Jack Dorsey verteidigt seine Regeln Twitter-Chef hat nichts gegen Verschwörungstheoretiker

Mehrere große Plattformen haben Inhalte des rechtspopulistischen Verschwörungstheoretikers Alex Jones entfernt. Nicht so Twitter. Firmenchef Jack Dorsey hat die umstrittene Entscheidung nun begründet.

Jack Dorsey (2015)
REUTERS

Jack Dorsey (2015)


Apple, Spotify, Facebook, YouTube: Mehrere Onlineplattformen haben in den vergangenen Tagen die umstrittenen Botschaften des US-Verschwörungstheoretikers Alex Jones aus ihrem Angebot genommen. Facebook beispielsweise entfernte am Montag vier Seiten, darunter Jones' offiziellen Facebook-Auftritt, und nannte als Grund die Verherrlichung von Gewalt; zudem nutze Jones eine entmenschlichende Sprache, um Transgender, Muslime und Immigranten zu beschreiben, was die Richtlinien von Facebook verletze. Von Apple hieß es, man dulde keine Hassrede.

Der 44-jährige Texaner Jones betreibt die Internetseite "Infowars", auf der er zahlreiche Verschwörungstheorien verbreitet. So behauptet er unter anderem, die US-Regierung sei an den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York beteiligt gewesen oder dass der Amoklauf an der Sandy Hook Grundschule von Schauspielern inszeniert worden sei.

Nach den jüngsten Aktionen der Internetkonzerne sprach Jones von "Zensur" - und zwar auf Twitter. Dort wurde sein Account mit knapp 856.000 Followern nicht entfernt. "Wir haben Alex Jones oder Infowars gestern nicht gesperrt", schrieb Twitter-Chef Jack Dorsey am Mittwoch, nachdem die Kritik an dieser Entscheidung größer geworden war. "Wir wissen, dass das für einige schwer zu verstehen ist, aber der Grund ist simpel: Er hat nicht gegen unsere Regeln verstoßen."

In der Vergangenheit sei man schrecklich darin gewesen, Entscheidungen zu erklären, twitterte Dorsey weiter. Das solle sich ändern. Man werde Jones an den selben Maßstäben messen wie alle anderen Nutzer und keine Einmal-Entscheidungen treffen, "durch die wir uns kurzfristig gut fühlen, die aber neue Verschwörungstheorien entfachen". Accounts wie der von Jones könnten zwar häufig Themen aufbauschen und Gerüchte streuen, schrieb Dorsey. Deshalb sei es wichtig, dass Journalisten solche Informationen dokumentierten, verifizierten und widerlegten, damit sich die Menschen eine eigene Meinung bilden könnten. "Das hilft der öffentlichen Diskussion am meisten."

Twitter stand in der Vergangenheit schon häufiger dafür in der Kritik, nicht genug gegen die Verbreitung von Falschmeldungen zu unternehmen. Anfang März dieses Jahres haben Forscher anhand von 4,5 Millionen Tweets der vergangenen zwölf Jahre nachgewiesen, dass sich Falschmeldungen auf Twitter schneller, häufiger und weiter verbreiten als wahre Meldungen (mehr dazu lesen Sie hier).

Tipps für den Online-Alltag: So enttarnen Sie Fakes
Ist die Quelle seriös?
Stößt man auf eine spektakuläre Nachricht, sollte man zunächst prüfen, auf welcher Quelle sie beruht. Bei einer Falschmeldung des "Denver Guardian" aus dem US-Wahlkampf etwa hätte es schon gereicht, den Namen des Mediums zu googeln. Einen "Denver Guardian" gibt es nämlich nicht, wie die "Denver Post", eine real existierende Zeitung, klarstellte. Seriöse Nachrichtenseiten haben ein Impressum und Kontaktmöglichkeiten und verschleiern nicht, wer sie betreibt.

Interessant ist auch, was eine Seite bislang veröffentlicht hat. Ist eine spektakuläre Nachricht vielleicht der erste Beitrag überhaupt? Gibt es die angeblich traditionsreiche Seite möglicherweise erst seit einer Woche? Oder postet die Seite sonst offenkundig blödsinnige Nachrichten?
Handelt es sich um eine Satire-Meldung?
Hat man den Kontext im Blick, entdeckt man auch Satire-Postings leichter. Seit Jahren zum Beispiel kommt es vor, dass Internetnutzer "Postillon"-Meldungen für bare Münze nehmen. Die Website verspricht zwar "ehrliche Nachrichten - unabhängig, schnell, seit 1845", veröffentlicht aber Quatschmeldungen wie "Katastrophenschutz warnt: Werwölfe heute Nacht bis zu 15 Prozent größer". Ähnliches gilt für "Die Tagespresse", die sich als "Österreichs seriöseste Onlinezeitung" bezeichnet.

