Kampf gegen Meinungsroboter Twitter sperrt Tausende Accounts

Twitter will es schwerer machen, die Trendthemen auf seiner Plattform zu manipulieren. Das Unternehmen prüft derzeit zahlreiche Accounts auf ihre Echtheit - und das ärgert vor allem eine Gruppe von Nutzern.

Twitter-Zentrale in San Francisco
AFP

Twitter-Zentrale in San Francisco


Diverse Twitter-Nutzer, darunter viele Trump-Anhänger, wundern sich derzeit über gesunkene Follower-Zahlen. Unter dem Hashtag #TwitterLockOut machen sie ihre Empörung darüber öffentlich. Erklären lassen sich die Veränderungen bei den Zahlen offenbar mit aktuellen Bemühungen von Twitter, Fake-Accounts und sogenannte Social Bots, also Meinungsroboter, zu identifizieren.

US-Medien zufolge hat Twitter gerade Tausende Accounts gesperrt und will prüfen, ob hinter ihnen echte Menschen stecken. Die genaue Zahl der gesperrten Konten gibt Twitter den Berichten zufolge nicht bekannt; das Unternehmen bestätigt aber, dass derzeit vermehrt verdächtige Account-Aktivitäten geprüft würden.

Bei einigen gesperrten Konten seien die Kontoinhaber aufgefordert worden, ihre Telefonnummern anzugeben, heißt es. Eine Sprecherin von Twitter erklärt: "Wenn ein Konto gesperrt wird und der Nutzer aufgefordert wird, eine Telefonnummer zu bestätigen, wird das Konto aus den Follower-Zählungen entfernt, bis eine Telefonnummer angegeben wird." Die Regeln des Netzwerks würden "ohne politische Voreingenommenheit" durchgesetzt.

Kritik von zwei Seiten

Twitter sah sich in den USA zuletzt häufig mit dem Vorwurf konfrontiert, zu lasch gegen Fake- und Propaganda-Accounts vorzugehen - vor allem im Kontext der Debatte, wie stark Russland über soziale Medien Einfluss auf die US-Wahl genommen hatte.

Zugleich werfen vor allem Anhänger der sogenannten "Alt Right" dem Unternehmen vor, sie zu zensieren. "Trump-Leute und Konservative haben generell das Gefühl, dass in den sozialen Medien mit zweierlei Maß gemessen wird und fühlen sich durch diese Aktion bestätigt", zitiert die "Washington Post" dazu Mike Cernovich, der zu den einflussreichsten Personen der "Alt Right" zählt.

Jenseits der Account-Prüfungen will Twitter nun auch mit klaren Regelformulierungen dafür sorgen, dass es schwieriger wird, etwa durch Bots das Interesse an bestimmten Themen höher wirken zu lassen, als es eigentlich ist. So soll es bald beispielsweise nicht mehr erlaubt sein, dieselbe Nachricht von mehreren Accounts abzuschicken. Auch Aktionen wie das Retweeten fremder Beiträge sollen künftig nicht mehr automatisiert mit mehreren Accounts zugleich möglich sein.

Für einige Twitter-Kanäle soll es allerdings Ausnahmen geben, etwa im Bereich der Erdbeben- und Tsunami-Alarme: Hier sollen die Anbieter weiter die Möglichkeit haben, dieselben Inhalte zeitgleich über mehrere Accounts auszuspielen.

Tipps für den Online-Alltag: So enttarnen Sie Fakes
Ist die Quelle seriös?
Stößt man auf eine spektakuläre Nachricht, sollte man zunächst prüfen, auf welcher Quelle sie beruht. Bei einer Falschmeldung des "Denver Guardian" aus dem US-Wahlkampf etwa hätte es schon gereicht, den Namen des Mediums zu googeln. Einen "Denver Guardian" gibt es nämlich nicht, wie die "Denver Post", eine real existierende Zeitung, klarstellte. Seriöse Nachrichtenseiten haben ein Impressum und Kontaktmöglichkeiten und verschleiern nicht, wer sie betreibt.

Interessant ist auch, was eine Seite bislang veröffentlicht hat. Ist eine spektakuläre Nachricht vielleicht der erste Beitrag überhaupt? Gibt es die angeblich traditionsreiche Seite möglicherweise erst seit einer Woche? Oder postet die Seite sonst offenkundig blödsinnige Nachrichten?
Handelt es sich um eine Satire-Meldung?
Hat man den Kontext im Blick, entdeckt man auch Satire-Postings leichter. Seit Jahren zum Beispiel kommt es vor, dass Internetnutzer "Postillon"-Meldungen für bare Münze nehmen. Die Website verspricht zwar "ehrliche Nachrichten - unabhängig, schnell, seit 1845", veröffentlicht aber Quatschmeldungen wie "Katastrophenschutz warnt: Werwölfe heute Nacht bis zu 15 Prozent größer". Ähnliches gilt für "Die Tagespresse", die sich als "Österreichs seriöseste Onlinezeitung" bezeichnet.

