Hackertreffen in Köln: Sie haben uns doch gewarnt

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Besucher einer CCC-Veranstaltung (Archivbild): Hacker unter sich Zur Großansicht
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Besucher einer CCC-Veranstaltung (Archivbild): Hacker unter sich

Eigentlich ist es ihr großer Moment: Alles, was Hacker seit Jahren predigen - Geheimdienste überwachen das Netz, Online-Kommunikation ist nicht sicher, verschlüsselt besser eure E-Mails - stellt sich als wahr heraus. Wie geht es jetzt weiter? Ein Besuch beim Szenetreffen Sigint in Köln.

Ein junger Mann lässt sich in einen Sessel fallen und seufzt. "Mann, momentan wünschte ich mir echt ein T-Shirt, auf dem steht: 'I told you so'", sagt er, "ich habe es euch gesagt". Damit spricht der Hacker aus, was viele hier in diesen Tagen und Wochen oft wiederholen - simpel auf den Nenner gebracht: Wir haben es gewusst, wir haben es euch gesagt, aber ihr habt uns für paranoide Spinner gehalten. Es geht um Prism.

Der Internet-Überwachungsskandal ist wie überall auch hier im Kölner Mediapark das vorherrschende Thema, oder gerade hier, denn an diesem Wochenende findet hier die Sommerkonferenz des Chaos Computer Clubs statt. Und die heißt Sigint, so heißt sie schon seit Jahren, nur ist diese Abkürzung seit den Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden viel mehr Menschen geläufig und wieder im Gespräch. Sie steht unter anderem für Signals Intelligence, die nachrichtendienstliche Informationsgewinnung, die gerade bei vielen Menschen auf der Welt für Kopfzerbrechen sorgt.

Die Hacker zerbrechen sich diesen Kopf schon seit Jahrzehnten. Und deshalb brauchten sie ihr Vortragsprogramm für die Konferenz gar nicht groß umzustellen, als sich in den vergangenen Wochen die Nachrichtenlage änderte und öffentlich über Programme wie Prism und Tempora diskutiert wird. Über Datenschutz und Selbstverteidigung im Internet, über Sicherheit und Bedrohung, über all das wird hier sowieso gesprochen, Snowden hin oder her: In den Vorträgen geht es unter anderem um Verschlüsselungstechniken, um gute und unsichere Werkzeuge und darum, wie man sie überhaupt der breiten Masse zugänglich machen kann - zum Beispiel durch Cryptopartys, die plötzlich einen Boom erleben, mit dem kaum jemand gerechnet hatte.

"Das Militär hat das Internet bestellt und bezahlt"

Dafür, dass viele Menschen sich gerade mit solchen Themen befassen, ist in Köln erstaunlich wenig los. Zwar hieß es in der Pressemitteilung, die Konferenz "richtet sich grundsätzlich an alle, die sich für Technik und deren Einfluss auf Gesellschaft interessieren", aber in Wahrheit ist und bleibt sie eine Art Klassentreffen, eine gemütliche Sommerkonferenz mit stets denselben Gesichtern.

Nicht die unbedarften Internetnutzer kommen hierher, um sich mit den Hackern zu unterhalten, sondern die Szene redet mit sich selbst - und mit der Presse. Journalisten sind nämlich einige da, sie suchen in diesen Tagen nach Experten, die ihnen weiterhelfen, den Prism-Skandal einzuordnen, zu erklären oder ihnen selbst Tipps geben, sich und ihre Quellen zu schützen. "In den letzten Wochen haben die Anfragen wirklich massiv zugenommen, vor allem von Mainstream-Medien", sagt der Sicherheitsexperte Felix "FX" Lindner, die anderen nicken. Viele können sich vor Anfragen kaum retten. Dabei sei das alles doch ganz schnell erklärt, scherzt er: "Das Militär hat das Internet bestellt und bezahlt, und jetzt wollen sie es zurück, seid doch nicht überrascht."

Überrascht ist hier niemand von den jüngsten Enthüllungen: "Wir sind alle von so etwas ausgegangen, spätestens, seit wir von dem Bau des NSA-Rechencenters in Utah wissen", sagt die Science-Fiction-Autorin und Hackerin Meredith L. Patterson, nachdem sie die Keynote zur Veranstaltung gehalten hat. "Was hätten sie denn mit so einem Center sonst vorhaben sollen?" Jetzt sei es nur offiziell, ihre Vermutung habe sich bestätigt. Aber auch wenn nun große Medien berichten: "Passiert ist bisher nichts. Prism ist nach wie vor in Betrieb."

