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Türkische Reaktion auf Twitter-Sperre: "Lass deinen Vogel zwitschern"

Von , Istanbul

Titelseite der türkischen Zeitung "Sözcü": Protest gegen Twitter-Sperre Zur Großansicht
Sözcü

Titelseite der türkischen Zeitung "Sözcü": Protest gegen Twitter-Sperre

Der türkische Premier Erdogan lässt den Zugang zu Twitter sperren. Doch anstatt auf die Straße zu gehen, machen Kritiker sich über diesen Schritt lustig - vor allem auf Twitter. Sie posten Karikaturen und Witze. Die Türken zeigen Humor in Bestform.

Sollte der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan je gehofft haben, mit der Sperre von Twitter neue Proteste zu provozieren und eine Woche vor den Kommunalwahlen die Kritiker als gewaltbereite Randalierer hinzustellen, ist der Schuss gewaltig nach hinten losgegangen. Denn mit diesem Schritt hat er sich zu einer Witzfigur gemacht, die Autoren, Zeichner, Kabarettisten und Tausende von einfallsreichen Bürgern zu humoristischen Höchstleistungen treibt. Der launige Widerstand blüht.

Anstatt auf die Straße zu gehen, quillt das Netz über von Witzen, Sprüchen und Hinweisen, wie man die Blockade umgehen kann. Jemand hat an eine Hauswand gesprüht: "Lass deinen Vogel zwitschern." Darunter stehen Zahlenkombinationen, sogenannte DNS-Nummern, über die man die Twitter-Sperre umgehen kann. Die Info findet sich nun im Netz wieder - und ausgerechnet über den Kurznachrichtendienst hat ein User sie in die Welt hinausgeschickt.

Die Twitter-Blockade in der Türkei fordert die Kreativität geradezu heraus. Besonders beliebt ist das Motiv eines Halbmondes, der einen davonfliegenden Vogel - das Logo der Firma Twitter - auffressen will. Eine der zahlreichen Verfremdungen der türkischen Nationalflagge. Mal erleichtern sich Vögel über Erdogans Kopf, mal schießt Erdogan auf einen Vogel, der auf seinem Fuß sitzt. Es gibt den Twitter-Vogel als Hitler - "Twitler". Und eine Persiflage des "Yes, we can"-Motivs von US-Präsident Barack Obama nun mit Erdogan-Konterfei: "Yes, we ban".

Jeden Tag kommen neue Ideen hinzu. Es scheint, als existiere die Twitter-Sperre überhaupt nicht. Die Nutzer umgehen trickreich die Blockade, nutzen Proxy-Server und VPN-Verbindungen und schicken sich eifrig Hinweise, wie man am besten weiterhin auf dem Kurznachrichtendienst aktiv sein kann. Am Freitag, dem ersten Tag der Sperre, wurden nach Angaben von Sysomos, einer Firma, die Daten in sozialen Medien analysiert, rund 1,2 Millionen Tweets in der Türkei per Twitter abgesetzt. An normalen Tagen ohne Sperre sind es zwar 1,8 Millionen, aber dennoch war es eine beachtliche Zahl.

"Die Menschen flüchten aus Verzweiflung und Wut in den Humor", sagt der Hamburger Autor und Kabarettist Kerim Pamuk, der an der türkischen Schwarzmeerküste geboren wurde. "So erträgt man die Lage besser, man hat das Gefühl, sich wehren zu können." Autoritäres Gehabe habe es schon immer in der Türkei gegeben, und auch früher hätten die Menschen mit Witzen und Karikaturen reagiert. "Damals verbot man dann eben die jeweilige Zeitschrift und warf den Zeichner ins Gefängnis." Heute mache es das Internet leichter, Kritik zu verbreiten. "Und Erdogan macht sich weltweit lächerlich", urteilt Pamuk.

Auch Baris Uygur, Mitbegründer der Satirezeitschrift "Uykusuz", sieht soziale Medien als eine Chance dafür, auf humorvolle Weise Druck abzulassen. "Wie wir Türken mit der Situation umgehen, finde ich eindrucksvoll, aber nicht erstaunlich." Als es nur den staatlichen Rundfunk und die staatlich gesteuerte Presse gab, sei das schwieriger gewesen. "Auch heute findet man im Fernsehen und in Zeitungen nur wenig Kritik an Erdogan." Denn die meisten Medien werden nach wie vor von der Regierung kontrolliert, und wer kritisch berichtet, muss damit rechnen, auf Verlangen der Regierung seinen Job zu verlieren oder sogar im Gefängnis zu landen. Journalismus ist ein gefährliches Geschäft in der Türkei - also wird Kritik lustig verpackt.

