S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Weltherrschaft oder Tod

Im Silicon Valley genügt es nicht, Millionen zu erwirtschaften. Wenn ein anderer Milliarden scheffelt, lassen die Anleger den zweiten Gewinner fallen. Twitter ist ein Musterbeispiel für diese Denkart.

Eine Kolumne von

Twitter-Logo an der Wall Street: Eine halbe Milliarde ist nicht genug
REUTERS

Twitter-Logo an der Wall Street: Eine halbe Milliarde ist nicht genug


Berlin. Wenn man unbedingt eine Analogie bräuchte zu Twitter, die am wenigsten schlechte wäre: Berlin. Und das auf so vielen Ebenen. Es beginnt damit, dass es nicht jeder versteht. Die Nutzer halten sich für etwas Besonderes. Und sie sind auch etwas Besonderes, nur anders als sie selbst glauben. Es lebt von seiner Hipness und dem Gefühl für ganz bestimmte, superkommunikative Leute, sie müssten einfach da sein. Nicht alle wissen, warum. Viele Besucher kommen vorbei, fast ebenso viele gehen wieder. Und die meisten davon schauen sich nur mehr oder weniger stumm an, was da so für ein Trubel los ist. Wenn irgendwo auf dem Planeten etwas Relevantes geschieht - irgendwie gibt es dort immer ein Echo. Und schließlich tut man sich irgendwie schwer damit, richtig Geld zu verdienen.

Doof ist nur, dass Berlin, pardon - Twitter - an die Börse gegangen ist. Man könnte sagen: an die Börse geraten ist. Als schillernde, wirtschaftlich so halbfunktionierende, aber sexy Hauptstadt des Internet wäre Twitter kaum schlagbar gewesen. Direkt aus dem Börsengang von Twitter folgte der Niedergang, und dass Twitter in einem Niedergang befindlich ist, darauf weisen eine Menge Anzeichen hin. Der Ex-CEO Dick Costolo, fünf Jahre im Amt, wurde im Sommer 2015 ausgetauscht. Weil er, glaubten die Investoren, nicht genügend neue Nutzer begeistern konnte. Seine Börsenstory baute auf Massen und Massen von Nutzern und neuen Werbeformen auf, von interaktiver TV-Verquickung bis Multi-Geräte-Tracking.

Für Costolo kam einer der Twitter-Gründer, Jack Dorsey, dessen Hauptproblem es ist, dass er die Stelle nur halbtags ausführen kann. Gleichzeitig führt er nämlich ein zweites Milliarden-Start-up namens Square. Und er war bereits von 2006 bis 2008 CEO, musste diesen Posten aber wegen mangelnder Managementfähigkeiten verlassen. In seiner neuen Funktion kündigte er sogleich die Entlassung einer Reihe von Mitarbeitern an.

Aber das wichtigste Zeichen des Niedergangs ist ein - aus Sicht normaler Leute - völlig unerwartetes: Der durchaus spürbare Erfolg von Twitter. Das Start-up macht im Quartal mehr als eine halbe Milliarde Dollar Umsatz. Im Herbst 2014 waren es 361 Millionen Dollar, im 3. Quartal 2015 kam Twitter auf 569 Millionen Dollar, ein Wachstum von über 50 Prozent in einem Jahr. Bei über 300 Millionen Nutzern weltweit. Das sind ohne jeden Zweifel eindrucksvolle Zahlen, und zwar für alle Leute auf der Welt. Außer für Investoren. Den Schlüssel zum Verständnis des Niedergangs von Twitter hat am 30. August 2015 ein Kommentator des "Guardian" in der Überschrift seines Kommentars perfekt erklärt: "Twitter funktioniert gar nicht schlecht, aber für Internetinvestoren ist alles außer der totalen Marktbeherrschung ein Desaster."

