Streit über Internet-Pseudonyme: Klarnamenzwang? Nein danke!  

Innenminister Friedrich fordert im SPIEGEL ein Ende der Anonymität im Netz - müssen jetzt alle mit offenem Visier agieren? Die Internetforscherin Danah Boyd hält nichts vom Zwang zu offiziellen Namen. Sie fürchtet einen großen Schaden für die Kultur im Netz.

Website von Facebook durch eine Lupe: Einige Leute sind jetzt echt sauer Zur Großansicht
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Website von Facebook durch eine Lupe: Einige Leute sind jetzt echt sauer

CSU-Mann Hans-Peter Friedrich befeuert mit seinem Vorstoß im SPIEGEL einen aktuellen Streit. Auf der einen Seite stehen Unternehmen, die echte Namen über Werbung zu Geld machen wollen, und Politiker wie Friedrich, die sich von offiziellen Namen mehr Sicherheit versprechen. Auf der anderen Seite streiten Experten wie die Wissenschaftlerin Danah Boyd, die für Microsoft arbeitet und zu sozialen Medien forscht. In ihrem Blog erklärt sie, warum der Zwang zu Klarnamen ein Problem ist. Hier in gekürzter Fassung und deutscher Übersetzung:


Das Internet diskutiert über die "nymwars", meist als Reaktion auf Google+, wo auf offizielle Namen bestanden wird. Anfangs wurden Accounts, die gegen diese Regel verstießen, massenhaft gelöscht. Nachdem die Community mit Empörung reagiert hatte, versuchten die Verantwortlichen von Google+, den Ärger mit einem "neuen und verbesserten" Verfahren zur Durchsetzung des Klarnamenzwangs aufzufangen (ohne gleich Accounts zu löschen). Das führte aber nur dazu, dass jetzt erst recht über den Wert von Pseudonymen diskutiert wird. [...]

Ein Blog-Eintrag, geschrieben von Kirrily "Skud" Robert, enthält eine Liste von Gründen, die ihr Pseudonym-Nutzer genannt haben. Unter anderem:

  • "Ich bin Lehrer an einer Highschool, Privatsphäre ist für mich äußerst wichtig."
  • "Ich fühle mich nicht sicher dabei, meinen richtigen Namen anzugeben. Ich wurde über meine Online-Präsenz aufgespürt und Kollegen haben meine Privatsphäre verletzt."
  • "Ich wurde gestalked. Ich habe eine Vergewaltigung überlebt. [...]"
  • "Ich nutze diesen Nickname seit etwa sieben Jahren, weil ich Opfer von Stalking war [...]."
  • "[Dieser Name] ist ein Pseudonym, mit dem ich mich selbst schütze. Meine Website kann recht kontrovers sein, das wurde schon einmal gegen mich verwendet."
  • "[...] Ich möchte mit meinen Ansichten nicht konservative oder religiöse Bekannte und Verwandte beleidigen. Außerdem will ich nicht, dass die Karriere meines Mannes, der für die Regierung arbeitet, von seiner meinungsstarken Ehefrau beeinflusst wird, oder dass sich seine Mitarbeiter irgendwie unwohl fühlen wegen meiner Ansichten."
  • "Ich sorge mich um meine Privatsphäre, weil ich in der Vergangenheit gestalked wurde. Ich werde nicht für eine Seite auf Google+ meinen Namen ändern. Der Preis, den ich dafür bezahlen müsste, ist es nicht wert."
  • "Wir bekommen Morddrohungen über das Blog. [...]"
  • "Diese Identität habe ich genutzt, um meine richtige Identität zu schützen. Ich bin schwul und meine Familie lebt in einem kleinen Dorf, wenn das dort bekannt wäre, würden sie Probleme bekommen."
  • "Ich nutze ein Pseudonym, um sicherer zu sein. Als Frau bin ich auf der Hut vor Internetbelästigungen."

Man kann hier ein Muster erkennen. Auf der Website "My Name Is Me" gibt es weitere Gründe für Pseudonyme. Auffällig ist, wen der Klarnamenzwang alles trifft: Darunter sind Missbrauchsopfer, Aktivisten, Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle, Frauen und junge Menschen. [...] Die Menschen, die sich am häufigsten im Internet auf Pseudonyme verlassen, sind diejenigen, die von der Gesellschaft am meisten ausgegrenzt werden. Klarnamen-Regeln machen Menschen nicht stärker, sie sind eine autoritäre Machtausübung gegenüber verletzlichen Menschen. [...]

Ich finde es lustig, dass die Leute offenbar nicht verstehen, wie sich die Klarnamenkultur bei Facebook etabliert hat. Die ersten Nutzer von Facebook waren Studenten von Elite-Colleges. [...] Sie gaben den Namen an, den sie im Zusammenhang mit ihrem College, ihrer Highschool oder ihrer Firma nutzten. Das waren nicht zwingend ihre offiziellen Namen, viele machten Bill aus William. Aber es waren im Prinzip "echte" Namen. Als Facebook größer wurde und sich die Mitglieder mit neuen Nutzermassen anfreunden mussten, wuchs ein Unbehagen über die Klarnamennorm. Doch die war nunmal gesetzt. [...]

