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07. August 2011, 17:30 Uhr

Streit über Internet-Pseudonyme

Klarnamenzwang? Nein danke!  

Innenminister Friedrich fordert im SPIEGEL ein Ende der Anonymität im Netz - müssen jetzt alle mit offenem Visier agieren? Die Internetforscherin Danah Boyd hält nichts vom Zwang zu offiziellen Namen. Sie fürchtet einen großen Schaden für die Kultur im Netz.

CSU-Mann Hans-Peter Friedrich befeuert mit seinem Vorstoß im SPIEGEL einen aktuellen Streit. Auf der einen Seite stehen Unternehmen, die echte Namen über Werbung zu Geld machen wollen, und Politiker wie Friedrich, die sich von offiziellen Namen mehr Sicherheit versprechen. Auf der anderen Seite streiten Experten wie die Wissenschaftlerin Danah Boyd, die für Microsoft arbeitet und zu sozialen Medien forscht. In ihrem Blog erklärt sie, warum der Zwang zu Klarnamen ein Problem ist. Hier in gekürzter Fassung und deutscher Übersetzung:


Das Internet diskutiert über die "nymwars", meist als Reaktion auf Google+, wo auf offizielle Namen bestanden wird. Anfangs wurden Accounts, die gegen diese Regel verstießen, massenhaft gelöscht. Nachdem die Community mit Empörung reagiert hatte, versuchten die Verantwortlichen von Google+, den Ärger mit einem "neuen und verbesserten" Verfahren zur Durchsetzung des Klarnamenzwangs aufzufangen (ohne gleich Accounts zu löschen). Das führte aber nur dazu, dass jetzt erst recht über den Wert von Pseudonymen diskutiert wird. [...]

Ein Blog-Eintrag, geschrieben von Kirrily "Skud" Robert, enthält eine Liste von Gründen, die ihr Pseudonym-Nutzer genannt haben. Unter anderem:

Man kann hier ein Muster erkennen. Auf der Website "My Name Is Me" gibt es weitere Gründe für Pseudonyme. Auffällig ist, wen der Klarnamenzwang alles trifft: Darunter sind Missbrauchsopfer, Aktivisten, Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle, Frauen und junge Menschen. [...] Die Menschen, die sich am häufigsten im Internet auf Pseudonyme verlassen, sind diejenigen, die von der Gesellschaft am meisten ausgegrenzt werden. Klarnamen-Regeln machen Menschen nicht stärker, sie sind eine autoritäre Machtausübung gegenüber verletzlichen Menschen. [...]

Ich finde es lustig, dass die Leute offenbar nicht verstehen, wie sich die Klarnamenkultur bei Facebook etabliert hat. Die ersten Nutzer von Facebook waren Studenten von Elite-Colleges. [...] Sie gaben den Namen an, den sie im Zusammenhang mit ihrem College, ihrer Highschool oder ihrer Firma nutzten. Das waren nicht zwingend ihre offiziellen Namen, viele machten Bill aus William. Aber es waren im Prinzip "echte" Namen. Als Facebook größer wurde und sich die Mitglieder mit neuen Nutzermassen anfreunden mussten, wuchs ein Unbehagen über die Klarnamennorm. Doch die war nunmal gesetzt. [...]

Kaum jemand hat mitbekommen, dass sich währenddessen unzählige junge Schwarze und Latinos mit Pseudonymen bei Facebook angemeldet haben. Die meisten Menschen kriegen nicht mit, was junge Schwarze und Latinos im Internet machen. Ebenso begannen Nutzer von außerhalb der USA, unter alternativen Namen Facebook beizutreten. Und wieder bemerkte das niemand, weil aus dem Arabischen oder Malaysischen transkribierte oder mit portugiesischen Wörtern versehene Namen für die Klarnamen-Bestimmer praktisch unsichtbar waren.

Echte Namen sind auf Facebook eben nicht die Regel, Facebook bezieht sich nur gerne auf diesen Mythos. Dieser Eindruck kann entstehen, weil privilegierte weiße Amerikaner größtenteils ihren echten Namen auf Facebook verwenden.

