DDR der Technologie, das für echte und vermeintliche Sicherheit einen entscheidenden Teil der Freiheit aufgibt. In einem veröffentlichten Mailwechsel mit einem Blogger verteidigt Steve Jobs sein geschlossenes System mit den Worten, Freiheit sei die "Freiheit von Pornografie". Das mag ein Wortspiel gewesen sein, aber ironischerweise ist in Orwells "1984" exakt diese Umdeutung des Begriffs Freiheit, Newspeak, ein Instrument der Unterdrückung.

Apple ist ein Unternehmen, das mit Steve Jobs' genialer Vision von einer einfachen, sicheren und schönen Digitalwelt groß geworden ist. Apple hat ärgerlich gute, in vielen Bereichen die besten und die am besten vermarkteten Produkte - vor allem, was die Benutzbarkeit der Software angeht. Leider negiert das Unternehmen die politische Verantwortung, die sich aus diesem Können und dieser Macht ergibt. Die Firma Apple tut, als würden sie weder soziale Umstände noch die Geschicke ganzer Branchen wirklich etwas angehen, solange es nicht um das eigene Ansehen geht.

Diese unendliche Arroganz wird irgendwann auf Apple zurückfallen. Es kann einfach nicht sein, dass Steve Jobs ständig Verachtung in alle Richtungen verbreitet und das folgenlos bleibt. Auch dafür gibt es Anzeichen: Mit Ping hat Apple ein Social Network gestartet, das weder Social noch Network ist, Ping ist so sozial wie Isolationshaft. In seinem Kontrollwahn war Apple allein nicht in der Lage, ein funktionierendes soziales Netzwerk aufzubauen - bezeichnend, denn Kontrollverlust ist eine Grundeigenschaft der digitalen Vernetzung. Als Lösung lag nahe, Ping mit Facebook zu verbinden. Nach intensiven Verhandlungen musste Apple aber aufgeben, angeblich wegen "unzumutbarer Bedingungen". Mark Zuckerberg hatte Steve Jobs von der eigenen, bitteren Medizin kosten lassen, mit einer übergroßen Markt- und politischen Macht verhandeln zu müssen, mit der programmierten Plattform Facebook, die ihren Teil der digitalen Welt so sehr beherrscht wie Jobs den seinen.

Software prägt die Gesellschaft, das Programmierte ist politisch - aber was folgt daraus? Ein Konzern wie Apple sollte sich in seiner Software-Entwicklung stärker als bisher nach gesellschaftlichen Anforderungen richten müssen und nicht nur nach eigenen Vorstellungen, weil Apple eine gesellschaftliche Wirkung hat. Die Politik muss das oxymoronhaft anmutende Kunststück schaffen, durch Regulierung Offenheit und Freiheit in der digitalen Gesellschaft zu erzwingen und zu erhalten. Zwangsoffenheit, das mag sich so verquer anhören wie Friedenstruppen oder Frauenquote. Aber sie ist ärgerlicherweise ebenso notwendig.

Anmerkung: Dieser Artikel wurde auf einem Apple-Computer geschrieben und mit Hilfe eines Apple-iPhone versendet. Teufel Bequemlichkeit.

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Weiterführende, erklärende und behauptungsbelegende Links für alle Mensch-Maschine-Kolumnen finden sich unter http://delicious.com/saschalobo/spon.

