Twitter-Eklat auf Bundespressekonferenz Netz spottet über Hauptstadtjournalisten

Müssen sich arrivierte Hauptstadtjournalisten mit neumodischem Zeug wie Twitter herumschlagen, um in Sachen Bundesregierung auf dem Laufenden zu bleiben? Ja, findet das Bundespresseamt. Manche Journalisten fühlen sich übergangen. Eine Posse über Herrschaftswissen in Zeiten des Netzes.

Von und

Account des Regierungssprechers: Zu viel getwittert?

Account des Regierungssprechers: Zu viel getwittert?


Berlin - Für einige Hauptstadtjournalisten ist es in diesen Tagen ein Segen, dass sie in den Protokollen der Bundespressekonferenz als Fragesteller in der Regel nicht namentlich benannt werden. Denn der Dialog, der sich vergangene Woche zwischen dem stellvertretenden Regierungssprecher Christoph Steegmans und einigen arrivierten Kollegen aus Berlin abspielte, lässt tief blicken. Es ging um Twitter. Oder eigentlich: um das Selbstverständnis von Journalisten in Zeiten des sozialen Internets. Und manche Kollegen kommen dabei im Rückblick nicht gut weg.

"Herr Dr. Steegmans, muss ich mir in Zukunft einen Twitter-Account zulegen, um über relevante Termine der Bundeskanzlerin informiert zu werden?", fragte ein Journalist in der Bundespressekonferenz am 25. März. Steegmans hätte kurz und knapp mit "Nein" antworten können, denn um Tweets zu lesen, braucht man keinen Twitter-Account (kleiner Recherchetipp für Kollegen in Social-Media-Nöten: Unter http://twitter.com/RegSprecher kann jeder mit einem Internetzugang jederzeit die Tweets von Regierungssprecher Steffen Seibert lesen, ganz ohne Account).

"Viel hilft viel"

Steegmans antwortete aber nicht mit Nein, sondern mit: "Im Informationsgeschäft wissen Sie: Viel hilft viel", und fuhr fort, man kommuniziere eben über diverse Kanäle, auch direkt mit dem Bürger.

Der Aufreger in diesem Fall war eine Twitter-Meldung Seiberts, in der darüber informiert wurde, dass Angela Merkel im Juni in die USA reisen werde. So schnell geht das in der Online-Welt: Ein kurzer Tweet, und die (Netz-)Öffentlichkeit weiß früher über die Reisepläne der Kanzlerin Bescheid als ein im Fax-Zeitalter steckengebliebener Journalist. Im konkreten Fall hätten die Kollegen die entsprechende Nachricht allerdings schon am Vorabend bei SPIEGEL ONLINE nachlesen können.

Entsprechend höhnisch wird das Protokoll der Sitzung vom 25. März im Netz mittlerweile kommentiert. Im Blog "Carta" will man in Berlin einen "offenbar zutiefst verunsicherten Berufsstand" ausgemacht haben.

Die folgende, vier Druckseiten füllende Diskussion, die der stellvertretende Regierungssprecher nun an Stelle seines Vorgesetzten führen musste, drehte sich denn auch gar nicht um die korrekte Reihenfolge, in der Volk und Presse künftig zu informieren sind, sondern vor allem um technische Details. Etwa die Sicherheit von Tweets: "Der Nachrichtendienst Twitter ist nicht sicher," erklärte ein offenbar gut informierter Journalist und illustrierte diese Einschätzung mit dem schönen Satz: "Es gibt zahlreiche Beispiele für Fälschungen von Schauspielern, so Beispiel Martina Gedeck bis hin zum Dalai Lama."

Macht Twitter einen jung und tough?

Nun gilt die Identität von Steffen Seibert als gesichert, und dass sein Twitter-Account von ihm selbst befüllt wird, hat seit dem ersten Tweet am 28. Februar 2011 noch niemand bezweifelt. Die vielerorts weitergereichte Nachricht, dass Seibert jetzt auch twittert, war aber an einigen Berliner Kollegen offenbar vier Wochen lang vorbeigegangen. Das gilt übrigens beileibe nicht für alle Hauptstadtjournalisten - viele von ihnen sind längst selbst aktive Twitterer.

