Fotografin Sibylle Fendt: "Den Kinderwagen haben wir geschenkt bekommen"

Preisgeld, Elterngeld, Magazinaufträge: Die Fotografin Sibylle Fendt erzählt, wovon sie im Jahr 2011 gelebt hat und warum sie ihren Eltern einen Kredit bis heute nicht zurückzahlen konnte.

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Sibylle Fendt: Die Fotografin finanziert sich derzeit vom Elterngeld

Sibylle Fendt, geboren 1974 in Karlsruhe, arbeitet als Fotografin. Sie hat an der Fachhochschule Bielefeld studiert, war Gaststudentin bei Wolfgang Tillmans, wurde 2004 mit dem Otto-Steinert-Preis ausgezeichnet und gewann 2010 den 1. Preis beim Vattenfall Fotopreis. Sie lebt und arbeitet in Berlin und ist Mitglied bei Ostkreuz, der Agentur der Fotografen Das Protokoll:

Im Moment bin ich mal wieder pleite. Aber nur, weil ich den Bildband über meine letzte dokumentarische Fotoarbeit "Gärtners Reise" selbst finanziert habe. Leider ist es in der Regel so, dass man für die Herstellungskosten aufkommen muss, wenn man nicht berühmt ist. Die Auflage beträgt 1000 Exemplare und die Produktion kostete 12.000 Euro. Dafür habe ich 250 Freiexemplare bekommen. Hört sich nach einem schlechten Deal an, aber die Entscheidung für die Publikation habe ich aus dem Bauch heraus gefällt, wie so vieles in den letzten zehn, zwölf Jahren, seit ich versuche, als Dokumentarfotografin zu arbeiten.

Ein Jahr ohne bezahlten Job

Meine Kommilitonen an der FH Bielefeld haben immer gesagt, wenn es jemand "schafft", dann ich. Seit 2002 fotografiere ich hauptsächlich Menschen, die sich in einer elementaren Krise befinden: Demenzkranke, Essgestörte, Spielsüchtige. Eigentlich war ich recht zuversichtlich, als ich nach meinem Diplom nach Berlin gezogen bin. Tatsächlich habe ich dann aber ein Jahr lang keine bezahlten Jobs bekommen.

Ich hing total in den Seilen und spielte mit dem Gedanken, mir einen 4- oder 5-Euro-Job zuzulegen. Ich hatte mich bei einem Kurierunternehmen beworben, aber mir wurde klar, dass ich das bisschen, was ich da verdiene, direkt wieder ausgebe. Daraufhin habe ich mich mit meinen Eltern beraten und gefragt, ob sie mir einen Kredit geben. Das kostete viel Überwindung. Aber mit dem Geld konnte ich eine neue freie Arbeit über Magersüchtige finanzieren: Die Fahrten, das Fotomaterial. Und ich wollte ja auch ein Polster für schlechte Zeiten.

Fotos für Firmenbericht verdoppeln den Verdienst

Damals habe ich noch versucht, hauptsächlich von Aufträgen von Magazinen zu leben. Aber nachdem ich 2007 von der Zeitschrift "Neon" zu einer der 100 wichtigsten Deutschen gekürt wurde, hat auf einmal niemand mehr angerufen. Wahrscheinlich dachten alle, ich habe es sowieso nicht mehr nötig und sei viel zu teuer. 2008 wiederum war bei mir echt ein tolles Jahr, einfach nur, weil ich für den Jahresbericht eines Unternehmens dokumentarische Fotos gemacht habe.

Am Anfang sollte ich nur drei Tage lang fotografieren, am Schluss wurden es 20 oder 30 Tage. Dadurch hat sich schlagartig mein Jahresverdienst verdoppelt und ich konnte mich im zweiten Halbjahr einem tollen freien Projekt widmen, "Gärtners Reise" eben. Zudem unterrichtete ich damals schon an der Ostkreuzschule, aber nur einmal im Monat. Die Ostkreuzschule ist eine private Schule für Fotografie in Berlin, an der ich einen Lehrauftrag habe und die Abschlussklasse unterrichte. Nichts, wovon man leben könnte, aber ein ganz guter Grundstock.