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insgesamt 298 Beiträge
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1. Entscheiden kann der Käufer,
lef 09.03.2011
daran kann auch Steve.J. nichts ändern. Besonders Journalisten verwenden ja eher apple-Produkte. Ich bin mit den anderen Systemen sehr zufrieden. Also: einfach nicht mehr bei Despoten kaufen! Für mich sind ja auch eher google-Angebote eine wunderbare Erfindung. Plus firefox und andere kostenlose und trotzdem kaum werbebelastete Angebote.
2. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zapallar 09.03.2011
Sowohl in "1984" als auch in der DDR gab's den großen Unterschied, daß das alles Systeme mit Angst und Unterdrückung waren, in die man hineingeboren wurde und denen man sich nur (wenn überhaupt) durch Flucht entziehen konnte. Apple dagegen ist eine Firma, wer deren Produkte kauft und nutzt tut das aus eigenem Antrieb und freien Willen ... niemand zwingt sie dazu ... you're free to go! Jeder Mensch hat die freie Wahl seines Computers, Telefons, medialer Infrastruktur ... ein Zwang herscht nicht, weswegen der Vergleich arg hinkt und mitunter sogar gravierend falsch ist.
3. So wenig ich...
hansglueck 09.03.2011
So wenig ich den Autor mag, so recht hat er leider - gerade der Vergleich mit der DDR ist sehr schön, mit dem Unterschied, dass man in großen Teilen freiwillig sich in das Reich des Bösen begibt, oder aber nicht. Aber genau das ist das Erschreckende - Apple wirft das Leckerli des tollen Images und des guten Designs, und die Fan-Boys folgen bereitwillig in die Diktatur des Mr. Jobs. Und finden wie im Religiösen für alle Widersprüche, die sich aus den Versprechen der schönen Apple-Welt und der Realität mit Zensur und Einschränkung des Nutzers in weiten Belangen ergeben, eine einfache Lösung: Apple ist gut für uns, und man wird dort schon wissen, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Die einzige Rettung: es muss endlich ein Hersteller her, der es in Sachen Hardwarequalität und Bedienbarkeit mit Apple aufnehmen kann - dann könnte auch in endlich meinen ganzen Apple-Schund verkaufen. Ich warte sehnsüchtig darauf!
4. Apple muss gar nichts
FastFertig 09.03.2011
Apple muss gar nichts. Auch das ist Freiheit. Niemand sollte Apple verbieten so zu sein wie sie sind wollen. Viel wichtiger ist hier Aufklärung, Bildung, Information. Das alles geht Apple Kunden nämlich ab. Apple Kunden wollen alles einfach haben, nur draufklicken, dann soll alles gehen, möglichst bequem, möglichst einfach und möglichst ohne zu denken. Für diese Einsprung bei der Denkleistung zahlt der Apple Kunde auch gerne doppelt so viel wie nötig. Immer noch besser als selbst nachdenken, das macht Steve für einen. Das Problem ist: Steve interessiert sich nur für Geld, Erfolg, Macht und Ruhm. Er interessiert sich kaum für das Innenleben seiner Produkte. Apple hat nur eine schicke Fassade, ist softwaretechnisch vollkommen veraltet, sicherheitstechnisch eine Katastrophe. Man hofft darauf, dass die geschlossene Welt für sich ausreicht, Apple investiert nichts in Sicherheit. Die Kunden vertrauen jedoch auf Apple und sind selbst fachlich nicht kompetent genug, sich effektiv zu schützen. (Wer fachlich kompetent ist, kauft keine Apple Produkte). Das wird demnächst direkt in die Katastrophe führen. Sobald die Kunden dann entweder kein Geld mehr haben, sich anderweitig Bildung verschafft oder sich nach Freiheit sehnen wird sich Apple früher oder später von ganz allein auflösen. So wie ein Apfel ohne Baum in der Sonne vertrocknet.
5. Und?
pewehh 09.03.2011
Was genau ist nun der Erkenntnisgewinn dieses Artikels? Dass Apple sauteure, technisch bescheidene Geräte produziert, die man nur dann nutzen kann, wenn man seine Seele an Herrn Jobs verkauft? Ist das neu? Nein! Ist das spektakulär? Nein! Ist das bedrohlich? Schon gar nicht. Also, Herr Lobo, womit haben Sie sich das SPON-Honorar verdient? Mit der x-ten Wiederholung sattsam Bekannten, lediglich neu zusammengestellt und unoriginell formuliert? Das kann Gutti auch, im Zweifel sogar besser. Selberdenken ist zwar anstrengend, bringt aber am Ende mehr, dem Autor wie den Lesern.
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