Schnatterdienst Buzz: Google gesteht schwere Patzer ein

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Das ging schnell: Googles direkt nach dem Start heftig kritisierter Social-Networking-Dienst Buzz wird umgebaut, zum dritten Mal innerhalb von vier Tagen. Vor allem die eingebauten Datenschutz-Lecks sollen offenbar gestopft werden - allerdings nicht alle. Der Buzz-Start ist ein Desaster.

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Google Buzz: "Unpoliert, unhandlich und überflüssig"?
Man habe die Rückmeldung "laut und deutlich" vernommen, schrieb Google-Manager Todd Jackson in einem Blogeintrag, und deshalb "rund um die Uhr daran gearbeitet", auf die Kritik der eigenen Nutzer zu reagieren. Nun werden einige der von Google als zentrale Elemente, als fortschrittlicher Ansatz präsentierten Eigenschaften des Social-Networking-Dienstes Buzz beerdigt. Buzz soll eine Art Kreuzung aus Social-Networking-Diensten wie Twitter, Facebook, Flickr und anderen Services sein - in Anbindung an Googles E-Mail-Dienst. Doch der Versuch, einen großen Wurf zu landen, ist zunächst mal gescheitert.

Man habe "schnell erkannt, dass man nicht alles ganz richtig gemacht habe", so Jackson, "das tut uns sehr leid". Google hat Kernelemente seiner Strategie zur Eroberung des sozialen Web wieder einkassieren müssen, weil der Protest der Nutzer nicht zu überhören war. Die jetzt verkündeten Änderungen sind bereits der dritte Schwung innerhalb von vier Tagen.

Der Suchmaschinenriese hat seinen erneuten Versuch, auch das Sozialleben seiner Nutzer zu organisieren und sich somit bergeweise zusätzliche Nutzerdaten einzuverleiben, gründlich verpatzt - und das sieht sogar die Google gegenüber in der Regel sehr wohlwollende Silicon-Valley-Szene so. Die Ingenieurs-Mentalität, mit der die Entwickler des Konzerns das sensible Thema privater Netzwerke angegangen sind, rächt sich nun. Ebenso wie die enorme Sorglosigkeit, die der Konzern im Umgang mit privaten Daten seiner Nutzer an den Tag legte.

Nun wird zunächst einmal einfacher gemacht, Buzz einfach gar nicht zu nutzen - ein nicht unwesentlicher Teil der Kritik hatte sich auch daran entzündet, dass der Dienst jedem Google-Mail-Nutzer zunächst zwangsweise aufgedrängt wurde. Die Möglichkeiten, Einschränkungen vorzunehmen oder den Dienst ganz abzuschalten, waren aber gut versteckt. Nun aber, so Jackson, "können Sie einfach von Anfang an entscheiden, dass sie Buzz überhaupt nicht nutzen wollen".

"Fuck you, Google"

Ein zentraler Kritikpunkt, der schon kurz nach dem Buzz-Start für einige Empörung sorgte: Der Dienst entschied erstmal selbst, mit wem seine Nutzer wohl befreundet waren. Google-typisch wurde ein Algorithmus bemüht, um aus einem Datenwust Informationen zu extrahieren - eine krasse Fehlentscheidung, wie sich nun zeigt. Und nicht nur das: Der Dienst teilte diese Einschätzung über den mutmaßlichen Freundeskreis auch jedem mit, der sich dafür interessierte.

Buzz wertete den Google-Mail-Account jedes Benutzers danach aus, an welche seiner Kontakte der Nutzer besonders häufig Mails schrieb. Reger Schriftwechsel wurde als Beleg für eine freundschaftliche Beziehung interpretiert - eine Logik, die all jenen von vorneherein nicht einleuchtete, die ihren Mailaccount primär beruflich nutzen. Wenn aber der eigene Chef automatisch auf der Freundesliste steht, kann das peinliche oder schlimmstenfalls verheerende Folgen haben - wie schon so mancher Nutzer anderer Social Networks wie Facebook feststellen musste.