Neben Satire-Seiten gibt es Websites, die mit erfundenen Nachrichten Besucher locken wollen, um über Anzeigen Geld zu verdienen. Die US-Aufklärungswebsite "Snopes" listet diverse solcher vermeintlicher Nachrichtenangebote auf, darunter etwa "World News Daily Report" und "National Report". Bei Twitter-Accounts sollte man überprüfen, ob ein Tweet wirklich von dem Account kommt, dem er zugeschrieben wird. Mitunter begegnet man auf Twitter auch Fake-Accounts, die nur so ähnlich heißen wie ein bekannter Account. Davon, dass ein Twitter-Konto wirklich demjenigen gehört, dem er angeblich gehört, kann man erkennen, wenn er von Twitter "verifiziert" wurde, also einen weißen Haken auf blauem Hintergrund neben dem Profilnamen hat.
Was steht wirklich im Artikel - und was nur in der Vorschau?
Gerade bei aggressiv etwa per Facebook angepriesenen Artikeln lohnt es sich, im Original-Artikel nachzuschauen, ob der kleine Vorschauschnipsel auf den Artikel und der eigentliche Inhalt zusammenpassen: Steht die Sensation überhaupt im Text?

Jeder Facebook-Nutzer, der eine Seite betreibt oder eine Community managt, kann beim Posten eines fremden Artikels auch die Überschrift und den Einleitungstext ändern.
Hier zum Beispiel haben wir einen SPIEGEL-ONLINE-Artikel mit der Überschrift "Kristina Schröder zieht sich aus Bundespolitik zurück" mal anders verpackt. Wir hätten auch Quatsch schreiben können wie "Kristina Schröder begeistert von Trumps Frauenbild". Merken würde man das als Facebook-Nutzer erst beim Klick auf den Artikel.
Wo kommt die Information her?
Seriös arbeitende Journalisten machen deutlich, wo ihre Informationen herkommen. Wenn etwa über eine Studie berichtet wird, sollte diese genau genannt oder verlinkt sein. Und wenn man ein anderes Medium zitiert, kann man auch einfach einen Link setzen.

Bei Medien wie SPIEGEL ONLINE steht am Ende von Meldungen übrigens oft ein Hinweis wie "dpa", "Reuters" oder "AFP". Dieses Kürzel zeigt an, dass die Meldung oder ein Teil ihrer Informationen von einer Nachrichtenagentur stammt. Meldungen aus Agenturen lassen sich nicht immer verlinken.
Wurde die Quelle richtig wiedergegeben?
Wenn es schon Quellen-Erwähnungen oder -Links gibt, lohnt es sich bei kontroversen Meldungen oft, sich durchzuklicken, bis man irgendwann bei der Ursprungsquelle ankommt. Manchmal ist sie uralt oder wird falsch wiedergegeben, was nicht immer böswillig geschehen muss: So kann es zum Beispiel Übersetzungsfehler geben. Wie der Quellencheck konkret aussehen kann, zeigt zum Beispiel dieses Video vom Kanal "Die besorgte Bürgerin":
Seiten wie "We Watch Fake Anonymous" konnten mit teils simplem Quellenaufrufen immer wieder Behauptungen der mittlerweile gelöschten Facebook-Hetzseite "Anonymous.Kollektiv" widerlegen.
Falle ich gerade auf einen Fake-Klassiker rein?
Viele Falschmeldungen kursieren monate- oder jahrelang durchs Netz - und trotzdem gibt es immer wieder Nutzer, die darauf reinfallen. Das gilt zum Beispiel für Aufrufe, bei denen behauptet wird, per Bild-Posting könne man den Facebook-AGB widersprechen.

Oft reicht es schon, Stichworte einer Meldung mit dem Zusatz "Fake" ins Google-Suchfeld zu packen. Aufklärungsseiten wie "Mimikama" und "Emergent" und Medienkritik-Portale wie "Übermedien" und das "BILDblog" haben schon über viele wiederkehrende Falschmeldungen berichtet.

