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05. Februar 2013, 13:37 Uhr

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine

Der Stalker und die Bloggerin

Eine Kolumne von

Ein aktueller Fall macht das Problem des Cyber-Stalkings nachvollziehbar. Eine Bloggerin wurde über Jahre belästigt, beleidigt und bedroht. Die Justiz half ihr nicht, sondern riet stattdessen zum Schließen des eigenen Blogs. Ohne Verständnis fürs Internet sind solche Fälle nicht zu lösen.

Wenn eine Persönlichkeit aus Politik, Medien und Gesellschaft unbedingt den Eindruck von Onlinekompetenz vermeiden möchte, bietet sich für diesen Zweck ein simples Ein-Schritt-Verfahren an. Es besteht aus dem öffentlichen Aussprechen des Satzes "Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein!" Kaum ein Satz wurde im deutschsprachigen Internet häufiger verspottet. Zu Recht, denn das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Aber die ständige Wiederholung dieser Pseudoforderung verweist auf zwei reale Probleme mit dem Netz.

Zum einen verlagern sich mit der großen Verbreitung der sozialen Medien ganze Lebensbereiche ins Internet. Da sind sie dann. Der Gesetzgeber schafft allerdings bisher kaum, mit dieser technosozialen Entwicklung Schritt zu halten oder gar vorausschauend zu handeln. Es ist, als würden Verkehrsschilder immer erst aufgestellt, nachdem das Auto vorbeigefahren ist. Das zweite Problem aber ist gravierender.

Hinter dem Satz mit dem rechtsfreien Raum verbirgt sich oft die Annahme, dass die Probleme gelöst wären, wenn es endlich die richtigen, selbstredend schärferen Gesetze gäbe. Aber kein noch so tabascoscharfes Gesetz gleicht fehlendes Verständnis für die Materie aus. Das führt auf dem Weg zu einer digitalen Gesellschaft zu großen Schwierigkeiten, noch größeren Grauzonen und ist im Einzelfall fatal. Ein solcher Einzelfall wurde Anfang Februar 2013 bekannt und ist - auch als Folge der #aufschrei-Debatte - durch die sozialen Medien verbreitet worden. Eine Bloggerin, im Netz als serotonic aktiv, wird seit 2006 von einem Cyber-Stalker mit Tausenden aggressiven Mails und Kommentaren verfolgt. Ihre Geschichte, die sie nach fast sieben Jahren erstmals veröffentlicht hat, zeigt die offensichtliche Überforderung eines Teils des Justizapparats in Internetdingen.

"Mühlstein um den Hals"

"Und dort lege dir den Mühlstein um den Hals, den ich so fleißig neben mir hergerollt habe. Leider passt nur dein Kopf rein (…). Und dann nur ein kleiner Sprung und alles ist vorbei. Ich bleibe noch ein wenig am Ufer sitzen und zähle die Luftblasen."

"Vielleicht sollte ich dich einfach noch mal mit anderer Frisur verfolgen, dir wieder etwas in den Drink tun und dich erneut entführen. Und dann binde ich dich irgendwo fest, damit du dir selbst nichts antun kannst und endlich mit mir redest, vorher lass ich dich nicht wieder gehen. Ich muss das tun, als Stalker bleibt mir nichts anderes übrig."

Diese Zitate des Stalkers Matthias S. aus K. sollten für ernsthafte Konsequenzen ausreichen. Tatsächlich war es nicht nur schwierig, überhaupt eine Anzeige aufzugeben. Als es schließlich doch zu einem Verfahren kam, wurde es ohne weitere Konsequenzen eingestellt. Es fehle an der "schwerwiegenden Beeinträchtigung der Lebensgestaltung des Opfers", das Verhalten wäre lediglich "unschön und/oder lästig". Zudem könne der unerwünschte Kontakt durch zumutbare Mittel eingestellt werden, nämlich durch die "Schließung des Blogs".

In dieser Begründung manifestiert sich - aus dem Einzelfall heraus - das grundsätzliche Problem. Wer das Internet samt Blogs und sozialen Netzwerken nicht als digitalen Lebensraum betrachtet, sondern nur als Killefitmedium oder Spielerei, der kann die Auswirkung auf den Alltag, auf die "Lebensgestaltung", nicht im Ansatz einschätzen. "Sie müssen ja nicht bloggen", "Sie müssen ja nicht auf Facebook sein", solche Empfehlungen haben in einer digital hochvernetzten Gesellschaft ungefähr die Qualität von "Sie müssen ja nicht rausgehen, wenn Ihnen ein maskierter Axtmörder auf der Straße auflauert".

Wann ist die Grenze zur Hetze überschritten?

Das Problem sind hier nicht einfach fehlende, auf das Netz abgestimmte Gesetze, sondern das mangelnde Problembewusstsein dort, wo sie angewendet werden. Das gilt umso mehr, als die sozialen Medien große Fachkenntnis erfordern, um richtig einschätzen zu können: Handelt es sich um eine ruppige Formulierung, die hingenommen werden kann und gefälligst auch sollte - oder ist die Grenze zu Mobbing und Hetze überschritten? Bis wann sind aggressive, drohende Kommentare bloß lästiges Verhalten, ab wann ist es gefährliches Cyber-Stalking? Gerade weil es unmöglich erscheint, jeden denkbaren Fall im Gesetz abzubilden, kommt es sehr auf die Einschätzung der jeweiligen Situation an - und dafür sind Wissen und Gespür für das Netz essentiell. Die sozialen Medien und ihre Verwendung haben sich ungleich schneller entwickelt als das zugehörige Sensorium des juristischen Apparats.

Wenn jemand digital belästigt wird und das publik macht, wird oft eine unangenehme Eigenschaft der digitalen Öffentlichkeit selbst erkennbar: Im deutschsprachigen Internet bildet sich so reflexhaft wie verlässlich eine lautstarke Fraktion, die sich auf die Seite eines Täters stellt, weitgehend unabhängig vom Einblick in die Tatsachen: Internetkommentatoren mit Täter-Abo, gewissermaßen. Diese Haltung hat ihre Ursache vermutlich nicht im Netz. Aber das Internet bringt sie muffig riechend zum Vorschein. Vielleicht handelt es sich um die Überreaktion einer eigentlich gesunden Skepsis. Vielleicht aber auch nicht, und es ist einfach angewandte Arschigkeit.

Mit den sozialen Medien wachsen auch die Probleme Online-Mobbing und -Stalking, die Folgen werden absehbar größer und schmerzhafter werden. Es wäre eine Garantie für politische Fehlzündungen, wenn über die Eindämmung erst diskutiert würde, wenn das Thema anhand konkreter Fälle boulevardisiert wird. Der beschriebene Fall serotonic kann helfen, die Schieflage zu verstehen, die beim Cyber-Stalking entstanden ist. Dass nämlich der Umgang mit Bedrohungen aus dem Netz nicht nur an den entsprechenden Gesetzen hängt. Sondern vor allem daran, wie sie im konkreten Fall von Polizei und Justiz interpretiert und angewendet werden. Anders als in der politischen Phrasenjonglage behauptet, geht es nicht darum, ob das Internet ein rechtsfreier Raum ist. Sondern ob sich das Internet wie ein rechtsfreier Raum anfühlt, wenn es wirklich drauf ankommt.

tl;dr

Cyber-Stalking wächst mit den sozialen Medien - zur sinnvollen Bekämpfung fehlen vor allem Gespür und Verständnis für das Internet.

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