S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Web ist, was man nicht weiß

Was ist das Wesen des Internets - schnell verfügbare Fakten? Neue Kontakte? Pustekuchen! Motor des Mediums ist allein die Vermutung, glaubt Sascha Lobo. Egal ob es sich um User-Kommentare, vermarktete Inhalte oder Postings in sozialen Netzwerken handelt: Immer geht es um Mutmaßung.


"Unser Wissen ist ein kritisches Raten, ein Netz von Hypothesen, ein Gewebe von Vermutungen", schrieb der Philosoph Karl Popper 1934, und wesentlich Treffenderes wurde über das Internet im folgenden Dreivierteljahrhundert kaum gesagt. Das Gewebe von Vermutungen - sogar "web" steckt schon drin - findet sich nicht nur an der Oberfläche des Netzes. Historisch lassen sich universitäre Forschung, Pornografie und die Vermutung auf LSD, also die Verschwörungstheorie, als die drei wichtigsten Urzutaten der technosozialen Suppe Internet betrachten.

Tatsächlich ist die Vermutung der publizistische, ökonomische und technologische Motor des Internets. Was die Evolution für das Leben, ist die Vermutung für das Netz.

Stellt man sich das Internet schichtweise zusammengesetzt vor, dann besteht die oberste Schicht aus den Milliarden von Textschnipseln, die das digitale Kommentariat überall ins Netz hineinvermutet. Wie ein Meinungsmehltau legen sich die Worte auf alles Kommentierbare, meist sind sie zurecht versteckt und werden zum Schutz der Allgemeinheit erst nach einem zusätzlichen Klick sichtbar. Der Inhalt des Durchschnittskommentars besteht aus sozialen Grunzlauten, abgegeben in der unoft zutreffenden Vermutung, den Diskurs damit voranzubringen. Das ist letztlich auch okay, denn Pixel sind noch geduldiger als Papier.

Alle Publizistik muss als Vermutung gelten

Die darunterliegende Schicht des Internets, der Content (so heißen Inhalte, wenn irgendjemand damit Geld verdienen möchte), besteht ebenfalls aus Vermutungen. Im Mediengeschäft verlässt man sich schon aus Zeitgründen selten auf langwierig zu beweisende Fakten, sondern auf Vermutungen - wenn auch in den meisten Fällen auf die edelste Form der Vermutung, die im Englischen "educated guess" heißt, mit "fundierte Vermutung" leider nur unbefriedigend übersetzbar. Sowieso muss alle Publizistik als Vermutung gelten, das Veröffentlichte könnte ein menschliches Publikum interessieren und nicht bloß Suchmaschinen-Roboter und Abmahnanwälte.

Beim Freund-Medium von nebenan, Facebook, ist es kaum anders. Aus dem steten Strom der vielen hundert Beiträge von befreundeten Nutzern erreicht nur ein Bruchteil auf erratische, eben geratene Weise den sogenannten Newsfeed, also den Bereich, der überhaupt von Dritten betrachtet wird. Basis ist auch hier die algorithmusgestützte Vermutung, was wen wohl interessieren könnte.

Nach dieser inhaltlichen Schicht verdichtet sich sogar noch das Dickicht der Vermutungen, das wir Internet nennen. Der ökonomische Erfolg der Internet-Firma Google zum Beispiel beruht auf der Vermutung. Dem Suchenden werden die Ergebnisse präsentiert, die aufgrund von komplizierten Berechnungen am besten geeignet sein könnten, vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Nicht nur Google, die digitale Werbewirtschaft insgesamt - an deren Tropf zumindest indirekt die restliche Netzökonomie hängt - kämpft fast verzweifelt gegen ihre Vermutungsabhängigkeit, die sich in der Annahme äußert, die Leser eines Artikels, in dem das Wort "Hund" vorkommt, könnten hundefutteraffin sein.

Geld aber ist das vermutungsgetriebenste Gut überhaupt

Unter der ökonomischen Internet-Schicht beginnt die technische, die mit einem vermutungsgetriebenen Wankelmotor zu laufen scheint. Niemand weiß, was die Weltnutzerschaft morgen will und macht. Deshalb wird jede neue Funktion, jedes neue Feature, jeder neue Facebook-Nachfolger durch hochqualifizierte Fachkräfte anhand von halb gewussten, halb geahnten Erkenntnissen zusammenvermutet und im Zweifel schnell verändert. Selbst die erfolgreichsten Plattformen im Netz befinden sich im Status der "Perpetual Beta", was nichts anderes ist als eine produktgewordene Vermutung, die man in der Zwischenzeit schon mal benutzt. In ihren besten Zeiten im Jahr 2005 hat die Fotocommunity Flickr - heute als Teil von Yahoo! im Altersheim für StartUps - ihre Software im Schnitt alle halbe Stunde verändert.

Die unterste Schicht des Internet besteht aus technologischen Konzepten, der Infrastruktur und damit aus Geld. Das hört sich im Jahr drei nach Lehman Brothers nicht besonders gemütlich an, aber das Internet, obwohl eine Art digitale Öffentlichkeit, liegt auf privaten Servern, fließt durch private Leitungen und bildet sich auf privaten Plattformen. Es hat damit einen privatwirtschaftlichen Kern und der besteht aus Geld.

