Anwalt für Anonymous-Aktivisten: Der Auserwählte

Von Carolin Wiedemann

Der New Yorker Anwalt Stanley Cohen verteidigt eine Anonymous-Aktivistin und hält sich seitdem für den Advokaten der ganzen Bewegung. Er will dem Kollektiv helfen - und wirkt dabei so radikal und unberechenbar wie die Netzanarchisten selbst.

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Peter Spagnuolo

Anwalt Stanley Cohen: "Ich kenne mich aus mit den Mächtigen"

"Es gibt eine Parallele zwischen Anonymous und der palästinensischen Widerstandsbewegung", sagt Stanley Cohen. "Wie manche der Palästinenser wendet Anonymous Taktiken an, die keinen Schaden anrichten, die aber zeigen, dass die Regierung nicht komplett für Sicherheit sorgen kann. Beide zeigen, dass der Kaiser keine Kleider trägt."

Der Anwalt sitzt in seinem New Yorker Apartment im fünften Stock eines alten Gebäudes im East-Village. Die Wohnung wirkt wie eine Mischung aus Trödelladen und Antiquitätenmarkt; auf alten Holzdielen liegen Perserteppiche, an den Wänden hängen Fotos, die Cohen mit Kindern im Gaza-Streifen zeigen. Cohen sagt, er verteidige "die Staatsfeinde der USA". Zu seinen Klienten gehören einer der mutmaßlichen Strategen hinter den Anschlägen vom 11. September 2001 sowie die Hamas-Führung. Und aktuell: Hacktivisten von Anonymous.

"Hacker", "hacktivistische Organisation", "Cyberterroristen" - die Medien fanden im vergangenen Jahr viele Namen für Anonymous. Die Frage, wie dieses neue Protestkollektiv einzuordnen ist, füllt Bücher und beschäftigt Doktorandenkolloquien weltweit. Stanley Cohen rätselt nicht. Er vermittelt, er habe Einblick in Anonymous, ohne dass er dafür forschen musste. Die Anons haben sich von sich aus an ihn gewendet.

"Sie haben mich ausgewählt"

"Anfang 2011 hatte ich plötzlich eine Gruppe von jungen Leute am Telefon", erzählt Cohen. Diese Gruppe habe juristische Beratung gebraucht. Sie hätte mitbekommen, dass das FBI hinter ihnen her war und ihnen unterstellte, an der Operation Payback mitgewirkt, also Server von Paypal und Mastercard lahmgelegt zu haben. Ein halbes Jahr vor ihrer Festnahme traf der Anwalt die Studentin Mercedes Haefer, deren Name öffentlich wurde und seitdem mit dem Kollektiv verbunden ist. Sie fragte ihn, ob er sie verteidigen würde, falls sie festgenommen werden sollte. Cohen grinst, als er erzählt, was er antwortete: "Nicht falls, sobald sie dich holen." Er fügt hinzu: "Ich kenne mich aus mit den Mächtigen."

Cohen verteidigt zwar nur Haefer, fühlt sich aber als Anwalt der ganzen Bewegung. "Sie haben mich ausgewählt", glaubt er. Während sich die Anons online streiten, wofür sie eigentlich stehen, verbreitet Cohen seine eigene Ansicht: Anonymous, das sind für ihn die Befreiungskämpfer gegen die USA und die großen Konzerne der westlichen Welt. "Die Mächtigen halten sich erst für unschlagbar, kontrollieren Informationskanäle und Geldgeschäfte. Und dann kommt Anonymous vorbei und sagt: 'Fuck you! Tut ihr nicht. Würdet ihr bitte die CIA ausschalten? Puff!'", Cohen lacht, "puff!" Das würde "die Mächtigen" verunsichern und dazu führen, dass sie von Terrorismus sprechen. Cohens Interpretation basiert auf einem einfachen Weltbild. Es teilt die Menschen ein in Gut und Böse, macht die Schuldigen schnell aus und hält Rache für legitim.