Ein in einem erbosten Blogeintrag dokumentierter realer Fall: Der gewalttätige Ex-Mann einer US-Amerikanerin wurde wegen regelmäßiger E-Mail-Kontakte automatisch der Freundesliste der Frau hinzugefügt - und fortan über all ihre sozialen Online-Aktivitäten informiert. Der inzwischen nicht mehr allgemein zugängliche Blogeintrag, in dem die Frau über ihre Erfahrungen berichtet, trug die Überschrift "Fuck you, Google". Der Dienst habe dem gewalttätigen Ex ohne ihr Wissen ihren Aufenthaltsort und ihren aktuellen Arbeitsplatz verraten.

Weiterhin standardmäßig öffentlich: Wem Sie zuhören, wer Ihnen zuhört

Buzz sollte nämlich nicht nur entscheiden können, wer wessen Freund ist, sondern teilte diese Information auch noch der ganzen Welt mit. Der eigene Chef konnte so bei Bedarf erfahren, dass sein Angestellter offenbar in regem Kontakt mit einem Headhunter oder dem Personalchef eines Konkurrenzunternehmens stand.

Man habe mit diesem "Auto Follow" genannten Feature von Buzz ja nur dafür sorgen wollen, dass "Sie ihr soziales Netzwerk nicht von Hand und von Grund auf neu zusammensuchen müssen", heißt es im Blogeintrag nun kleinlaut. Man habe schon am Donnerstag dafür gesorgt, dass die Stelle, an der man kundtun konnte, dass man seine automatisch generierte Freundesliste nicht mit der Welt teilen wollte, einfacher zu finden sei, schrieb Buzz-Projektmanager Jackson nun. Doch das habe "offensichtlich nicht gereicht". Man habe statt des "Auto Follow" deshalb nun ein "Auto Suggest"-System eingeführt: Nun schlägt der Dienst mögliche Freunde vor, der Nutzer hat aber die Freiheit, schon beim Einstieg zu entscheiden, mit wem er wirklich freundschaftlich verbunden ist. Auch Menschen, die Buzz bereits nutzen, soll diese Option beim Einloggen noch einmal angeboten werden.

Nicht abgestellt wird jedoch eine weitere Einstellung, die die zweite Hälfte des geschilderten Problems ausmacht: Auch weiterhin wird Buzz standardmäßig öffentlich machen, wessen Äußerungen ein Nutzer folgt und wer ihm selbst zuhört. Das ist etwa beim Kurznachrichtendienst Twitter genauso - doch die Privatsphäre-Ansprüche an den eigenen E-Mail-Account sind andere als die, die man an Social-Media-Dienste wie Twitter stellt. "Wenn Google wirklich vor allem am Schutz der Privatsphäre seiner Nutzer interessiert wäre, wären diese Follower-Listen standardmäßig privat", heißt es im Fach-Blog "Silicon Alley Insider".

Vollständige E-Mail-Adressen Wildfremder verraten

Die Koppelung von E-Mail-Konto und Social Network hatte ein weiteres fundamentales Problem hervorgebracht, das Google bereits am Freitag mit einem Eil-Patch lösen musste: Wer über die "Reply"-Funktion im Kurznachrichtendienst einem Freund antwortete, offenbarte nicht nur, mit wem er da kommunizierte - sondern unter bestimmten Bedingungen auch dessen vollständige E-Mail-Adresse.

