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Street View: Österreicher droht Google-Fahrer mit Spitzhacke

An Google Street View scheiden sich die Geister. In Österreich machte ein Anwohner nun mit einer Spitzhacke deutlich, was er von den Foto-Autos hält. Europapolitiker griffen den Vorfall auf. Google hofft noch darauf, dass am Ende alle erkennen, wie schön und harmlos Street View ist.

Kamerawagen: Auf der Cebit bemalten Künstler die Google-Autos Zur Großansicht
Getty Images

Kamerawagen: Auf der Cebit bemalten Künstler die Google-Autos

Eigentlich klingt die Idee von Street View ziemlich bestechend: Als Zusatzdienst zu Google Maps, dem beliebten Straßenkartendienst, will Google bald jede Straße Europas auch als Fotoansicht zeigen können. Internetnutzer lieben so was - außer, es geht um ihre eigene Straße. Denn da wird vielen schnell klar, wie brisant die Bilddaten sein könnten: Längst gilt das Trio Google Earth/Maps/Street View vielen Spöttern als eine Einbruchhilfe - ein Service für marodierende Kriminellenbanden zum Sondieren potentiell lohnender Ziele. Dazu kommen immer wieder Fälle, in denen Menschen auf den Straßen in womöglich verfänglichen Situationen fotografiert werden.

An den Missbrauchsmöglichkeiten von Street View stört man sich vor allem in Europa, und das mit zunehmender Vehemenz: Gab es Anfangs vor allem formelle Proteste von Daten- und Verbraucherschützern, später von Politikern, häufen sich in den vergangenen Monaten auch die Bürgerproteste. Unterschriftenlisten gegen das Abfotografieren der Straße vor dem eigenen Haus gehören auch in Deutschland bereits zum Alltag.

In Österreich haben die Protestformen gegen Googles Foto-Autos am Donnerstag eine neue Stufe erklommen: Ein Pensionär soll einem Street-View-Team mit der Spitzhacke klargemacht haben, dass er ihnen nicht freundlich gegenübersteht. Über das Ausmaß dieses bewaffneten Protests gibt es allerdings deutlich divergierende Wahrnehmungen.

Die Betroffenen: Eigentlich war nichts

So erklärte der 70-Jährige aus Steyregg in Oberösterreich gegenüber dem österreichischen Rundfunk, dass er sein Haus nicht für das Internet fotografieren lassen wolle. Speziell sah er die Gefahr, dass Diebe und Einbrecher sein Haus auskundschaften könnten. Die Spitzhacke habe er aber nur in der Hand gehalten, worauf der Fahrer überhastet die Polizei gerufen habe.

Auch Google-Pressesprecherin Lena Wagner bestätigt, dass der Rentner zwar mit schwerem Abbruchgerät bewaffnet war, die Hacke aber nicht eingesetzt habe: "Er hat die Spitzhacke nur in der Hand gehalten. Das kann aber bedrohlich wirken, und er hat dem Fahrer wohl Angst einjagen wollen. Die Polizei hat den Herren aber beruhigt."

Zu einer Attacke war es also nicht gekommen, zu archaischen Drohgebärden auch nicht: Der Rentner stand halt nicht ganz zufällig mit einer Spitzhacke in der Gegend (er war bei der Gartenarbeit), als das Foto-Auto kam. So etwas kann man ernstnehmen, muss man aber nicht.

Die Politik: Spitzhacke als Steilvorlage

Ernst Strasser, Delegationsleiter der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) im Europaparlament, nahm die Sache aber ernst und teilte umgehend per Pressemitteilung mit, dass er die EU-Kommission eingeschaltet habe. Der bewaffnete, wenn auch nicht gewalttätige Protest des willensstarken Spitzhacken-Rentners lieferte die Steilvorlage, einmal mehr das Thema Street View in die Diskussion zu bringen: Die Kommission, so Strasser, solle nun prüfen, ob eine nachherige Einspruchsmöglichkeit von Betroffenen - also Hausbesitzern mit oder ohne Spitzhacke, Anwohnern oder zufällig Fotografierten - gegen Googles Foto-Welterfassung ausreicht. Zwar könne jeder Bürger schriftlichen Widerspruch einreichen, so dass Bilder unkenntlich gemacht werden. "Ich bin mir aber nicht sicher", so Strasser, "ob so ein schriftlicher Widerspruch das Recht unserer Bürger auf ihre Privatsphäre ausreichend schützt."

Damit steht Strasser nicht allein: Viele irritiert es, dass Google allzu gern erst etwas tut und nachher fragt, statt die traditionellen Reihenfolgen einzuhalten. Zwar gibt es kein generelles Verbot, die Häuser anderer Leute abzulichten. Die Rechtsbasis von Street View ist trotzdem noch lange nicht gesichert.

Bei Google mag man sich inzwischen auch fragen, wer die Foto-Autos schützt: Auch in Deutschland gab es schon Proteste, die deutlich Grenzen verletzten. So beschädigten Unbekannte in Oldenburg ein Kameraauto von Google. Bei diesem Vorfall wurden Kabel durchtrennt und die Luft aus den Reifen gelassen.

