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S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Auf dem Weg in die Dumpinghölle

Eine Kolumne von

Der Konflikt um den Fahrdienst Uber illustriert einen globalen Trend. Was oft als Sharing Economy bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit ein euphemistisch benannter Aspekt einer neuen digitalen Wirtschaftsordnung: des Plattform-Kapitalismus.

Die meisten fortschrittsoptimistischen Leute sind so lange für neue digitale Geschäftsmodelle, bis ihr eigener Job durch eine 99-Cent-App ersetzbar wird. Die meisten fortschrittsskeptischen Leute halten ohne tiefere Argumentation auch noch die deutsche Papptellerkultur in vollem Umfang für unbedingt erhaltenswert.

Disruption ist in der digitalen Geschäftswelt eine Art magisches Wort. Es bedeutet, Märkte in ihrer gegenwärtigen Form zu zerstören. Um sie - anders, neuer, billiger - wieder aufzubauen. Die risikokapitalgetriebene Netzwirtschaft erkennt darin die größten Wachstums- und Machtchancen. Wer "disruptiv" sagt, meint damit: die alten Wirtschaftsstrukturen einer Branche überflüssig zu machen. Der tote Godfather der Disruption ist Joseph Schumpeter mit seiner "schöpferischen Zerstörung", der lebende Godfather und Allgemeinplatzwart der Disruption ist der mormonische Ex-Bischof, Bestsellerautor und Harvard-Professor Clayton M. Christensen.

Die Firma Uber gilt als Musterbeispiel der offensiven Disruption. Sie betreibt zwei verwandte Geschäftsmodelle, einen Limousinenservice namens Uber Black und eine Art Mitfahrzentrale, Uber Pop. Das zweite wurde durch das Landgericht Frankfurt verboten, worum sich Uber nicht kümmert, weil sich Uber nur um sich kümmert. Ohnehin hätte Uber-Chef Travis Kalanick einige Schwierigkeiten, einen Sympathiewettbewerb gegen eine Landmine zu gewinnen. Aber einen Vorteil hat Ubers Aggressivität: Sie offenbart ungeschminkt das wahre Ziel der Unternehmen, die sich als Teil der sogenannten Sharing-Ökonomie betrachten - Macht. Warum Macht?

Der Kapitalismus-Kritiker Byung-Chul Han klagt in der "Süddeutschen Zeitung", dass durch die neoliberale Gesellschaftsordnung inzwischen keine Revolution mehr möglich sei. Als eine der treibenden Kräfte sieht er das Internet: "Die Sharing-Ökonomie führt letzten Endes zu einer Totalkommerzialisierung des Lebens." Diese Einschätzung basiert auf einem begrifflichen Missverständnis. "Sharing-Ökonomie" ist ein verschleierndes Paradoxon, das ursprüngliche Verständnis des Wortes "Teilen" (Sharing) hat gerade nichts mit Geld zu tun. Niemand spricht davon, dass der Maler seine Dienstleistung mit den Kunden "teilt", wenn er sie verkauft. Ebenso wenig hat es mit "Sharing" zu tun, wenn (schein-)selbstständige Fahrer ihre Transportleistung per Uber-App verkaufen. Was man Sharing-Ökonomie nennt, ist nur ein Aspekt einer viel größeren Entwicklung, einer neuen Form des digitalen Kapitalismus: Plattform-Kapitalismus.

Mittelsmänner getarnt als Plattformen

Oft beschworen Clayton-Jünger im Rahmen der Disruption das Ende der Mittelsmänner, cut out the middle man. Das exakte Gegenteil ist der Fall, wie der frühere "Handelsblatt"-Journalist Julius Endert schreibt: Mittelsmänner sind mächtiger als je zuvor. Sie sind bloß getarnt als Plattformen. Klassische Mittelsmänner waren Händler, Plattformen sind eine Art Meta-Händler: Sie kontrollieren den Zugang und die Prozesse eines ganzen Geschäftsmodells. Plattformen möchten nicht die Besten im Spiel sein, sondern die Regeln des Spiels bestimmen. Sie sind ökonomische Ökosysteme, die Geld verdienen, indem sie Dritten ermöglichen, Geld zu verdienen.

Man könnte vermuten, dass Plattformen eigentlich nur digitale Marktplätze seien. Die entscheidende Weiterentwicklung ist aber: Der herkömmliche Marktplatz führt gewöhnlich Angebot und Nachfrage zwischen Kunden und Unternehmern zusammen. Eine Plattform dagegen führt Kunden und X zusammen. Und weil Plattformen jedes Detail ihrer Geschäftsprozesse definieren, technisch handhabbar machen und kontrollieren, kann X alles und jeder sein, von der Privatperson bis zum Milliardenkonzern. Das Netz ist perfekt dafür geeignet, Eintrittsbarrieren zu senken. Deshalb wollen Plattformen marktbeherrschend werden, deshalb will Uber Macht: um Branchenstandards zu setzen und zu kontrollieren, deren Einfachheit es jedem erlaubt, mit einem Klick Anbieter zu werden. Ob mit Waren oder Dienstleistungen, zwei Kategorien, die im Digitalen zwischen 3D-Druck und Mietmodellen ohnehin immer stärker verschwimmen.