Andere Anonymous-Anwälte helfen weniger laut

Tatsächlich aber hat der Terrorismusvorwurf Anonymous getroffen: Verteilte Denial-of-Service-Attacken (DDoS), wie sie bei der Operation Payback angewendet wurden, seien ein terroristischer Akt, hieß es zunächst von Seiten der Behörden. Bei einem solchen Angriff wird ein Webserver durch eine nicht zu bewältigende Masse sinnloser Anforderungen lahmgelegt. Eine Praxis, die in der Szene immer wieder für Diskussionen sorgt. Manche Hacker lehnen sie ab, andere halten sie für eine harmlose Blockade.

Erst kürzlich trafen sich prominente Befürworter der Bewegung auf der Hacker-Konferenz Defcon in Las Vegas. In der Runde auf der Bühne saß auch Mercedes Haefer, zwischen Netzaktivisten, Journalisten, Forschern und Anwälten, die Anonymous-Aktivisten verteidigen - wenn auch nicht so laut wie Cohen. Zum Beispiel Gráinne O'Neill. Nach der Operation Payback habe sie die Nachrichten über das Kollektiv interessiert verfolgt. "Erst dachte ich: Das ist großartig. Dann dachte ich: Shit, diese Kinder brauchen wirklich Anwälte", sagt sie.

Auch Anwalt Jay Leiderman steht dem Kollektiv zur Seite, wenn ein Anon-Aktivist vor Gericht Hilfe braucht. Nicht, weil er pauschal gut findet, was Anonymous tut: "Ich will ihr Verhalten nicht entschuldigen und auch keineswegs gute Miene zu kriminellen Handlungen machen. Aber unter bestimmten Umständen ist eine DDoS-Attacke geschützt durch das Recht auf Redefreiheit." Im realen Leben werde ziviler Ungehorsam viel weniger hart bestraft - das stehe in keinem Verhältnis. "Was gibt es für so ein unbefugtes Betreten im realen Leben? Vielleicht 250 Dollar Strafe, allenfalls ein paar Stunden gemeinnützige Arbeit", so Leiderman. Für ein vergleichbares Vergehen online hingegen kann die Strafe 250.000 Dollar betragen und zehn Jahre Gefängnis.

Jeder Fall kann anders ausgehen

Gerade die Verteidigung von DDoS als "virtuellem Sit-in" ist umstritten. Wie in vielen Ländern gelten DDoS-Attacken auch in den USA als illegal, doch die juristische Bewertung fällt von Fall zu Fall unterschiedlich aus. Für Mercedes Haefer und die anderen jungen Anons, die verantwortlich gemacht werden für Angriffe im Rahmen der Operation Payback, ist der Ausgang laut Cohen noch völlig offen.

Stanley Cohen ist nur einer von vielen, die dem Kollektiv helfen wollen. Doch er ist der Einzige, der DDoS-Attacken in die Nähe von Selbstmordattentaten rückt. Unabsichtlich nimmt er damit dieselbe Gleichsetzung vor wie diejenigen, die Aktivisten von Anonymous als Terroristen bezeichnen.

Dabei hält er die Angriffe von Anonymous für Befreiungsschläge. Er meint, das Internet werde bereits von großen Konzernen und bald auch von den "sogenannten demokratischen Staaten" kontrolliert. "Und dagegen wehrt sich Anonymous. Die virtuellen Sit-ins blockieren Websites und damit das Getriebe der großen Betriebe. Anonymous ruft die Leute dazu auf, sich die Kommunikationskanäle wieder anzueignen - sie gehören schließlich ihnen!" Und was ist mit denen, die mitmachen, weil sie einfach Lust auf Krawall haben? "We did it for the lulz", für den Spaß, hieß es schließlich nach mancher DDoS-Attacke. "Naja. Früher dachte ich noch, dass man das Richtige nur aus den richtigen Gründen tun kann", mein Cohen. Heute findet er: Hauptsache, der Kaiser ist nackt.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels wurde das erste Zitat von Stanley Cohen verkürzt und durch einen Übersetzungsfehler nicht wörtlich wiedergegeben. Auch das ursprünglich genannte Zitat "Ich habe Einblick in Anonymous. Und dafür musste ich nicht einmal forschen oder die Anonymen ausfindig machen" erfolgte nicht wortwörtlich, sondern sinngemäß. Wir haben den Text entsprechend angepasst und bitten, die Fehler zu entschuldigen.

