Umfrage zum Urheberrecht Mehrheit für Bußgelder statt Internetsperren

Die Mehrheit der Deutschen lehnt Internetsperren ab. Sie sind als Sanktion für illegale Downloads nicht angemessen, geben 73 Prozent der Befragten in einer repräsentativen Studie an. Bußgelder hingegen finden die meisten in Ordnung.

Netzwerkkabel: Die meisten Deutschen lehnen Internetsperren für Filesharer ab
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Netzwerkkabel: Die meisten Deutschen lehnen Internetsperren für Filesharer ab

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Berlin - Von einer durchgängigen "Kostenloskultur" unter deutschen Internetnutzern kann keine Rede sein. Das bestätigt eine Studie, die das Meinungsforschungsinstitut GfK erstellt hat. Auftraggeber der Studie zur Digitalen Content-Nutzung (PDF) sind der Bundesverband Musikindustrie, die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels.

Der Studie zufolge geht kaum einer der Befragten davon aus, dass Filme, Musik oder E-Books im Internet einfach für alle kostenlos zu haben sind, sondern kennen sich mit den Gesetzeslage relativ gut aus: 97 Prozent der Bevölkerung wissen zum Beispiel, dass das Anbieten von urheberrechtlich geschützten Medieninhalten über Peer-to-Peer-Netze nicht zulässig ist. Und 81 Prozent wissen laut Studie auch, dass das Herunterladen oder Anbieten von urheberrechtlich geschützten Medienhalten im Internet rechtliche Schritte nach sich ziehen kann. Und viele halten bestimmte Sanktionen gegen Urheberrechtsverletzer auch für akzeptabel.

Das heißt allerdings nicht, dass es deswegen niemand tut.

Die meisten laden aus legalen Quellen

Von denjenigen Nutzern digitaler Medien, die sich die Inhalte als Datei aus dem Netz heruntergeladen haben, hat es der größte Teil ausschließlich legal getan. 44 Prozent legalen Downloadern stehen den immerhin 19 Prozent illegalen Downloadern gegenüber; 37 Prozent bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone oder nutzen sowohl legale Angebote als auch solche aus dem Graubereich. Dazu zählt die Studie zum Beispiel Mitschnitte von Videostreaming-Plattformen oder von Online-Radios.

Lieber Bußgeld als Internetsperrung

Die Branchenverbände sehen in der Studie vor allem einen Beleg dafür, dass in der Bevölkerung die Akzeptanz von Sanktionen gegen Urheberrechtsverletzer steigt. Dabei ist die Frage genauer zu betrachten, aus der sich das ablesen lassen soll. Die Befragten konnten bei vier vorgeschlagenen Sanktionen jeweils angeben, ob sie diese für angemessen oder für nicht angemessen halten.

Die breiteste Zustimmung gab es für Bußgelder:

  • 77 Prozent der Befragten sehen ein Bußgeld für Personen, die urheberrechtlich geschütztes Material im Netz anbieten, als angemessen.
  • 53 Prozent der Befragten bewerten Bußgelder als angemessene Sanktion für das Herunterladen solcher Dateien.
  • 47 Prozent sehen die zeitweise Aussetzung des Internetanschlusses als angemessene Sanktion für Datenanbieter.
  • Nur 27 Prozent nennen die zeitweise Aussetzung des Internetanschlusses eine angemessene Sanktionen für das Herunterladen.

Eine weitere denkbare Antwortmöglichkeit wie "keine der genannten Sanktionen halte ich für sinnvoll", "weiß ich nicht", "es gibt Probleme bei der Rechtsdurchsetzung" oder "Filesharer sollten viel härter bestraft werden" gab es nicht. Wie viele der Befragten gar keine der vorgeschlagenen Sanktionen für sinnvoll hielt oder wie viele alle genannten Möglichkeiten befürworten würden, sagt die Studie nicht.

Mehrheit würde Warnhinweise akzeptieren

Welche Sanktion auch immer zur Auswahl stehen möge - bevor es so weit kommt, wäre eine Warnung sinnvoll, fand die Mehrheit der Befragten. Die Frage "Halten Sie es für sinnvoll, wenn Menschen, die unberechtigt Inhalte aus dem Internet herunterladen, einen Warnhinweis ihres Providers (Anbieter ihres Internetanschlusses) bekommen, bevor rechtliche Sanktionen eingeleitet werden?" beantworteten 72 Prozent mit "Ja", 20 Prozent mit "Weiß nicht" und nur acht Prozent mit einen klaren "Nein".

