S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Lösungen auf Knopfdruck gibt es nicht

Mit der richtigen Führung wird alles gut, die falsche stürzt uns in den Untergang? Man hofft so sehr, dass Politik eine Art Magie ist, die auf Knopfdruck alles lösen kann. Zu simpel - wir müssen 2016 mehr Komplexität wagen!

Eine Kolumne von


Der Sündenbock ist ein uraltes, gesellschaftliches Bewältigungskonzept, das schon im Alten Testament niedergelegt ist: An dem, was mir widerfahren ist oder was ich falsch gemacht habe, muss jemand anderes die Schuld tragen. Und wenn es nur symbolisch ist.

"Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und [...] ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste treiben lassen und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen."

Aktuell zeigt die Kakophonie, die die notwendige Flüchtlingsdebatte hätte sein sollen, wie zeitlos die Sündenbockfunktion auch noch rund 2500 Jahre nach ihrer Niederschrift ist.

Irgendwann zwischendurch aber ist zum Sündenbock hinzugekommen: der Verantwortungsbock. Es handelt sich um ein Macht- und Empörungskonzept in Zeiten einer komplexer werdenden Welt. Komplexität ist eine enorm anstrengende Angelegenheit, weil sie Zeit erfordert und Differenzierung. Und auch, weil es am Ende oft trotzdem keine Eindeutigkeit gibt. Die digitale Sphäre hat zur Komplexität und Uneindeutigkeit enorm beigetragen.

Moderne Variante der Obrigkeitshörigkeit

Hier kommt der Verantwortungsbock ins Spiel, als vermeintlich aufgeklärte, neuzeitliche Variante des Sündenbocks. Der Verantwortungsbock ist jemand, dem die Öffentlichkeit die Verantwortung zuschiebt - und der sie auch noch akzeptiert. Die deutsche Politik zum Beispiel ist geradezu verseucht mit diesem für alle Beteiligten angenehmen Konzept.

Politik wird immer und überall verantwortlich gemacht. Weil es so angenehm ist, dass jemand hauptberuflich Schuldträger ist, die da oben natürlich in Berlin, wahrscheinlich auch in Brüssel, jedenfalls nicht man selbst. Und weil es für die Politik auch angenehm ist, nämlich als psychologische Bestätigung der eigenen Wirkmacht und Wichtigkeit. Wie ein Unfall, der dem Fahrer als Vergewisserung dient, immerhin noch im Fahrersitz zu sitzen.

Beim politischen Verantwortungsbock handelt es sich um eine moderne Variante der Obrigkeitshörigkeit. Das lässt sich gut an der Diskussion rund um das Internet erkennen, die oft nach dem Muster läuft: Gesellschaftliches Problem? Die Lösung muss ein politischer Akt sein! Unflätige Kommentare? Anonymität verbieten! Zu wenig Investitionen in Start-ups? Steuererleichterungen! Urheberrechtsverletzungen? Gesetzesverschärfung!

Sein ist eine anstrengende Veranstaltung

Ich selbst weiß sehr gut, wie angenehm Forderungen an die Politik sind, ich habe sie oft gestellt, vielleicht zu oft. Auch deshalb, weil sie in vielen Fällen durchaus Linderung versprechen. Und ganz unbeteiligt ist die Politik selten. Aber in allen drei obigen Beispielen sind die naheliegenden und oft gehörten Forderungen an die Politik entweder falsch oder nur ein Nebenaspekt der Lösung.

Anonymität hat wenig zu tun mit der katastrophalen Lage in der hetzenden, digitalen Öffentlichkeit. Die geringe Investitionsbereitschaft ist ein deutsches Investorenproblem, kein primär politisches. Und gegen Urheberrechtsverletzungen im Netz hilft keine symbolische, gesetzliche Einzelmaßnahme, sondern eher eine Weiterentwicklung der Geschäftsmodelle.

In der Politik den Verantwortungsbock zu sehen, ist eben auch die einfachste Lösung. Und alle streben nach Einfachheit, weil die Welt alle überfordert. Vielleicht schon immer überfordert hat. Sein ist eine anstrengende Veranstaltung. Und was Technologie angeht, war ja bereits die Erfindung des Weckers eine Zumutung, übrigens mutmaßlich eine deutsche Entwicklung.

Das größte Problem des Konzepts Verantwortungsbock ist die Gefahr der Monokausalität. Die Welt ist schlecht, weil die Politik es verbockt hat, und auch nur deshalb. Der folgende Umkehrschluss ist in Form von Pegida und AfD zu besichtigen: Die gesamte Flüchtlingssituation wird allein Angela Merkel zugeschrieben. In diesem Zusammenhang reduziert die stehende Rede "Merkel muss weg" alle Schwierigkeiten, Probleme und Katastrophen - von Syrienkrieg über Balkanroute bis zu brennenden Flüchtlingsheimen - auf eine Person und ihre Entscheidungen.

Das ist nichts anderes als die psychologische Grundierung eines Führerkults, weil es impliziert, dass mit der richtigen Führung die Probleme praktisch von allein verschwinden. Man hofft so sehr, dass Politik eine Art Magie ist, die per Druck auf den richtigen Knopf alles gut werden lässt.