Viele aufregende Geschichten entlarven sich per simplem Googlen auch als Urban Legends, als Großstadtmythen. Das gilt für manche angebliche Horrornachricht rund um Flüchtlinge - wie die "Hoaxmap" zeigt -, aber auch für viele Anekdoten, die jemand von einem ungenannten Dritten gehört haben will, etwa die Geschichte vom Hund, der im Kaufhaus stirbt.
Ist die Information tatsächlich brisant?
Vorsicht ist auch dann geboten, wenn als Quelle nebulös ein Leak angegeben wird. Nur, weil etwa eine E-Mail nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, heißt dass nicht, dass sich darin automatisch eine spektakuläre Enthüllung verbirgt.

Bei Reddit und in anderen Internetforen wurde rund um die US-Wahl in allerlei Beiträgen, vor allem aus dem Umfeld von Trump-Fans, auf eine von WikiLeaks veröffentlichte E-Mail verwiesen. Dabei wurde mitunter suggeriert, Hillary Clintons Wahlkampfleiter würde sich in der Nachricht kritisch über Deutschlands Umgang mit der Flüchtlingskrise äußern. Ein Klick auf die Quelle beweist aber: Die E-Mail wurde an den Mitarbeiter Clintons geschickt, nicht von ihm.

Auch wenn viele Blogs und Foren eine Nachricht diskutieren - und kein etabliertes Medium -, hat man nicht unbedingt einen Beleg für "Lügenpresse"-Vorwürfe gefunden. Eins von vielen Gegenbeispielen für diese These findet sich etwa bei "Mimikama".
Zeigt ein Foto wirklich, was es zu zeigen vorgibt?
Gerade kurz nach Naturkatastrophen oder Gewalttaten machen häufig auch Foto-Fakes die Runde. Viele Menschen suchen dann nach Bildern und bekommen zum Beispiel alte Fotos von anderen Ereignissen vorgesetzt.
Vier Schritte - die wir hier detaillierter erklären - können helfen, solche Fakes zu entlarven: von der Bilder-Rückwärtssuche bis hin zum Check der Bildinhalte auf Plausibilität.
Wie neu ist ein angeblich neu aufgetauchtes Video?
Nach Ereignissen wie der Kölner Silvesternacht werden in sozialen Netzwerken oft nicht nur alte Fotos, sondern auch alte Videos als vermeintliche hochaktuelle Augenzeugen- oder Skandalclips inszeniert.

Will man eine Ahnung davon bekommen, ob ein YouTube-Video vielleicht schon älter ist, kann man zum Beispiel den YouTube DataViewer von Amnesty International anwerfen. Der Dienst liefert unter anderem sogenannte Thumbnails, Bildausschnitte aus Videos, mit denen sich dann wieder eine Bilderrückwärtssuche durchführen lässt. Außerdem wird das Upload-Datum angezeigt.
Kann ich anderen Nutzern helfen?
Haben Sie einen Fake entlarvt, kann es nie schaden, andere Internetnutzer an der Erkenntnis teilhaben zu lassen und beispielsweise einen Erklärlink als Kommentar unter ein dubioses Facebook-Posting zu setzen. Bei Facebook sollten Sie auch versuchen, Fake-News zu melden. In einem Untermenü der Meldeoption kann man explizit angeben, dass es sich möglicherweise um eine gefälschte Nachricht handelt.

mbö/dpa/AP/Reuters

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
kuac 22.02.2018
1.
Twitter handelt richtig. Eine Demokratie braucht Menschen, die miteinander diskutieren und nicht Meinungsroboter.
sven2016 22.02.2018
2.
Für Social Media Apps existieren Wegwerftelefonnummern für den Bestätigungsprozess. Das alleine wird nicht helfen. Die Tech-Leute sollten etwas kreativer bei der Überprüfung werden.
pauschalreisend 22.02.2018
3. hahahaha...
Twitter macht genau das, was wir alle im aufgrund der bisherigen Erfahrungen erwarten sollten: Irgendwas, komplett Intransparent, und vermutlich wirkungslos...
frenchie3 22.02.2018
4. Gut so
Wer EINE Meinung hat muß sie nicht von fünf Adressen abschicken. Warum quieken die Trumpistas? Na klar, die sind keine Roboter, die spammen persönlich.
unzensierbar 22.02.2018
5. Dissidenten ausfindig machen
So leistet Twitter also seinen Beitrag für westliche Regierungen indem Accounts gesperrt werden und dann die Besitzer aufgefordert werden durch ihre Telefonnummer ihre Idendität herauszugeben. Das wird schwer missbraucht werden und Twitter wird bestimmt Daten Regierungen mitteilen, wenn diese danach fragen.
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