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Start noch im Dezember: WikiLeaks-Aussteiger baut eigene Seite auf

Lange war er das Gesicht und das Sprachrohr von WikiLeaks, bis er in heftigem Streit mit Gründer Julian Assange ausschied. Jetzt gründet Daniel Domscheit-Berg eine konkurrierende Web-Seite: Noch 2010 will er die neue Plattform ins Internet bringen und verspricht mehr Transparenz.

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AP

Jahrelang arbeitete Daniel Domscheit-Berg eng mit Wikileaks-Gründer Julian Assange zusammen, dann kam es zum Zerwürfnis. Dass er eine eigene Seite plant, war bereits bekannt, nun soll es überraschend schnell gehen: Noch im Dezember will der 32-Jährige die neue Internetplattform starten.

Seine Web-Seite werde transparenter sein als WikiLeaks, kündigte Domscheit-Berg in der Zeitschrift "Focus" an. Zudem sollen die Absender selbst bestimmen, wer ihre Dokumente veröffentlicht. Die Plattform wolle nur die technische Infrastruktur zur Verfügung stellen, über die geheime Dokumente sicher verschickt werden können.

Auch in der "tageszeitung" hatte Domscheit-Berg diese Woche den baldigen Projektstart angekündigt, gemeinsam mit anderen WikiLeaks-Aussteigern. Das Ziel des bisher namenlosen Netzwerks: "Möglichst viele Menschen sollen möglichst viele Dokumente entgegennehmen können." Die Macht solle dabei "möglichst weit verteilt" werden, sagte er der Zeitung. Man habe die Erfahrung gemacht, dass Macht zu leicht korrumpieren könne.

Nachdem eine Gruppe um den Australier Julian Assange WikiLeaks Ende 2006 gegründet hatte, war Daniel-Domscheit-Berg ein Jahr später dazugestoßen. Der Berliner Informatiker gab dafür seinen bisherigen Beruf auf und wurde, als einer von wenigen Vollzeitmitarbeitern, zum Sprecher der Enthüllungsplattform, deren Ziele er stets besonnen und sachlich erklärte - unter dem Namen Daniel Schmitt, zum Schutz vor Angriffen. Das Pseudonym gab er erst mit seinem WikiLeaks-Ausstieg im September auf.

Zerwürfnis mit Folgen

Es wurde eine Trennung mit Donnergrollen, neben Daniel Domscheit-Berg gingen auch andere Mitarbeiter im Streit. Nach einer längeren Phase, in der Domscheit-Berg alias Schmitt das Gesicht von WikiLeaks war, häuften sich offenbar die Auseinandersetzungen. Ende September veröffentlichte Wired.com ein Chat-Protokoll, das der Web-Seite von einem "WikiLeaks-Insider" zugespielt worden sei. Darin debattierten die beiden zusehends hitziger und zorniger über interne Vorwürfe anderer Aktivisten gegen Assange; es geht vor allem um dessen autoritäres Gehabe und seinen ruppigen Umgang mit Miitstreitern.

Diese Aussagen schrieb Assange Domscheit-Berg zu und verlangte Wired.com zufolge eine Stellungnahme. Am Ende gipfelte der Chat demnach in folgender Passage:

Domscheit-Berg: Du bist von niemanden der König oder Gott. Und du füllst momentan nicht einmal deine Rolle als Anführer aus. Ein Anführer kommuniziert und pflegt das Vertrauen in ihn. Du tust das genaue Gegenteil. Du benimmst dich wie eine Art Imperator oder Sklavenhändler.

Assange: Du bist für einen Monat suspendiert, gültig ab sofort.

Domscheit-Berg: (…) Weswegen? Und wer sagt das überhaupt? Du? Noch so eine Ad-hoc-Entscheidung?

Assange: Wenn du das anfechten willst, wirst du Dienstag angehört.

Es blieb nicht bei einer Vier-Wochen-Pause, Domscheit-Berg zog sich ganz zurück, erklärte die Gründe in einem SPIEGEL-Interview und ging zugleich erstmals unter seinem echten Namen an die Öffentlichkeit. Die Entwicklung, mit dem WikiLeaks-Wachstum professioneller und transparenter zu werden, bezeichnete er als "intern blockiert". Zudem habe Assange den Vorschlag, sich wegen der Vergewaltigungsvorwürfe in Schweden zeitweise aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, als "Angriff auf seine Rolle" gewertet.

