S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Die deutsche Krankheit heißt Simplitis

Das Magazin "Newsweek" hat gerade die deutsche Problemlösefähigkeit kräftig gelobt. Doch in Internetdebatten zeigt sich: Gerade der Wunsch nach einfachen Lösungen sorgt für Irrwege und Stillstand.

Eine Kolumne von

"Newsweek"-Cover: Deutsches Jahrhundert?

"Newsweek"-Cover: Deutsches Jahrhundert?


Die Zeitschrift "Newsweek" rief anlässlich der gewonnenen Weltmeisterschaft auf ihrem Cover das "Deutsche Jahrhundert" aus. Für jeden Wohlfühlnationalisten ein wonneweiches Stück Herzwärme, gelobt zu werden, wo Eigenlob problematisch ist. Bisherige "deutsche Jahrhunderte" taugen sehr vorsichtig formuliert jedenfalls nicht so recht als Vorbild. Zum Glück liefert "Newsweek" eine eingängige Wendung als Gebrauchsanweisung mit: "Spot a problem. Analyse it. Solve it."

Das fügt sich wunderbar in das superduperpragmatische Selbstbild, das die vernunfttrunkene, deutsche Ingenieursseele - die ja das riesige Bruttosozialprodukt zusammenklöppelt - gern von sich zeichnet. Für Bereiche wie Maschinenbau, Chemie oder die Herstellung von Qualitätswaffen mag das sogar stimmen. Für die digitale Sphäre könnte diese Losung kaum weiter weg von der Realität sein. Die digitaldeutsche Perspektive auf politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche Probleme hat wenig zu tun mit dem nüchternen Dreiklang Problementdeckung, -analyse, -lösung.

Im Gegenteil. Der Umgang mit Problemen mit digitalem Anteil ist von einer bösen Krankheit befallen: dem Wunsch, es gäbe für alle Probleme simple Lösungen. Dieser Irrglaube zieht sich durch das digitale Gesamtwerk des Landes, mit Höhepunkten wie 2009, als eine große Koalition glaubte, mit Netzsperren ließe sich per Stoppschild das Problem illegaler Inhalte lösen. Schlimmer noch als der Wunsch nach simplen Lösungen sind die Konsequenzen, die sich daraus ergeben.

Die rote oder die blaue Pille?

Bei der Totalüberwachung etwa ist zu offensichtlich, dass es keine simple Lösung gibt. Daher besteht die politische Beschäftigung aus Ausweichbewegungen: Ausblendung des andauernden, millionenfachen Grundrechtsbruchs, Konzentration auf Nebenkriegsschauplätze wie BND-Doppelagenten, Symbolpolitik wie den Platzverweis irgendeines US-Funktionärs. Oder die lautstarke Fokussierung auf die Snowden-Befragung, es ist ja nicht bloß die Regierung, die nach simplen Lösungen für komplexe Probleme strebt.

In die gleiche Kategorie fällt der absurde Vorschlag des "Schengen-Routing". An diesem Schlagwort lässt sich die Gefahr erahnen, die vom übermächtigen Wunsch nach simplen Lösungen ausgeht: Sie prägen Debatten und verdrängen sinnvolle, aber kompliziertere und unangenehmere Lösungen. Sie können sogar die Wahrnehmung des ursprünglichen Problems verzerren, und schließlich wird ernsthaft diskutiert, ob die rote oder doch die blaue Pille hilft gegen den angreifenden Stier.

Diese deutsche Digitalkrankheit, man könnte sie Simplitis nennen, zieht sich durch die Gesellschaft, auch durch die Wirtschaft und die vom digitalen Wandel besonders betroffene Medienlandschaft. Das derzeit wieder hochköchelnde Leistungsschutzrecht ist dafür ein letztklassiges Musterbeispiel. Ja, viele große Verlage haben Schwierigkeiten, journalistische Arbeit im Netz zu refinanzieren. In einer einzigartigen Gruppenverblendung aber musste es für dieses Problem nicht nur einen naheliegenden Schuldigen geben, Google, sondern auch eine simple Zack-Bumm-Lösung: das Leistungsschutzrecht, eine abenteuerliche Konstruktion, nach der kleinste Inhaltsschnipsel kostenpflichtig sein sollen. Störende Argumente wurden ignoriert oder weggelogen, von relevanten Medien wie auch von der Politik, alle Hoffnung wurde in ein einzelnes Gesetz gelegt: die deutsche Zauberlösung für ein globales Großproblem.

In Verkennung digitaler Realitäten ist es gleichzeitig bei vielen Medien noch immer eine Zumutung, eine digitale Ausgabe im Internet zu kaufen (außerhalb der fatal durchregulierten App-Welten). Was am Kiosk drei Sekunden dauert, Zeitung gegen Münzen tauschen, ist im Digitalen zu oft nervenzehrend und dysfunktional. Paid Content ist keine einfache Angelegenheit, funktionierende Strategien müssen mühsam erkämpft werden. Aber dieses fortwährende Experimentieren und Scheitern, das langsame, schmerzhafte Heranrobben an die Zukunft entspricht der digitalen Realität. Es gibt nicht das einfache Digitalrezept, mit dem alles gut wird. Wer so an das Netz herangeht, muss zwangsläufig enttäuscht werden.

