Berlin-Bewohner erzählen: "Heutzutage hat ja fast jeder 'nen Internet"

Zuhören, aufzeichnen, erzählen: Die Designer Stephanie Neumann und Jonas Breme haben in Berlin die Geschichten von Kiez-Einwohnern gesammelt und im öffentlichen Raum zugänglich gemacht. Ihr Bericht, wie ein Radio voller Geschichten an eine Kreuzung in Berlin kam.

Geschichtenradio: An einer Berliner Bushaltestelle kann man Anwohner-Anekdoten hören Zur Großansicht
Stephanie Neumann

Geschichtenradio: An einer Berliner Bushaltestelle kann man Anwohner-Anekdoten hören

Eine Kreuzung im Zentrum von Berlin, an der Schnittstelle von drei Stadtbezirken. Zwischen Mitte, Friedrichshain und Prenzlauer Berg, zwischen Altbau und Neubau, Proletariat und Gated Community. Eine Art Zwischenraum. Hier leben Professorinnen und Zeitungsverkäufer, Kinder und Rentner, Zugezogene und Alteingesessene. An einer Straßenbahnhaltestelle stehen Wartende. Jemand beginnt zu erzählen:

"Wenn ick jetz wüsste, die wohnen da und da. Ick wüsste nich, wie ick mich denn verhalte. 'Tach, ick bin euer Vater. Hier bin ick.' Na dit würd ick wahrscheinlich ooch nich machen...die warn ja noch kleen. Det einzige wat se jesacht ham an der Tür: 'Bleib hier!' Also dit werd' ick meen Leben nich verjessen. Aber wie man eben war im Suff - wat jeht mir dit an. Dass se nich mit offenen Armen dastehen würden - versteh ick ooch. Da müsste man denn von Neuem anfangen. Vielleicht dass ick erstma ne Suchanzeige uffjebe. Heutzutage hat ja fast jeder 'nen Internet. Ick hab sogar eens im Schrank."

Doch der Erzähler, sein Name ist Erwin, ist nicht vor Ort. Die Geschichte kommt aus einer weißen Box, die an ein Radio erinnert. Wir haben diese Lautsprecher-Box an der Haltestelle aufgehängt und zuvor die Geschichten der Bewohner aufgezeichnet.

So sammeln wir die Geschichten der Stadtbewohner

Den Ort macht mehr aus als Kreuzungslärm, Anonymität und Großstadt-Hektik. Wir haben im Rahmen des Projekts Connected City Erlebnisse der Menschen gesucht, die hier leben, arbeiten, lieben, ihre oft persönlichen Geschichten, die sie mit dem Ort verbinden. Die Erlebnisse und Geschichten haben wir gesammelt, mit drei verschiedenen Methoden.

So sind die Marker speziell für die Kreuzung angelegt, zum Einsammeln von kurzen Notizen. Auf der Straße, an der die Leute oft nur eine Ampelphase Zeit haben, können Passanten die selbstklebenden Pfeile beschreiben und an dem Ort platzieren, auf den sich das Geschriebene bezieht. Auf einem der Marker an einem Wartehäuschen steht: "Hier hab ich schon mal gewartet, gegessen, telefoniert, gelabert, mich geärgert, Schluss gemacht, Kaffee getrunken".

Daneben gibt es die mobile Geschichtentruhe. Eine Truhe wird mit der Aufbewahrung von besonderen Dingen verbunden. Und so dient die Geschichtentruhe dem Einsammeln persönlicher Erlebnisse. Möchte jemand eine Geschichte erzählen, öffnet er die Truhe - und die Tonaufnahme startet.

"Alte Häuser standen hier, ganz alte Häuser. Na, das wurde dann alles weggesprengt und dann kam Neubau. Ick hatte drei Kinder und keine sehr guten Wohnbedingungen; dit waren allet so Altbauten. Und da, sag ick, Mensch, ick möchte auch ma nen Neubau haben. So Wasser aufdrehen, warm Wasser kommt raus. Na und dann hat meen Mann sich bemüht und da kam er dann eenes Tages an und sacht er: 'Wir können uns heute ne Wohnung angucken.' Und das war gleich die erste Wohnung hier in der Straße." (Helene)

Mit dem provisorisch aufgestellten Wohnzimmer lässt sich ein temporärer, halb-privater Raum schaffen für das Einsammeln kurzer Anekdoten und Statements zur Nachbarschaft. Zur Anonymisierung kann eine Maske vorgehalten werden. Nimmt jemand im Wohnzimmer Platz und möchte etwas erzählen, dann schaltet er die alte Wandlampe an - und die Videoaufnahme startet:

Ich bin heute Morgen etwas neben der Spur und wollte mich mal darüber beschweren, dass all die schönen Clubs hier in der Nachbarschaft zumachen müssen. Und ich muss dann extra nach Kreuzberg fahren und bin dann jetzt heute total übermüdet." (Arne)

Einige Zeit später sind Marker, Wohnzimmer und Truhe gefüllt mit Notizen, Anekdoten und sehr persönlichen Erlebnissen. Wie kommen diese Geschichten zu den Leuten?

