Schnatterdienst Buzz: Google gesteht schwere Patzer ein
Das ging schnell: Googles direkt nach dem Start heftig kritisierter Social-Networking-Dienst Buzz wird umgebaut, zum dritten Mal innerhalb von vier Tagen. Vor allem die eingebauten Datenschutz-Lecks sollen offenbar gestopft werden - allerdings nicht alle. Der Buzz-Start ist ein Desaster.
Man habe die Rückmeldung "laut und deutlich" vernommen, schrieb Google-Manager Todd Jackson in einem Blogeintrag, und deshalb "rund um die Uhr daran gearbeitet", auf die Kritik der eigenen Nutzer zu reagieren. Nun werden einige der von Google als zentrale Elemente, als fortschrittlicher Ansatz präsentierten Eigenschaften des Social-Networking-Dienstes Buzz beerdigt. Buzz soll eine Art Kreuzung aus Social-Networking-Diensten wie Twitter, Facebook, Flickr und anderen Services sein - in Anbindung an Googles E-Mail-Dienst. Doch der Versuch, einen großen Wurf zu landen, ist zunächst mal gescheitert.
Man habe "schnell erkannt, dass man nicht alles ganz richtig gemacht habe", so Jackson, "das tut uns sehr leid". Google hat Kernelemente seiner Strategie zur Eroberung des sozialen Web wieder einkassieren müssen, weil der Protest der Nutzer nicht zu überhören war. Die jetzt verkündeten Änderungen sind bereits der dritte Schwung innerhalb von vier Tagen.
Der Suchmaschinenriese hat seinen erneuten Versuch, auch das Sozialleben seiner Nutzer zu organisieren und sich somit bergeweise zusätzliche Nutzerdaten einzuverleiben, gründlich verpatzt - und das sieht sogar die Google gegenüber in der Regel sehr wohlwollende Silicon-Valley-Szene so. Die Ingenieurs-Mentalität, mit der die Entwickler des Konzerns das sensible Thema privater Netzwerke angegangen sind, rächt sich nun. Ebenso wie die enorme Sorglosigkeit, die der Konzern im Umgang mit privaten Daten seiner Nutzer an den Tag legte.
Nun wird zunächst einmal einfacher gemacht, Buzz einfach gar nicht zu nutzen - ein nicht unwesentlicher Teil der Kritik hatte sich auch daran entzündet, dass der Dienst jedem Google-Mail-Nutzer zunächst zwangsweise aufgedrängt wurde. Die Möglichkeiten, Einschränkungen vorzunehmen oder den Dienst ganz abzuschalten, waren aber gut versteckt. Nun aber, so Jackson, "können Sie einfach von Anfang an entscheiden, dass sie Buzz überhaupt nicht nutzen wollen".
"Fuck you, Google"
Ein zentraler Kritikpunkt, der schon kurz nach dem Buzz-Start für einige Empörung sorgte: Der Dienst entschied erstmal selbst, mit wem seine Nutzer wohl befreundet waren. Google-typisch wurde ein Algorithmus bemüht, um aus einem Datenwust Informationen zu extrahieren - eine krasse Fehlentscheidung, wie sich nun zeigt. Und nicht nur das: Der Dienst teilte diese Einschätzung über den mutmaßlichen Freundeskreis auch jedem mit, der sich dafür interessierte.
Buzz wertete den Google-Mail-Account jedes Benutzers danach aus, an welche seiner Kontakte der Nutzer besonders häufig Mails schrieb. Reger Schriftwechsel wurde als Beleg für eine freundschaftliche Beziehung interpretiert - eine Logik, die all jenen von vorneherein nicht einleuchtete, die ihren Mailaccount primär beruflich nutzen. Wenn aber der eigene Chef automatisch auf der Freundesliste steht, kann das peinliche oder schlimmstenfalls verheerende Folgen haben - wie schon so mancher Nutzer anderer Social Networks wie Facebook feststellen musste.
Ein in einem erbosten Blogeintrag dokumentierter realer Fall: Der gewalttätige Ex-Mann einer US-Amerikanerin wurde wegen regelmäßiger E-Mail-Kontakte automatisch der Freundesliste der Frau hinzugefügt - und fortan über all ihre sozialen Online-Aktivitäten informiert. Der inzwischen nicht mehr allgemein zugängliche Blogeintrag, in dem die Frau über ihre Erfahrungen berichtet, trug die Überschrift "Fuck you, Google". Der Dienst habe dem gewalttätigen Ex ohne ihr Wissen ihren Aufenthaltsort und ihren aktuellen Arbeitsplatz verraten.