Die Zukunftsversion des dämlichen Hausmeisterarguments

In dieser Enttäuschung liegt auch der Schlüssel zur abwehrenden Grundhaltung gegenüber dem Netz, in Deutschland weiter verbreitet als in anderen Staaten. Die Komplexität, die Größe und Wucht des Internets weisen ja bereits darauf hin, dass man den ungeheuren digitalen Herausforderungen eher nicht mit dem Motto "Man muss doch einfach nur…" begegnen kann. Und was verspricht, anstrengend zu werden, wird eben abgelehnt.

Aber die Simplitis, die Irrsicht, es müsse eine simple Lösung geben, ist nicht nur bei Internetskeptikern vorhanden. Noch stärker findet sie sich bei klassisch Netzbegeisterten, wo gern mit einer abfälligen Handbewegung alle sozialen und historischen Argumente weggewischt werden. Das dämliche Hausmeisterargument "Haben wir schon immer so gemacht" gibt es auch in der Geschmacksrichtung Fortschritt: "Ist doch völlig egal, was wir bisher gemacht haben." Und es ist ebenso dämlich, weil auch hinter dieser Welthaltung der Wunsch nach simplen Lösungen steht. Nur eben nach brandneuen simplen Lösungen.

Die gute Nachricht ist: Es gibt einen Ausweg. Die schlechte: Er ist ärgerlich anstrengend. Es ist die Hinwendung zu einem evidenzbasierten Umgang mit der digitalen Welt, die ehrliche und schonungslose Analyse der zweifellos vorhandenen und tiefgreifenden Probleme mit dem und im Internet. Die Analyse anhand der vorliegenden Fakten und nicht aufgrund des Wunsches nach einfacher Lösbarkeit. Die Einstellung der Suche nach dem verlorenen Schlüssel unter der Laterne, weil es dort halt heller ist. Spot a problem, analyse it, solve it, auch im Digitalen. Liest sich einfach, ist aber sehr schwierig. Und könnte deshalb sogar funktionieren.

tl;dr

Einfache Lösungen für komplexe Probleme - dieses uralte, falsche Wunschdenken ist eine der deutschen Digitalkrankheiten: Simplitis.

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insgesamt 50 Beiträge
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Leser161 23.07.2014
1. Prinzipiell ok
Das mit der schreclichen Simplitis unterschreibe ich sofort. Das das aber gerade ein deutsches oder Ingenieursproblem ist, wage ich zu bezweifeln. Jeder Ingenieur wird Ihnen bestätigen, dass "Dann bauen wir halt noch eine Extrastütze an die Brücke" in den seltensten Fällen die Lösung ist und noch seltener von einem Ingenieur vorgeschlagen wird. Sonst halt wie immer: Weitermachen, Herr lobo!
GoaSkin 23.07.2014
2. man kann es garnicht jedem
Wer glaubt, dass man Technik intuitiv bedienbar und für jedem einfach verständlich machen kann, der irrt. Die Menschen sind verschieden, wodurch auch jeder andere Vorstellungen hat, wie er ein Gerät intuitiv bedienen müsste. Genauso macht es die selbe Logik, nach der es für den Einen einfacher wird, dem Anderen komplizierter. Apple hat es z.B. geschafft, dass sich die Leute über Mundpropaganda so lange einreden, dass die Geräte und das System einfach zu bedienen seien, bis es am Ende jeder glaubt und sich sogar einbildet, etwas Einfaches in der Hand zu haben.
zx6 23.07.2014
3. Verwechslung
Die simplistischen "Lösungen" kommen doch überhaupt nicht von den Ingenieuren, sondern von den Politikern. Bspw. die "Stoppseite" für KiPo von Zensursula. Oder die Vorratsdatenspeicherung als Lösung für Verbrechensbekämpfung. Oder die DE-Mail, die per Gesetz für sicher erklärt wird. Oder, oder, oder. Das sind doch alles keine Ingenieurslösungen, sondern Politikerlösungen.
acyonyx 23.07.2014
4. es gibt keine komplexen Probleme!
Es gibt nur Menschen, die es nicht schaffen Probleme auf den ursächlichen Kern zurückzuführen - und deshalb mit komplexen Lösungen antreten, die wiederum qua Logik wieder Probleme sein MÜSSEN. Wir müssen wieder lernen, mit universellen Lösungen und Ansätzen zu kommen. Sonst fliegt uns dereinst alles um die Ohren! Schon jetzt ist das Dickicht aus Regelungen, Vorschriften, Gesetzen und Erlassen, die sich übrigens alle gegenseitig beeinflussen, von Niemandem mehr zu durchschauen! Übrigens müßte Herr Lobo ja, seinem Artikel folgend, die lächerliche, weil viel zu komplexe Regelung, der neuen Automaut gut finden. Diese Maut ist ein Beispiel für nicht zu Ende gedachte Zusammenhänge! Das eigentliche Problem, daß auf national vs. internationaler Ebene liegt wird nicht angegangen. Sondern es werden Partikularinteressen mit maximalem Aufwand geregelt. Es wird sich erst noch zeigen, ob die Maut überhaupt den Aufwand lohnt!
Walther Kempinski 23.07.2014
5. oh
Das war mir jetzt zu kompliziert!
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