Stratfor-Hack: WikiLeaks blamiert die "Schatten-CIA"

Von , London

Julian Assange machte zuletzt vor allem mit seinen eigenen Problemen Schlagzeilen. Nun deckt er wieder Geheimnisse auf: Mit der Veröffentlichung von fünf Millionen E-Mails blamiert WikiLeaks den privaten US-Nachrichtendienst Stratfor - und möglicherweise zahlreiche Regierungen.

Julian Assange in London: WikiLeaks veröffentlicht E-Mails der US-Firma Stratfor Zur Großansicht
REUTERS

Julian Assange in London: WikiLeaks veröffentlicht E-Mails der US-Firma Stratfor

Die Szenerie ist vertraut. Da steht Julian Assange, lässig gekleidet in Jeans, Stiefeletten und Lederjacke im Londoner Frontline Club und hält vor Dutzenden Reportern Hof. Es ist wie in den besten Zeiten, als der Gründer der Internet-Plattform WikiLeaks die schmutzigen Geheimnisse der Mächtigen, allen voran der US-Regierung, aufdeckte.

Um Assange, den Enthüller, war es zuletzt ruhig geworden. Stattdessen sah man ihn vor Gericht, wo er in eigener Sache kämpft: Gegen die Auslieferung nach Schweden, wo die Staatsanwaltschaft ihn zu Vergewaltigungsvorwürfen zweier Frauen vernehmen will. Er wartet nun auf das Urteil des englischen Supreme Court.

An diesem Montag ist der alte Chef-Aufklärer wieder da - mit einer potentiell explosiven Enthüllung. 5,5 Millionen E-Mails des privaten US-Nachrichtendienstes Stratfor werden in den kommenden Wochen auf der WikiLeaks-Webseite und in Zusammenarbeit mit 25 Medienorganisationen veröffentlicht. "Sie dokumentieren das private Leben, die privaten Lügen der privaten Spione", verkündet Assange auf seiner Pressekonferenz. Die ersten 150 E-Mails stehen bereits im Netz, der Rest soll nach und nach folgen.

Coca-Cola lässt Tierschützer von Peta überprüfen

Stratfor, ein Unternehmen aus dem US-Bundesstaat Texas, betreibt ein weltweites Netz von Informanten und analysiert die geopolitische Lage - so ähnlich wie die staatlichen Auslandsgeheimdienste CIA, BND oder MI6. Und, zumindest was die Quellenpflege angeht, zum Teil offenbar auch mit geheimdienstähnlichen Methoden. Rund 300.000 Kunden haben den kostenpflichtigen Stratfor-Newsletter abonniert, in der Hoffnung auf exklusive Informationen aus Krisenländern und kluge Einschätzungen der politischen Entwicklung.

Die E-Mails verraten nicht nur private Details der Kunden (Ministerien, Rüstungskonzerne, Banken, Universitäten), sondern auch deren Aufträge und Anliegen. So soll der Kommandeur der US-Marines eine Prognose über die Herausforderungen der kommenden drei Jahre bestellt haben. Coca-Cola hat demnach die Tierschützer von Peta überwachen lassen. Nicht alles klingt überraschend.

Es sei faszinierend, durch die Daten zu wühlen, sagt eine Redakteurin des italienischen Nachrichtenmagazins L'Espresso, das als einer der internationalen Medienpartner bereits Zugang zur gesamten Datenbank hat.

"Wie eine Schatten-CIA, die amerikanische Interessen vertritt"

Laut Assange sammelt Stratfor nicht nur Informationen, sondern unterwandert auch Organisationen wie WikiLeaks. Beweise will er in den kommenden Tagen liefern. Außerdem belegen die E-Mails laut Assange, dass Stratfor einen eigenen Hedgefonds plante, der auf der Basis der Insider-Informationen der Firma Millionen investieren sollte.