Neben Satire-Seiten gibt es Websites, die mit erfundenen Nachrichten Besucher locken wollen, um über Anzeigen Geld zu verdienen. Die US-Aufklärungswebsite "Snopes" listet diverse solcher vermeintlicher Nachrichtenangebote auf, darunter etwa "World News Daily Report" und "National Report". Bei Twitter-Accounts sollte man überprüfen, ob ein Tweet wirklich von dem Account kommt, dem er zugeschrieben wird. Mitunter begegnet man auf Twitter auch Fake-Accounts, die nur so ähnlich heißen wie ein bekannter Account. Davon, dass ein Twitter-Konto wirklich demjenigen gehört, dem er angeblich gehört, kann man erkennen, wenn er von Twitter "verifiziert" wurde, also einen weißen Haken auf blauem Hintergrund neben dem Profilnamen hat.
Was steht wirklich im Artikel - und was nur in der Vorschau?
Gerade bei aggressiv etwa per Facebook angepriesenen Artikeln lohnt es sich, im Original-Artikel nachzuschauen, ob der kleine Vorschauschnipsel auf den Artikel und der eigentliche Inhalt zusammenpassen: Steht die Sensation überhaupt im Text?

Jeder Facebook-Nutzer, der eine Seite betreibt oder eine Community managt, kann beim Posten eines fremden Artikels auch die Überschrift und den Einleitungstext ändern.
Hier zum Beispiel haben wir einen SPIEGEL-ONLINE-Artikel mit der Überschrift "Kristina Schröder zieht sich aus Bundespolitik zurück" mal anders verpackt. Wir hätten auch Quatsch schreiben können wie "Kristina Schröder begeistert von Trumps Frauenbild". Merken würde man das als Facebook-Nutzer erst beim Klick auf den Artikel.
Wo kommt die Information her?
Seriös arbeitende Journalisten machen deutlich, wo ihre Informationen herkommen. Wenn etwa über eine Studie berichtet wird, sollte diese genau genannt oder verlinkt sein. Und wenn man ein anderes Medium zitiert, kann man auch einfach einen Link setzen.

Bei Medien wie SPIEGEL ONLINE steht am Ende von Meldungen übrigens oft ein Hinweis wie "dpa", "Reuters" oder "AFP". Dieses Kürzel zeigt an, dass die Meldung oder ein Teil ihrer Informationen von einer Nachrichtenagentur stammt. Meldungen aus Agenturen lassen sich nicht immer verlinken.
Wurde die Quelle richtig wiedergegeben?
Wenn es schon Quellen-Erwähnungen oder -Links gibt, lohnt es sich bei kontroversen Meldungen oft, sich durchzuklicken, bis man irgendwann bei der Ursprungsquelle ankommt. Manchmal ist sie uralt oder wird falsch wiedergegeben, was nicht immer böswillig geschehen muss: So kann es zum Beispiel Übersetzungsfehler geben. Wie der Quellencheck konkret aussehen kann, zeigt zum Beispiel dieses Video vom Kanal "Die besorgte Bürgerin":
Seiten wie "We Watch Fake Anonymous" konnten mit teils simplem Quellenaufrufen immer wieder Behauptungen der mittlerweile gelöschten Facebook-Hetzseite "Anonymous.Kollektiv" widerlegen.
Falle ich gerade auf einen Fake-Klassiker rein?
Viele Falschmeldungen kursieren monate- oder jahrelang durchs Netz - und trotzdem gibt es immer wieder Nutzer, die darauf reinfallen. Das gilt zum Beispiel für Aufrufe, bei denen behauptet wird, per Bild-Posting könne man den Facebook-AGB widersprechen.

Oft reicht es schon, Stichworte einer Meldung mit dem Zusatz "Fake" ins Google-Suchfeld zu packen. Aufklärungsseiten wie "Mimikama" und "Emergent" und Medienkritik-Portale wie "Übermedien" und das "BILDblog" haben schon über viele wiederkehrende Falschmeldungen berichtet.

Viele aufregende Geschichten entlarven sich per simplem Googlen auch als Urban Legends, als Großstadtmythen. Das gilt für manche angebliche Horrornachricht rund um Flüchtlinge - wie die "Hoaxmap" zeigt -, aber auch für viele Anekdoten, die jemand von einem ungenannten Dritten gehört haben will, etwa die Geschichte vom Hund, der im Kaufhaus stirbt.
Ist die Information tatsächlich brisant?
Vorsicht ist auch dann geboten, wenn als Quelle nebulös ein Leak angegeben wird. Nur, weil etwa eine E-Mail nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, heißt dass nicht, dass sich darin automatisch eine spektakuläre Enthüllung verbirgt.

Bei Reddit und in anderen Internetforen wurde rund um die US-Wahl in allerlei Beiträgen, vor allem aus dem Umfeld von Trump-Fans, auf eine von WikiLeaks veröffentlichte E-Mail verwiesen. Dabei wurde mitunter suggeriert, Hillary Clintons Wahlkampfleiter würde sich in der Nachricht kritisch über Deutschlands Umgang mit der Flüchtlingskrise äußern. Ein Klick auf die Quelle beweist aber: Die E-Mail wurde an den Mitarbeiter Clintons geschickt, nicht von ihm.