Das Geschichtenradio spielt die Erzählungen ab

Wir haben ein weiße Klangbox gebaut, das Geschichtenradio. Es geht auf Tour und startet an einer Straßenbahnhaltestelle direkt an der Kreuzung. Man muss schon etwas näher herantreten, um die persönlichen Erlebnisse zu hören. Über die Haltestelle verteilt hängen Bilder der Erzähler in Bilderrahmen. Welche Erzählung jedoch von wem stammt, kann nur erahnt werden. Drückt man den Knopf, beginnt die nächste Geschichte.

Zwei Jungs stehen an der Haltestelle und halten den Kopf an das Radio. Später ist es ein älterer Mann mit Pfeife und Hackenporsche. Eine junge Frau bleibt stehen und drückt den Knopf. Sie hört und hört und lässt darüber ihre Straßenbahn weiterfahren.

Vor diesem Geschichtensammler-Projekt haben wir in einem Hochhaus im gleichen Kiez mit Installationen wie Durst und Timeshaft versucht, die Bewohner ins Gespräch miteinander zu bringen. In dem Hochhaus gibt es in 136 Wohneinheiten auf 18 Etagen, entsprechend anonym sind die Verhältnisse. Unser Eingreifen in die Nachbarschaft hat ganz unterschiedliche Reaktionen provoziert - machmal hört man vor einer Installation nur: "Fummel da jetzt nicht rum!"

Stephanie Neumann und Jonas Breme sprachen auf der re:publica. SPIEGEL ONLINE ist Partner der Konferenz. Die Veranstaltungen der Hauptbühne können Sie bei uns auch im Livestream verfolgen.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Arbeitet in Berlin überhaupt noch jemand?
hartholz365 07.05.2012
Wenn man immer diese Geschichten aus Berlin liest, hat man den Eindruck die Leute dort haben zu viel Zeit oder sind arbeitslos. Lauter Künstler, Kreative,... wer macht den dort die Arbeit? Schreibt mal über Strassenfeger, normale Leute und nicht diese alimentierten Spinner.
2.
strandtiger 07.05.2012
Zitat von hartholz365Wenn man immer diese Geschichten aus Berlin liest, hat man den Eindruck die Leute dort haben zu viel Zeit oder sind arbeitslos. Lauter Künstler, Kreative,... wer macht den dort die Arbeit? Schreibt mal über Strassenfeger, normale Leute und nicht diese alimentierten Spinner.
Tja. Das ist halt das Schöne an Berlin das eben auch die Strassenfeger und Arbeiter eine "angeborene Poesie" haben!! Darum ist es die Stadt mit den interessantesten Menschen auf der Welt.
3. Weisheiten
matthias_b. 07.05.2012
Zitat von strandtigerTja. Das ist halt das Schöne an Berlin das eben auch die Strassenfeger und Arbeiter eine "angeborene Poesie" haben!! Darum ist es die Stadt mit den interessantesten Menschen auf der Welt.
Ein chinesischer Fluch lautet "mögest du in interessanten Zeiten leben". Hierauf umgemünzt wäre da wohl "mögest du mit interessanten Leuten leben". Ich für meinen Teil bin froh, wenn ich den Abschluss habe und aus dieser Stadt raus bin. Um die Ursprungsfrage zu beantworten: ja, es arbeiten noch viele in Berlin, aber diese haben weder Lobby noch Stimme und sind zu sehr damit beschäftigt, Sozialabgaben einzuarbeiten.
4. Wie wird man heute zum "Nerd"?
_ab 07.05.2012
Früher musste man da noch Ahnung haben von Computernj & technischem Kram. Heutzutage reicht es, unter 30 zu sein, eine "Nerdbrille" aufzusetzen, irgendetwas "piratisch" klingendes zu sabbeln, ein paar Piercings oder Tattoos, fertig ist der hippe Neuzeit-Nerd.
5.
Ambermoon 07.05.2012
Zitat von hartholz365Wenn man immer diese Geschichten aus Berlin liest, hat man den Eindruck die Leute dort haben zu viel Zeit oder sind arbeitslos. Lauter Künstler, Kreative,... wer macht den dort die Arbeit? Schreibt mal über Strassenfeger, normale Leute und nicht diese alimentierten Spinner.
Man muss sich diesen alimentierten Spinnern nicht aussetzen. In Nordkorea wird Ihre diesbzgl. Einstellung z.B. in die Praxis umgesetzt. Anreise 3x die Woche über Peking - wie wär's?
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Zur Autorin
  • Stephanie Neumann ist ausgebildete Fotografin. Sie hat Digitalen Medien studiert und als Konzepterin in Berlin, Frankfurt/Main und New York gearbeitet. Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin an der FH Brandenburg. Exkurse in den Filmbereich. Masterstudium an der FH Potsdam, Freiberufliche Fotografin und Interaction Designerin, werkstadt.net.



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