Leben vom Elterngeld

Im Moment finanziere ich mich vom Elterngeld, mein zweites Kind ist vor zwei Monaten auf die Welt gekommen. Ehrlich gesagt, kann man ganz schön dankbar sein, dass es Elterngeld gibt. Selbständige reichen dafür den Steuerbescheid vom letzten Jahr ein und bekommen dann auf zwölf Monate verteilt 67 Prozent vom Netto-Einkommen ausgezahlt. Bei mir immerhin 10.000 Euro. Zuerst dachte ich mir natürlich auch: Wie soll ich denn von 67 Prozent leben, wenn ich sonst nur so knapp über die Runden komme? Aber ich muss in dieser Zeit keine Krankenversicherung bezahlen und die beträgt ja fast schon 25 Prozent meines Einkommens.

Was man in dieser Zeit anderweitig verdient, wird mit dem Elterngeld verrechnet. Außerdem erhalten wir 185 Euro Kindergeld pro Kind. Den Kinderwagen haben wir geschenkt bekommen. Klar, wenn man solche Luxusausgaben einrechnen würde, funktionierte es nicht so gut, aber mit 185 Euro kommt so ein Baby gut durch den Monat.

Mischkalkulation aus Unterricht, Magazinfotografie, Förderung

Nach wie vor bewerbe ich mich bei Fotowettbewerben. 2010 habe ich den mit 10.000 Euro dotierten Vattenfall-Fotopreis gewonnen. Solche Preisgelder gibt es sonst kaum in der Fotografie. Das war in dem Jahr meine Haupteinnahmequelle. Ich habe die Arbeit über Alzheimer, die ich 2008 in der zweiten Jahreshälfte fotografiert habe und die jetzt als Buch erschienen ist, eingereicht.

Außerdem bin ich seit 2010 Mitglied bei der Fotografenagentur Ostkreuz. Wenn ich für ein Magazin fotografiere, bekommt die Agentur 20 Prozent des Honorars, bei Zweitverwertung 55 Prozent. Insgesamt geht es mir nicht besser oder schlechter, seit ich bei Ostkreuz eingestiegen bin.

Die Fotografie ist immer noch ein Traumberuf. Ich hoffe oder bin mir sicher, dass ich irgendwie einen Weg finden kann, davon zu leben. Wahrscheinlich wird's immer wieder diese blöde Mischkalkulation bleiben. Eine Mischung aus Unterrichten, Magazinaufträgen und an Wettbewerben teilnehmen oder Fördermittel eintreiben für freie Projekte. Aber ich würde mir wünschen, dass ich auf die Magazinfotografie irgendwann nicht mehr angewiesen bin. Ich möchte mich nicht beklagen, wenigstens werde ich durchaus angefragt zu den Themen, die mir nahe sind, die zu mir passen. Aber letzten Endes ist es nicht so, dass ich mir leisten könnte, einen Job abzulehnen, weil ich so gut gebucht bin.

Ach so, den Kredit von meinen Eltern habe ich so halb zurückgezahlt, die sagen aber auch immer, "Das hat Zeit".

Auf der Internetkonferenz re:publica präsentiert SPIEGEL ONLINE eine Diskussionsrunde zum Urheberrecht (Freitag, 11.15 Uhr, Stage 2): Es diskutieren Conrad Fritzsch von tape.tv, Konrad von Löhneysen, Embassy of Music, die Musikerin Roxanne de Bastion und der Komponist Hans Hafner. Moderation: re:publica-Gründer und Musiker Johnny Haeusler.

Aufgezeichnet von Jörn Morisse

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Jörn Morisse studierte Kulturwissenschaft und Amerikanistik und lebt als selbständiger Lektor, Übersetzer und Literaturagent in Berlin. Zuletzt erschien sein Interview-Band "Never get old?", Interviews mit Musikern über das Älterwerden.

Morisse hat 2007 mit Rasmus Engler den Band "Wovon lebst du eigentlich?" veröffentlicht, in dem 20 Kulturschaffende berichten, wovon sie leben. Nun, fünf Jahre später, fragt der Autor bei einigen seiner Gesprächspartner für SPIEGEL ONLINE nach, was sich verändert hat.


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