Spionagevorwurf: Telekom kooperiert mit umstrittenen Firmen aus China

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Der US-Kongress fürchtet Spionage und warnt vor einer Zusammenarbeit mit den chinesischen Firmen ZTE und Huawei. Doch in Deutschland sind die beiden Tech-Konzerne gut im Geschäft: Sie beteiligen sich am Aufbau des superschnellen LTE-Funknetzes.

Huawei-Zentrale in Shenzhen, China: Spionagevorwürfe aus den USA Zur Großansicht
AFP

Huawei-Zentrale in Shenzhen, China: Spionagevorwürfe aus den USA

Hamburg - Es ist ein Alptraum, den der Geheimdienstausschuss des US-Kongresses da beschwört. "Die Vereinigten Staaten sollten das fortgesetzte Vordringen chinesischer Telekommunikationsunternehmen in den US-Markt mit Argwohn betrachten", heißt es im 60-seitigen Abschlussbericht (PDF) der Untersuchung über die Unternehmen Huawei und ZTE. Der Alptraum wäre: In den Schaltstationen der Kabel- und Funknetze, die auch mit Technologie aus China bestückt sind, könnte gelauscht, mitgeschnitten, spioniert werden. Ein Sicherheitsrisiko seien Huawei und ZTE, so der Bericht.

US-Unternehmen wird in dem Bericht explizit davon abgeraten, weiterhin mit Huawei und ZTE Geschäfte zu machen. In Deutschland aber arbeiten alle großen Telekom-Anbieter mit den Chinesen zusammen.

Die Vorwürfe gegen die beiden Firmen sind nicht neu. Besonders im Zusammenhang mit Huawei wird seit Jahren immer wieder der Verdacht geäußert, das Unternehmen sei ein Handlanger der chinesischen Behörden. Der Unternehmensgründer Ren Zhengfei war bis 1983 Mitglied des Ingenieurkorps der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Er soll auch damals schon für Informations- und Kommunikationstechnologie zuständig gewesen sein. 1987 gründete er das Unternehmen, das bis heute zum zweitgrößten Netzwerkausrüster der Welt aufgestiegen ist.

"Keine konkreten Belege für die vorgeworfenen Aktivitäten"

Huawei-Vizechef William Plummer reagierte am Montag wie zu erwarten auf die Vorwürfe der US-Abgeordneten: Er bestritt sie und versicherte, "der Integrität und Unabhängigkeit" seines Unternehmens werde "in fast 150 Märkten vertraut".

Vertraut wird Huawei und ZTE auch in Deutschland. Beide sind beispielsweise maßgeblich am Aufbau der superschnellen LTE-Funknetze aller deutschen Mobilfunkprovider beteiligt.

Vodafone erklärte auf Anfrage, man arbeite "vertrauensvoll mit beiden Unternehmen zusammen" und sehe "keine Veranlassung, dies nicht mehr zu tun". Es gebe "weder konkrete Belege für die vorgeworfenen Aktivitäten, noch gibt es seitens des Verfassungsschutzes Erkenntnisse dazu". Vodafone habe außerdem "eigene Sicherheitssysteme in unseren Netzen etabliert".

In Großbritannien habe Huawei sogar ein Sicherheitszentrum eingerichtet, in dem dortige Behörden die eigenen Komponenten prüfen könnten. Das Security Evaluation Centre liegt im britischen Banbury und besteht schon seit 2010. Über ein ähnliches Zentrum in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) werde auch hierzulande nachgedacht, so Vodafone. Das BSI hat nach eigenen Angaben bislang Huawei-Komponenten weder zertifiziert (das müsste der Hersteller beantragen) noch für den Einsatz in der Bundesverwaltung geprüft.

"Keine konkreten Hinweise auf Sicherheitslücken"

Die O2-Muttergesellschaft Telefónica teilte auf Anfrage mit, man setze Komponenten von Huawei ein, nicht aber von ZTE. Sorge habe man deshalb nicht: Die eigenen Dienstleister würden vertraglich "zur Einhaltung des deutschen Rechts und höchster Sicherheitsanforderungen" verpflichtet. Zudem habe auch O2 "eigene Sicherheitsverfahren zur Überprüfung der Netzkomponenten".

Die Deutsche Telekom bestätigt, dass Huawei und ZTE "unterschiedliche Komponenten für das Festnetz und den Mobilfunk" lieferten. Diese würden jedoch "nach unseren Anforderungen konfiguriert und getestet". Dabei würden auch Sicherheitsüberprüfungen durchgeführt: "Wir setzen keine Technik ein, die unseren Sicherheitsanforderungen nicht genügt." Nach Kenntnis der deutschen Zentrale würden aber "bei T-Mobile USA keine Komponenten der beiden genannten Firmen verwendet". Die Warnungen des US-Kongresses nehme man bei der Telekom zwar "grundsätzlich ernst", aber: "Uns liegen keine konkreten Hinweise auf Sicherheitslücken in einzelnen Produkten vor."

Tatsächlich enthält der Bericht des Kongressausschusses wenig Greifbares, die Beschwerden betreffen eher Auslassungen. Fragen seien nicht zufriedenstellend beantwortet, Bedenken nicht ausgeräumt, mögliche Verflechtungen mit chinesischer Regierung, Militär und Geheimdiensten nicht hinreichend offengelegt worden.

Es gibt auch konkretere Vorwürfe - diese aber betreffen nicht direkt Spionage in Netzwerken, sondern andere "kriminelle Praktiken", etwa Bestechung oder den systematischen Einsatz von Software-Raubkopien. ZTE wird zudem vorgeworfen, mit Verkäufen an Iran Uno-Sanktionen unterlaufen zu haben, und auch Huawei wird ähnlicher Aktivitäten verdächtigt, wenn auch offenbar ohne konkrete Belege. Der US-Netzwerkausrüster Cisco Systems kappte wegen der Vorwürfe am Montag seine geschäftlichen Verbindungen zu ZTE - das chinesische Unternehmen soll Cisco-Komponenten an Iran weitergegeben haben.