Die Google-Perspektive: Politik schürt Angst

Schädlicher für Google sind aber letztlich die völlig legitimen Proteste, die das Internetunternehmen als Eindringling dastehen lassen und dem Image von Street View mittlerweile heftige Kratzer verpassten. So protestierten in Ingolstadt über 700 Bürger mit ihren Unterschriften gegen die neugierigen Foto-Autos - eine bundesweit beachtete Aktion.

Eine kleine Siedlergemeinschaft im niederrheinischen Velbert wehrte sich mit 100 Unterschriften gegen die Bilder. Und das Niederkasseler Netzwerk "Unser Lotharviertel" sammelt derzeit ebenfalls fleißig: Wenn das so weitergeht, erlebt das Phänomen des "Weißen Flecks" auf der Landkarte eine Renaissance im Street-View-Angebot. Dessen Attraktivität hängt aber in hohem Maße davon ab, ob eine flächendeckende Abbildung der Welt gelingt oder nicht.

Erst machen, dann Einsprüche entgegennehmen? Oder doch erst fragen?

Für Google scheint inzwischen ausgemacht, dass die Miesmacher in Volksvertreterkreisen zu suchen sind - einmal davon abgesehen, dass gerade in Deutschland das Bedenkentragen sowieso erst einmal dazugehöre: "Wir haben inzwischen die Erfahrung gemacht" so Google-Sprecherin Wagner, "dass erst mal Angst entsteht, wenn eine Technologie gelauncht wird."

Sobald man den Leuten aber die Inhalte vorführe, würden sie diese verlieren. Dies habe man bereits auf der Cebit gemerkt, wo man Besucher Street View am Beispiel von Paris erforschen ließ. Eine offenbar überzeugende Demonstration, das "Produkterlebnis" mache es eben aus. "Viele Politiker", so die Firmensprecherin, "schüren aber die Ängste, anstatt aufzuklären." So verpixele Google Gesichter und Kennzeichen standardmäßig, sollte etwas nicht unkenntlich sein, könne man Maßnahmen einleiten.

Die EU-Datenschutzkommission fordert mehr als das: Eine Foto-Warnung für die Bürger zum Beispiel. Was allerdings so abwegig nicht wäre, auch wenn es den Aufwand mächtig erhöht. Denn zumindest in einer Hinsicht verletzt Street View definitiv die Privatsphäre: Es schaut den Hausbesitzern über die Sichtschutzzäune.

mir/pat

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 141 Beiträge
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1. Kaum verwunderlich.
Klo, 09.04.2010
Zitat von sysopAn Google Street View scheiden sich die Geister. In Österreich machte ein Anwohner nun mit einer Spitzhacke deutlich, was er von den Foto-Autos hält. Die örtliche Politik machte prompt Panik, Google hofft derweil darauf, dass am Ende alle erkennen, wie schön und harmlos Street View ist. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,688052,00.html
Derartiges habe ich schon viel früher erwartet. Es ist ein Wunder, dass diese Autos so lange ungestört aus 4 Metern Höhe in alle Gärten fotographieren durften. Das wird vermutlich Schule machen.
2. bei wem denn?
irgendwer_bln 09.04.2010
Bei welchem vergleichbaren Unternehmen (falls es so eins gibt) sollte das denn Schule machen? Viel besorgniserregender ist die Tatsache, dass jedes neue Projekt einhergeht, mit der Ansammlung riesiger (von Außenstehenden) ungeprüfter Informationsmengen. Und getreu dem Motto: Knowledge is power - bald programmiert Google die erste Matrix...
3. Schlicht :
rabka_uhalla 09.04.2010
Nostradamus Effekt
4. Vermummungsgebot für Sachen und Personen
Titmouse 09.04.2010
Zitat von KloDerartiges habe ich schon viel früher erwartet. Es ist ein Wunder, dass diese Autos so lange ungestört aus 4 Metern Höhe in alle Gärten fotographieren durften. Das wird vermutlich Schule machen.
Fotografierverbot für Alles! Warum tragen wir nicht alle eine Burka? Man kann uns erkennen, sobald wir in die Öffentlichkeit treten. Wo bleibt da der Datenschutz? Luftaufnahmen aus 3 - 4 m Höhe müssen verboten werden, sind jedoch weiterhin aus jeder Höhe aus einem Flugzeug oder Heißluftballon genehmigungslos gestattet. Wie übersetzt man PARANOIA ins Deutsche?
5. Naja...
***p.k*** 09.04.2010
Zitat von TitmouseFotografierverbot für Alles! Warum tragen wir nicht alle eine Burka? Man kann uns erkennen, sobald wir in die Öffentlichkeit treten. Wo bleibt da der Datenschutz? Luftaufnahmen aus 3 - 4 m Höhe müssen verboten werden, sind jedoch weiterhin aus jeder Höhe aus einem Flugzeug oder Heißluftballon genehmigungslos gestattet. Wie übersetzt man PARANOIA ins Deutsche?
3-4 mtr. Höhe für ein horizontale Aufnahme ist etwas anderes als eine Luftaufnahme. Genau in der Höhe liegt mein Wohn- sowie Schlafzimmer und Bad. Und da da normalerweise niemand reingucken kann, habe ich die Jalousien meist oben... ich möchte da einfach nicht photographiert werden; das ist meine Privatsphäre.
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