Von Frank Patalong
Brüssel - Die Einigung ist da: Elf Jahre nach Beendigung des sogenannten Browser-Krieges, in dessen Verlauf Microsoft seine damalige Marktmacht unfair einsetzte, um Konkurrenten vom Markt zu fegen, stellt nun auch die EU-Kommission ihr Verfahren gegen Microsoft ein. Möglich wurde das, weil sich Europas Bürger künftig darauf freuen dürfen, mehr Auswahl bei Internetbrowsern als bisher genießen zu können, sagt die EU-Kommission. Nach monatelangen Beratungen gab sie ihr Placet zur letzten Version eines von Microsoft im Sommer vorgelegten Kompromissvorschlags.
Was das für Microsoft bedeutet?
Es heißt zunächst einmal, dass das Unternehmen nicht fürchten muss, noch weitere Millionen wegen Verstößen gegen den fairen Wettbewerb zahlen zu müssen - rund 1,7 Milliarden Euro hat Microsoft in den letzten Jahren schon nach Brüssel überwiesen. Des weiteren aber heißt es, dass Microsofts Betriebssysteme ab sofort auch zum Vertrieb für Konkurrenzbrowser werden.
Was es dagegen nicht heißt, ist, dass die Vielfalt des Browser-Angebots in irgendeiner Weise wachsen würde, wie es die EU-Kommission verkündet.
Was es für Europas Bürger bedeutet? Nichts, natürlich
Man muss sich das wirklich auf der Zunge zergehen lassen: Kern des Kompromisses ist die sogenannte "Choice Screen"-Lösung. Ab Mitte März werden nicht nur neue, von Microsoft ausgelieferte Windows-Versionen mit einem Auswahlbildschirm bei der Installation nachfragen, welchen Browser man denn bitte schön gern hätte. Nein, zeitgleich werden alle Windows-Nutzer im automatischen Update-Verfahren mit diesem Auswahlbildschirm konfrontiert. Versierte Internetnutzer werden das eher als amtlich verordnete Belästigung empfinden, doch Schwamm drüber: Es soll ja immer noch Neueinsteiger geben, die Google für das Internet halten und noch gar nicht bemerkt haben, dass es auf ihrem Rechner überhaupt so einen Browser gibt.
Wie fragte weiland die Ex-Justizministerin Brigitte Zypries so schön: "Brauser? Was ist denn noch mal ein Brauser?"
Ergo: In seltenen Fällen ist noch Bedarf zu entdecken - wobei Leuten, die sich das Internet ausdrucken lassen, die Browser-Wahl letztlich egal sein dürfte. Doch sogar, wer nicht am automatischen Update teilnimmt (wie zum Beispiel die zahlreichen Nutzer geklauter Betriebssysteme), kann sich auf www.browserchoice.eu ab Mitte März selbst bedienen.
Aussehen wird das wohl so oder ähnlich:
Dort werden dann also die fünf führenden Browser etwas prominenter, sieben weitere etwas kleiner präsentiert, auf dass der Nutzer in bis dato ungekannter Freiheit seine Auswahl treffe und sich endlich den Browser seiner Wahl installiere, statt sich von Microsoft wie seit 1995 üblich den Internet Explorer unterjubeln zu lassen.
Damit ist die EU-Kommission am Ziel: Sie fegt auf diese Weise ein Monopol hinfort, das schon seit Jahren nicht mehr besteht.
Natürlich ist das zynisch, aus Sicht der Kommission wird einfach eine Wettbewerbsverzerrung entschärft. Die besteht allerdings auch bei Apple-Rechnern oder Linux-Distributionen, die dem Nutzer Safari oder Konqueror vorinstalliert mitliefern - worüber sich aber zu Recht niemand erregt. Denn natürlich ergibt sich der Wettbewerbsvorteil Microsofts aus dem riesigen Marktanteil von Windows. Nur muss man einfach auch sehen, dass Microsoft den schon lange nicht mehr dazu nutzen kann, um dem Explorer seinen Marktanteil zu sichern.