Doch auch wenn die meisten einen solchen Hinweis für sinnvoll hielten, glauben doch nicht alle, dass er auch etwas bringt. Nur 57 Prozent der Bevölkerung glauben, dass jemand, der Inhalte illegal anbietet oder herunterlädt, nach dem ersten oder zweiten Warnhinweis damit aufhören würde. 43 Prozent antworteten: "Es hätte wahrscheinlich gar keine Auswirkungen."

Lob für Digitalangebot, Minderheit lädt Filme und Bücher

Insgesamt scheint die Mehrheit die legalen Angebote im Netz für ausreichend zu halten. Zum Beispiel stimmten 81 Prozent der Antwortmöglichkeit zu, es gebe "heutzutage ausreichend legale Angebote, um Musik im Internet zu kaufen oder zu nutzen". Aber interessanterweise scheinen viele für den eigenen Gebrauch noch nicht das richtige Angebot gefunden zu haben. Nur 59 Prozent sagen "Es gibt bereits ein für mich perfektes Angebot, um Musik im Internet zu kaufen oder zu nutzen", bei Spielfilmen und Serien kennen sogar nur 47 Prozent ein für sie perfektes Angebot, bei E-Books sogar nur 46 Prozent.

Dieser scheinbare Widerspruch könnte unter anderem daher kommen, dass bei der Frage nicht nach "ja" oder "nein" gefragt wurde, sondern es eine Antwort-Skala von 1-5 ("stimme überhaupt nicht zu" - "stimme voll und ganz zu") gab, in der Auswertung aber allgemein die "Zustimmungen" gesammelt sind - egal, welchen Überzeugungsgrad sie jeweils hatten. Wie zufrieden die Kunden mit den Angeboten sind, lässt sich also nicht sagen.

Nur ein kleiner Teil der Befragten gibt zu, sich Inhalte kostenlos zu besorgen, wenn es sie nicht zu kaufen gibt (Musik: 16 Prozent, Filme und Serien: 11 Prozent, E-Books: 8 Prozent). Für elektronische Bücher heißt das also, dass nicht einmal die Hälfte angibt, für sie gebe es ein perfektes legales Angebot; aber gleichzeitig besorgen sich die wenigsten ein Buch, das sie im Verkauf nicht bekommen, auf anderem Wege. Daraus könnte man durchaus Nachbesserungsbedarf bei den Angeboten lesen.

Die Studie zeigt, dass die Online-Nutzung von Medieninhalten insgesamt zugenommen hat: Mehr als ein Drittel der Deutschen hat im Jahr 2011 Medieninhalte online genutzt (zum Beispiel per Streaming) oder heruntergeladen; insgesamt sind das 22,1 Millionen Personen. Bei den so genutzten Inhalten steht Musik weiterhin auf Platz eins (18,5 Millionen Digital-Nutzer), gefolgt von Fernsehserien (9,7 Millionen) und Spielfilmen (7,1 Millionen). Hörbücher (4 Millionen) und E-Books (3,4 Millionen) landeten wie auch im vergangenen Jahr auf den hinteren Plätzen.

Für die Studie wurden 10.000 Personen befragt, die repräsentativ für 63,6 Mio. Deutsche ab zehn Jahren sind. Zur Validierung fand eine Zusatzbefragung unter 3.000 Personen statt, die repräsentativ für 46,0 Mio. Deutschen Onliner ab 14 Jahren ist.



