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09. August 2011, 12:30 Uhr

Streit über Internet-Pseudonyme

Die Ignoranz der Mehrheit

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Innenminister Friedrich fordert Klarnamenzwang für Internet-Nutzer und kritisiert die angebliche Anonymität im Netz. Doch dabei ignoriert er die Lebenswirklichkeit im Web. Würde sein Vorstoß umgesetzt, bekämen wir eine Gesellschaft, in der Minderheiten verstummen.

Wenn Menschen in der Eckkneipe über die Gedanken des deutschen Innenministers Hans-Peter Friedrich zu Pseudonymen und Anonymität im Netz sprechen, fallen Sätze wie "So ein Quark". Das kann man sagen am Tresen, im Gespräch. Aber kaum jemand, der so redet, würde bedenkenlos zustimmen, dass jedermann diese Äußerungen bis in alle Ewigkeit bei einer Websuche nach seinem Namen findet. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen solchen anonymen, flüchtigen Äußerungen in der Kneipe und den wahrscheinlich für lange Zeit im Web archivierten Texten.

Innenminister Friedrich differenziert da nicht weiter. Gesagt hatte er im SPIEGEL-Gespräch unter anderem:

"Das Internet stellt uns vor ganz neue Herausforderungen. Die Grundsätze unserer Rechtsordnung müssen auch im Netz gelten. In der demokratischen Auseinandersetzung streiten wir mit offenem Visier auf Basis unserer verfassungsmäßigen Spielregeln. Warum sollte das im Internet anders sein?"

Friedrich spricht vom "Internet", er versteht darunter aber wohl nur eine Art Massenmedium, in dem jeder immer für alle publiziert. Friedrich sagt: "Normalerweise stehen Menschen mit ihren Namen für etwas ein. Warum nicht auch ganz selbstverständlich im Internet?" Am Montag stellte ein Sprecher des Innenministeriums klar, ein Gesetz gegen Anonymität sei derzeit nicht geplant, die Aussagen seien "ein Appell an die Zivilgesellschaft".

Aber wofür plädiert der Innenminister? Letztlich für weniger Meinungsäußerungen unter Pseudonymen im Netz.

Die Logik des Ministers ist diese: Als Politiker steht er unter seinem Namen öffentlich für Dinge ein - warum sollten das nicht alle Leute tun, die im Internet über Politik sprechen? Der Denkfehler dabei: Das Internet ist kein SPIEGEL-Interview. Manchmal richten Menschen sich mit ihren Kommentaren im Netz nur an bestimmte Personen aus einem bestimmten Kontext - an Menschen, die einschätzen können, wie sie das nun meinen - so wie mein Kollege und meine Facebook-Freunde.

Da viele Foren öffentlich zugänglich sind und Suchmaschinen die Inhalte auf unbestimmte Zeit archivieren und potentiell für jedermann durchsuchbar machen, wählen Menschen Pseudonyme. Man richtet sich eben nicht immer an alle. Menschen nutzen das Internet wie eine Zeitung, wie Selbsthilfegruppen, Demonstrationen oder den Tresen.

Friedrich ignoriert die Lebenswirklichkeit

Das ist die Lebenswirklichkeit von Millionen Internet-Nutzern. Wie unreflektiert Friedrichs Ideen sind, wird klar, wenn man einmal sein Konzept des "offenen Visiers" weiterdenkt. Wie sähe Friedrichs "Normalerweise-Welt" aus, wenn darin wirklich jeder "normalerweise" mit "offenem Visier" unterwegs wäre? Einige Beispiele:

Die Beispiele zeigen: Sollten Friedrichs Forderungen je umgesetzt werde, werden im Netz viele Menschen ihre Meinung nicht mehr so äußern können wie es heute "normalerweise" möglich ist.

Pseudonyme sind etwas anderes als Anonymität

Ein zweiter Denkfehler Friedrichs resultiert daraus, dass er die Konzepte Anonymität und pseudonyme Nutzung synonym verwendet. Tatsache ist, dass heute nur eine Minderheit der deutschen Nutzer anonym im Netz unterwegs ist:

In all diesen Fällen - von der Impressumspflicht einmal abgesehen - gilt: Es wissen nicht automatisch alle Internet-Nutzer, wer welches Pseudonym nutzt und wo derjenige wohnt. Das können aber staatliche Stellen ermitteln, wenn es gute Gründe dafür gibt.

Ignoranz der Mehrheit

Der Innenminister spricht aber vom "Internet" und fragt ein paar Gedankensprünge später rhetorisch: "Warum müssen Fjordman und andere anonyme Blogger ihre wahre Identität nicht offenbaren?" Er bezieht sich nicht auf die ohnehin mögliche De-Anonymisierung bestimmter Personen gegenüber staatlichen Organen. Friedrich fordert, dass jeder im Netz potentiell für alle unter seinem wahren Namen bekannt ist.

So etwas kann ohne jede Einschränkung nur jemand sagen, der in der glücklichen Lage ist, Teil der Mehrheitsgesellschaft zu sein. Liest man die Texte der Ethnografin Danah Boyd zur Debatte über Identität im Netz, wird schnell klar, dass Friedrich hier schützenswerte Interessen von Minderheiten nicht einmal erwähnt. Boyd schreibt:

"Auffällig ist, wen der Klarnamenzwang alles trifft: Darunter sind Missbrauchsopfer, Aktivisten, Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle, Frauen und junge Menschen. [...] Die Menschen, die sich am häufigsten im Internet auf Pseudonyme verlassen, sind diejenigen, die von der Gesellschaft am meisten ausgegrenzt werden. Klarnamen-Regeln machen Menschen nicht stärker, sie sind eine autoritäre Machtausübung gegenüber verletzlichen Menschen."

Das müssen nicht immer Minderheiten sein. Boyd zitiert auch diese Antworten von Nutzern auf die Frage, warum sie im Netz manchmal Pseudonyme vorziehen: "Ich nutze ein Pseudonym, um sicherer zu sein. Als Frau bin ich auf der Hut vor Internetbelästigungen." Oder: "Ich bin Lehrer an einer Highschool, Privatsphäre ist für mich äußerst wichtig."

Wenn Friedrich Klarnamen als "normal" und pseudonyme oder anonyme Äußerungen somit als nicht-normal klassifiziert, spricht daraus die Ignoranz der Mehrheit.

Den Schutz von Minderheiten ignoriert Friedrich dabei völlig, vor allem aber das: Eine Gesellschaft verarmt, in der man vom Mainstream abweichende Ansichten nur unter Klarnamen äußern kann. Immer mehr Menschen schweigen, weil sie negative Reaktionen oder Konsequenzen im Job oder dem Bekanntenkreis fürchten.

Das Grundgesetz verknüpft das Recht auf Meinungs- und Redefreiheit aus gutem Grund nicht an die Bedingung, diese immer und überall nur mit Anschrift und echtem Namen zu äußern.

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