Amtlich verordnet: Eulen nach Athen
Denn was Anfang des Jahrzehnts noch einleuchtend war, erscheint heute doch reichlich überflüssig: Längst vertraut etwa in Deutschland das Gros der Windows-PC-Nutzer auf ihren privaten Rechnern einem Alternativbrowser wie Firefox, Chrome, Opera oder Safari. Der Internet Explorer verdankt seinen noch immer hohen Marktanteil vor allem der Tatsache, dass er in Bürobetrieben die vorinstallierte Wahl ist.
Doch selbst da herrscht inzwischen zunehmend Vielfalt und sogar Microsoft muss sich nach Kräften mühen, seine Internet-Explorer-Nutzer durch Leistung und Qualität des Produktes zu binden, statt durch schieres Marktgewicht. Konkurrenz ist eben eine feine Sache, wenn sie funktioniert: Der Markt reguliert da vieles ganz allein. Was mies ist, verliert, was gut ist, behauptet sich. Microsoft hat über ein halbes Jahrzehnt kontinuierlich und zu Recht verloren. Inzwischen kann der Internet Explorer auch technisch wieder mithalten und konkurriert auf Augenhöhe mit den Alternativbrowsern, die im Markt seit langem die Standards setzen. Der Wettbewerb hat somit auch dem Explorer gut getan.
Alle Browser sind künftig zudem gleichberechtigte Installationsalternativen, was aber wahrscheinlich wenig ändern wird: Den meisten Nutzern ist der Browser piepegal, Hauptsache Google und Wikipedia laufen und das Ding sieht so aus wie gewohnt. Absolut niemand aber wird einen Umstieg aufgrund eines nie gesehenen Logos oder neuen Namens auf einer Installationsseite planen. Wer den Umstieg will, vollzieht ihn schon heute ganz einfach - und in der Regel natürlich, weil er irgendetwas über einen Browser erfahren hat, das den für ihn interessant macht.
Nett gemeint: der Choice Screen
Das Prinzip dahinter nennt sich übrigens Wettbewerb, und in dem sah die Kommission Microsoft lange Zeit zu Recht bevorteilt. Das lag vor allem daran, dass Microsoft seinen Browser einfach an das Betriebssystem koppeln konnte, jeder den also installiert bekam, ob er wollte oder nicht. Konkurrenten mussten erst auf sich aufmerksam machen, werben, ihre Ware per CD oder Download anbieten. Nicht wenige PC-Nutzer machten sich die Mühe erst gar nicht.
Zumindest zu der Zeit, als die EU-Kommission ihren Ringkampf mit Microsoft begann. Seitdem aber hat sich viel geändert. Der Choice Screen hätte 1997 vielleicht Netscape retten können. Hätte es ihn 2001 schon gegeben, hieße der zweitgrößte Browser heute vielleicht Mozilla und nicht Firefox: Auch das Konkurrenzlager musste ein gerütteltes Maß an Kreativität entfalten, um gegen den Explorer anzukommen.
Hat das alles den Konkurrenten von Microsoft geschadet? Natürlich, es hat einst Firmen in ihrer Entwicklung gehemmt, Netscape hat es die Marktführerschaft und eigenständige Existenz gekostet. Nur ist das alles für Web-Verhältnisse unfassbar lang her und Microsoft hat Milliarden an Strafen dafür bezahlt und war zeitweilig damit bedroht, von den US-Kartellbehörden aufgespalten zu werden.
Mit dem EU-Verfahren endet nun dieses Kapitel, und natürlich ist das gut so. Es ist ein nettes Gimmick für Einsteiger, die Browser-Auswahl so bequem serviert zu bekommen. Es ist nett für die Hersteller der Browser AOL, Maxthon, K-Meleon, Flock, Avant Browser, Sleipnir und Slim Browser, dass einmal jemand auf ihre Existenz hinweist. Nicht zu erwarten ist dagegen, dass all das irgendetwas ändert am Markt. Auf dem setzen sich die Browser durch, die ihren Nutzern wirklich etwas bieten, mit oder ohne Choice Screen. Für Applaus kommt die Einigung einfach zehn Jahre zu spät.
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