Sozialkontakte übers Internet Online entdecken, offline treffen

Soziale Netzwerke wie Facebook überfordern uns mit unzähligen Pseudo-Freundschaften? Unsinn. Das Web verändert die Gesellschaft - aber völlig anders, als es Pessimisten befürchten. Studien aus den USA und Deutschland zeigen: Wer sich online vernetzt, hat auch im echten Leben mehr Sozialkontakte.

Jugendliche auf Computermesse: Das Web belebt die Zivilgesellschaft
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Jugendliche auf Computermesse: Das Web belebt die Zivilgesellschaft

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Freund ist ein relativer Begriff, seit in sozialen Netzwerken wie Facebook selbst lose Kontakte so bezeichnet werden. Manche Menschen sammeln Tausende solcher Freunde, Lady Gaga hat rund sieben Millionen, und die Masse der Netznutzer sorgt für ständigen Nachschub. Denn als User bekommt man ständig neue Kontakte vorgeschlagen, nur weil die wiederum Kontakt mit jemandem haben, mit dem man selbst - zumindest angeblich oder formal - in Kontakt steht. Freundschaft scheint in der Welt von Facebook weniger ein qualitativer als ein quantitativer Begriff zu sein.

Kulturpessimisten befürchten, dass sich dadurch eine Unkultur einschleicht, in der die Begriffe von Nähe und Freundschaft verwässert werden, in der virtuelle Netzwerke immer stärker die echte soziale Vernetzung ersetzen. Virtuelle Freunde aber könnten keine echten menschlichen Kontakte ersetzen - so mahnen immer wieder vor allem jene, die in den Netzwerken gar nicht dabei sind.

Denn die anderen wissen es besser: Es geht nicht um ein stattdessen, sondern um ein Sowohl-als-Auch und oft sogar um ein Jetzt-umso-Mehr. Mit der virtuellen Vernetzung steigt auch die Kommunikation enorm. Zudem sind viele der neuen Freude in sozialen Netzwerken alte Bekannte: Menschen reaktivieren so ihre verlorenen Kontakte, etwa zu aus den Augen verlorenen Schulfreunden, sie finden sich zu Gruppen Gleichgesinnter zusammen - und immer öfter hat das Folgen im ganz realen Alltag. Was Netz-Optimisten seit langem predigen, wird langsam auch mit den Mitteln der Demografie messbar: Soziale Kommunikation und Interaktion, aber auch soziales Engagement sind generell im Aufwind, nicht auf dem Rückzug.

Deutlich wie selten zuvor zeigt das jetzt eine aktuelle Studie des renommierten US-Sozialforschungsinstituts PEW. Mehr noch: Sie dokumentiert auch, dass der Trend zu verstärkter sozialer Kommunikation eng mit dem Erfolg des Internets verbunden ist.

Die Studie "The social side of the internet" trägt ihr Fazit schon im Untertitel: "Technology use has become deeply embedded in group life and is affecting the way civic and social groups behave and the way they impact their communities". Zu Deutsch: Die Nutzung kommunikativer Technologien ist inzwischen tief in das soziale Leben von Gruppen integriert und gewinnt Einfluss darauf, wie Menschen und Gruppen interagieren und ihr Umfeld beeinflussen.

Web-Nutzer sind sozialer

Zur Untermauerung dieser steilen These, die den Erwartungen von Medienskeptikern diametral entgegenläuft, führt PEW zahlreiche harte Zahlen an: 75 Prozent aller Amerikaner nehmen an organisierter gemeinnütziger Tätigkeit teil - von Sportvereinen bis zu Freiwilligenarbeit. Das ist auch eine Folge des überdurchschnittlichen Engagements Internet-aktiver Bürger: 80 Prozent der Web-Nutzer sind in dieser Hinsicht aktiv, aber nur 56 Prozent der Web-Abstinenzler. Jeweils deutlich über 50 Prozent der sozial Engagierten sagen, das Web erleichtere es ihnen,

  • Öffentlichkeit zu erreichen (62 Prozent),
  • mit anderen Gruppen Kontakt zu schließen und zu halten (60 Prozent),
  • Einfluss auf die Gesellschaft als Ganzes zu gewinnen (59 Prozent),
  • Aktionen zu organisieren (59 Prozent),
  • über ihre Themen und Gruppen auf dem Laufenden zu bleiben (53 Prozent),
  • Gelder zu akquirieren (52 Prozent),
  • neue Mitglieder zu gewinnen (51 Prozent).