Eine weitere Änderung betrifft eine Kernfunktion dessen, was Google mit Buzz eigentlich erreichen will: Die Nutzung unterschiedlicher Dienste aus dem eigenen Haus zu bündeln und alles miteinander zu verknüpfen - Fotos und abonnierte RSS-Feeds zum Beispiel. Der Dienst soll künftig die als öffentlich markierten Picasa-Fotostrecken und im Google Reader empfohlenen Artikel nicht mehr automatisch mit dem öffentlichen Profil seiner Nutzer verknüpfen. Genau die Art von Datenbündelung, für die Buzz eigentlich gemacht ist, wird nun also zurückgedreht - Google muss eingestehen, dass man die Zeigefreudigkeit seiner eigenen Nutzerschaft offenbar doch überschätzt hat.

Mobilanwendung verrät weiterhin Standort beliebiger Nutzer

Ein weiteres bedenkliches Merkmal des Dienstes ist weiterhin unverändert: Wenn Buzz-Nutzer von ihrem Mobiltelefon aus "Buzzes" absetzen, teilen sie jedem, der die Mobilanwendung für den Dienst nutzt, standardmäßig ihren Namen und ihren aktuellen Standort mit. Die Mobilanwendung kann allerdings bislang nur vom iPhone und auf den aktuellen Stand gebrachten Android-Handys genutzt werden - der Nutzerkreis ist also ungleich kleiner als der der vielen Millionen Google-Mail-Nutzer, denen der Dienst am vergangenen Mittwoch ohne Vorwarnung aufgedrückt wurde.

Die nun eingeführten Neuerungen seien "gute Veränderungen für Buzz", kommentierte "TechCrunch"-Blogger Jason Kincaid, "aber ich frage mich doch, wie all das monatelange interne Tests überstehen konnte". "Gizmodo" findet, die Reparaturen seien "ein guter Anfang", es bleibe jedoch die Möglichkeit, "dass die miesen Schwingungen von Buzz so dauerhaft sind, dass die Leute nicht vergeben und vergessen werden".

Bei "GigaOm" stichelte Mathew Ingram, Googles Vorstöße ins Soziale Web erinnerten ihn an das Verhalten "von Nerds beim Abschlussball". Vielleicht fehle dem Unternehmen aber auch einfach "eine Seele".