Dilettantismus oder Bösartigkeit?

Ist also irgendetwas dran an den Spekulationen des US-Kongressausschusses, dass Huawei und ZTE im Auftrag der chinesischen Regierung spionieren könnten?

Ein deutscher Sicherheitsexperte hatte im Sommer bei einer Fachtagung dargelegt, dass im Zusammenhang mit Huawei-Produkten zumindest Vorsicht geboten sei - wenn auch zunächst aus anderen Gründen. Felix "FX" Lindner, Chef der Berliner Sicherheitsfirma Recurity Labs, hat gravierende Sicherheitslücken in Routern der chinesischen Firma entdeckt. Auf der Hackerkonferenz Defcon in Las Vegas zeigte er Schwachstellen in Routern für Computernetzwerke auf, die er gemeinsam mit einem Kollegen nachgewiesen hatte. Diese Lücken ermöglichten es Angreifern, die Kontrolle über die Geräte zu übernehmen. Es handelt sich allerdings um Endkundengeräte, keine Komponenten für Mobilfunknetzwerke.

Die Software-Sicherheit und Codequalität seien unterdurchschnittlich, sagt Lindner: "Ich würde das Huawei-Equipment auch nicht in deutschen Regierungsnetzen haben wollen, weil es einfach zu schlecht ist. Man kann sich nicht darauf verlassen."

Im Sommer kritisierte er auch den generellen Umgang der chinesischen Firma mit Sicherheitsproblemen: Zum Beispiel habe Huawei keine zuständige Stelle, der man Sicherheitslücken melden könne und veröffentliche keine Sicherheitsempfehlungen. Allerdings habe er das Gefühl, dass sich im Unternehmen diesbezüglich langsam etwas bessere. Zu empfehlen seien die Produkte deshalb aber noch lange nicht.

Ob es sich bei den Sicherheitsproblemen um schlechte Arbeit oder schlechte Absicht handelt, kann auch der Sicherheitsexperte nicht sagen: "Dilettantismus von Bösartigkeit zu unterscheiden, ist geradezu unmöglich."

Zu dem Spionagevorwurf aus den USA möchte er sich nicht äußern. "Hintertüren hat bis jetzt noch niemand gefunden, also bleibt das Spekulation", sagt er. Allerdings gibt er zu bedenken, dass man gar keine Hintertüren brauche, wenn die Lücken so gravierend seien, dass ein Angreifer - von welcher Seite auch immer - ein so leichtes Spiel habe.

Mitarbeit: Konrad Lischka, Matthias Kremp

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1. nur Telekom?
sabaro4711 09.10.2012
Zitat von sysopAFPDer US-Kongress fürchtet Spionage und warnt vor einer Zusammenarbeit mit den chinesischen Firmen ZTE und Huawei. Doch in Deutschland sind die beiden Tech-Konzerne gut im Geschäft: Sie beteiligen sich am Aufbau des superschnellen LTE-Funknetzes. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/spionagevorwurf-telekom-vodafone-und-o2-setzen-huawei-technik-ein-a-860376.html
Hat o2/Telefonica doch schon hinter sich...die haben doch die gesamte Netztechnik an Huawei abgegeben: Huawei übernimmt Teil des Netzbetriebs für O2 Germany - Golem.de (http://www.golem.de/1003/73874.html)
2.
DerKritische 09.10.2012
Zitat von sysopAFPDer US-Kongress fürchtet Spionage und warnt vor einer Zusammenarbeit mit den chinesischen Firmen ZTE und Huawei. Doch in Deutschland sind die beiden Tech-Konzerne gut im Geschäft: Sie beteiligen sich am Aufbau des superschnellen LTE-Funknetzes. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/spionagevorwurf-telekom-vodafone-und-o2-setzen-huawei-technik-ein-a-860376.html
Das ist fast schon wieder lustig. Ein Land das in fast allen Ländern der Welt Spione unterhält und Spionage und Sabotage fördert, wo es nur geht, beschwert sich, wenn im Gleiches geschieht? Das wirkt geradezu schon makaber.
3. immer das billigste!
hanfiey 09.10.2012
Warum keine Quelloffene Firmware?. Wie wir bei Realtek gesehen haben sind die Amis aber selbst fett am Spionieren und verwüsten (AKW Iran). Also immer schön geschmeidig bleiben. Nicht überall wo ein Fenster aufgeht und ein Apfel erscheint ist die Sonne zu sehen und alles klar.
4.
Battlemonk 09.10.2012
ist die rede von industriespionage oder militärspionage weil ich glaube nicht dass die telekom technologie besitzt die für huawei als weltmarktführer von interesse wäre
5. Die USA vertraut
opel-kapitän 09.10.2012
Zitat von sysopAFPDer US-Kongress fürchtet Spionage und warnt vor einer Zusammenarbeit mit den chinesischen Firmen ZTE und Huawei. Doch in Deutschland sind die beiden Tech-Konzerne gut im Geschäft: Sie beteiligen sich am Aufbau des superschnellen LTE-Funknetzes. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/spionagevorwurf-telekom-vodafone-und-o2-setzen-huawei-technik-ein-a-860376.html
[QUOTE=sysop;11110352]Der US-Kongress fürchtet Spionage und warnt vor einer Zusammenarbeit mit den chinesischen Firmen ZTE und Huawei. doch in Gott, also ist nix zu fürchten.
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