Kaum jemand hat mitbekommen, dass sich währenddessen unzählige junge Schwarze und Latinos mit Pseudonymen bei Facebook angemeldet haben. Die meisten Menschen kriegen nicht mit, was junge Schwarze und Latinos im Internet machen. Ebenso begannen Nutzer von außerhalb der USA, unter alternativen Namen Facebook beizutreten. Und wieder bemerkte das niemand, weil aus dem Arabischen oder Malaysischen transkribierte oder mit portugiesischen Wörtern versehene Namen für die Klarnamen-Bestimmer praktisch unsichtbar waren.

Echte Namen sind auf Facebook eben nicht die Regel, Facebook bezieht sich nur gerne auf diesen Mythos. Dieser Eindruck kann entstehen, weil privilegierte weiße Amerikaner größtenteils ihren echten Namen auf Facebook verwenden.

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1. Fördert Gleichmacherei
cosifantutte 07.08.2011
Zitat von sysopInnenminister Friedrich fordert im SPIEGEL ein Ende der Anonymität im Netz - müssen jetzt alle mit offenem Visier agieren? Die Internet-Forscherin Danah Boyd hält nichts vom Zwang zu offiziellen Namen. Sie fürchtet einen großen Schaden für die Kultur im Netz. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,778769,00.html
Viele getrauen sich im vermeintlichen Schutz des Internet Sachen kundzutun, die sie unter ihrem richtigen Namen sich nicht getrauen würden. So gibt es zwar auch unangenehme Aüsserungen, vielleicht sogar Beleidigende und Schlimmeres, aber es wird auch viel Wahrheit gesagt, die sonst nicht ans Licht kommen würde. Die offene Kultur halte ich für besser aus o.g. Gründen. cosifantutte.
2. Klarnamen IM Friedrich?
b.a.z 07.08.2011
Wann offenbart dieser IM Friedrich endlich seinen Klarnamen?
3. Nicht diskussionsfähig
danielpet 07.08.2011
So ein Vorschlag ist doch höchstens am 1. April diskussionsfähig. Am Ende muss man vor jedem Start des Browsers (der dann vom Innenministerium herausgegeben wird) seinen neuen Personalausweis in den Chipkartenleser stecken. Als ich Orwells "1984" gelesen habe, war mir nicht klar, dass der große Bruder so krauses Haar hat.
4. Ein wirrer Vorschlag
Taraxacum 07.08.2011
Ich verstehe die Politiker nicht: Auf der einen Seite soll jeder verantwortungsvoll mit seinen persönlichen Daten umgehen und auf der anderen Seite fände jemand aus ihren Reihen eine Pflicht zum Gebrauch des echten Namens positiv? Lustig fand ich folgenden Satz Friedrichs in dem Kontext: "Wir haben immer mehr Menschen, die sich von ihrer sozialen Umgebung isolieren und allein in eine Welt im Netz eintauchen". Kann es sein, dass sich Friedrich irgendwie von seiner Umgebung isoliert hat, oder wie kommt er dazu, solche absurden Vorschläge zu machen?
5.
brain_in_a_tank, 07.08.2011
Haben Polizisten inzwischen eigentlich schon eine klar sichtbare Personalnummer an der Uniform, um sie nach Gewalteinsaetzen identifizieren zu koennen? Kann man diese evtl durch einen Klarnamen ergaenzen? So etwas leigt doch auch im Bereich des IM, oder? Warum sollen wir Internetnutzer jederzeit mit klarnamen zu identifizieren sein, wenn es offizielle Vertreter nicht sein muessen? Wurde uns ausserdem frueher nicht gepraedigt, aus Sicherheitsgruenden so wenig persoenliche Details wie moeglich im Netz preiszugeben, um einen Missbrauch diesser Informationen vorzubeugen? Wie soll man eigentlich mit dem doppelten Auftreten von Klarnamen umgehen? Es ist ja sehr wahrscheinlich, dass es nicht nur einen Hans-Peter Friedrich in BRD gibt. Also wuerde man selbst mit Klarnamen noch immer anonym bleiben koennen, da es weiterhin eine Vielzahl an Moeglichkeiten gibt. Also warum nicht gleich Klarnamen+Perso-Nummer? Und wie wird kontrolliert, dass ein Klarname nicht missbraucht wird. Dann melde ich mich eben als Hans-Peter Friedrich irgendwo an, und verbreite Unsinn. Da wuerde ich dann zwar unter einem Klarnamen auftreten, aber es waere nicht meiner? Wer verhindert einen Schaden, der so entsteht? Warum muessen die Politiker sich immerwieder zu Themen aeussern, von denen sie keinen blassen Schimmer haben. So disqualifizieren sie stets selbst ihre Kompetenz...
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Zur Person
  • Danah Boyd, geboren 1977, arbeitet bei Microsoft Research und dem Berkman Center for Internet and Society. Sie beschäftigt sich mit neuen Medien und hat erforscht, wie Jugendliche soziale Netzwerke nutzen.


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