Weiterhin standardmäßig öffentlich: Wem Sie zuhören, wer Ihnen zuhört
Buzz sollte nämlich nicht nur entscheiden können, wer wessen Freund ist, sondern teilte diese Information auch noch der ganzen Welt mit. Der eigene Chef konnte so bei Bedarf erfahren, dass sein Angestellter offenbar in regem Kontakt mit einem Headhunter oder dem Personalchef eines Konkurrenzunternehmens stand.
Man habe mit diesem "Auto Follow" genannten Feature von Buzz ja nur dafür sorgen wollen, dass "Sie ihr soziales Netzwerk nicht von Hand und von Grund auf neu zusammensuchen müssen", heißt es im Blogeintrag nun kleinlaut. Man habe schon am Donnerstag dafür gesorgt, dass die Stelle, an der man kundtun konnte, dass man seine automatisch generierte Freundesliste nicht mit der Welt teilen wollte, einfacher zu finden sei, schrieb Buzz-Projektmanager Jackson nun. Doch das habe "offensichtlich nicht gereicht". Man habe statt des "Auto Follow" deshalb nun ein "Auto Suggest"-System eingeführt: Nun schlägt der Dienst mögliche Freunde vor, der Nutzer hat aber die Freiheit, schon beim Einstieg zu entscheiden, mit wem er wirklich freundschaftlich verbunden ist. Auch Menschen, die Buzz bereits nutzen, soll diese Option beim Einloggen noch einmal angeboten werden.
Nicht abgestellt wird jedoch eine weitere Einstellung, die die zweite Hälfte des geschilderten Problems ausmacht: Auch weiterhin wird Buzz standardmäßig öffentlich machen, wessen Äußerungen ein Nutzer folgt und wer ihm selbst zuhört. Das ist etwa beim Kurznachrichtendienst Twitter genauso - doch die Privatsphäre-Ansprüche an den eigenen E-Mail-Account sind andere als die, die man an Social-Media-Dienste wie Twitter stellt. "Wenn Google wirklich vor allem am Schutz der Privatsphäre seiner Nutzer interessiert wäre, wären diese Follower-Listen standardmäßig privat", heißt es im Fach-Blog "Silicon Alley Insider".
Vollständige E-Mail-Adressen Wildfremder verraten
Die Koppelung von E-Mail-Konto und Social Network hatte ein weiteres fundamentales Problem hervorgebracht, das Google bereits am Freitag mit einem Eil-Patch lösen musste: Wer über die "Reply"-Funktion im Kurznachrichtendienst einem Freund antwortete, offenbarte nicht nur, mit wem er da kommunizierte - sondern unter bestimmten Bedingungen auch dessen vollständige E-Mail-Adresse.
Eine weitere Änderung betrifft eine Kernfunktion dessen, was Google mit Buzz eigentlich erreichen will: Die Nutzung unterschiedlicher Dienste aus dem eigenen Haus zu bündeln und alles miteinander zu verknüpfen - Fotos und abonnierte RSS-Feeds zum Beispiel. Der Dienst soll künftig die als öffentlich markierten Picasa-Fotostrecken und im Google Reader empfohlenen Artikel nicht mehr automatisch mit dem öffentlichen Profil seiner Nutzer verknüpfen. Genau die Art von Datenbündelung, für die Buzz eigentlich gemacht ist, wird nun also zurückgedreht - Google muss eingestehen, dass man die Zeigefreudigkeit seiner eigenen Nutzerschaft offenbar doch überschätzt hat.
Mobilanwendung verrät weiterhin Standort beliebiger Nutzer
Ein weiteres bedenkliches Merkmal des Dienstes ist weiterhin unverändert: Wenn Buzz-Nutzer von ihrem Mobiltelefon aus "Buzzes" absetzen, teilen sie jedem, der die Mobilanwendung für den Dienst nutzt, standardmäßig ihren Namen und ihren aktuellen Standort mit. Die Mobilanwendung kann allerdings bislang nur vom iPhone und auf den aktuellen Stand gebrachten Android-Handys genutzt werden - der Nutzerkreis ist also ungleich kleiner als der der vielen Millionen Google-Mail-Nutzer, denen der Dienst am vergangenen Mittwoch ohne Vorwarnung aufgedrückt wurde.
Die nun eingeführten Neuerungen seien "gute Veränderungen für Buzz", kommentierte "TechCrunch"-Blogger Jason Kincaid, "aber ich frage mich doch, wie all das monatelange interne Tests überstehen konnte". "Gizmodo" findet, die Reparaturen seien "ein guter Anfang", es bleibe jedoch die Möglichkeit, "dass die miesen Schwingungen von Buzz so dauerhaft sind, dass die Leute nicht vergeben und vergessen werden".
Bei "GigaOm" stichelte Mathew Ingram, Googles Vorstöße ins Soziale Web erinnerten ihn an das Verhalten "von Nerds beim Abschlussball". Vielleicht fehle dem Unternehmen aber auch einfach "eine Seele".
