S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Zurück aus der Zukunft

Holzschnittartiger Videotext einerseits, komplexe Smartphone-Programme andererseits: Wenn die analoge Realität des 20. Jahrhunderts auf die digitale Welt von heute trifft, gerät einiges durcheinander. Deshalb müssen wir die Zukunft besser verteilen, meint Sascha Lobo.


Zu Weihnachten 2010 stellt Internetnutzer "dude" auf der Plattform "DUDE LOL" angesichts recht befremdlicher Kommentare in einer Diskussion um Wikileaks eine Frage, die dem engagierten Netzbürger bei Diskursen über das Internet häufiger in den Sinn kommt: "What the fuck is your problem?" Wirre Netzpolitik, E-Books so teuer wie Papier-Bücher, die Musikindustrie möchte digitale Bürgerrechte verwässern - what the fuck is your problem?

Um diese wichtige Frage zu klären, kann man sich auf den Sommer 1902 besinnen. Zu dieser Zeit überquert der Schriftsteller Otto Julius Bierbaum als erster Mensch überhaupt mit einem Auto den Gotthard-Pass in den Schweizer Alpen. Das geschieht auf einer Reise quer durch Europa, seine Fahrt beschreibt er in dem Buch "Eine empfindsame Reise im Automobil".

Bierbaum glaubt, dass das Auto dazu bestimmt ist, die Pferde "im Amte der Beförderung von Menschen und Lasten abzulösen", während sein Zeitgenosse Kaiser Wilhelm II. im Automobil eine "vorübergehende Modeerscheinung" sieht.

Das Buch dokumentiert famos, wie die Öffentlichkeit auf eine neue, weltverändernde Technologie reagiert: Vor 110 Jahren traf mit Bierbaum die automobile Avantgarde auf die pferdemobile Gesellschaft.

Heute trifft die analoge Realität des 20. Jahrhunderts auf die digitale Online-Realität, sie überlappen und verschränken sich. Manchmal kommt es dabei zu Merkwürdigkeiten, die im Detail widersinnig wirken oder sogar als Zeichen der Bösartigkeit erscheinen. Aus der Vogelperspektive stellt es sich anders dar: Unser technologischer Entwicklungsstand insgesamt ist ein bizarrer Bastard, ein Mischwesen, und so absonderlich wie die Tatsache, dass es den Videotext der ARD auch an anderen Tagen als dem 1. April als Website gibt, in exakt der seit 1980 bekannten Grafik. Und die Seite, die es ganz ernsthaft sogar in einer Mobilversion gibt, wird genutzt - ebenso wie Videotext selbst, das Internet des kleinen Mannes.

Unergründlich sind die Wege der Damen und Herren, und wir leben in einer seltsamen Übergangszeit zwischen der analogen und der digitalen Gesellschaft. Dieser Übergang vollzieht sich weder logisch noch konsistent, weil Fortschritt nicht einfach auftaucht und dann für alle so unleugbar vorhanden ist wie die aufgegangene Sonne. "Die Zukunft ist schon da, sie ist bloß noch nicht gleichmäßig verteilt", schrieb William Gibson. Das gilt besonders für die derzeitige Vorzeigezukunft, die kaum zwanzig Jahre alte digitale Vernetzung. Schon deshalb ist im Kleinen zu akzeptieren, dass es Leute gibt, die nicht digital können oder wollen, ohne im Großen den sanften Druck in Richtung des gesellschaftlichen Fortschritts aufzugeben.

