Statistiken im Netz Britische Regierung verspricht die Datenrevolution

So weit ist noch keine Regierung gegangen: Großbritannien will eine Fülle interner Daten über die Leistung von Ärzten, Lehrern und Polizisten im Web veröffentlichen. Die Transparenz-Revolution soll den Service für den Bürger verbessern - und Geld sparen.

Ausgaben: Die Open Knowledge Foundation wertet Daten der britischen Regierung aus

Ausgaben: Die Open Knowledge Foundation wertet Daten der britischen Regierung aus


Die Nachricht ging in der Aufregung über den Abhörskandal und die Einstellung der Sonntagszeitung " News of the World" komplett unter. Dabei hat der britische Premierminister David Cameron diese Woche eine kleine Revolution angekündigt. Er will interne Verwaltungsdaten in bisher nicht gekanntem Ausmaß ins Internet stellen. Dies werde eine "neue Ära der Transparenz" einläuten, warb Cameron in einem Gastbeitrag im " Daily Telegraph".

Eine Fülle von Rohdaten, mit denen die Verwaltung die Leistung von Ärzten, Lehrern und Polizisten misst, soll künftig für jeden Briten einsehbar sein. Damit setzt sich die Downing Street an die Spitze der internationalen Bewegung für "open government".

Unter anderem werden laut einem Brief Camerons an sein Kabinett folgende Daten veröffentlicht:

  • Behandlungsergebnisse von öffentlichen Hausarztpraxen,
  • Beschwerden über öffentliche Krankenhäuser,
  • Erfolgsquoten einzelner Krankenhaus-Abteilungen bei Behandlungen wie Lungenkrebs,
  • Erfolgsquoten von Schulen, geordnet nach einzelnen Fächern,
  • Gerichtsurteile, inklusive Angaben über Geschlecht, Alter und ethnische Zugehörigkeit der Verurteilten,
  • Rückfallrate von Häftlingen,
  • Live-Daten zu Staus und Verkehrsunfällen,
  • Pünktlichkeitsbilanz der Züge,
  • alle mit Kreditkarten getätigten Verwaltungsausgaben über 500 Pfund.

Damit, so hofft Cameron, werde sich nicht nur der Service für den Bürger verbessern, sondern auch die Effizienz der Verwaltung. Der Druck, unnötige Ausgaben zu reduzieren, werde wachsen. Und selbst neue Unternehmen könnten entstehen, schreibt Cameron - etwa Start-ups, die neue Anwendungen entwickeln, um die öffentlichen Daten zu vergleichen.

App-Entwickler saugen Daten-Feed der Londoner U-Bahn

Es gibt auf dem Feld bereits einige Erfolgsgeschichten: Den Daten-Stream der Londoner U-Bahn nutzen zum Beispiel mehrere Anwendungen. TubeHorus gibt an, welche U-Bahnen demnächst an bestimmten Haltestellen abfahren, die Tube Performance Maps gibt einen Überblick der aktuellen Sperrungen und Verspätungen. Mit der iPhone App "Traffic London" kann man sich die Bilder der Überwachungskameras entlang der geplanten Fahrtroute ansehen und so Staus umfahren.

Die liberalkonservative Regierung war vor einem Jahr mit dem erklärten Ziel angetreten, die Verwaltung transparenter zu machen. Seither hat sich einiges getan: Bürger können etwa sehen, welche Verträge die Verwaltung abschließt und wie viel das Führungspersonal verdient.

In Deutschland fehlen solche Beispiele, denn bislang ist ein Großteil der öffentlichen Daten für Bürger überhaupt nicht oder nicht sinnvoll nutzbar. Lediglich das Statistische Bundesamt stellt umfangreiche Datenbestände zur Verfügung. Obwohl in Deutschland Gerichtsurteile gemeinfrei sind, kommt man nicht ohne das kostenpflichtige Abo einer Rechtsdatenbank aus, wenn man nach Urteilen zu einem bestimmten Sachgebieten sucht.

Der Appetit der britischen Bürger auf die Daten ist laut Cameron unersättlich. Als Beispiel nannte er den Fall vor einigen Monaten, als die Datenwebsite der Regierung binnen einer Stunde 18 Millionen Hits bekam, weil jeder Engländer dort auf einer Karte nachschauen konnte, was in seiner Straße für Verbrechen begangen werden. Künftig sollen die Bürger obendrein erfahren, wie die Polizei auf diese Verbrechen reagiert hat.

Die Experten des "Guardian"-Datablog bescheinigten Cameron, sein Vorhaben gehe in die richtige Richtung. Aus politischer Sicht ist die Veröffentlichung nicht ohne Risiko. Die Zahlen werden Kritikern neue Munition liefern, um die Regierung anzugreifen. Diese Woche wurde gerade erst bekannt, dass die Wartezeiten in den Krankenhäusern seit Camerons Amtsantritt rasant gestiegen sind.

Doch scheint der Premier diese Gefahr in Kauf zu nehmen. Er appellierte an die Briten: "Nutzen Sie diese Informationen, ziehen Sie Ihre Verwaltung zur Rechenschaft".



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