"Wir müssen uns jetzt entscheiden"

Nur die Perspektive der Menschen habe sich womöglich geändert. Denn jetzt wisse man Bescheid: "Wir müssen uns jetzt entscheiden, ob wir vom Volk regiert werden wollen oder von Geheimdiensten", sagt Patterson, und ein bisschen klingt es, als ahne sie die Antwort schon. In ihrem Heimatland, den USA, halte sich der Protest jedenfalls in sehr engen Grenzen. Zwar gab es zum Unabhängigkeitstag in vielen amerikanischen Städten Demonstrationen gegen die NSA-Spähprogramme, "aber in San Francisco haben gerade einmal 600 Leute teilgenommen".

Der Amerikaner Nick Farr, der sich auf fast jeder CCC-Veranstaltung blicken lässt, fügt hinzu: "Der Protest in Deutschland ist viel stärker. Weil die Deutschen schon zwei Regimes erleben mussten, durch die sie totalüberwacht wurden." Die Amerikaner hingegen wären viel eher bereit, all ihre Daten der Regierung zur Verfügung zu stellen, wenn das womöglich für Sicherheit sorgt - auch wenn das gar nicht der Fall sei. "Ich denke drüber nach, hier nach Deutschland zu ziehen, denn da kann ich mir sicher sein, dass ein Überwachungsstaat bekämpft und verhindert würde."

Wirklich? Seine Landsfrau Patterson, die in Brüssel lebt, hält es auch hier für schwierig, die Leute zu einer Reaktion zu bringen. "Es muss ein politischer Wille vorhanden sein, um überhaupt etwas an den Tatsachen zu ändern", sagt sie. "Und wenn Überwachung die Deutschen wirklich so sehr stört, warum sehe ich keine Schlange vor Merkels Büro? Die müsste doch eigentlich von Berlin bis hier nach Köln reichen."

Anmerkung der Redaktion: Die Autorin ist mit einem Mitglied des Chaos Computer Clubs verheiratet.

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insgesamt 43 Beiträge
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1. schizophrenie pur
BrucyLee 05.07.2013
hacker tun nichts anderes als die NSA oder irgend ein anderer Geheimdienst, nur nicht im auftrag einer Regierung, sondern aus einem wie auch immer gearteten inneren antrieb. für mich bleiben sie deshalb auch die wirklich bösen. erst dann kommen die schlapphüte und noch so mancher andere.
2. .
SarahMue 05.07.2013
Ernsthaft? Noch kein Kommentar? Ein guter Artikel. Ja, sie haben es uns gesagt und ja, wir haben nicht zugehört. Das wird immer wieder passieren. Bis zu einem Zeitpunkt: bis es letztendlich zu spät ist...
3.
laffleur 05.07.2013
Zitat von BrucyLeehacker tun nichts anderes als die NSA oder irgend ein anderer Geheimdienst, nur nicht im auftrag einer Regierung, sondern aus einem wie auch immer gearteten inneren antrieb. für mich bleiben sie deshalb auch die wirklich bösen. erst dann kommen die schlapphüte und noch so mancher andere.
Und alle Amerikaner sind übergewichtig, die Deutschen stets pünktlich, die Russen Säufer und die Araber alle Terroristen.
4. @BrucyLee: Hacker sind nicht immer Kriminelle
SisterOfNight 05.07.2013
Die meisten helfen Leuten wie Ihnen bei Problemen mit ihren Computern. Die werden seltsamerweise dann nicht Hacker genannt, sondern meistens Nerds. Seltsam auch der negative Unterton, aber die digitale (!) Welt ist für die meisten Menschen wohl immer noch ein Ort von Verbrechen, Pornografie und Malware. Abgesehen davon: Verzichten Sie bitte auf Schleichwerbung, Frau Horchert! Auch wenn Sie sich das nicht vorstellen können: Bei vielen Menschen, die wirklich etwas von Computern verstehen (oder wollen Sie dieses Klientel bewusst nicht ansprechen?), hat das Fallobst keinen guten Ruf und Schleichwerbung will man auch nicht sehen. Oder auf Hipster: Die Credibility ist im A****, wenn sie Marken blitzen lassen. Aber es ändert sich ja sowieso nix :\
5. ...
keyoz 05.07.2013
Zitat von BrucyLeehacker tun nichts anderes als die NSA oder irgend ein anderer Geheimdienst, nur nicht im auftrag einer Regierung, sondern aus einem wie auch immer gearteten inneren antrieb. für mich bleiben sie deshalb auch die wirklich bösen. erst dann kommen die schlapphüte und noch so mancher andere.
mit verlaub, sie sind naiv. der wie auch immer geartete antrieb eines hackers ist in 99% der fälle pure neugier. trotz 20 jahre internet ist das netz noch nie von hackern lahmgelegt oder unser aller konten leergeräumt worden. dagegen hat die staatlich geduldete ausspähung der eigenen bürger orwellsche züge angenommen. der ccc ist seit vielen jahren berater in sachen internetsicherheit und sollte für sein wirken eher einen bundespreis denn paranoide kritik bekommen. wachen sie auf.
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