Schlechte Nachricht für die Netzökonomie

Das ist die Hauptursache für den Niedergang: Die einzige Story, die Twitter am Börsenmarkt erzählen kann, weil es die einzige Story ist, die Internetinvestoren akzeptieren, ist - "Wir werden das nächste Facebook". Damit ist die Auswahl der möglichen Erfolgspfade verengt auf einen einzigen. Deshalb wirft Twitter eine Neuentwicklung nach der anderen aus, die erkennbar auf die breite, weniger netzaffine Gruppe der Facebook-Nutzer zielt. "Dumbing down", würde man im Englischen sagen. Obwohl die Heavy-User und Fans der Plattform in erster Linie Multiplikatoren aller Art sind, ist Twitter zum medienrelevanten Privatnachrichtenticker geworden. Deshalb spielt Twitter nun an 500 Millionen nicht eingeloggte Seitenbesucher ebenfalls Werbung aus, was als schiere Verzweiflung gewertet werden muss. Denn Werbung lässt sich umso besser verkaufen, je mehr man über die Zielgruppe weiß, und über uneingeloggte, anonyme Besucher weiß man im Vergleich praktisch nichts.

Deshalb experimentiert Twitter mit der Abschaffung der chronologischen Ordnung der Beiträge, Twitter möchte noch facebookiger werden. Zur groben Einschätzung für Außenstehende: Das ist etwa, als würde Google überlegen, die Suchmaschine aufzugeben. Der Hintergrund: Facebook generiert enorme Umsätze, weil nicht die Chronologie, sondern ein Algorithmus bestimmt, was die Nutzer sehen. Und wer garantiert gesehen werden möchte - muss zahlen. Facebook ist so zum 300-Milliarden-Dollar-Koloss geworden, den Twitters Aktionäre so gern im eigenen Garten attackieren würden.

Dieser Umstand - dass für Twitters Aktionäre nichts zählt außer alles - ist eine schlechte Nachricht für die Netzökonomie. Das hat nicht etwa damit zu tun, dass eine neue Dotcom-Blase heraufziehen würde. Die jungen Unternehmen machen zwar selten Gewinne, aber haben oft große, substantielle Umsätze. Investor Marc Andreessen, einer der Urentwickler des ersten echten Browsers, rechnete im Sommer 2015 vor: Alle US-Unicorns (Start-ups, die mehr als eine Milliarde Dollar wert sind) sind zusammen immer noch weniger Wert als Microsoft. Stattdessen ist der Investitionsmarkt auf eine andere Art verbogen. Im Zeitalter des Plattform-Kapitalismus findet eine Verschiebung statt: man setzt auf wenige hypererfolgreiche Monopole statt vieler erfolgreicher Unternehmen. Es wird mehr und aggressiver investiert als je zuvor. Investoren wollen ihr eingesetztes Geld nicht mehr verdoppeln, verzehnfachen oder verzwanzigfachen - sondern vertausendfachen. So geschah es schließlich bei Google und Facebook. Deshalb haben die rund 800 Venturecapital-Unternehmen in den USA im Jahr 2014 fast 50 Milliarden Dollar Risikokapital verteilt. In Deutschland lag diese Zahl bei 1,3 Milliarden Euro.

Weltherrschaft oder Tod

Daraus ergibt sich eine paradoxe Situation, eine Art ökonomischer Megasandkasten, der unversehens zur Arena wird, in der auf Leben und Tod gespielt wird. In den ersten Jahren eines Start-ups sind die meisten wirtschaftlichen Maßstäbe komplett aufgehoben, weil nur die Vision eine Rolle spielt. Umsatz, Gewinn, Effizienz sind tendenziell irrelevant, mögliche Geschäftsmodelle fließen hin und her, solange sich "Traktion", also Nutzergunst einigermaßen nachweisen lässt. In dieser Phase könnte ein Start-up an jedes Fünf-Dollar-Produkt einen Zehn-Dollar-Schein drankleben und würde bei entsprechender Traktion trotzdem als Erfolg gefeiert.

