S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Am Tag nach der Arbeit

Eine Kolumne von

Was bedeutet die digitale Vernetzung für die Arbeitswelt? Das Angestelltendasein gilt in Deutschland noch immer als einzige wahre Form des Broterwerbs. Doch die Zeiten der lebenslangen Gleichförmigkeit sind vorbei. Jetzt heißt es: Aufwachen.

1930, eine Szene aus Siegfried Kracauers Analyse der heraufziehenden Angestelltenwelt: "'Die Maschine', meint ein Betriebsrat zu mir, 'soll ein Instrument der Befreiung sein.' Er hat die Wendung wahrscheinlich oft in den Versammlungen gehört. Daß sie abgegriffen ist, macht sie erst recht rührend." Die Frage, ob "die Maschine" tatsächlich ein Instrument der Befreiung geworden ist, ist nicht so einfach zu beantworten, wie es zunächst scheint. Das liegt auch daran, dass die Arbeit selbst im 20. Jahrhundert über alle Maßen politisiert wurde, zu einer schwarzweißen Bekenntnisfrage zwischen links und rechts, zwischen sozialistisch und marktliberal. Vielleicht war das notwendig in diesem komischen Jahrhundert, das in Mitteleuropa taumelte zwischen Kleingartenidylle und Vernichtungshorror, ein Jahrhundert der Extreme, das keine Zeit hatte für Differenzierungen, weil Differenzierung Schwäche bedeutet, wenn es um alles oder nichts geht.

Neues Jahrhundert, neues Glück: Jetzt soll die vernetzte Maschine ein Instrument der Befreiung sein. Befreiung wovon? Von dem allseitig akzeptierten und beförderten Zwang, das Normalarbeitsverhältnis als einzig erstrebenswert anzusehen. Eine beängstigende Einheitsfront ergibt sich, vom marxistischen Gewerkschafter bis zum Adepten der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, wenn es um die formalen Pfeiler der Arbeit geht: das Volk ist abhängig beschäftigt. Gestritten wird um die Details. Wie das schon heißt: abhängige Beschäftigung.

Eine wütende Elefantenkuh, die alles niedertrampeln wird

Wie verzweifelt sich die vereinigten Anstellungsfetischisten winden, in "Abhängigkeit" nur das Gute zu sehen. Der Angestelltenstaat Deutschland hat sein System so eingerichtet, dass es implodieren würde, wenn es zu viele Selbständige gäbe. So arbeiten die mit der Arbeit befassten Institutionen realitätsunbeeindruckt daran, dass die großen Strukturen bleiben, wie sie sind. Aber vor der Tür steht die Wirklichkeit, und die Wirklichkeit ist wie eine wütende Elefantenkuh, man kann sie nur eine begrenzte Zeit ignorieren, dann trampelt sie alles nieder. Die Wirklichkeit ist: die allgemeine Fixierung auf das Normalarbeitsverhältnis war eine Notlösung des 20. Jahrhunderts. Es ging halt offenbar nicht anders, die meisten haben das irgendwie eingesehen und so getan, als käme das nächtliche Zähneknirschen von irgendetwas anderem als ihrem Job.

Aber das Normalarbeitsverhältnis war nur ein Waffenstillstand, bei dem Existenzangstminderung und Karriereversprechen eingetauscht wurden für acht Stunden Lebenszeit am Tag. Wie bekloppt ist es eigentlich, das Ringen um ausgedachten Quark wie Pendlerpauschale oder Ehegattensplitting ernsthaft zur Arbeitspolitik hochzustilisieren? Und sich währenddessen kaum darum zu kümmern, dass niemand mehr Eckrentner sein will oder kann? Dass in Zukunft 40 Jahre Erwerbsarbeit ohne Brüche so wahrscheinlich sind wie eine Frau als Papst, aber auf solchen und ähnlichen Annahmen das Sozialsystem beruht?