Sehnsucht nach einer simpleren Macht

Aus diesem Grund ist die vermeintliche Machtkritik "Die da oben!" in Wahrheit keine Kritik, sondern bloß die Sehnsucht nach einer anderen, simpleren Macht, die mit einem Schlag alle Probleme löst, ohne weiteres Zutun. Das ist zugleich die Abgabe jeder eigenen Verantwortung und markiert eine Anfälligkeit für Totalitarismus.

Diese Probleme des Konzepts Verantwortungsbock im Bereich der Politik bedeuten natürlich nicht, dass man alle politische, staatliche Regulierung fahren lassen muss. Wie katastrophal das endet, ließ sich in der Finanzkrise samt der heutigen Nachbeben besichtigen. In der digitalen Sphäre ist spätestens mit dem Kampf um die Netzneutralität bewiesen, dass ohne die richtige Regulierung das heutige Internet kaum existieren könnte.

"Wir brauchen eine Generation, die sich nicht vor Komplexität fürchtet"

Aber wenn man in digital vernetzten und beschleunigten Zeiten Schwierigkeiten mit den vielen Verantwortungsböcken ernst nehmen möchte, führt kein Weg daran vorbei, als Zivilgesellschaft mit Komplexität besser umgehen zu lernen. Und nicht alle Verantwortung auf eine Person oder Partei zu verengen. Und das wird umso wichtiger, je komplexer die gesellschaftlichen Prozesse werden, zum Beispiel durch die digitale Vernetzung und den Plattform-Kapitalismus.

Zwischen den Jahren findet traditionell der Kongress des Chaos Computer Club statt. Der in meinen Augen wichtigste Satz fiel dort in einem Gespräch zwischen dem niederländischen Hacker Rop Gonggrijp und dem CCC-Sprecher Frank Rieger, in dem es um die gegenwärtigen Gefahren für Freiheit, Demokratie, Zivilisation ging: "Wir brauchen eine 'post-depressive' Generation, die sich nicht vor Komplexität fürchtet." Was für eine traurige, was für eine hoffnungsvolle Erkenntnis.

tl;dr

Es wäre enorm unklug, einen Artikel über die Probleme zu großer Komplexitätsreduktion in einem 140-Zeichen-Satz zusammenfassen zu wollen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 213 Beiträge
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mielforte 30.12.2015
1. Neudeutsch für Loboisten?
Wie kann man denn mehr Komplexität wagen? Komplexität ist kein Ordnungsschema sondern beschreibt es lediglich. Herr Lobo, nun geben Sie sich doch mal mehr Mühe!
werners53 30.12.2015
2. Verantwortung
Wenn's gut geht übernehmen viel zu gerne alle die Verantwortung. Wir schaffen das. Da ist es nur gerecht, wenn sie die Verantwortung auch dann zugeschoben bekommen, wenn's mal nicht klappt. Die Welt ist einfach. Es gibt stets einfache Lösungen. Die gefallen aber nicht jedem Wähler. Komplex wird es erst, wenn man jedem nach dem Mund geredet hat.
cave100 30.12.2015
3. simpel
Es geht um Verantwortung für das was jemand, in Verantwortung, sagt, tut oder veranlasst. Und hier ist eben das Level etwas höher anzusetzen als bei Journalisten oder Menschen wie ich. Die Bundeskanzerlin war in diesem Sinn überfordert, da sie offensichtlich die Folgen ihres Handels, ohne Auftrag des Parlament, nicht abgesehen hat. Hier war ihr Ego größer als ihr Verstand.
ralf_gabriel 30.12.2015
4. x
Wer keine Angst davor hat, komplexe Zusammenhänge einem ganzen Land erklären zu wollen, hat sie einfach nur nicht verstanden. Die Politik hat die Aufgabe die Komplexen Zusammenhänge für die Mehrheit der Bevölkerung so darzustellen, daß diese sie versteht. Sie hat auch die Aufgabe die Entscheidungen zu treffen, die nötig sind um diese Zusammenhänge in für die Mehrheit des Volkes sinnvoller Weise zu beeinflussen. Wenn sie das nicht mehr kann, weil sie die Zusammenhänge selbst nicht mehr versteht, muß die Komplexität verringert werden. Das ist im Übrigen genau das, was wir gerade in Europa sehen. Das wiederaufleben der Nationalismen ist die Folge der Entäuschung der Menschen über die schlechte Darstellung und Handhabung der komplexen Zusammenhänge unserer Welt bzw in Europa. Bitte erzähle mir jetzt keiner, daß wir selbst - jeder für sich - Weltpolitik machen sollen. Das ist Schwachfug. Weder ist unsere Meinung rund um den Erdball überall erwünscht, noch kann Frau Meier aus Gelsenkirchen Assad, Obama oder Putin anrufen um mal eine Lösung für den Syrienkonflikt auszuloten.
obergner 30.12.2015
5. Dem
ist nichts hinzuzufügen. Wunderbarer Kommentar, fasst prägnant zusammen, was ich schon seit vielen Jahren denke. Danke.
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