Das Web erweitert außerdem die soziale Reichweite: 46 Prozent der Befragten geben an, das Web ermögliche ihnen häufigere Teilnahme an mehr sozialen Aktivitäten, als dies ohne Internet der Fall wäre. Es ist also vor allem das kommunikative Potential des Web, das hier Wirkung zeigt.

Destruktives und aggressives Potential wird seit langem gesehen

Tatsächlich nehmen selbst Netz-Kritiker all das als Binsenweisheit wahr, wenn es um aus ihrer Sicht negative Auswirkungen, subversive, aggressive oder revolutionäre Potentiale der kommunikativen Vernetzung geht. Über die Rolle des Netzes als Mittel zur Organisation und Mobilisierung von Massen wird schon seit längerem diskutiert - nicht erst seit dem "Cyber-Dschihad" von per Web rekrutierenden Islamisten oder den Protesten gegen die Wirtschaftsgipfel in Toronto oder Heiligendamm. Selbst Mainstream-Medien stellten schon im Jahr 2004 die Frage, ob die Orangene Revolution in der Ukraine ohne SMS und E-Mail überhaupt denkbar gewesen wäre. Bei dem soeben erfolgten Umsturz in Tunesien gilt es als ausgemachte Sache, dass der Widerstand so schnell zur Massenbewegung anwachsen konnte, weil digitale Kommunikationsformen eine Rolle spielten. Und nun tragen sie den Unmut über die Herrschenden und den Mut zum Engagement auch in andere Länder. Ach ja, auch der Protest gegen Stuttgart 21 gilt als digital-kommunikativ vernetzte Bewegung.

Nicht nur in den PEW-Zahlen zeigt sich, dass dieses machtvolle Vernetzungspotential in alle Richtungen wirkt. Auch die Bundesregierung ist sich dessen bewusst. Erst im Oktober 2010 schob sie die erste "Nationale Engagementstrategie für die Bundesrepublik Deutschland" an. Hintergrund dieser Strategie sind wohl auch die Daten des seit 1999 erhobenen Freiwilligen-Surveys für die BRD. Auch diese Studien zeigen im Vergleich der Jahre einen stabilen Trend hin zu immer mehr Engagement "in Vereinen, Organisationen, Gruppen oder öffentlichen Einrichtungen (also in der Infrastruktur der Zivilgesellschaft)". Die stolze Quote des sozialen Miteinanders im Jahre 2009: 71 Prozent. Im Jahr 1999 waren es noch 66 Prozent gewesen.

Wo vergleichbare Zahlen erhoben wurden, passen sie bezeichnenderweise zu denen der aktuellen PEW-Studie. Der letzte, Ende 2010 vorgestellte deutsche Report konstatierte: "Nutzten 2004 erst 44 Prozent der Engagierten das Internet für ihre Tätigkeit, waren es 2009 bereits 59 Prozent. Alle Altersgruppen setzten 2009 das Medium stärker für ihr Engagement ein als 2004, und das war auch in allen Engagementbereichen zu beobachten."

Im Jahr 2009 beurteilten in Deutschland sozial engagierte Menschen das Internet für ihr jeweiliges Engagement in folgenden Punkten als sehr wichtig oder wichtig:

  • Informationsbeschaffung: 86 Prozent,
  • Organisation und Abwicklung der laufenden Arbeit: 71 Prozent,
  • Informationsaustausch, Meinungsäußerung: 69 Prozent,
  • Auf die Organisation oder Gruppe aufmerksam machen: 56 Prozent,
  • Kontakte oder Netzwerke aufbauen und pflegen: 62 Prozent.