Aus Betriebsratssicht ist die Cloud eine ständige Stechuhr

Es steht bevor: die vernetzte Arbeit. Nicht in jeder Branche, manche wird die Fortentwicklung des Internets kaum tangieren. Aber zumindest die Großraumbüros werden betroffen sein, alle diejenigen, die ihr tägliches Angestelltsein dazu nutzen, vor den Bildschirmen große Teile des Bruttosozialprodukts zu erwirtschaften, wo sie schon mal da sind, man kann ja nicht ewig in der Teeküche rumhängen.

Diese Entwicklung hat drei Gründe: die digitale Mobilität der wichtigsten Büroarbeitsgeräte existiert schon eine Weile. Inzwischen kommen aber zwei entscheidende Faktoren hinzu. Mit den sozialen Medien ist ein Mechanismus gefunden, wie sich wesentliche Teile der Kommunikation ins Digitale verlagern - und dort dauerhaft funktionieren. Es wächst eine Arbeitsgeneration heran, für die digitales Zusammenarbeiten sich nicht mehr künstlich aufgesetzt anfühlt. Nicht, dass jede Anwesenheit virtualisiert werden kann, aber weite Teile davon eben schon. Und als dritter, entscheidender Punkt kommt die Cloud mit Macht, auch, wenn es so wirkt, als wüssten viele Marktteilnehmer noch gar nicht, warum. Die Antwort auf die Cloudfrage hat das Zeug, die Arbeitswelt und ihr gesellschaftliches Fundament nachhaltig zu erschüttern: die Cloud ist eine gewaltige Effizienzmaschine, im Zweifel eine unerbittliche.

Mit dem Buzzword "Cloud" wird (technisch etwas ungenau) bezeichnet, dass sich entscheidende Arbeitsprozesse vom Einzelrechner auf vernetzte Server verlagern. Damit bekommt kollektive Arbeit völlig neue Dimensionen, zum Beispiel Gleichzeitigkeit, aber auch - und darin liegt die Effizienzgewalt - prozessuale Transparenz und Messbarkeit. Der Cloud ist zwar egal, von wo man arbeitet, dafür lässt sich leicht nachvollziehen, wer wann wie woran mit welchem Ergebnis arbeitet, und zwar in Echtzeit. Aus Betriebsratssicht dürfte die Cloud wie eine ständige Stechuhr samt über die Schulter schauendem Chef wirken. Es lässt sich also voraussehen, dass sogar die große, persönliche Freiheit der digitalen Vernetzung mit ihrer Mobilität, den sozialen Medien und der eigentlich segensreichen Cloud immer tiefer zwischen die Traditionsfronten der Arbeit geraten wird. Dass immer weniger gefragt werden wird, wie die vernetzte Maschine zum produktiven Instrument der Freiheit wird. Sondern dass der Erhalt der Strukturen im Vordergrund steht. Dazu werden die einen vor der Entwicklung als Ganzes warnen und die anderen Flexibilität nur dort zulassen, wo sie den eigenen Vorstellungen zugute kommt.

Dies ist eine Beschwerde, dass zu selten nachgedacht wird, und hier sind die Punkte, über die nachgedacht werden müsste - und zwar von den maßgeblichen, politischen und gesellschaftsprägenden Kräften:

• ein bedingungsloses Grundeinkommen, das zudem dem überfälligen Eingeständnis entsprechen würde, dass die Steuerfinanzierung der Rente unausweichlich scheint

• die Flexibilisierung des Zeitpunkts, an dem man aufhört zu arbeiten (und zwar ohne Gefahr der völligen Verarmung)

• die Entwicklung von Mischformen aus Selbständigkeit und Angestelltendasein

• der Abschied vom Ideal der lebenslang angestellten Gleichförmigkeit

• gesellschaftliche Akzeptanz dafür, dass es außer dem Alter noch andere Lebensphasen gibt, in denen Erwerbsarbeit schwer möglich ist

