Trapwire: US-Firma vernetzt Videoüberwachung

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WikiLeaks beschert der Überwachungssoftware Trapwire ungewollte Aufmerksamkeit: Die Plattform hat E-Mails veröffentlicht, in denen Sicherheitsexperten die Software überschwänglich loben. Trapwire vernetzt Berichte über verdächtige Beobachtungen aus mehren Quellen - Casinos, Hotels, Polizei.

Überwachungskamera in New York: Software soll verdächtige Aktivitäten erkennen Zur Großansicht
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Überwachungskamera in New York: Software soll verdächtige Aktivitäten erkennen

Das US-Unternehmen Abraxas Applications verspricht seinen Kunden einen außergewöhnlichen Ansatz bei der Auswertung von Überwachungsvideos. Beim Schutz potentieller Anschlagsziele konzentriere man sich nicht darauf, was bei einem Angriff passieren wird, sondern auf "die Anschlagsvorbereitungen der Terroristen, ihre Vor-Ort-Erkundung, den Punkt, an dem sie am verwundbarsten sind". So steht es in einem Beitrag, den zwei Abraxas-Manager - einer von ihnen nach eigenen Angaben ein langjähriger CIA-Mitarbeiter - vor Jahren im Fachmagazin "Crime & Justice International" veröffentlicht haben.

Die Abraxas-Software Trapwire ist nun im Einsatz. Weltweit, wenn man von WikiLeaks veröffentlichten E-Mails glaubt. In den publizierten Mitteilungen ist die Rede davon, dass Trapwire nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Großbritannien im Einsatz ist. Einige besorgte Bürger haben aus den nun veröffentlichten Informationen eine ganz eigene Geschichte konstruiert. In einigen Artikeln heißt es, Trapwire werte weltweit Kreditkartentransaktionen aus, in anderen wird behauptet, Trapwire sei in jeder US-Stadt im Einsatz und leiste bessere Arbeit als Algorithmen zur Gesichtserkennung. Angesichts dieses Medienechos warnt sogar eine Regionalorganisation der US-Bürgerrechtsgruppe ACLU (American Civil Liberties Union) davor, "unbelegte und etwas hysterische Vorwürfe" als Fakten darzustellen.

In den öffentlich zugänglichen Dokumenten findet sich kein Beleg für den Vorwurf, Trapwire sei eine zentrale Überwachungsinfrastruktur von globalem Ausmaß. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass verschiedene Trapwire-Installationen Daten in übergeordneten Datenbanken bündeln. Ein Überblick:

So funktioniert Trapwire: Einem beim US-Patentamt eingereichten Dokument zufolge erfasst Trapwire von Menschen eingegebene Berichte über ungewöhnliche Beobachtungen im Umfeld möglicher Anschlagsziele. Wenn ein Unbekannter die Einfahrt eines Militärstützpunkts filmt, wird eine Beschreibung der Person und gegebenenfalls des genutzten Fahrzeugs nach einem vorgegebenen Schema formuliert. Diesen Berichten können Aufnahmen aus der Videoüberwachung beigefügt werden. Die Software spürt auffälligen Mustern in diesen Dokumenten nach. Zur Analyse können auch Aufzeichnungen von anderen Standorten einbezogen werden, an denen Trapwire im Einsatz ist.

Vernetzung der Trapwire-Datenbanken: Das Unternehmen gibt auf seiner Website an, dass Berichte aus verschiedenen Trapwire-Datenbanken zentral ausgewertet werden können. Die Firma bietet mehrere Versionen ihrer Software an - eine für Standorte mit kritischer Infrastruktur (TW CI), eine zur Auswertung von Bürgerhinweisen (TW CM) und eine übergreifende für Polizeidienststellen (TW LE). In der Beschreibung des Systems TW LE heißt es: "Es ermöglicht das Sammeln, Analysieren und Teilen von Informationen zu Überwachungsaktivitäten in der gesamten Region, dabei sind auch Daten eingeschlossen, die über Installationen von TW CI und TW CM gesammelt wurden."

In einer von WikiLeaks veröffentlichten E-Mail, die angeblich ein Trapwire-Manager im Jahr 2010 geschrieben haben soll, heißt es: "Mit Trapwire füttern all unsere Kunden eine zentrale Datenbank, sie sind tatsächlich vernetzt." Es ist unklar, ob diese E-Mail echt ist. Trapwire hat bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht auf eine Anfrage geantwortet.

Trapwire-Kunden: Aus öffentlich zugänglichen Quellen geht hervor, dass Trapwire in den Vereinigten Staaten an mehreren Standorten im Einsatz war oder ist. Im Detail:

  • Das US-Heimatschutzministerium testet Trapwire in einem Pilotprojekt zur Erkennung von Anschlagsvorbereitungen, berichtete die Polizeichefin des District of Columbia im Sommer 2011 bei einer Anhörung im US-Repräsentantenhaus.
  • Möglicherweise handelt es sich bei dem Pilotprojekt des Heimatschutzministeriums um einen 2010 vergebenen Auftrag, eine Trapwire-Technikdemonstration in Washington und Seattle zu installieren. Der Auftrag lief Anfang 2012 aus und kostete mehr als 800.000 US-Dollar.
  • Die Polizei in Las Vegas stattete 14 Casinos und Hotels mit Trapwire-Software aus. Über die Software erfasst das Sicherheitspersonal Berichte über verdächtige Aktivitäten. Alle beteiligten Unternehmen und die Polizei haben Zugriff auf diese Informationen, heißt es in einem vom US-Justizministerium veröffentlichten Bericht aus dem Jahr 2010.
  • In E-Mails aus den Jahren 2009 und 2010, die angeblich von Mitarbeitern der US-Sicherheitsfirma Stratfor stammen sollen, wird behauptet, Trapwire sei auch bei Scotland Yard und in der New Yorker U-Bahn im Einsatz. Für diese Behauptungen gibt es keine weiteren Belege.

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