Die Humortradition in der Türkei reicht weit zurück. Schon im Osmanischen Reich hielten die Sultane sich so etwas wie Hofnarren. Berühmt sind außerdem die Geschichten von Nasreddin Hodscha, der im 14. Jahrhundert sein Unwesen getrieben haben soll. Er war der orientalische Till Eulenspiegel, der seinen Mitmenschen Streiche spielte und sie mit seinen Witzen zum Nachdenken brachte.

Schlagzeilen und Skandale

Erdogan-Kritiker wollen ebenfalls zum Nachdenken anregen und haben in den vergangenen Monaten viel Gelegenheit dazu bekommen. Die Regierung sorgt immer wieder für Schlagzeilen und Skandale:

  • seit Monaten gibt es Korruptionsvorwürfe gegen mehrere Minister, den Premier und seine Familie,

  • Erdogan liefert sich einen erbitterten Machtkampf mit der Gülen-Bewegung,

Bisher hat keiner der politisch Verantwortlichen aus einem der Vorfälle Konsequenzen gezogen: Es gab keinen Rücktritt, nicht einmal eine Entschuldigung, nichts. Es ist ein gefundenes Fressen für Satirezeitschriften, die derzeit boomen. Auch regierungskritische Zeitungen überbieten sich mit Karikaturen. Das Blatt "Sözcü" druckte zum Beispiel auf ihrer Titelseite eine Zeichnung ab, die Erdogan als Sultan zeigt, der gerade den Twitter-Vogel mit einem Schwert köpft.

Der Druck scheint Wirkung zu zeigen. Am Sonntag kündigte Staatspräsident Abdullah Gül an, sein Büro stehe in Verbindung mit Mitarbeitern von Twitter, "um diese bittere Situation zu beenden". Außerdem widersprach er Erdogan, der gesagt hatte, der Zugang sei gesperrt worden, weil Twitter sich geweigert habe, auf Anordnung türkischer Gerichte einzelne Nachrichten zu entfernen. Erdogan will die Verbreitung von illegal mitgeschnittenen und auf YouTube hochgeladenen Videos verhindern.

Gül betonte am Sonntag, es sei "legal nicht möglich", das Internet und Seiten wie Twitter zu blockieren.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
Bilge Kagan 23.03.2014
Zitat von sysopSözcüDer türkische Premier Erdogan lässt den Zugang zu Twitter sperren. Doch anstatt auf die Straße zu gehen, machen Kritiker sich über diesen Schritt lustig - vor allem auf Twitter. Sie posten Karikaturen und Witze. Die Türken zeigen Humor in Bestform. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/tuerkei-nutzer-machen-sich-ueber-erdogans-twitter-sperre-lustig-a-960303.html
Es gibt regierungsfreundliche Medien genauso wie regierungskritische und regierungsfeindliche, in denen es vor Kritik an der Regierung und unverhülltem Hass nur so sprudelt. Die Behauptung, die Regierung kontrolliere die meisten Medien, ist, mit Verlaub, Quatsch.
2.
DMenakker 23.03.2014
Tja, lieber Erdogan. Für die Zukunft wissen wir wenigstens, wie man sich lächerlich macht. Erfolgreiches Vorbild ist ja schliesslich vorhanden.
3.
Bilge Kagan 23.03.2014
Zitat von sysopSözcüDer türkische Premier Erdogan lässt den Zugang zu Twitter sperren. Doch anstatt auf die Straße zu gehen, machen Kritiker sich über diesen Schritt lustig - vor allem auf Twitter. Sie posten Karikaturen und Witze. Die Türken zeigen Humor in Bestform. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/tuerkei-nutzer-machen-sich-ueber-erdogans-twitter-sperre-lustig-a-960303.html
Die der Korruption beschuldigten Minister sind zurückgetreten.
4. Genau,
optional_muenchen 23.03.2014
Zitat von Bilge KaganDie der Korruption beschuldigten Minister sind zurückgetreten.
nachdem es nicht mehr anders ging. Einer der zurückgetretenen hat gesagt, er habe nur das umgsetzt, was Tayyip angeordnet hat. Der sitzt aber immer noch da, der Chefdieb.
5. Mit Verlaub.
optional_muenchen 23.03.2014
Zitat von Bilge KaganEs gibt regierungsfreundliche Medien genauso wie regierungskritische und regierungsfeindliche, in denen es vor Kritik an der Regierung und unverhülltem Hass nur so sprudelt. Die Behauptung, die Regierung kontrolliere die meisten Medien, ist, mit Verlaub, Quatsch.
was Sie hier verzapfen, ist Quatsch. TRT, der staatliche Fernsehsender, hat knapp 89 % Sendezeit zu Wahlkampfzwecken der Regierungspartei AKP vergeben, die CHP hat nkapp 6% erhalten, die MHP knapp 5%. So, das sieht mir nach Kontrolle aus. Oder nicht?
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Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 77,696 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt:
Recep Tayyip Erdogan

Regierungschef: Binali Yildirim

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