Nun aber wurde knallhart nachgefragt. Ob denn der Bundesnachrichtendienst, das Bundeskriminalamt, der "sonstige Apparat" die Twitter-Frage geklärt habe, oder ob das einfach nur mal "aus Lust und Laune heraus" entschieden worden sei, wollten die Kollegen, zunehmend säuerlich, wissen: "Hat Herr Seibert das gemacht, weil er ein junger tougher Typ sein will?" Steegmans versprach Aufklärung, verwies aber auch darauf, dass "auch Staatsoberhäupter anderer Staaten diese Technik nutzen" und Twitter damit doch wohl "ein eingeführtes politisches Medium" sei. US-Präsident Barack Obama twittert schon seit Amtsantritt. FBI, CIA und NSA haben bislang nicht interveniert.

Was die Sorgen um Verlässlichkeit anginge, sagte Steegmans: Ein kurzer Anruf beim Pressesprecher könne im Zweifelsfall die Authentizität eines Tweets klären. Aber den Kritikern gehe es doch um etwas anderes: "Sie wollen in Wahrheit doch wissen, ob es eine Benachteiligung ist, dass eine Information möglicherweise statt über den [Journalisten]-Verteiler über Twitter herausgegangen ist." Und traf damit wohl ins Schwarze. Die Diskussion liest sich streckenweise wie eine chiffrierte Debatte über Herrschaftswissen, Deutungshoheit und Informationsprivilegien - dabei wäre doch die Frage, ob die Bundesregierung sich der Plattform eines Privatunternehmens bedienen sollte, um Informationen zu verbreiten, durchaus diskussionswürdig gewesen.

So aber ging es, wie Steegmans richtig interpretierte, nur um diese Frage: Ob die Bundesregierung an den Presseagenturen vorbei mit der Öffentlichkeit kommunizieren darf. Was sie ja ohnehin längst tut, etwa im wöchentlichen Video-Podcast von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Den sich mittlerweile aber wohl auch nur noch Journalisten ansehen.

Er sehe da kein Problem, sagte Seiberts Stellvertreter. Denn so seien die Tweets ja auch gedacht, beschied er einer Kollegin: "Ich sage ganz frei, dass ich Sie nicht nur als Journalistin, sondern auch als Bürger erreichen möchte."



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 61 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Xenier, 29.03.2011
1. Obamas Nebenamt?
Wenn man auf den Link zum *RegSprecher* klickt landet man bei *Obama*. Das ist jetzt entweder ne Enthüllung oder einfach ein Fehler. :-)
linus_ffm 29.03.2011
2. falscher Link ?
schon lustig, das Barack Obama jetzt Bundespressesprecher ist... zumindest taucht sein Link bei Steffen Seiberts Link auf *grins*
Tastenhengst, 29.03.2011
3. Endlich.
---Zitat--- Herrschaftswissen, Deutungshoheit und Informationsprivilegien ---Zitatende--- Jetzt schreiben SPON-Journalisten das, was die Menschen schon lange über ihren Berufsstand denken. Tatsächlich ist bei mir dessen Ansehen gesunken, je mehr ich gelernt habe.
mborevi 29.03.2011
4. Natürlich hat die Öffentlichkeit das Recht, ...
... über politische Dinge unverzüglich informiert zu werden, notfalls vor den Journalisten. Schließlich sind Politiker den Bürgern und nicht den Journalisten verantwortlich. Es erinnert mich ein Bisschen an die Diskussion, ob man ohne Kirche zu Gott gelangen kann...
ChristianStöcker 29.03.2011
5. Falscher Link
Zitat von linus_ffmschon lustig, das Barack Obama jetzt Bundespressesprecher ist... zumindest taucht sein Link bei Steffen Seiberts Link auf *grins*
Schon repariert. Danke.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.