Gerade Geld aber ist das vermutungsgetriebenste Gut überhaupt. Anders lassen sich kaum die Börse an sich oder die aktuelle 50-Milliarden-Dollar-Bewertung von Facebook erklären - als mit der Vermutung, investiertes Geld würde sich wieder einspielen. Die finanzielle Topvermutung der letzten Zeit aber operierte wie die meisten Großvermutungen dicht an der Hybris entlang. Das zwei Jahre alte Internet-StartUp Groupon hat im Dezember 2010 ein Übernahmeangebot von Google in Höhe von sechs Milliarden Dollar abgelehnt. Der Grund dafür muss die Vermutung des Gründers Andrew Mason gewesen sein, sein Unternehmen sei bald viel mehr wert. Oder dass Dritte genau das glauben. Hier, an einem Punkt irgendwo zwischen Hochstapelei und visionärem Fortschritt, zeigt sich die enge Verbindung von Vermutung und Zukunft, es zeigt sich das freundliche Gesicht der Vermutung, die Hoffnung, aber auch ihre Fratze, die Wette.

Im Digitalen sind und bleiben wir von Vermutungen umzingelt

Es bleibt die schwierig zu ertragende Virtualität, die allem im Internet irgendwie den Ruch des Luftschlosses verleiht. Wenn alles zusammenbricht, so das Gefühl, ist da keine Fabrik, liegen da keine Produkte, nur Daten von unklarer Verwendbarkeit und gebrauchte Server, die im Zweifel soviel Energie verbrauchen wie eine Kleinstadt. Wahrscheinlich fehlt der virtuellen Sphäre des Netzes einfach das Erfahrungsmoment der dinglichen Welt. Dort erinnert uns bereits ein heftiger Stoß mit der Stirn auf die Tischplatte daran, dass Materie nicht über Vermutungen diskutiert, sondern einfach aggressiv vorhanden ist, mit allen Vor- und Nachteilen. Im Digitalen, nicht Greifbaren sind und bleiben wir dagegen von Vermutungen umzingelt.

Und das ist in Ordnung so, obwohl die Vermutung von Geburt an dazu neigt, zwischen Quatsch und Wahrheit hin und her zu taumeln. Immerhin ist die qualifizierte Vermutung, die Hypothese, Basis der Wissenschaft und ihre Beweisbarkeit oder Widerlegbarkeit das Fundament der Erkenntnis. Ein Haufen Daten ist ohne begleitende, sinnstiftende Vermutung frei nach dem Physiker Wolfgang Pauli noch nicht einmal falsch. Der ursprüngliche Charme der Vermutung allerdings beruht auf einem Absender, der sich bewusst ist, eventuell auch völlig falsch zu liegen. Und von diesem Wissen, dass die eigenen Vermutungen eben nur Vermutungen sind, könnte das Internet schon ein wenig mehr vertragen.

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Seite 1
eigentlicher_Schwan 19.01.2011
1. )
Zitat von sysopWas ist das Wesen des*Internets - schnell verfügbare Fakten? Neue Kontakte? Pustekuchen! Motor des Mediums ist allein die Vermutung, glaubt Sascha Lobo. Egal ob es sich um User-Kommentare, vermarktete Inhalte oder Postings in sozialen Netzwerken handelt: Immer geht es um Mutmaßung. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,740226,00.html
Werde seine Glosse nicht lesen, vermute aber, es wäre Zeitverschwendung :)
M. Michaelis 19.01.2011
2. ...
Zitat von sysopWas ist das Wesen des*Internets - schnell verfügbare Fakten? Neue Kontakte? Pustekuchen! Motor des Mediums ist allein die Vermutung, glaubt Sascha Lobo. Egal ob es sich um User-Kommentare, vermarktete Inhalte oder Postings in sozialen Netzwerken handelt: Immer geht es um Mutmaßung. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,740226,00.html
Wenig überraschend, stellt doch unser Gehirn fortwährend Vermutungen über die Umwelt an. Unsere ganze Wahrnhemung beruht auf Vermutungen.
endbenutzer 19.01.2011
3. Ohne Titel
Zitat von sysopWas ist das Wesen des*Internets - schnell verfügbare Fakten? Neue Kontakte? Pustekuchen! Motor des Mediums ist allein die Vermutung, glaubt Sascha Lobo. Egal ob es sich um User-Kommentare, vermarktete Inhalte oder Postings in sozialen Netzwerken handelt: Immer geht es um Mutmaßung. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,740226,00.html
Ich hab den Text nicht verstanden...
Parzival v. d. Dräuen 19.01.2011
4. .
Da hat der der Lobo tatsächlich mal recht, wobei die Idee nicht neu ist. Schließlich spricht man schon seit Ewigkeiten vom "Surfen" und dabei ist der Weg das Ziel. Sonst noch was?
michaxl 19.01.2011
5. ...
Zitat von sysopWas ist das Wesen des*Internets - schnell verfügbare Fakten? Neue Kontakte? Pustekuchen! Motor des Mediums ist allein die Vermutung, glaubt Sascha Lobo. Egal ob es sich um User-Kommentare, vermarktete Inhalte oder Postings in sozialen Netzwerken handelt: Immer geht es um Mutmaßung. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,740226,00.html
Vielleicht bin ich ja mit diesem Text etwas überfordert, aber der Sinn dessen erschließt sich mir nicht. Für mich ist das nur sinnloses Geschwätz. Auch die Zuhilfenahme von K. Popper wertet diesen Artikel nicht auf.
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