Es geht um mehr als lustige Namen im Internet

Dann wurde Google+ gestartet und man dachte wohl, dass man Klarnamen einfach vorschreiben kann. Doch das war ein Fehler: In den 48 Stunden nach dem Start wurde die Tech-Szene in das Netzwerk hineingelassen. Nur verhält es sich mit dieser Szene so, dass sie auf eine lange Tradition von Nicknames, Alias und Pseudonymen zurückblickt. Diese Gruppe konnte die ersten sozialen Normen des Netzwerks prägen. [...] Es kam noch schlimmer für Google: Die Vertreter der Tech-Szene haben viel Spaß daran, sich laut zu äußern, wenn man sie ärgert. [...]

Ich finde es gut, dass es jetzt so viel Protest gibt. Und ich bin sehr, sehr froh, dass sich tatsächlich privilegierte Menschen dieser Sache annehmen, weil ihnen die Klarnamenregeln am allerwenigsten schaden können. [...] Auf dem Spiel steht das Recht, sich selbst zu schützen, das Recht von Menschen, eine Form von Kontrolle auszuüben, die ihnen Sicherheit gibt. Wenn Unternehmen wie Facebook und Google wirklich etwas an der Sicherheit ihrer Nutzer liegt, dann müssen sie diese Vorwürfe ernst nehmen. Nicht jeder ist sicherer, wenn er seinen echten Namen angibt. Ganz im Gegenteil; viele Menschen sind weniger sicher, wenn man sie identifizieren kann. Und jene, die am wenigsten sicher sind, sind oft die, die am meisten verwundbar sind. [...]

Leute verweisen darauf, dass Menschen Pseudonyme nutzen, um ihre Identität zu verschleiern und, zumindest theoretisch, ihren Ruf zu "schützen". Dahinter steckt die Annahme, dass ein Beobachter qualifiziert ist, die Reputation von jemanden einzuschätzen. Doch viel zu oft wird eine Person unpassenderweise auf Grundlage dessen eingeschätzt, was im Internet zu finden ist, ohne Kontext. [...]

Vor Jahren rief mich der Mitarbeiter eines Elite-Colleges an, der für das Zulassungsverfahren zuständig ist. Er wollte einen jungen schwarzen Mann aus South Central in Los Angeles aufnehmen. Der Student hatte in seiner Bewerbung geschrieben, dass er seine von Gangs beherrschte Gegend hinter sich lassen wollte - doch der Mitarbeiter hatte sein Profil auf MySpace gefunden, das voller Gang-Insignien war. Ich wurde gefragt: "Warum lügt er uns überhaupt an, wenn wir die Wahrheit online herausfinden können?"

Ich kenne die Gegend und war mir ziemlich sicher, dass der Bewerber es ernst meinte mit dem College. Gleichzeitig tat er aber das, was verlangt wurde, um in dieser Gegend zu überleben. Hätte er ein Pseudonym benutzt, hätte das College keine aus dem Kontext gerissenen Informationen über ihn bekommen und hätte keine voreiligen Schlüsse gezogen. Sie dachten, dass ihre Sichtweise die richtige ist. Ich hoffe sehr, dass er trotzdem aufgenommen wurde.

Es gibt keinen universellen Kontext, egal wie oft einem Geeks auch erzählen, dass man jederzeit die eine Person für jeden sein kann. Aber nur weil Menschen das tun, was in unterschiedlichen Situationen angemessen ist, was ihrer Sicherheit dient und was sicherstellt, dass sie nicht aus dem Kontext heraus beurteilt werden, heißt das noch nicht, dass jeder ein "huckster" ist, ein Blender. Vielmehr reagieren Menschen verantwortungsvoll und vernünftig auf die strukturellen Bedingungen dieser neuen Medien.

Es kann nicht angehen, dass die Privilegierten und Mächtigen denen erzählen, die das nicht sind, dass das Untergraben ihrer Sicherheit okay wäre. Man garantiert keine Sicherheit, indem man Menschen davon abhält, Pseudonyme zu benutzen. Aber man schränkt die Sicherheit von Menschen ein, wenn man es tut.

Deswegen ist die Durchsetzung von Klarnamenregeln im Internet aus meiner Sicht ein Missbrauch von Macht.

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