Trotz der heftigen internen Auseinandersetzungen mit Assange behielt Domscheit-Berg seine Loyalität zum Projekt WikiLeaks und setzt weiter auf die Idee von dezentralen Enthüllungsplattformen. "Daran werde ich jetzt arbeiten", kündigte er schon im SPIEGEL-Interview nach seinem Ausstieg an, "am Ende muss es tausend WikiLeaks geben".

Eines dieser Projekte plant er jetzt zügig selbst an den Start zu bringen. Zudem will Domscheit-Berg über seine Erfahrungen "in der Schaltzentrale" in einem Buch berichten, das bei Amazon bereits angekündigt ist und voraussichtlich am 27. Januar 2011 erscheint: "Inside WikiLeaks. Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt." Ein "Enthüllungsreport voller unbekannter Fakten" über die Enthüllungssseite soll es werden.

jol/dpa

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Forum - Wie viel Geheimnis verdient die Politik?
insgesamt 1160 Beiträge
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1.
Ty Coon, 04.12.2010
Zitat von sysopDie Online-Plattform WikiLeaks stellt immer wieder geheime Dokumente ins Netz. Die Regierungen in den USA und Frankreich versuchen nun mit Macht, die Betreiber aus dem Web zu verbannen. Wie viel Geheimnis verdient die Politik?
Sehr viel. Vertrauliche Gespräche sind die Grundlage der Diplomatie. Wenn es allerdings darum geht, verbrecherische Machenschaften aufzudecken, dann sind solche Plattformen wie WikiLeaks legitim.
2. ...bestenfalls
eikfier 04.12.2010
Zitat von sysopDie Online-Plattform WikiLeaks stellt immer wieder geheime Dokumente ins Netz. Die Regierungen in den USA und Frankreich versuchen nun mit Macht, die Betreiber aus dem Web zu verbannen. Wie viel Geheimnis verdient die Politik?
...die Frage ist natürlich völlig berechtigt? Schließlich hat kein Geringerer als unser späterer Bundespräsident Gustav Heinemann mal geseufzt:"...regiere du mal dieses Welt!" - und meinte damit sicherlich auch unsere gehaßt-geliebten und in jedem demokratischen Falle dringend benötigten Journalisten, ist meine Meinung - Wer den Journalisten nicht nur in Gedanken, sondern tatsächlich einen Maulkorb umhängt, dem geht´s mindestens so wie Kaiser WilhelmII. in der bekannten "Feuerzangenbowle", wenn er nicht sogar Micky-Leaks zu ungeahnter Popularität verhilft - ein bißchen schlimm, ein bißchen doof, ein bißchen lächerlich, denke ich bestenfalls...
3. Wieviel Wahrheit traut man dem Souverän zu?
Sharoun 04.12.2010
Aus teilweise nachvollziehbaren Gründen trauen Exekutive und Legislative ihrem Wahlvolk nicht über den Weg. Allright; das sollte dann aber auch so benannt werden und nicht die übergroße Fahne einer allgegenwärtigen Mitbestimmung -verwirklicht in dieser und durch diese Gesellschaft- geschwenkt werden. Denn das ist nur noch Verhöhnung!
4. PayPal Konto gelöscht
sieben777 04.12.2010
Wir Internet-Nutzer sind nun gefragt. Wehren wir uns gegen dieses Doppelmoral-System? Warum beachten jetzt plötzlich PayPal und Amazon ihre eigenen AGBs? Warum funktioniert die Löschung der verschiedenen Webseiten von Wikileaks so zügig aber bei den der Kinderporno Seiten denn nicht??? Da kann etwas nicht stimmen.
5. Paypal, DNS, Hosting für Wikileaks abgestellt.
maximillian64 04.12.2010
Die sukzesive Verabschiedung der USA von der Meinungsfreiheit ist wie jede Aufgabe von Grundrechten im Tausch gegen Sicherheit ist ein Punktsieg der Kräfte mit all den Gesetzten eigentlich Bekämpft werden sollen. Das Internet ist heute nur noch für cyber- und echte- krimminelle und wirklich frei. Was meinen die Strafverfolger, Politiker und Serviceprovider in den USA den wo WikiLeaks demnächst gehostet wird und spenden einsammelt? Wenn der Druck so weiter aufrecht erhalten wird wird auch die Schweiz und andere Nationen dem Portal die Gastfreunschaft kündigen. Wikileaks wird dann wohl bald bei den gleichen Providern gehostet die Heute bereits Al Quaida Blogs und deren Paymentprovider hosten? Verkehrte Welt!
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