"Stratfor agiert wie eine Schatten-CIA, die amerikanische Interessen vertritt", sagte der Vertreter des spanischen "Publico". "Was mir besonders aufgefallen ist: Stratfors Einkommen scheint vor allem aus öffentlichen Quellen zu kommen." Europäische Regierungen förderten auf diesem Weg de facto Anliegen der US-Regierung.

Das Datenleck ist eine peinliche Panne für das Unternehmen, die erhebliche geschäftliche Konsequenzen haben könnte. Assange und die Medienvertreter auf der Pressekonferenz setzten in London alles daran, Stratfors Ruf zu beschädigen. Die Qualität der Stratfor-Berichte beschrieben sie als "lachhaft" und "absurd". Zwei Reporter der libanesischen Zeitung Al-Akhbar, zugeschaltet via Skype, lästerten, die meisten Stratfor-Informanten im Nahen Osten sprächen kein Arabisch und verließen sich beim Abfassen ihrer Berichte auf den Übersetzungsservice von Google.

Stratfor will keine Stellung beziehen

Die Frage ist, was für Stratfors Ruf schlimmer ist: Die Enthüllung von Kundengeheimnissen oder die Diagnose der angeblichen Inkompetenz ihrer Analysten. Die Firma reagierte kurz angebunden. Sie verurteilte die Veröffentlichung als "abscheulich", wollte aber die Echtheit der E-Mails nicht bestätigen. Man werde sich zum Inhalt nicht äußern.

Im Unterschied zu früheren WikiLeaks-Enthüllungen stammen diese Daten nicht von einem Whistleblower, sondern sie stammen offensichtlich vom Hacker-Kollektiv Anonymous. Assange wollte dies in London nicht bestätigen, weil WikiLeaks grundsätzlich seine Quellen nicht preisgibt. Doch hat Anonymous via Twitter bereits Urheberschaft beansprucht.

Die Annahme ist auch noch aus einem anderen Grund plausibel. Zum Jahreswechsel hatte Anonymous bereits 850.000 E-Mail-Adressen und Passwörter sowie 75.000 Kreditkartendaten von Stratfor-Kunden ins Internet gestellt. Nun folgt offensichtlich der Inhalt der fünf Millionen E-Mails, die bei dem Hack erbeutet worden sein sollen.

"Hoffnungslose James Bonds"

Damit erreicht die Partnerschaft zwischen Anonymous und WikiLeaks eine neue Stufe. In den vergangenen Jahren hatte WikiLeaks Distanz zu den unkontrollierbaren Hackern gehalten, weil die Plattform sich ein Image als seriöse Medienorganisation aufbauen wollte. Assange fühlte sich wohler in der Gesellschaft von großen Verlagshäusern wie "New York Times" und SPIEGEL.

Seit geraumer Zeit hat WikiLeaks jedoch mit finanziellen, technischen und personellen Problemen zu kämpfen und droht, in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen. Anonymous hingegen macht Schlagzeilen mit allerlei Enthüllungen. Assange scheint zu hoffen, dass die Zusammenarbeit mit den Hackern seine darbende Plattform wiederbeleben kann.

Wie in der Vergangenheit, als WikiLeaks Hunderttausende geheime US-Dokumente zu Afghanistan und Irak in Zusammenarbeit mit großen Medienhäusern ausgewertet hat, hat Assange sich Partner bei den "Old Media" gesucht. Unter anderem sind diesmal der amerikanische "Rolling Stone", die argentinische "Pagina 12", der indische "The Hindu", der "Russische Reporter" und der NDR dabei.

Doch was will WikiLeaks mit der Veröffentlichung erreichen? Es gehe darum, die private Sicherheitsbranche zur Verantwortung zu ziehen, sagte Assange. Der Sektor boome und sei komplett unreguliert. Stratfor sei eine sehr einflussreiche Firma. Doch ihre Analysten seien "hoffnungslose James Bonds".