Die wichtigste Änderung aber - da hilft es nicht, die doofe Politik zu verdammen - muss in den Köpfen der Vielen stattfinden. Denn die Vielen verwechseln noch immer so etwas Wunderbares wie einen Beruf mit etwas so grauenvollem wie Karriere. Das eine hat mit Erfüllung zu tun und ist nicht zwingend eine Erwerbsarbeit - und das andere ist ein Rattenrennen, für das man glaubt, jede Zumutung in Kauf nehmen zu müssen. Werden die Veränderungen durch die vernetzte Maschine dazu genutzt, dass Arbeit flexibler, freier, menschenwürdiger wird - oder nicht? Der letzte Satz in Kracauers "Die Angestellten" lautet: "Es kommt nicht darauf an, daß die Institutionen geändert werden, es kommt darauf an, daß Menschen die Institutionen ändern."

tl;dr

Die digitale Vernetzung verändert die Arbeitswelt dramatisch. Aber weil das in Deutschland nicht ins Konzept passt, wird es ignoriert.

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insgesamt 86 Beiträge
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1.
Leberwurstpizza 01.05.2012
Endlich wird das auch mal hier im Mainstreet-Medium postuliert und nicht wie sonst als utopisches Hirngespinst abgetan. Danke dafür !!!
2. Digitale Arbeitswelt
Niamey 01.05.2012
Zitat von sysopWas bedeutet die digitale Vernetzung für die Arbeitswelt? Das Angestelltendasein gilt in Deutschland noch immer als einzig wahre Form des Broterwerbs. Doch die Zeiten der lebenslangen Gleichförmigkeit sind vorbei. Jetzt heißt es: Aufwachen. Digitale Lebenswelt: Am Tag nach der Arbeit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,830734,00.html)
Die Cloud gibt es schon seit es Server gibt und Arbeitsplätze im Intra-, wie im Extranet (per VPN) auf die gleichen Ressourcen zugreifen können. Jetzt versucht man dem User auch noch den Blödsinn Vloud zu verkaufen. Was ein Schritt in die Zukunft!! Endlich kann jeder Hacker, jeder Cloudanbieter und jeder Geheimdienst ohne große Umwege auf die Daten von einigen technologieaffinen Deppen ohne allzugroße Umwege zugreifen! Weiter so! Ich und mein Umfeld halten nichts davon und werden die Karteikarte wieder auspacken wenn die großen Softwarekonzerne uns keine Alternativen läßt.
3.
Leberwurstpizza 01.05.2012
Zitat von LeberwurstpizzaEndlich wird das auch mal hier im Mainstreet-Medium postuliert und nicht wie sonst als utopisches Hirngespinst abgetan. Danke dafür !!!
Leider wurde meine Überschrift unterschlagen. "Das" ist das bedingungslose Grundeinkommen.
4.
olafs. 01.05.2012
Interessante und teilweise auch richtige Gedanken. Warum dann aber begründungslos und logikfrei der Linksklassiker vom bedingungslosen Grundeinkommen plötzlich und ansatzlos aufkommt, kann ich mir nur damit erklären, dass die moderne hier für alte Ziele usurpiert werden soll. Lieber Herr Lobo, auch hier entlarvt Sie die Cloud unerbittlich.
5.
Sleeper_in_Metropolis 01.05.2012
Zitat von NiameyIch und mein Umfeld halten nichts davon und werden die Karteikarte wieder auspacken wenn die großen Softwarekonzerne uns keine Alternativen läßt.
Das mag für kleine Frickelbuden möglicherweise in Teilbereichen eine Alternative sein, für Großunternehmen und Behörden aber wohl kaum. Darüber hinaus wird bis auf weiteres wohl noch jedes Unternehmen selber entscheiden können, ob und welche Server es selbst betreibt.
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Sascha Lobo
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Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".

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