Auf seiner Reise wirkt Bierbaum wie ein beflügelter Bote, der die Segnungen der neuen Technologie verbreiten möchte. Leider ist die Begeisterung zwar von innen spürbar, von außen aber überwiegen Angst vor der Geschwindigkeit, Ablehnung der Veränderungen und Zweifel, wie bei der digitalen Vernetzung. Das stört den Neu-Automobilisten, dazu fühlt er sich "sehr oft behindert durch die Notwendigkeit, auf unruhige Pferde Rücksicht zu nehmen, die instinktiv eine Antipathie gegen [das Auto] haben" - what the fuck is their problem? Wie heute im Digitalen wird es grotesk, als Bierbaum mit der Staatsgewalt konfrontiert wird, in Person eines Polizisten im Schweizer Ort Göschenen: "Die Polizei von Andermatt hat hierher telegrafiert: 'Automobil hier durchgefahren; unmöglich es aufzuhalten' […] 'Stellt es und verfügt nach dem Gesetze.' - Wieso? fragte ich; ist es nicht erlaubt, über den Gotthard zu fahren? - Doch, antwortete der Gewaltige, das ist erlaubt, und es ist auch erlaubt, im Kanton Uri zu fahren. - Na also! - Ja, aber es ist nicht erlaubt, von Andermatt nach Göschenen zu fahren."

Die wirtschaftlichen Schmerzen des Übergangs

Solche absurden, rechtlichen Unklarheiten - Parallelen zur heutigen Netzpolitik drängen sich auf - führen zu noch absurderen Verfahrensweisen, wie Bierbaum schlussfolgert: "Demnach hätte ich […] von Andermatt aus […] ein Ochsengespann mieten und meinen Wagen bis hierher durch die Tiere befördern lassen müssen […]? - Das hätten Sie allerdings müssen", antwortet der Polizist und nimmt mehr als einhundert Jahre vorweg, dass man 2011 in Berlin im Rückgriff auf veraltete Technologien ein Fax schicken soll, wenn man die Polizei wegen eines Strafzettels kontaktieren will. Für die Jüngeren und Vergesslicheren: ein Fax ist wie ein verschicktes PDF zum ausdrucken, nur noch unpraktischer.

Auch die wirtschaftlichen Schmerzen des Übergangs zwischen dem kommenden Automobil und dem noch vorherrschenden Pferdewagen sieht Bierbaum: "Es ist begreiflich, sagte ich mir, dass das souveräne Volk von Uri, das zum größten Teile aus Pferdehaltern besteht, den Automobilen nicht grün ist; es ist ferner begreiflich, dass diese Pferdehalter den Wunsch hegen, man möge, wenn man schon keinen Wagen nimmt, dafür wenigstens an seinem Beutel bestraft werden", also bezahlen.

Eine bessere Erklärung, weshalb in Deutschland ein E-Book soviel kostet wie ein Papierbuch (das viel kostenintensiver ist als ein paar in richtige Reihenfolge gebrachte Nullen und Einsen) wird man kaum finden. Buchhändler, Druckereien, Verlage sehen sich bedroht und bestehen auf prohibitiv wirkenden Preisen für E-Books. What the - ja nun, wir befinden uns in einer Übergangszeit. Die Ablehnung des E-Books durch den Gedrucktbuchmarkt ist die Ablehnung des Automobils durch die Pferdehalter aus Uri. In ihrem - für sich genommen nachvollziehbaren und berechtigten - Kampf ums wirtschaftliche Überleben drängen sie auf Strafaufschläge, um die neue automobile Realität wenigstens kurz aufzuhalten. Und auch die Forderung von Teilen der Kulturwirtschaft nach Abschaltung des Netzanschlusses für Filesharer geschieht nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Hilflosigkeit und Furcht vor den Veränderungen der Übergangszeit. Dass bei der Musikindustrie die eigenen Fehler zu den wichtigsten Gründen der Furcht zählen, hält sie kaum auf. "Wegen unserer dramatischen Fehlentscheidungen halten wir unsere Abschaffung für gerechtfertigt", ist einer der seltensten Sätze der Weltgeschichte.

Aber Übergangszeiten gehen irgendwann zu Ende. Das Automobil hat sich durchgesetzt und auch die digitale Vernetzung und ihre Veränderungen werden sich durchsetzen, denn Bequemlichkeit und Fortschritt sind unerbittlich. Ohne den sanften Druck und, wo nötig, das Protestieren zu vergessen, ist trotzdem die Rücksicht der Automobilisten auf die Pferdehalter geboten, darauf legt auch Bierbaum trotz der anfänglichen Ungeduld am Ende seiner Reise Wert.