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Forum - Google Buzz - nützliche Ergänzung oder Privatsphären-Risiko?
insgesamt 14 Beiträge
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1. Wenn es dem Googlehupf zu gut geht...
archelys 14.02.2010
Zitat von sysopGeht der Konzern mit seinem Einstieg ins Social Web zu weit? Oder bringt Buzz endlich die Bündelung sozialer Online-Aktivitäten, die schon lange fehlt?
Allein schon der Begriff..."Buzz". Ich würde sagen:" Es reicht, Herr Google".
2.
fgranna 14.02.2010
Zitat von archelysAllein schon der Begriff..."Buzz". Ich würde sagen:" Es reicht, Herr Google".
"Geht der Konzern mit seinem Einstieg ins Social Web zu weit?" und Wie arrogant muss man eigentlich sein?! Eine Firma bringt einen Dienst auf den Markt und die Leute meckern... Ist irgendwer gezwungen den Dienst zu nutzen? Muss jeder Zwangsabgaben dafür zahlen? "VW baut bald Motorräder, geht der Konzern damit zu weit?"
3.
janphilipp 14.02.2010
Zitat von fgranna"Geht der Konzern mit seinem Einstieg ins Social Web zu weit?" und Wie arrogant muss man eigentlich sein?! Eine Firma bringt einen Dienst auf den Markt und die Leute meckern... Ist irgendwer gezwungen den Dienst zu nutzen? Muss jeder Zwangsabgaben dafür zahlen? "VW baut bald Motorräder, geht der Konzern damit zu weit?"
ich persönlich war aber nicht unbedingt erfreut darüber das google sehr stark versucht hatte mir über den mail account direkt einen buzz account zu schenken für den ursprünglich kaum einstellungen der privatsphäre vorgesehen waren;)
4.
ozlemon 14.02.2010
Zitat von fgranna"VW baut bald Motorräder, geht der Konzern damit zu weit?"
Klare Antwort: JA! Schuster, bleib bei deinen Leisten. Genauso überflüssig wie der Versuch von BMW in der Formel1, genauso überflüssig ist Buzz bei den Social networks. Googelaner - diesmal ihr seid zu spät und habt euch völlig überschätzt. Danke!
5.
Eiermann 14.02.2010
Die Bilder sehen ganz interessant aus. Wozu Buzz gut sein soll, ist aber noch nicht ganz klar. Vielleicht ein größeres Twitter, auf dem eigene Recherchen, Aktivitäten usw. sofort ad hoc veröffentlicht werden? Es ist auch nicht ganz klar, was Buzz überhaupt sein soll: ein Feed oder ein Microblog oder beides? Social-Web-Angebote leben und wachsen vor allem mit ihren Usern. Google Buzz hätte gut daran getan, einen schnellen Zugang zu einzelnen Google-Profilen bzw. zur Suche oder zu Verzeichnissen solcher Profile zu gewährleisten. Damit man wie z.B. bei Twitter den Sinn und Zweck des Ganzen an realen Beispielen begutachten kann, sich verstärkt Nutzer damit beschäftigen und der Dienst an Masse und Attraktivität gewinnen kann.
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Googles Geschichte
1995 - When Larry met Sergey
Angeblich konnten Larry Page und Sergey Brin einander erst einmal nicht besonders gut leiden, als sie sich im Jahr 1995 zum ersten Mal trafen. Der 24-jährige Brin war übers Wochenende in Stanford zu Besuch, der 23-jährige Page gehörte angeblich zu einer Gruppe von Studenten, die Besucher herumführen mussten. Der Legende nach stritten Brin und Page ununterbrochen miteinander.
1996 - Es begann mit einer Rückenmassage
Die erste Suchmaschine, die Page und Brin gemeinsam entwickelten, hatte den Arbeitstitel "BackRub" (Rückenmassage), weil sie im Gegensatz zu anderen zu dieser Zeit eingesetzten Suchtechniken auch "Backlinks" berücksichtigte, also Links, die auf die entsprechende Web-Seite verwiesen.
1998 - Finanzierung
Nachdem die Versuche gescheitert waren, die eigene Entwicklung an ein Unternehmen wie Yahoo zu verkaufen, entschlossen sich Brin und Page entgegen ihren ursprünglichen Plänen, selbst ein Unternehmen zu gründen. Der Legende nach bekamen sie von Andy Bechtolsheim, einem der Gründer von Sun Microsystems, einen Scheck über 100.000 Dollar - ausgestellt auf Google Inc., obwohl ein Unternehmen dieses Namens zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existierte. Insgesamt brachten die beiden eine Anfangsfinanzierung von knapp einer Million Dollar zusammen - was reichte, um in der Garage eines Freundes in Menlo Park, Kalifornien, ein Büro einzurichten und einen Angestellten zu engagieren. Im September wurde das mit einer Waschmaschine und einem Trockner ausgestattete Büro eröffnet - was heute als offizielle Geburtsstunde von Google betrachtet wird.
1999 - Mehr Geld und ein neues Heim
Schon im Februar 1999 zog das rasant wachsende Unternehmen in ein richtiges Bürogebäude um. Inzwischen hatte es acht Mitarbeiter. Erste Firmenkunden bezahlten Geld für Googles Dienste. Am 7. Juni wurde eine zweite Finanzierungsrunde verkündet: Die Wagniskapitalgeber Sequoia Capital und Kleiner Perkins Caufield & Byers schossen insgesamt 25 Millionen Dollar zu. Noch im gleichen Jahr bezog das Unternehmen den "Googleplex", den Kern des heutigen Hauptquartiers in Mountain View, Kalifornien.
2000 - AdWords
Das Jahr 2000 muss als jenes gelten, in dem Google tatsächlich zu dem gemacht wurde, was es heute ist: dem mächtigsten Werbe-Vermarkter im Internet. Der Start eines "Schlüsselwort-gesteuerten Werbe-Programms" schuf die Basis für den gewaltigen kommerziellen Erfolg von Google. Man benutze "ein proprietäres Anzeigen-Verteilungssystem, um eine der Suchanfrage eines Nutzers sorgfältig angepasste Werbeanzeige beizugeben", erklärt die Pressemitteilung von damals das Prinzip. Die Anzeigen konnten online auf sehr einfache Weise eingekauft werden - AdWords war geboren und brachte sofort Geld ein. Noch heute ist die Vermarktung der Textanzeigen auf der Suchseite die zentrale Säule des Google-Imperiums, die den Löwenanteil aller Umsätze ausmacht. Parallel wurden im Jahr 2000 neue Kunden gewonnen, die Google-Suche in ihre Angebote integrierten, darunter Web-Seiten aus China und Japan. Im gleichen Jahr wurde auch die Google Toolbar veröffentlicht, die es erlaubte, mit Google das Netz zu durchsuchen, ohne auf die Google-Web-Seite zu gehen.
2001 - Profit und ein neuer Eric Schmidt
Schon im Jahr 2001 machte Google Profit - was man von den meisten anderen Start-ups, die zu dieser Zeit noch die Phantasien der Börsenmakler beflügelten, nicht behaupten konnte. Um den Anforderungen eines rasant wachsenden Unternehmens gerecht zu werden, wurde Eric Schmidt, der zuvor schon führende Positionen in Firmen wie Novell und Sun Microsystems innegehabt hatte, im August 2001 zum Chief Executive Officer Googles ernannt.
2002 - Corporate Search, Google News, Froogle
Seit 2002 verkauft Google auch Hardware - Such-Lösungen für die Intranets von Unternehmen. Im September des Jahres wurde die Beta-Version von Google News livegeschaltet, dem Nachrichten-Aggregator, der bis heute für zuweilen böses Blut zwischen Zeitungen, Nachrichtenagenturen und den Suchmaschinisten sorgt. Ein Algorithmus sammelt Schlagzeilen und Bilder und komponiert daraus nach bestimmten Kriterien eine Übersichtsseite. Im Dezember startete zudem Froogle, eine mäßig erfolgreiche Produkt-Suchmaschine. Heute heißt Froogle schlicht Google Product Search.
2003 - AdSense und Blogger
AdSense ist die zweite wichtige Säule im Google-Anzeigenimperium. Im Jahr 2003 wurde der Dienst vorgestellt, der den Text auf Web-Seiten analysiert und daneben passende Werbeanzeigen platzieren soll. Das System bietet auch Betreibern kleiner Web-Seiten die Möglichkeit, ihre Angebote zu monetarisieren - die Einkünfte werden zwischen Seiteninhaber und Google aufgeteilt. Im gleichen Jahr kaufte Google Blogger, einen großen Blog-Hoster.
2004 - Picasa, Googlemail, Bücher und ein Börsengang
Der Start des E-Mail-Dienstes Googlemail (in den USA Gmail) wurde am 1. April verkündet, mitsamt der Nachricht, dass die Nutzer ein Gigabyte Speicherplatz zur Verfügung haben würden. Es wurde schnell klar, dass es sich nicht um einen Scherz handelte - und dass Google daran selbstverständlich verdienen will. AdSense wurde von Anfang an eingesetzt, um E-Mails nach Schlüsselwörtern zu durchsuchen und mehr oder minder passende Reklame daneben einzublenden. Im Juli kaufte Google Picasa, ein Unternehmen, das sich auf die digitale Fotoverwaltung spezialisiert hatte. Heute ist Picasa ein On- und Offline-Angebot - Googles Antwort auf Flickr.