Der Plattform-Kapitalismus löst damit per Definition die Grenze zwischen professionellem Angebot und amateurhaftem Gelegenheitsangebot auf. Es öffnet sich der Blick, der zuvor viel zu schmal auf das Schlagwort "Sharing-Ökonomie" gerichtet war: Fast alle großen, erfolgreichen Digitalkonzerne sind oder betreiben Plattformen. Schon immer. Google Adsense macht seit Jahren mit der gebührenpflichtigen Vermittlung der Aufmerksamkeit das, was Uber mit der gebührenpflichtigen Vermittlung von Transportleistungen macht: Kunde plus X.

Das Problem mit der "Sharing-Ökonomie" ist nicht ein eklig agierendes Start-up wie Uber. Es ist die Transformation des digitalen Wirtschaftssystems zum Plattform-Kapitalismus und die mangelnde Vorbereitung von Politik und Gesellschaft darauf. Plattform-Kapitalismus verändert den Arbeitsbegriff, die Grauzone zwischen privater Hilfe und Schwarzarbeit, das Verständnis und die Regelung von Monopolen. Uber ist bloß eine stinkende Blüte des Plattform-Kapitalismus, und sie kann nur stinken, weil Regulierungslücken bestehen. Schon lange. Bereits 2004 gehörten zu den meisten vermeintlichen Unternehmensgründungen per "Ich-AG" Versandhändler, die ausschließlich auf Ebay handelten. Der Amazon Mechanical Turk, gegründet 2005, ist nichts anderes als ein Uber für digitale Kleinstdienstleistungen.

Nicht zuletzt ermöglichen Plattformen durch die Kontrolle des Ökosystems, jede wirtschaftliche Transaktion als Auktion zu inszenieren. Und nichts eignet sich besser zur Minimierung der Kosten als Auktionen - auch der Kosten für Arbeit. Arbeit ist damit der zentrale gesellschaftliche Aspekt des Plattform-Kapitalismus. Genau dort entscheidet sich, ob man die enormen Vorteile des Plattform-Kapitalismus und damit der Sharing-Ökonomie nutzbar macht - oder eine Dumpinghölle schafft, in der ausgebeutete Amateure nur dazu dienen, die Preise der Profis zu drücken.

Die erste politische Maßnahme müsste daher sein, die digitalen Verflüssigungen zwischen Festanstellung, freiberuflichem Schaffen und Hobbyarbeit weder sozialistisch-gewerkschaftlich totzuregulieren noch thatcheresk-neoliberal allein in die Hände von Radikalkapitalisten zu legen. Das bisherige, netz- und sozialpolitische Regierungs-Oeuvre der letzten fünfzehn Jahre macht großen Mut, dass dieses Unterfangen royalschnafte mit Sternchen gelingen wird!

tl;dr

"Sharing-Ökonomie" ist bloß ein euphemistisch benannter Aspekt einer neuen digitalen Wirtschaftsordnung: Plattform-Kapitalismus.

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Kolumne - Die Mensch-Maschine
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1. Endlich!
Red_Indian 03.09.2014
Sascha Lobo scheint sein NSA-Gate-Trauma überwunden zu haben, und post-traumatisch zu alter Kolumnisten-Klasse zurück zu finden.
2. Lobbypolitik
Harry Callahan 03.09.2014
Die einzigen, denen Uber schadet, sind die Taxifahrer. Aber warum suchen die Benutzer überhaupt nach einer Alternative? Weil Taxifahren schlichtweg zu teuer ist und die Fahrer auch keinen besseren Service bieten, als irgendein Privatfahrer. Daher ist Uber nicht der Untergang des Abendlandes für unsere Gesellschaft - sondern nur für die Taxifahrer. Das ist bedauerlich, aber welches Interesse soll ich als User denn haben, ein System am Leben zu erhalten, dass eine schlechte Leistung bringt und zum Ausgleich dann so teuer ist, dass ich es mir nicht leisten kann?
3. Sehr sehr brav ...
druck_im_topf 03.09.2014
.. kleiner lieber Lobo! Nur wer hört darauf?
4. 80% Zustimmung - aber...
svenni1064 03.09.2014
... das Zeichen für die Entstehung dieser Plattformen sind überhöhte Preise, weil Marktmechanismen nicht funktionieren oder unterlaufen werden. Die Taxi-Preise sind zu hoch für die Nachfrage geworden. Ganz einfach. Und das liegt daran, dass der Wettbewerb ausgeschaltet worden ist. So wie im Buchhandel, so wie bei Musik, so wie lange bei Bahn (und da wird immer noch die DB bevorzugt) und Bus, bei Telekommunikation und Energie. Was fällt auf? Überall wo ein Staatsunternehmen im Spiel war oder ist, gibt es einen klitzekleinen Interessenkonflikt. Die Politik muss also nicht nur reagieren (was Berlin ja gerade ganz deutsch mal wieder ausgeschlossen hat) sondern müsste auch vorausschauend einen Rahmen setzen (zB im BGB oder bei vielen Verordnungen und Regelungen aus der Vor-Internet-Zeit). In dem Zusammenhang haben Amazon, Uber, Google, Apple natürlich sehr recht, auch wenn hier gleich wieder der Shitstorm über die böse USA, das böse TTIP, die böse NSA losbrechen wird. Das alles hätten auch deutsche Unternehmen sein könne - wenn denn die Politik beim Internet nicht den Anschluss schon seit 15 Jahren verloren hätte.
5. wow!
JPT223 03.09.2014
kurz und klar auf den Punkt gebracht. allerding würde ich mir statt der schwurbeligen letzten Absätze ein paar konkrete Lösungsansätze wünschen.
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Sascha Lobo

Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".

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