Mitarbeit: Judith Horchert

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Aha...
Stelzi 13.08.2012
"'Fuck you! Tut Ihr nicht. Würdet Ihr bitte den CIA ausschalten? Puff!'" Ja, Funktion des CIA war sicherlich schwer beeinträchtigt als man die öffentliche Webseite angegriffen hat - da ging gar nichts mehr! So ein Quatsch...
2. Pr
passover 13.08.2012
Zitat von Stelzi"'Fuck you! Tut Ihr nicht. Würdet Ihr bitte den CIA ausschalten? Puff!'" Ja, Funktion des CIA war sicherlich schwer beeinträchtigt als man die öffentliche Webseite angegriffen hat - da ging gar nichts mehr! So ein Quatsch...
Die Arbeit des CIA war sicherlich nicht beeinträchtigt, nur ist eine öffentliche Homepage ja immer auch Werbung für das eigene Unternehmen/Behörde. Und wenn es die CIA nicht einmal schafft ihre eigene Homepage zu schützen, wie dann das ganze Land? Insofern doch schon ein Imageschaden.
3. hmm...
anders 13.08.2012
ich wunder mich immer wieder, wie im zusammenhang mit anonymous-berichterstattung auf personen geschaut wird, aber ich vermute mal sonst lässt sich keine so schöne geschichte schreiben. man sucht sich einen verschrobenen berufs-jugendlichen der gaaanz viel ahnung hat und lässt ihn einfach brabbeln, schon schreibt sich der artikel mit coolen tags wie anonymous, cia und internet von alleine, viele klicks garantiert. das ist schwach und nimmt das thema nicht ernst. jeder der mit seinem real-namen und foto auftritt ist nicht mehr anonym, kann also nicht für anonymous sprechen. jeder der anonym auftritt und für anonymous spricht ist keine verlässliche quelle. man lässt taten sprechen, so einfach ist das. wer im nachinein aus welchen gründen was in diese taten hineininterpretiert ist irrelevant, genauso wie die motivaton der beteiligten. OP fag much?
4.
Zephira 13.08.2012
Zitat von andersich wunder mich immer wieder, wie im zusammenhang mit anonymous-berichterstattung auf personen geschaut wird, aber ich vermute mal sonst lässt sich keine so schöne geschichte schreiben. man sucht sich einen verschrobenen berufs-jugendlichen der gaaanz viel ahnung hat und lässt ihn einfach brabbeln, schon schreibt sich der artikel mit coolen tags wie anonymous, cia und internet von alleine, viele klicks garantiert. das ist schwach und nimmt das thema nicht ernst. jeder der mit seinem real-namen und foto auftritt ist nicht mehr anonym, kann also nicht für anonymous sprechen. jeder der anonym auftritt und für anonymous spricht ist keine verlässliche quelle. man lässt taten sprechen, so einfach ist das. wer im nachinein aus welchen gründen was in diese taten hineininterpretiert ist irrelevant, genauso wie die motivaton der beteiligten. OP fag much?
Stimmt, ich habe mich auch schon immer gewundert, wo die Medien "Anonymous-Sprecher" auftreiben. Nehmen sie da einfach den erstbesten Maulhelden, der sich wichtig tun will?
5. optional
yolandiloff 13.08.2012
---Zitat--- Stimmt, ich habe mich auch schon immer gewundert, wo die Medien "Anonymous-Sprecher" auftreiben. Nehmen sie da einfach den erstbesten Maulhelden, der sich wichtig tun will? ---Zitatende--- zumindest sind diese "maulhelden" personen, die politisch agieren und für die rechte des einzelnen eintreten, was man in ihrem agressiven kommentar entnehmen kann dass sie sich um weniger kümmern (ihren rasen mähen, kleine kinder nachmittags beim spielen stören, polizei anrufen etc)
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