Am 19. April konnte man Google-Aktien an der Technologiebörse Nasdaq erstmals kaufen. Eine Aktie kostete 85 Dollar. Heute ist sie knapp fünfmal so viel wert. Mit dem vielen neuen Geld stieß Google noch im gleichen Jahr verschiedene Projekte an - unter anderem Google Print: Mit den Universitäten Harvard, Stanford, University of Michigan, University of Oxford und der New York Public Library kam man überein, Bücher zu scannen, zu digitalisieren und online durchsuchbar zu machen. Im darauffolgenden Jahr wurde Google Print in "Book Search" umbenannt. Inzwischen sind zahlreiche andere Bibliotheken mit im Boot - auch deutsche.
2005 - Google Maps und Google Earth
Im Jahr 2005 kam die Google-Maschinerie richtig in Schwung. In rasantem Tempo veröffentlichte das Unternehmen, das bis zum dritten Quartal auf fast 5000 Mitarbeiter angewachsen war, eine Anwendung nach der anderen. Die im Rückblick wohl wichtigste: Google Maps, der Kartendienst, der die Welt geografisch durchsuchbar machen sollte, und sogleich mit der bis dahin nur mäßig erfolgreichen lokalen Suche Google Local verschmolz. Die im Jahr zuvor angekaufte Satellitenkapazität kam nun zum Einsatz: Sie bot die heute beinahe selbstverständliche Möglichkeit, Satellitenfotos statt abstrakter Karten anzusehen. Später im Jahr kam auch noch die Desktop-Software Google Earth, Googles Digitalglobus. Außerdem starteten: die "personalisierte Homepage", die heute iGoogle heißt, Googles Video- und Fotosuche, die Voice-over-IP und Instant-Messaging-Lösung Google Talk, der bis heute ziemlich glücklose Kleinanzeigendienst Google Base, ein eigener RSS-Reader. Und: Google kaufte das Unternehem Urchin und verwandelte dessen Webtraffic-Analysemethoden in sein Angebot Google Analytics. Damit bot das Unternehmen nun erstmals die vollständige Dienst-Palette einer Netz-Mediaagentur, eines Online-Werbevermarkters.

