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21. August 2011, 12:04 Uhr

Streit mit Assange

Ex-Sprecher vernichtete WikiLeaks-Dateien

Die Schlammschlacht zwischen dem früheren WikiLeaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg und Gründer Julian Assange eskaliert: Nach SPIEGEL-Informationen hat der Deutsche Tausende unveröffentlichte Dateien zerstört, die einst bei der Organisation eingereicht worden waren.

Berlin/Hamburg - Der frühere WikiLeaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg hat nach eigenen Angaben mehr als 3500 unveröffentlichte Dateien zerstört, die von unbekannten Informanten eingesandt worden waren und nun offenbar unwiderruflich verloren sind. Dabei handelt es sich um Dokumente, die bis zum Spätsommer 2010 auf dem WikiLeaks-Server lagerten und die eine Gruppe um Domscheit-Berg bei ihrem Verlassen der Organisation mitgenommen hat.

Er habe die Dateien "in den letzten Tagen geschreddert, um sicherzustellen, dass die Quellen nicht gefährdet werden", so Domscheit-Berg. Begründung: WikiLeaks-Gründer Julian Assange könne keinen sicheren Umgang mit dem Material garantieren.

In dem Datenbestand befand sich nach SPIEGEL-Informationen unter anderem die sogenannte "No-Fly-Liste" der US-Regierung, auf der die Namen von Verdächtigen notiert waren, denen das Betreten eines Flugzeugs untersagt ist. Assange sagte, zu dem Material hätten auch Insiderinformationen aus 20 rechtsextremistischen Organisationen gehört. Domscheit-Berg wollte das nicht bestätigen. Assange fordert seit Jahresanfang die Herausgabe der Daten.

Krach im CCC, Schlammschlacht der Enthüller

Auf der Sympathisanten-Plattform "WL Central" erschien am Samstagabend eine Stellungnahme, die angeblich von Assange selbst stammt. Domscheit-Berg wird darin erneut heftig kritisiert und es wird insinuiert, dass er allzu enge Beziehungen zu Geheimdiensten und Polizeibehörden pflege. In dem Text werden auch bereits bekannte Vorwürfe Assanges gegen Domscheit-Berg wiederholt, etwa der, Domscheit-Berg habe für sein Buch "Inside WikiLeaks", in dem Assange nicht gut wegkommt, verbotenerweise interne WikiLeaks-Chatprotokolle benutzt.

In einer weiteren Stellungnahme am späteren Samstagabends wurde Domscheit-Berg erneut vorgeworfen, er habe von anonymen Quellen eingereichte Informationen "gestohlen" und WikiLeaks "sabotiert". Wenn dieses Material nun zerstört werde, könne es nicht ersetzt werden.

Domscheit-Berg wirbt seit einiger Zeit für eine alternative Whistleblower-Plattform namens OpenLeaks. Vorvergangene Woche hatte er das Projekt in einem Vortrag bei einem Sommercamp des Chaos Computer Clubs (CCC) vorgestellt. Daraufhin wurde er zunächst von CCC-Vorstandsmitglied Andy Müller-Maguhn in einem SPIEGEL-Interview massiv kritisiert und kurz darauf vom CCC-Vorstand aus dem Verein ausgeschlossen. Seitdem tobt in Deutschlands Hackerszene eine heftige Debatte über den Umgang mit den konkurrierenden Leaking-Plattformen und ihren öffentlichen Vertretern Domscheit-Berg und Assange. Müller-Maguhn sagte SPIEGEL ONLINE, der Vorstand habe für seine Entscheidung, Domscheit-Berg auszuschließen, aus dem Verein sowohl Kritik als auch Unterstützung erfahren. CCC-Sprecher Frank Rieger etwa hatte sich öffentlich von dem Ausschluss distanziert.

Bei WikiLeaks lassen sich derzeit keine neuen Dateien einreichen

Offiziell hatte der fünfköpfige CCC-Vorstand den Rauswurf damit begründet, dass Domscheit-Berg den "guten Ruf des Vereins" ausnuzte, um das nach Einschätzung des Vorstands "intransparente" Projekt OpenLeaks zu bewerben. Man könne derzeit nicht beurteilen, "ob potentielle Whistleblower, die sich OpenLeaks anvertrauen, nachhaltig geschützt werden können und geschützt werden". Domscheit-Berg bezeichnete die Vorwürfe des Vorstandes auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE als "haltlos".

Domscheit-Berg selbst hatte in den Wochen vor seinem Vortrag widersprüchliche Angaben darüber gemacht, ob und wie viele Dokumente aus WikiLeaks-Beständen in seinem Besitz sind. Unklar war zunächst auch gewesen, ob und in welcher Form das Material verschlüsselt war und wer Zugriff auf die entsprechenden Schlüssel hatte.

WikiLeaks veröffentlicht derzeit weder neues Material, noch lassen sich über die Plattform neue Dateien einreichen. In der zitierten Stellungnahme wird Domscheit-Berg erneut vorgeworfen, er habe auch "das sichere Online-Einreichungssystem von WikiLeaks unberechtigterweise mitgenommen".

cis

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