Internet-Zensur Türkei will anonymes Surfen unmöglich machen

Viele Türken nutzen VPN-Verbindungen und Anonymisierungsdienste wie Tor, um sich im Internet Informationen zu beschaffen. Die Regierung geht nun offenbar hart gegen solche Dienste vor.

Internetcafé in Ankara
REUTERS

Internetcafé in Ankara


Die Türkei hat den Zugang zum Internet über das Tor-Netzwerk weitgehend blockiert. Das berichtet das Projekt Turkey Blocks, das Zensurmaßnahmen der türkischen Regierung im Internet beobachtet. Auch die Nutzung von Diensten, die Virtual Private Networks (VPN) anbieten, seien demnach nur noch eingeschränkt möglich.

Bei einer VPN-Verbindung baut ein Computer oder Handy mit spezieller Software eine verschlüsselte Verbindung zu einem Server im Ausland auf, der unbeschränkten Zugang zum Internet bietet. Das Tor-Netzwerk ermöglicht weitgehend anonymisiertes Surfen im Internet. Dabei wird der Datenverkehr über verschiedene Server umgeleitet, die das eigentliche Ziel nicht kennen. Über einen Ausgangsknoten gelangen die so anonymisierten Datenpakete wieder ins offene Netz.

Turkey Blogs zufolge haben viele türkische Internetprovider die von der Regierung geforderten Sperren der Zugänge zu populären VPN-Dienstleistern sowie von öffentlichen Zugangspunkten zum Tor-Netzwerk inzwischen umgesetzt. Damit wird es für viele Nutzer schwieriger, sich unabhängig im Internet zu informieren.

Tor und VPN-Verbindungen werden häufig von Oppositionellen und Journalisten genutzt, um Zensurbestrebungen zu umgehen. Beide Dienste seien in der Vergangenheit in der Türkei immer populärer geworden. Bisher hatte die türkische Regierung nur temporär zu bestimmten Ereignissen den Zugang zum Internet eingeschränkt, beispielsweise bei Polizeiaktionen, Attentaten oder Enthüllungen über Politiker.

Turkey Blocks schreibt, dass mit der Umsetzung der Anweisungen die türkische Internetzensur als stark zu charakterisieren sei, bisher wurde sie als mäßig bezeichnet. Das Projekt vergleicht die Maßnahmen mit Chinas großer Firewall, die eine weitreichende Kontrolle über den Informationsfluss erlaube.

Zwar sei es über sogenannte Bridges noch immer möglich, das Tor-Netzwerk zu nutzen. Das sind alternative, nicht öffentliche Zugangspunkte, über die Nutzer in das Netzwerk kommen. Auch VPN-Verbindungen sind weiterhin nutzbar, wenn sie nicht über die nun von den Providern gesperrten Dienstleister erfolgen. Die Restriktionen würden es jedoch technisch weniger versierten Nutzern erschweren, an unabhängige Informationen zu kommen, schreibt Turkey Blocks.

brt

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j.oder 19.12.2016
1. Top-Berater-Verträge
Man könnte meinen, ein oder mehrere Mitblieder eines Kabinetts, was man jetzt nicht näher bezeichenen möchte, haben mit Erdogan einen Beratervertrag auf Gegeseitigkeit abgeschlossen. Man tauscht sich dann nicht nur über die Ergebnisse aus, da wird auch Soft- und Hardware geliefert.
jung&jang 19.12.2016
2. ... jetzt folgt wahrscheinlich in Kürze
das Verkaufsverbot der internationalen Presse, die armen deutschen Rentner ohne die obligate "Bild" mit ihren Aufmachern. Oder die Briten mit ihrer "Sun" usw. Wo soll das noch enden?
der.tommy 19.12.2016
3. @jung&jang
Zum Lachen ist das irgendwie nicht. Und verharmlosen sollte man das schon gar nicht was derzeit in der Türkei passiert. Erdogan und seine Regierung, aber suche erhebliche Teile der Bevölkerung zeigen massive Parallelen zu den Ereignissen von 33-39 des vergangenen Jahrhunderts. Das ist traurig und das ist beschämend und es zeigt, dass Geschichte sich eben leider doch wiederholt. Und es ist umso erbärmlicher, dass gerade unsere Regierung nicht bereit ist, energischer ihre Position in puncto rechtsstaatlichkeit zu vertreten.
Malibonus 19.12.2016
4. Bei meinem letzten Türkei-Urlaub...
...sagte mir ein Taxifahrer mit dem ich unterwegs war: "Erdogan ist ein Faschist, das sagen hier viele, aber nächstes Jahr wird sich das keiner mehr trauen zu sagen". Recht hat er gehabt. So sehr ich auch die Türkei und viele Türken mag - ein weiterer Urlaub ist out of discussion. Mein Geld (und das all meiner Nachbarn und Freunde) für seinen Umbau von einem toleranten laizistischen Staat in eine islamische, totalitäre Diktatur bekommt er nicht mehr.
swerd 20.12.2016
5. Schlimm,
was in der Tuerkei passiert. Die Mehrheit der Tuerken unterstuetzt die Regierung bzw. Erdogan. Sie ist aus dem Islam heraus nicht in der Lage, freiheitlich zu denken. Warum wird eigentlich nicht oeffentlich diskutiert, dass dieser Glaube herausragend dazu geeignet erscheint, selbst unter Einsatz von Terror Meinungsfreiheit und freiheitliches Denken zu unterdruecken ?.
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