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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Arno Nühm 22.08.2012
1. Grauzone
Zitat von sysopDPADie Mehrheit der Deutschen lehnt Internetsperren ab. Sie sind als Sanktion für illegale Downloads nicht angemessen, geben 73 Prozent der Befragten in einer repräsentativen Studie an. Bußgelder hingegen finden die meisten in Ordnung. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,851464,00.html
Warum wird sowas zum "Graubereich" gezählt? Da ist überhaupt nichts grau dran, genausowenig wie an Videorekordern.
tuquoque 22.08.2012
2. Warnhinweise
72% sagen: Warnhinweise sind sinnvoll. „Nur“ 57% glauben, dass bereits diese Softlösung dafür sorgt, dass Filesharer aufhören. Ein Widerspruch? Nein. Denn die übrigen 15% meinen offenbar, dass Rechtsverletzer doch ein "Ticket" brauchen, bevor sie Warnungen auch ernst nehmen. Das ist in der offline-Welt auch nicht viel anders. Da wäre es doch prima, wenn man Abmahnungen auf solcherart Hartleibige beschränken könnte. Warum also tun Sie nichts dafür, Frau Leutheusser?
Arckenheidt 22.08.2012
3. Fiktive Unterschiede
Zitat von Arno NühmWarum wird sowas zum "Graubereich" gezählt? Da ist überhaupt nichts grau dran, genausowenig wie an Videorekordern.
Ich nehme an, der Grauschleier resultiert aus der Aufweichung des Unterschieds zwischen "Streaming" und "Download". So weit ich mich entsinne, hat ein Gericht einmal entschieden, dass ein Stream nicht als Download zu betrachten ist, deshalb hat dieser Unterschied wohl eine juristische Bedeutung. Der eigentliche technische Vorgang ist jedoch bei beidem tatsächlich identisch; man kann sich einen "Stream" nicht betrachten, ohne ihn vorher auf den Computer runterzuladen. Der juristisch so bedeutsame Unterschied beruht auf einer automatisierten Löschung der heruntergeladenen Daten. Wer diesen Löschvorgang unterbindet oder umgeht, bewegt sich damit im so genannten "Graubereich", der von der Seite der Anbieter wohl am ehrlichsten definiert werden könnte mit den Worten: "Wir würden Sie ja schon gerne daran hindern, wenn wir nur wüssten, wie."
niska 22.08.2012
4.
Zitat von sysopDPADie Mehrheit der Deutschen lehnt Internetsperren ab. Sie sind als Sanktion für illegale Downloads nicht angemessen, geben 73 Prozent der Befragten in einer repräsentativen Studie an. Bußgelder hingegen finden die meisten in Ordnung. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,851464,00.html
Ist eine Studie, die einseitig in eine Richtung fragt wirklich repräsentativ? Zumindest die Möglichkeit 'Keine der o.g. Antwortmöglichkeiten' hätte man anbieten müssen. Und ein Graubereich ist es auch nicht, wenn man Internetradio hört oder Streams anschaut. Als Nutzer muss und kann man nur davon ausgehen, dass die Anbieter der Dienste die nötigen Lizenzen zur Aufführung der Werke haben. Es ist nicht Aufgabe des Nutzers zu bewerten, ob die Quelle rechtswidrig ist oder nicht, solange sie das nicht 'offensichtlich' ist.
Beintanz 23.08.2012
5. angemessen?
Zitat von sysopDPADie Mehrheit der Deutschen lehnt Internetsperren ab. Sie sind als Sanktion für illegale Downloads nicht angemessen, geben 73 Prozent der Befragten in einer repräsentativen Studie an. Bußgelder hingegen finden die meisten in Ordnung. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,851464,00.html
Was bedeutet denn eigentlich "angemessen"? Welche Leute wurden eigentlich befragt? Die meisten Menschen die ich kenne wissen nicht was Tauschbörse, filesharing, streaming, etc bedeuten, geschweige denn wie so etwas funktioniert. Wie sollen diese Leute eine Meinung abgeben? Dann wiederum die "Experten" die werden meistens von der Medienlobby bereitgestellt. Für mich persönlich besteht auch ein Unterschied zwischen Musik und Filmen: - einen Musiktitel kann ich sehr oft und wiederholt anhören und mich daran erfreuen. Dafür gebe ich gerne auch mal einen Euro aus. - Einen Film sehe ich mir meistens nur ein einziges mal an. Richtig "gute" Filme sehe ich mir alle paar Jahre vielleicht ein zweites oder drittes mal an. Für einen Preis von 10 Euro oder mehr könnte ich mir den Film auch gleich im Kino ansehen, falls er dort mal läuft. Leider laufen in den meisten Kinos nur die Schrottfilme, und dann auch noch auf deutsch synchronisiert. Bis man da mal einen guten Film erwischt hat kann man einige hundert Euro loswerden und eine menge verplemperter Zeit. Ich frage mich wer diese ganzen Mistfilme eigentlich finanziert. Das Onlineangebot bei Filmen ist doch noch SEHR eingeschränkt und man bekommt oft nur die aktuellen Blockbuster, meistens nur in deutscher Sprachfassung, igitt. Warum wundert sich da jemand über den Zulauf von Tauschbörsen und illegalen Streamingportalen? DVDs kaufe ich nur um mein Gewissen zu beruhigen. Für ein mal ansehen sind Preise um die 10 Euro viel zu hoch und oft kann ich mir das nicht leisten. Fernsehen habe ich schon vor 10 Jahren abgeschafft, da müsste ich nur immerzu kotzen.
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