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Heimliche Überwachung: "Ich konnte Mobiltelefone in allen deutschen Netzen orten"

Ein Interview von

Handy-Telefonat: Vermittlungsprotokoll erlaubt weltweite Ortung Zur Großansicht
DPA

Handy-Telefonat: Vermittlungsprotokoll erlaubt weltweite Ortung

Handys weltweit orten, nur auf Basis der Telefonnummer: Der IT-Experte Tobias Engel verrät, wie das funktioniert - und was sich dagegen tun lässt.

Handys orten, weltweit: Firmen haben Programme im Angebot, die anhand einer Telefonnummer Geräte bis auf die Funkzelle genau lokalisieren. Die "Washington Post" berichtet, wie ein weltweit im Einsatz befindliches Netzwerkprotokoll aus den siebziger Jahren zur Spionage genutzt werden kann.

Damals kümmerten sich Monopolisten um die Telefonverbindungen, auf Sicherheitsmechanismen wurde weitgehend verzichtet. Seitdem sind viele Netzbetreiber hinzugekommen, außerdem die Handy-Technik. Das Vermittlungsprotokoll ist hingegen immer noch dasselbe. Im Interview erklärt der Berliner IT-Experte Tobias Engel, wie sich Handys in vielen Fällen orten lassen - ohne richterlichen Beschluss oder direktem Zugriff beim Provider.


SPIEGEL ONLINE: Herr Engel, funktioniert die heimliche Handy-Ortung auch in Deutschland?

Engel: Ja, ich habe das ausprobiert und konnte Mobiltelefone in allen deutschen Netzen etwa auf den Straßenblock genau über das SS7-Protokoll orten.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert das?

Engel: Es handelt sich um eine Funktion von SS7, für die man einen Zugang zu diesem Netz braucht. Den gibt es bei den Netzbetreibern. Ich schätze, dass so ein Zugang zwischen 7000 und 10.000 Euro im Monat kosten dürfte.

SPIEGEL ONLINE: Kann den jeder kaufen?

Engel: Ich habe das nicht ausprobiert, aber prinzipiell ja. Die genauen Voraussetzungen sind von Land zu Land sicher unterschiedlich. Aber mit einem Zugang in Indien kann ich ein Handy in Deutschland orten und umgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Was genau bieten die Überwachungsfirmen an, über die jetzt die "Washington Post" berichtet?

Engel: Software, mit der die Ortungsbefehle ausgegeben und die Antworten protokolliert werden können. Wer keinen Zugang zu SS7 hat, kann den der Überwachungsfirma einfach mitnutzen.

SPIEGEL ONLINE: Diese Angebote gelten angeblich nur für Behörden. Ein Grund zur Entwarnung?

Engel: Nein, prinzipiell können auch Firmen das SS7-Protokoll zur Industriespionage einsetzen, Verbrechersyndikate für ihre Zwecke oder Drittweltländer, die Oppositionelle über Landesgrenzen hinweg verfolgen wollen. Es gibt SS7-Software, die frei verfügbar ist, da muss man dann nur noch die Ortungsfunktion programmieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich gegen diese Überwachung schützen?

Engel: Als Nutzer gar nicht. Aber Netzbetreiber könnten bei Ortungsbefehlen dafür sorgen, dass sie nicht von irgendwem erteilt werden können. Nur müsste dazu bestehende Netztechnik neu eingerichtet werden. Betreiber scheuen das, weil damit Kosten und Risiken verbunden sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben bereits 2008 erklärt, wie man über das weltweite Vermittlungsprotokoll SS7 Telefone aufspüren kann. Warum ist seitdem nichts passiert?

Engel: Damals habe ich ein anderes Verfahren vorgestellt, bei dem man über einen Webzugang für 20 Euro im Monat herausfinden konnte, welche Vermittlungsstelle gerade für ein Handy zuständig ist. Darüber konnte man dann ungefähr die Stadt oder Landesregion bestimmen, in der sich ein Mobiltelefon aufhält. Diese Methode funktioniert heute zumindest bei einigen Providern nicht mehr.


SPIEGEL ONLINE hat bei den vier großen Providern nachgefragt. "Mobilfunk-Tracking über das Protokoll SS7 ist ein weltweites Branchenproblem", heißt es bei Vodafone. Man habe bereits verschiedene Maßnahmen ergriffen, mit denen das illegale Mobilfunk-Tracking durch Hacker erschwert werden soll und arbeite "mit Hochdruck an weiteren Maßnahmen".

Die Telekom teilte mit, man habe Maßnahmen ergriffen und könne einen großen Teil illegaler Trackingversuche verhindern. Außerdem arbeite man daran, "komplexere Trackingbemühungen ebenfalls zu unterbinden". Bei E-Plus schließt man aus, dass eine Ortung über das von der "Washington Post" genannte Verfahren Anytime Interrogation möglich sei. "Darüber hinaus haben wir aber keinen Einfluss darauf, was in anderen Mobilfunknetzen an Ortungsmöglichkeiten zugelassen ist." O2 erklärte, eine exakte Ortung sei nicht möglich. Der Zugriff auf die SS7-Schnittstelle sei nur Vertragspartnern möglich und sei stark reglementiert.

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insgesamt 40 Beiträge
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1. Natürlich hat man als User eine Option…
Zauberlehrling 26.08.2014
…gegen diese Form der Überwachung: Handy oder Smartphone abschalten. Nicht Standby, sondern "richtig" abschalten. Wie das funktioniert, steht in der Bedienungsanleitung.
2. Was man privat so alles machen kann,und dann empört
analyse 26.08.2014
man sich monatelang e i n s e i t i g über die NSA ! Und neuerdings halbherzig über den BND und morgen ?=je nachdem ein Leck bekannt wird oder ein neuer Snowden auspackt !Irgendwann wird dann den Empörern die Puste ausgehen und alle werden erkennen,wie naiv und sinnlos Verbote sind !So wie wenn immer nur eine Seite aufgefordert wird,doch die Waffen abzulegen ! (helle Freude bei den Gegnern !)
3. Akku raus
uban1 26.08.2014
nur wenn der Akku draussen ist würde ich einen Handy/Smartphone als wirklich abgeschaltet vertrauen.
4. abgeschaltete handys kann er nicht verorten
neolibby 26.08.2014
Zitat von uban1nur wenn der Akku draussen ist würde ich einen Handy/Smartphone als wirklich abgeschaltet vertrauen.
das kann auch die NSA nicht
5. @ zu 1.:
walburga.46 26.08.2014
Leider gehen mehr und mehr Firmen dazu über, überhaupt keine Bedienungsanleitung mehr zu liefern, die diesen Namen verdient - weder ausgedruckt noch übers Internet. Ich habe mir ein NOKIA 108-Dual-SIM zugelegt wegen hiesiger Funklochprobleme. Ich musste mir sämtliche Funktionen mühsam erarbeiten, zumal (auch) NOKIA keinen einheitlichen Standard für die eigene Produkt-Palette verwendet. Mal steht eine Funktion unter "Profile", mal unter "Telefoneinstellungen" oder sonstwo. Ich bin mir definiv NICHT sicher, ob das Gerät wirklich "AUS" ist, wenn ich es ausschalte - es sei denn, ich nehme den Akku raus. Aber selbst das ist bei diesem Gerät SEHR umständlich, weil sich das Gehäuse (Billigproduktion) nicht so einfach öffnen lässt!
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