Die Geschäfte liefen auch 2005 hervorragend für Google - so gut, dass man eine Partnerschaft mit dem strauchelnden Online-Dinosaurier AOL verkünden und eine Millarde Dollar in das Unternehmen investieren konnte.
2006 - Google Video, Web-Applikationen , YouTube - und Kritik
Anfang des Jahres stellte Larry Page bei einem Vortrag bei der Consumer Electronics Show in Las Vegas Google Video vor - und Google Pack, einen ersten, offenkundigen Angriff auf Microsoft, denn das Software-Paket enthielt diverse Anwendungen, die als Konkurrenzprodukte zu Microsofts Angebot gelten können. Gegründet wurde die Wohltätigkeitsorganisation Google.org, an den Start gingen außerdem der Finanzinformationsdienst Google Finance und die Paypal-Konkurrenz Google Checkout. Vor allem aber ist 2006 das Jahr, in dem man bei Google ernsthaft damit begann, Office-Anwendungen ins Web zu verlegen. Neben dem Google-Kalender wurde am Jahresende auch Google Docs & Spreadsheets livegeschaltet. Zuvor hatte Google Upstartle gekauft, ein Unternehmen, das bis dahin das Online-Textverarbeitungsprogramm Writely hergestellt hatte - nur eine von mehreren Akquisitionen. Auch SketchUp (3-D-Gebilde für Google Earth) und die Wiki-Plattform JotSpot wurden 2006 ins Google-Reich integriert.

Der prominenteste Ankauf des Jahres war jedoch YouTube: Google zahlte 1,65 Milliarden Dollar für die Videoplattform und holte sich so Konkurrenz zum eigenen, eben erst gestarteten Videoangebot ins Haus. Zudem wurde eine Werbe- und Suchpartnerschaft mit dem eben von Rupert Murdoch aufgekauften MySpace verkündet: Google stieg endlich ernsthaft ins Geschäft mit dem Web 2.0 ein.

