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21. Juni 2013, 21:48 Uhr

Spionageskandal

Britischer Geheimdienst speichert weltweiten Internet-Verkehr

Codename Tempora: Die britische Internet-Spionage übertrifft offenbar noch die des US-Geheimdienstes NSA. Laut "Guardian" zapfen die Briten den weltweiten Internet-Verkehr an und schöpfen gewaltige Datenmengen ab. Die Erkenntnisse teilen sie mit den amerikanischen Kollegen.

London/Hamburg - E-Mails, Facebook-Einträge, Telefongespräche: Der britische Nachrichtendienst zapft dem "Guardian" zufolge heimlich Internetknotenpunkte an, über die der weltweite Datenverkehr läuft. Der Geheimdienst GCHQ (Government Communications Headquarters) soll außerdem damit begonnen haben, heikle persönliche Informationen zu analysieren und mit dem US-Geheimdienst National Security Agency (NSA) auszutauschen.

Die Enthüllung des "Guardian" geht auf Dokumente zurück, die der NSA-Whistleblower Edward Snowden der Zeitung übergeben hat. Snowden will damit "das größte Überwachungsprogramm in der Geschichte der Menschheit" offenlegen. Als Erstes machte er Prism öffentlich, ein Überwachungsprogramm der NSA. Die Überwachung gehe aber noch viel weiter. Der britische Geheimdienst GCHQ sei "schlimmer als die USA".

Den Dokumenten zufolge besteht die britische Internet-Überwachung aus zwei Teilen: Der eine heißt "Mastering the Internet", übersetzt "Das Internet beherrschen", der andere "Global Telecoms Exploitation", "Erschließung der globalen Telekommunikation". Allein an diesen beiden Formulierungen werde deutlich, welche Ausmaße die Überwachungsmaßnahmen der Briten haben.

"Geheimdienst-Supermacht" fängt Internetverkehr ab

Seit 18 Monaten, berichtet der "Guardian", laufe eine Operation namens Tempora. Dabei würden Glasfaserverbindungen, über die der weltweite Internetverkehr läuft, vom GCHQ angezapft und für bis zu 30 Tage zwischengespeichert. Die betroffenen Unternehmen dürften darüber kein Wort verlieren und könnten zu dieser Kooperation notfalls gezwungen werden, heißt es weiter.

2010, zwei Jahre, nachdem Tempora erstmals getestet wurde, habe sich der GCHQ laut "Guardian" damit gerühmt, über den "größten Internetzugang" weltweit zu verfügen - einen umfassenderen Zugang als die anderen Mitglieder der sogenannten "Fünf Augen"-Allianz der elektronischen Lauschangriffe (Five Eyes electronic eavesdropping alliance). Zu dieser gehören außer Großbritannien die USA, Kanada, Australien und Neuseeland. Damit sei das Vereinte Königreich eine "Geheimdienst-Supermacht".

Seit Mai des vergangenen Jahres sollen 300 Analysten des GCHQ sowie 250 Mitarbeiter der NSA damit befasst sein, sich durch die Datenmengen zu wühlen. Mehr als 200 Glasfaserverbindungen von Großbritannien nach Nordamerika und West-Europa sollen angezapft sein. Der komplette Datenverkehr von 46 der Verbindungen kann gleichzeitig erfasst werden. Täglich würden außerdem 600 Millionen "telephone events" ins Netz gehen.

Am Freitag hat der "Guardian" aus Geheimdienstkreisen zudem erfahren, dass die Daten unter einer Reihe von Sicherheitsvorkehrungen angeblich legal gesammelt worden seien. Das Überwachungsprogramm soll demnach bereits zu Durchbrüchen bei der Aufdeckung und Verhinderung von Verbrechen geführt haben.

Bereits am Montag war durch Snowdens Enthüllungen bekannt geworden, dass das zuvor enttarnte Überwachungsprogramm Prism Teil eines "wesentlich umfassenderen und zudringlicheren Abhörprogrammes" sei. Auch die NSA kopiere den weltweiten Internet-Traffic und leite ihn für Analysezwecke weiter.

bos/ore

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