Kuba USA wollten Castro-Regime mit Twitter-Klon destabilisieren

Die US-Entwicklungshilfebehörde USAID erfüllt offenbar auch Geheimdienst-Aufgaben. Sie ließ laut einem Medienbericht einen Kurznachrichtendienst für Kuba entwickeln, der Zehntausende Nutzer gewann. Ziel: das Castro-Regime zu destabilisieren.

Studenten mit Handys in Kuba: Twitter-Klon von US-Entwicklungshelfern
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Studenten mit Handys in Kuba: Twitter-Klon von US-Entwicklungshelfern


Havanna - Die sogenannte grüne Revolution in Iran und der Arabische Frühling haben die US-Regierung inspiriert. Die damalige Außenministerin Hillary Clinton beispielsweise sagte 2011, soziale Netzwerke hätten den Tunesiern geholfen, "sich zu organisieren und ihre Unzufriedenheit kundzutun, was - wie wir nun wissen - dabei half, eine Bewegung zu befeuern, die revolutionären Wandel hervorbrachte".

Schon in den Jahren zuvor aber hatten US-Beamte selbst große Anstrengungen unternommen, um in einem anderen Land "revolutionären Wandel" mit Hilfe sozialer Medien herbeizuführen - in Kuba. Wie Associated Press (AP) in einem ausführlichen, detailreichen Artikel beschreibt, heuerte ein Mitarbeiter der US-Entwicklungshilfebehörde USAID ab 2010 Menschen an, um in Kuba eine Art Twitter für einfache Handys einzuführen. Explizites USAID-Ziel war dem Bericht zufolge die Destabilisierung des Regimes: "Durch taktische und vorübergehende Initiativen" wollte die Behörde einen "Übergangsprozess hin zu demokratischem Wandel anschieben".

Eine dieser Initiativen war AP zufolge der Dienst mit dem Namen ZunZuneo - der Begriff steht in Kuba für das Zwitschern eines lokalen Vogels. ZunZuneo ging tatsächlich an den Start und gewann dem Bericht zufolge bis zu 40.000 Nutzer. Der Dienst füllte wohl eine Lücke, da die Internetnutzung in Kuba stark reglementiert ist.

"Keine Erwähnung der Beteiligung der US-Regierung"

AP berichtet, man habe zahlreiche Dokumente über den Vorgang einsehen können, die zeigten, dass USAID und andere Beteiligte alles taten, um zu verschleiern, dass es sich bei dem angeblich kommerziellen SMS-Dienst ZunZuneo um ein Projekt einer US-Regierungsbehörde handelte. Die Nachrichtenagentur zitiert aus einem internen Schreiben eines der beteiligten Unternehmen: "Es wird absolut keine Erwähnung der Beteiligung der US-Regierung geben." Das sei "absolut zentral für den langfristigen Erfolg des Dienstes und der Mission".

Seinen Ausgang nahm das Projekt demnach bei der US-Firma Creative Associates, die Hunderte Millionen Dollar mit Aufträgen für Regierungsbehörden umsetzt. Der Firma und USAID sei ursprünglich ein Satz von etwa 500.000 kubanischen Handy-Nummern zugespielt worden, entwendet von einem Techniker des kubanischen Telekom-Providers Cubacel. Zunächst habe man die Idee entwickelt, möglichst nicht rückverfolgbare Propaganda-SMS nach Kuba zu verschicken, auch um durch eventuelle Rückantworten Informationen über das Widerstandspotential im Land zu erhalten.

Dann aber entstand die Idee eines für einfache Mobiltelefone optimierten Netzwerks für Kurznachrichten, einer Art heruntergekochtem Twitter.

"Keine Unsicherheiten beim Management"

Im Februar 2010 wurde ZunZuneo dann in Kuba offiziell vorgestellt und auch vermarktet. Nutzer konnten zunächst eine Nachricht am Tag selbst absetzen und anderen "folgen", also deren Kurznachrichten auf dem Handy abonnieren. Auf der zum Dienst gehörigen Website wurde Werbung platziert, damit nicht unmittelbar klar wurde, woher die Gelder für das Projekt eigentlich kamen. Binnen sechs Monaten, berichtet AP, seien bereits 25.000 Nutzer zusammengekommen. Die Finanzierung wurde über ein Geflecht aus Briefkastenfirmen organisiert, mehrere US-Unternehmen waren am Betrieb des Dienstes beteiligt.

Als der Dienst einmal lief, sollte ein echtes Führungsteam installiert werden, das man aber über den wahren Ursprung des Dienstes im Unklaren lassen wollte. "Es sollten beim Management keinerlei Zweifel und keine Unsicherheiten oder Bedenken hinsichtlich einer Beteiligung der US-Regierung bestehen", schrieb der Chef einer US-Firma namens Mobile Accord, die am Aufbau dem Bericht zufolge federführend beteiligt war. AP sprach sogar mit einer Kandidatin für den Chefposten von ZunZuneo, der die Sache aber offenbar schon beim Vorstellungsgespräch in Barcelona - von dort aus wurde der Dienst über längere Zeit organisiert - spanisch vorkam.

Als der Dienst lief, fand man bei Creative Associates offenbar, dass ZunZuneo sich auch finanziell selbst tragen sollte - was aber angesichts der Situation im kubanischen Markt augenscheinlich utopisch war. In der dortigen Planwirtschaft mit Werbung genügend Geld umzusetzen, um den SMS-Dienst zu betreiben, war wohl nicht möglich.

Mitte 2012, berichtet AP, sei der Dienst dann plötzlich verschwunden - angeblich hätten die kubanischen Behörden schließlich doch entschieden, ZunZuneo mit technischen Mitteln zu blockieren. AP zitiert dazu einen kubanischen Blogger, selbst ehemaliger ZunZuneo-Nutzer. Der Dienst sei für Kubas Regime "eine Bedrohung" gewesen, "so wie alles andere, was sie nicht kontrollieren".

USAID dagegen erklärte AP auf Anfrage, der Dienst sei eingestellt worden, als das Geld zur Neige ging.

cis/AP

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