Parallel verlor Google in den Augen vieler Nutzer seine Unschuld: mit dem Start einer eigenen Suchmaschine für China, die sich den Zensurwünschen der dortigen Regierung beugt. Eine Tibet-Unterstützergruppe rief eine Initiative namens "No love 4 Google" ins Leben - und fasste damit einen globalen Meinungsumschwung zusammen. Der Engelsglanz des vermeintlich anderen, besseren Unternehmens, den Google lange hatte aufrechterhalten können, schwand nach und nach.

Ende 2006 hat Google mehr als 10.600 Angestellte.
2007 - Googlemail für alle, DoubleClick, Streetview und Android
Im Februar wird Googles E-Mail-Dienst für alle geöffnet - bis dahin brauchte man eine Einladung, um seine E-Mails von AdSense nach Schlüsselwörtern durchsuchen zu lassen.

Vor allem aber ging Google 2007 auf Einkaufstour - in seinem Kerngeschäftsbereich, der Online-Werbung. Zunächst wurde Adscape, ein Spezialist für Werbung in Computerspielen, aufgekauft, dann DoubleClick. Über drei Milliarden Dollar ließ man sich den Online-Anzeigenvermarkter kosten - und eine Menge Ärger. Erst im März 2008 segnete die EU-Kommission den Kauf ab. Datenschützer sehen Google seit der DoubleClick-Akquisition noch kritischer, denn das Unternehmen ist nicht zuletzt darauf spezialisiert, möglichst gründlich Nutzerdaten zu sammeln, um personalisierte Werbung servieren zu können.

Außerdem schickte Google 2007 seine Foto-Autos los: Für die Maps-Erweiterung Streetview fuhren die Kamera-Mobile zunächst durch US-Großstädte - im Jahr 2008 sind sie auch in Deutschland unterwegs.

Außerdem beginnt Google verstärkt, Fühler in Richtung der alten Medienwelt auszustrecken - es gibt Testläufe für Werbevermarktung im Radio, in Print-Publikationen und im traditionellen Fernsehen.

Schon seit Jahren hatte Google verschiedene seiner Dienste in speziellen Handy-kompatiblen Versionen angeboten - Ende 2007 kam dann der ganz große Schritt in die mobile Welt: Das Handy-Betriebssystem Android wurde angekündigt, ein Open-Source-Projekt in Zusammenarbeit mit vielen Telekommunikationsanbietern und Handy-Herstellern.

Ein weiteres Open-Source-Projekt soll Google den Zugriff auf das Vermarktungspotential der Social Networks erleichtern: Die Plattform OpenSocial soll Netzwerkapplikationen transportabel machen, so dass sie bei MySpace genauso laufen können wie bei Xing. Die meisten der großen Communitys sind OpenSocial beigetreten - bis auf Facebook.
2008 - Knol, Chrome und kein Ende
Im laut offizieller Zeitrechnung zehnten Jahr seiner Existenz lässt die Suchmaschine im Tempo nicht nach. 2008 wurden eine kollaborative Wissensplattform (Knol), eine 3-D-Chatanwendung (Lively), Straßenansichten für noch mehr Großstädte - und ein eigener Google-Browser gestartet.

Gleichzeitig wächst die Kritik am Suchmaschinengiganten. Die immer neuen Projekte scheinen vielen Nutzern und Datenschützern inzwischen Ausdruck eines gewaltigen Datenhungers - sowohl auf persönliche Informationen über die Nutzer als auch auf nahezu jede beliebige Art von Information, die dem gewaltigen Weltarchiv Google einverleibt werden könnte. Der Google Leitspruch "Don't be evil" hat für manche inzwischen einen hohlen Klang, und die Missionserklärung, man wolle "alle Information der Welt organisieren", klingt zuweilen eher wie eine Drohung.

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