Keine Frage: Auch in den Erhebungen der Bundesregierung erscheint das Internet zunehmend als äußerst wertvolles Werkzeug der sozialen Vernetzung und effektiven Organisation gemeinnütziger Arbeit. Kein Wunder, dass sich der Bund entsprechend engagiert: Das Bundesfamilienministerium unterstützt zahlreiche Netz-Initiativen, über die soziales Engagement vermittelt und organisiert wird. Dazu zählen das Social Network weltbeweger ("Facebook für Freiwillige"), Plattformen wie engagiert-in-deutschland.de, die Initiative ZivilEngagement, das Web-Magazin engagiert und viele andere.

Und weil all das von oben nach unten nicht funktioniert, finden sich mit einem Mal auch Schlagworte wie "Empowerment" im Vokabular der Politiker: Bei den Engagement-Plattformen geht es auch um Transparenz und Partizipation für die Bürger. "E-Government" im Otto-Schily-Verständnis einer auf Effektivität gebürsteten Behördenkommunikation hat ausgedient, bevor sie begonnen hat. Zuletzt diskutierten die Expertengremien der Nationalen Engagementstrategie über gewagte Fragen wie Partizipations-Plattformen für "Bürgerhaushalte" von Kommunen, wie Hamburg das bereits 2009 zumindest kommunikativ schon einmal durchexerzierte. Konsequent zu Ende gedacht steht am Ende eines solchen Involvierungs-Prozesses per Web ein erheblich mündigerer und einflussreicherer Bürger.

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
albert schulz 20.01.2011
1. Quark
Nur um die Mehrheit zu beruhigen.
MasaGemurmel 20.01.2011
2. Wie schön
Na, das ist doch mal ein toller Artikel. Endlich wird mal über die viiielen positiven Aspekte des Web geschrieben. Klar, weil das Internet quasi ein virtuelles Abbild unseres gesamten Lebens ist, muß der Umgang damit gelernt werden: Im Web steht viel Unsinn, es gibt Gefahren und man darf sich nicht darin verlieren und vom realen Umfeld abkoppeln. Aber man sollte sich immer wieder klarmachen: Generationen vor uns haben davon geträumt, weltweit zu kommunizieren, das Wissen der Erde sehr bequem und schnell ins Wohnzimmer zu bekommen, sich verschiedene Perspektiven auf Geschehnisse verschaffen zu können, andere Kulturen und Länder kennenzulernen. Das Internet ist letztlich eine fantastische Sache.
Steppenwoolf, 20.01.2011
3. Nun ja ..
Zitat von sysopSoziale Netzwerke wie Facebook überfordern uns mit unzähligen Pseudo-Freundschaften? Unsinn. Das Web verändert die Gesellschaft - aber völlig anders, als es Pessimisten befürchten. Studien aus den USA und Deutschland zeigen: Wer sich online vernetzt, hat auch im echten Leben mehr Sozialkontakte. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,740340,00.html
Nun, ob, wie in dem Artikel postuliert wird, durch "Soziale Netzwerke" am Ende wirklich der mündige Bürger steht, wage ich anzuzweifeln. Aber auf jeden Fall steht da der aufgeregte Bürger, der aufgrund von Hörensagen, Halbwissen und Halbinformation sich aufgeregt der nächsten Demo anschließt.
Dunedin, 20.01.2011
4. Na denn
Zitat von sysopSoziale Netzwerke wie Facebook überfordern uns mit unzähligen Pseudo-Freundschaften? Unsinn. Das Web verändert die Gesellschaft - aber völlig anders, als es Pessimisten befürchten. Studien aus den USA und Deutschland zeigen: Wer sich online vernetzt, hat auch im echten Leben mehr Sozialkontakte. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,740340,00.html
Wenn einem die "Facebook-Qualität" bei den Sozialkontakten reicht ? Bitteschööön, ich glaub ich bin zu alt für diesen Scheiss
numey 20.01.2011
5. sfdads
Es wäre schön gewesen, wenn jemand diesen Artikel vor dem Uppen noch mal gegengelesen hätte. Dann wäre u.a. sowas hier vielleicht nicht passiert: "Nutzten 2004 erst 44 Prozent der Engagierten das Internet für ihre Tätigkeit, waren es 2009 bereits Prozent"
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