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1. Was juckt's die Eiche...
tsuggitschuggi 27.02.2012
Zitat von sysopREUTERSJulian Assange machte zuletzt vor allem mit seinen eigenen Problemen Schlagzeilen. Nun deckt er wieder Geheimnisse auf: Mit der Veröffentlichung von fünf Millionen E-Mails blamiert WikiLeaks den privaten US-Nachrichtendienst Stratfor - und möglicherweise zahlreiche Regierungen. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,817838,00.html
Das wird Stratfor (und seine Kunden) aber beeindrucken, wenn Wikileaks und Pressevertreter Stratfor Inkompetenz andichten....
2.
scottyb 27.02.2012
Zitat von tsuggitschuggiDas wird Stratfor (und seine Kunden) aber beeindrucken, wenn Wikileaks und Pressevertreter Stratfor Inkompetenz andichten....
Andichten? Die Inkompetenz ist doch offenkundig, sonst gäbe es den Stratfor-Hack nicht. Und zahlende (und offensichtlich inkompetente) staatliche Kunden (oder Grosskonzerne) zu verlieren schmerzt, schließlich geht es nur um drei Dinge: Geld, Geld, Geld. Das ist mit den "Pullachern" und dem sog. ( ebenfalls aus Steuermitteln finanzierten) "Verfassungsschutz" nicht anders. Wo ein Markt ist, wird er befriedigt, Sie suchen einen Wünschelrutengänger? Kriegen Sie, mit Diplom der deutschen Schwachhochschule Weihenstephan, die sich nur rein zufällig in Bayern befindet.
3. Nachtrag
scottyb 27.02.2012
Aber vielleicht sollte Stratfor die Wünschelrutengänger der Schwachhochschule Weihenstephan mit der Fahndung nach den undichten Stellen beauftragen. Den undichte Stellen gibt es viele, beiStratfor und in Weihenstephan.
4. Rechnung
Anhaltiner 27.02.2012
Zitat von tsuggitschuggiDas wird Stratfor (und seine Kunden) aber beeindrucken, wenn Wikileaks und Pressevertreter Stratfor Inkompetenz andichten....
Wenn rauskommt das andere das via google können, werden sich die Großkonzerne wohl überlegen ob man in Zukunft sich noch von denen Rechnungen schicken lässt.
5. Interessant
loky mcqueen 27.02.2012
Da bekommt doch das Phänomen "New World Order" gleich neuen Zucker, wenn nicht gar zum ersten mal handfeste Substanz. Aber sind wir doch mal ehrlich, wer in der heutigen Zeit den Braten nicht riecht, dass diverse pro amerikanische Regierungen mehr im Sinne der US-Administration agieren, als im Interesse ihres eigenen Landes bzw. ihrer eigenen Gesellschaften und Demokratien, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Allerdings stellt sowas, wenn es wirklich im großen Stil betrieben wurde, die Integrität ganzer Regierungen, deren Wechselwirkung und wahren Beweggründe in Frage ... ich fang jetzt mal nicht mit der schwarz-gelben Spaßgesellschaft an, die wir in Berlin sitzen haben. Da ist sowieso schon Hopfen um Malz verloren :P
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Anonymous: Die Maske des Protests