Die digitale Übergangszeit wird kürzer als beim Auto, aber noch viele Jahre anhalten, weil Machtelite und ein Großteil der Bevölkerung vordigital geprägt sind. Ihre Gewohnheiten und Geschäftsmodelle sind nicht egal, sondern ebenso Teil der Realität wie Apple, Google, Wikipedia. Die zähe Zeit des Übergangs mag schwer auszuhalten sein für den Netzbegeisterten, dessen Geduld gerade für die 30 Sekunden reicht, um ein neues Lied herunterzuladen, das er genau jetzt hören möchte. Also wird er sich wie "dude" fragen: "What the fuck is your problem?", wieder und wieder. Im Kleinen hat er damit oft Recht - global gesehen handelt es sich aber um die falsche Frage. Denn es ist nicht "your problem", sondern "our problem", unser aller Problem.

Die Antwort darauf ist, beständig gegen Gibsons Diktum anzukämpfen und die Zukunft gleichmäßiger zu verteilen. Das geht mit geduldiger Überzeugungsarbeit, also mit Verständnis im doppelten Sinn: zum einen mit Verständnis für die Pferdehalter, zum anderen mit dem Verständnis für die Funktionsweise des Automobils, des Internets also. Denn "das beste Automobil ist ein unvollkommenes Ding, wenn ihm nicht ein Besorger und Lenker beigegeben ist, der es bis in die Einzelheiten kennt und Liebe zu ihm hat."

Thanks for sharing, Otto Julius Bierbaum.

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insgesamt 24 Beiträge
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Kuschelhummer, 11.05.2011
1. Hat Spass gemacht
Netter Artikel. Hat Spass gemacht. Ein wenig Milde mit Emailausdruckern ist schon immer angebracht.
peter78 11.05.2011
2. Hätte Herr Lobo eine 13-jährige Tochter...
... dann wüßte er, daß es Pferde noch immer gibt. Nur zu einem anderen Zweck...
0175transalp 11.05.2011
3. Die folgenden Fehler traten bei der Verarbeitung auf:
besonders das mit den Faxen hat mir gefallen. Habe mein Gerät leichtsinnigerweise verschenkt, weil ich dachte, ich brauche es nicht mehr und sehe mich nun gelegentlich gezwungen, bei den Nachbarn zu klingeln, um entweder eines zu empfangen (Unsere IT-Sicherheit lässt es nicht zu, Ihre Papiere per pdf zu versenden) oder selber zu faxen (Behörde, die keine Mails ausdrucken kann???)
irritation 11.05.2011
4. ---
Zitat von peter78... dann wüßte er, daß es Pferde noch immer gibt. Nur zu einem anderen Zweck...
Schön zu sehen, dass auch Artikel kommentiert werden können, die der Kommentierende überhaupt nicht verstanden hat. Einer den wenigen Artikel aus dieser Serie, der mir gefällt. Der Fortschritt darf nicht aufgezwungen werden. Sind alle Nutzer, auch die sehr an überkommene Technologien gewohnten, von Mehrwert überzeugt gibt es weniger Kleinkriege. Ich wusste garnicht, das man den Videotext in seiner vollen Beschränktheit online zur Verfügung hat. Welchem Schildbürger ist das denn eingefallen?
lizard_of_oz 11.05.2011
5. Da wartet man die ganze Zeit auf die Pointe
und dann kommt keine... Nun Herr Lobo, bei staatlich verordneten 2% Wirtschaftswachstum im Jahr befinden wir uns permenent in einer Übergangsphase. Die Übergangsphase ist quasi unsere Gesellschaftsphilosophie, zur ständigen Weiterentwicklung verdammt, Stillstand ist der Tod. Allerdings hätte ich von Ihnen erwartet, dass Sie so simple Zusammenhänge kennen würden. Aber geschickt formulieren, viel schreiben wenig sagen, darin sind Sie mir weit überlegen. Abgesehen davon war 1905 das Automobil längst keine Neuheit mehr, wenn ich nicht ganz falsch liege, gab es damals schon elektrische Straßenbahnen und der Erstflug der Gebrüder Wright, wenn sie es denn waren, war 1903 oder 1904. 1905 war das Automobil bereits ein alter Hut und kurz vor der Serienfertigung.
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