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- Sonntag, 14.02.2010 – 14:44 Uhr
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Am 19. April konnte man Google-Aktien an der Technologiebörse Nasdaq erstmals kaufen. Eine Aktie kostete 85 Dollar. Heute ist sie knapp fünfmal so viel wert. Mit dem vielen neuen Geld stieß Google noch im gleichen Jahr verschiedene Projekte an - unter anderem Google Print: Mit den Universitäten Harvard, Stanford, University of Michigan, University of Oxford und der New York Public Library kam man überein, Bücher zu scannen, zu digitalisieren und online durchsuchbar zu machen. Im darauffolgenden Jahr wurde Google Print in "Book Search" umbenannt. Inzwischen sind zahlreiche andere Bibliotheken mit im Boot - auch deutsche.
Die Geschäfte liefen auch 2005 hervorragend für Google - so gut, dass man eine Partnerschaft mit dem strauchelnden Online-Dinosaurier AOL verkünden und eine Millarde Dollar in das Unternehmen investieren konnte.
Der prominenteste Ankauf des Jahres war jedoch YouTube: Google zahlte 1,65 Milliarden Dollar für die Videoplattform und holte sich so Konkurrenz zum eigenen, eben erst gestarteten Videoangebot ins Haus. Zudem wurde eine Werbe- und Suchpartnerschaft mit dem eben von Rupert Murdoch aufgekauften MySpace verkündet: Google stieg endlich ernsthaft ins Geschäft mit dem Web 2.0 ein.
Parallel verlor Google in den Augen vieler Nutzer seine Unschuld: mit dem Start einer eigenen Suchmaschine für China, die sich den Zensurwünschen der dortigen Regierung beugt. Eine Tibet-Unterstützergruppe rief eine Initiative namens "No love 4 Google" ins Leben - und fasste damit einen globalen Meinungsumschwung zusammen. Der Engelsglanz des vermeintlich anderen, besseren Unternehmens, den Google lange hatte aufrechterhalten können, schwand nach und nach.
Ende 2006 hat Google mehr als 10.600 Angestellte.
Vor allem aber ging Google 2007 auf Einkaufstour - in seinem Kerngeschäftsbereich, der Online-Werbung. Zunächst wurde Adscape, ein Spezialist für Werbung in Computerspielen, aufgekauft, dann DoubleClick. Über drei Milliarden Dollar ließ man sich den Online-Anzeigenvermarkter kosten - und eine Menge Ärger. Erst im März 2008 segnete die EU-Kommission den Kauf ab. Datenschützer sehen Google seit der DoubleClick-Akquisition noch kritischer, denn das Unternehmen ist nicht zuletzt darauf spezialisiert, möglichst gründlich Nutzerdaten zu sammeln, um personalisierte Werbung servieren zu können.
Außerdem schickte Google 2007 seine Foto-Autos los: Für die Maps-Erweiterung Streetview fuhren die Kamera-Mobile zunächst durch US-Großstädte - im Jahr 2008 sind sie auch in Deutschland unterwegs.
Außerdem beginnt Google verstärkt, Fühler in Richtung der alten Medienwelt auszustrecken - es gibt Testläufe für Werbevermarktung im Radio, in Print-Publikationen und im traditionellen Fernsehen.
Schon seit Jahren hatte Google verschiedene seiner Dienste in speziellen Handy-kompatiblen Versionen angeboten - Ende 2007 kam dann der ganz große Schritt in die mobile Welt: Das Handy-Betriebssystem Android wurde angekündigt, ein Open-Source-Projekt in Zusammenarbeit mit vielen Telekommunikationsanbietern und Handy-Herstellern.
Ein weiteres Open-Source-Projekt soll Google den Zugriff auf das Vermarktungspotential der Social Networks erleichtern: Die Plattform OpenSocial soll Netzwerkapplikationen transportabel machen, so dass sie bei MySpace genauso laufen können wie bei Xing. Die meisten der großen Communitys sind OpenSocial beigetreten - bis auf Facebook.
Gleichzeitig wächst die Kritik am Suchmaschinengiganten. Die immer neuen Projekte scheinen vielen Nutzern und Datenschützern inzwischen Ausdruck eines gewaltigen Datenhungers - sowohl auf persönliche Informationen über die Nutzer als auch auf nahezu jede beliebige Art von Information, die dem gewaltigen Weltarchiv Google einverleibt werden könnte. Der Google Leitspruch "Don't be evil" hat für manche inzwischen einen hohlen Klang, und die Missionserklärung, man wolle "alle Information der Welt organisieren", klingt zuweilen eher wie eine Drohung.
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