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Die Web-Guerilla Anonymous
Die Namenlosen
Anonymous ist eine lose Gruppierung, die ihren Ursprung einst im anarchischen Bilderforum 4Chan hatte. Zunächst konzentrierten sich Aktivisten auf Aktionen gegen Scientology. Inzwischen werden DDoS-Attacken, bei denen Websites durch massenhafte Anfragen überlastet werden, gegen eine Vielzahl von Zielen durchgeführt. Die Gruppe erklärte sich solidarisch mit den Aufständischen in Ägypten, Libyen, Syrien und anderswo, sie verteidigt WikiLeaks und bekämpft die Branchenverbände der Musik- und Filmbranche. Freie Information und das Recht auf Anonymität gehören zu den wenigen geteilten Zielen der zahlreichen Netznutzer weltweit, die sich zu Anonymous zählen.
Masken und Anzüge
Die Maske kommt aus Alan Moores Kultcomic "V wie Vendetta" und steht dort als Symbol für den Kampf gegen Unterdrückung, Überwachung und Zensur: Man erkennt die Gruppenzugehörigkeit, nicht aber den anynomen Träger. Angelehnt ist die Maske an Guy Fawkers, einen englischen Offizier, der 1605 den König und das Parlament in die Luft sprengen wollte, um die Verfolgung der Katholiken anzuprangern. Der Mann im Anzug ohne Kopf, das Logo der Bewegung, steht für eine Organisation ohne Anführer: Jeder kann Anonymous sein. Eine Vielzahl von Websites und Foren, Social-Network-Profilen und YouTube-Angeboten propagiert die Grundideen und -ziele der Bewegung.
Dauerfeuer aus Ionenkanonen
Anonymous setzt häufig auf Distributed-Denial-of-Service- oder kurz DDoS-Attacken. Darunter versteht man Angriffe über das Internet, bei der eine Vielzahl von Rechnern für so massenhafte Seitenaufrufe sorgt, dass die angegriffenen Server mit der Überlast nicht mehr fertig werden und kollabieren. Meist sind sie Stunden später aber wieder am Netz. Die "Niederorbit-Ionenkanone" ist ein Tool, das DDoS-Attacken für jedermann ermöglicht - und den freiwilligen Anschluss an ein Botnetz. Klingt cool, ist bei Einsatz aber kriminell. Anonymous hat mehrere zehntausend dieser DDoS-Tools für sogenannte Raids in Umlauf gebracht.
Anonymous gegen Scientology
Anlass zur Gründung der Bewegung waren 2008 Versuche von Scientologen, das Internet zensieren zu lassen: Ein ganz besonders wirres Video, in dem der Schauspieler Tom Cruise über Scientology redet, sollte aus dem Web entfernt werden. In den Foren einiger Imageboards (vor allem 4Chan, wo alle Teilnehmer Anonymous heißen) wurde daraufhin eine DDoS-Attacke verabredet. Seitdem protestiert ein "Arm" von Anonymous regelmäßig, auch ganz in echt auf der Straße, gegen Scientology.
Unterstützung für WikiLeaks
Bekannt wurde Anonymous durch Blockade-Angriffe auf Mastercard und Visa, die "Operation Payback". Die Finanzdienstleister hatte der Enthüllungsplattform WikiLeaks die Unterstütung entzogen. Später startete Anonymous "Operation Leakspin", eine Crowdsourcing-Initiative, um die von WikiLeaks veröffentlichten Dokumente nach interessanten Geschichten zu durchsuchen. Sympathisanten sollen ihre Energie darin investieren, Enthüllungen in "bürgerjounalistischer" Aufmachung auf allen denkbaren Kanälen so weit wie möglich zu verbreiten.
Anonymous und Sony
Sony möchte nicht, dass die Nutzer der Playstation auf der Spielkonsole eigene Software laufen lassen. Der Hacker GeoHot veröffentlichte eine Anleitung, wie es trotzdem geht - und bekam deshalb juristischen Ärger. Anonymous blies als Reaktion Mitte April zum DDoS-Angriff, zur "Operation Sony". Unbekannte stahlen parallel mehr als hundert Millionen Nutzerdaten des Playstation-Networks, weitere Hacker-Angriffe folgten - und Sony verdächtigt Anonymous, beschuldigt die Gruppe der Mittäterschaft.
Im Visier der Ermittler
Die Website-Blockaden provozieren staatliche Gegenwehr: Das FBI ermittelt, Anfang des Jahres wurden Wohnungen durchsucht und Verdächtige festgenommen. In Deutschland durchsuchten Ermittler im Mai, mitten im Wahlkampf, Server der Piratenpartei: Auf einer offenen Plattform soll, ohne Wissen der Partei, ein DDoS-Angriff geplant worden sein. Im Juni nahm die Polizei in Spanien drei mutmaßliche Anonymous-Mitglieder fest, mehr als zwei Millionen Chat-Protokolle sollen ausgewertet worden sein. Auch das Militärbündnis Nato, das sich für den Cyber-War rüstet, hat Anonymous im Visier.


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