Auch wenn viele Blogs und Foren eine Nachricht diskutieren - und kein etabliertes Medium -, hat man nicht unbedingt einen Beleg für "Lügenpresse"-Vorwürfe gefunden. Eins von vielen Gegenbeispielen für diese These findet sich etwa bei "Mimikama".
Zeigt ein Foto wirklich, was es zu zeigen vorgibt?
Gerade kurz nach Naturkatastrophen oder Gewalttaten machen häufig auch Foto-Fakes die Runde. Viele Menschen suchen dann nach Bildern und bekommen zum Beispiel alte Fotos von anderen Ereignissen vorgesetzt.
Vier Schritte - die wir hier detaillierter erklären - können helfen, solche Fakes zu entlarven: von der Bilder-Rückwärtssuche bis hin zum Check der Bildinhalte auf Plausibilität.
Wie neu ist ein angeblich neu aufgetauchtes Video?
Nach Ereignissen wie der Kölner Silvesternacht werden in sozialen Netzwerken oft nicht nur alte Fotos, sondern auch alte Videos als vermeintliche hochaktuelle Augenzeugen- oder Skandalclips inszeniert.

Will man eine Ahnung davon bekommen, ob ein YouTube-Video vielleicht schon älter ist, kann man zum Beispiel den YouTube DataViewer von Amnesty International anwerfen. Der Dienst liefert unter anderem sogenannte Thumbnails, Bildausschnitte aus Videos, mit denen sich dann wieder eine Bilderrückwärtssuche durchführen lässt. Außerdem wird das Upload-Datum angezeigt.
Kann ich anderen Nutzern helfen?
Haben Sie einen Fake entlarvt, kann es nie schaden, andere Internetnutzer an der Erkenntnis teilhaben zu lassen und beispielsweise einen Erklärlink als Kommentar unter ein dubioses Facebook-Posting zu setzen. Bei Facebook sollten Sie auch versuchen, Fake-News zu melden. In einem Untermenü der Meldeoption kann man explizit angeben, dass es sich möglicherweise um eine gefälschte Nachricht handelt.

aar

insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
freudentanz 08.08.2018
1. Eine liberale Entscheidung !
Persönlich nehme ich absolut niemanden ernst der Twitter nutzt. Kann ich gar nicht. Aber jeder das Recht dazu. Wenn nun Blödsinn verfasst wird dann ist es die Aufgabe eines jeden Einzelnen sein eigenes Hirn anzustrengen ob dies Fakt oder Fake ist. Und nein das ist keine naive Art , es ist die rein freiheitliche, demokratische Art & Weise. Galileo Galilei hat man verdammt und das kann jeden treffen.
Leser161 08.08.2018
2. Ja
Ich finde der Twitter-Chef hat recht. Alle Verbote von irgendwas gründen darauf das der Leser das selber nicht einschätzen kann was er da liest. Das der Leser Dinge selber einschätzen kann ist jedoch die Grundlage der modernen Demokratie. Wenn wir das nicht annehmen können wir zurück ins alte Athen wo nur Vernünftige wählen durften. Also nach damaliger Einschätzung nur Männer aber der Mittelschicht.
h. sapiens 08.08.2018
3.
Gut zu wissen. Dann muss ich mich als freiheitsliebender Mensch bei Twitter anmelden. Danke für die Info.
frenchie3 08.08.2018
4. Na ja, im Prinzip hat er recht
Aber die Follower stehen doch wohl eher auf der, sagen wir mal, bildungsfernen Seite der Zeitungen und Nachrichten. Im besten Fall wollen sie Gegenbeweise nicht verstehen, üblicherweise können sie es aber nicht einmal. Somit ist seine Begründung letztlich doch der beste Beweis dafür daß das Konto gelöscht werden sollte
teddyhh 08.08.2018
5.
Zitat von Leser161Ich finde der Twitter-Chef hat recht. Alle Verbote von irgendwas gründen darauf das der Leser das selber nicht einschätzen kann was er da liest. Das der Leser Dinge selber einschätzen kann ist jedoch die Grundlage der modernen Demokratie. Wenn wir das nicht annehmen können wir zurück ins alte Athen wo nur Vernünftige wählen durften. Also nach damaliger Einschätzung nur Männer aber der Mittelschicht.
Sie haben da etwas ganz gründlich mißverstanden... Meinungsfreiheit heißt nur, dass der Staat jemanden nicht verfolgen darf für seine Meinung. Nicht das jede private Plattform demjenigen ein Forum bieten muß. Immerhin kann Herr Jones ja noch weiter auf seiner eigenen Internetseite geifern.
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