Aber zu einem bestimmten Zeitpunkt kippt die Situation komplett und es geschieht, was jetzt mit Twitter geschieht. Investorenpistole auf die Brust, und dann Weltherrschaft oder Tod. Ein solcher unternehmerischer Druck muss nicht grundsätzlich schlecht sein, und man sieht am Silicon Valley, dass es in Sachen Innovationskraft ungeheuer gut funktioniert. Aber dieses Prinzip bringt besondere Unternehmen und auch besondere Unternehmer hervor: Alles-oder-Nichts-Spieler, Hochrisiko-Ritter, digitale Offensiv-Kapitalisten. Und das wiederum sind Leute, die ab Werk ständig in Gefahr sind, die Arschloch-Grenze zu überschreiten.

Twitter und seine Nutzer der ersten Stunde leiden darunter, dass das Unternehmen nur gut funktioniert, aber keinesfalls Mark Zuckerberg schlaflose Nächte bereitet. Nur 500 Millionen im Quartal? Die Investoren sind enttäuscht. Hätten sie mal nach Berlin geschaut; ihnen wäre klar geworden - es gibt die Schnellen, Leistungsfähigen, Erfolgreichen. Und es gibt die Berlinartigen. Hallo Twitter.

Tl;dr

"Twitter ist dazu verdammt, immerfort zu werden und nie zu sein." (Karl Scheffler, "Berlin - ein Stadtschicksal", 1910)

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Die Mensch-Maschine


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Leser161 16.12.2015
1. Virtuell
Steilw These meinerseits: Das Internet ist jenseits der Dienstleistung. Denn was wir bisher als Dienstleistung begriffen (Infos, Musik) ist dort relativ umsonst. Das ist eigentlich toll, da es der Menscheit die Möglichkeit gibt die Menschen so günstig wie nie mit entsprechenden Dienstleistungsgütern zu versorgen. Aber ein so ein Ding kann sich nur halten, wenn es Geld abwirft. Es bleiben also nur noch Manipulation und Zwang um Geld zu verdienen (DU musst dieses reale Produkt für Geld kaufen, sonst bist Du unhip). Am besten durch Monopole. Das finde ich irgendwie unerquicklich. Genau wie körperliche Gewalt gehören Zwang und Manipulation auf den Müllhaufen der Geschichte. Ich hoffe die Menschheit findet einen Weg.
MerlinXX 16.12.2015
2. Sehr guter Artikel
Allerdings: "Das Start-up macht im Quartal mehr als eine halbe Milliarde Dollar Umsatz." Ist Twitter nach mehr als 10 Jahren wirklich noch ein Start-Up? Nach gängiger Definition ist ein Unternehmen nur die ersten 5 Jahre lang ein Start-Up - deshalb kann ich auch verstehen, dass die Investoren ich wünschen, dass Twitter "erwachsen" wird.
exil-teutone 16.12.2015
3. Es zeigt vor allem nur eines
Und zwar, daß Investoren relativ einfallslos sind. Was einem als Unternehmensgründer immer geraten wird, d.h. ein "me too" tunlichst zu vermeiden, ist hier wie unter dem Brennglas des Raubtierkapitalismus gut zu studieren: Alle wollen in das nächste Google/Facebook investieren. Die Konsequenz: Alles, was das investierte Kapital nicht vertausendfacht, kommt auf den Müllhaufen des Silicon Valley und wird begraben. Dabei sind da sehr viele gute Geschäftsideen und Innovationen dabei, die nun nicht ausgeschöpft werden... Vielen Dank, ihr schafsherdigen Investoren... :-(
fliegender-robert 16.12.2015
4. Twitter gibt es noch ??
Twitter gibt es noch ?? Ich dachte, der ganze Hype um StudiVZ, Facebook, Lokalisten, Twitter & Co wäre längst vorbei und Geschichte ??
cherrypicker 16.12.2015
5. Gier tut selten gut
Was diese Internet-Investoren nicht schnallen, ist die einfache Tatsache, dass Modelle wie Facebook oder Twitter durchaus angreifbar sind und in wenigen Jahren verschwunden sein können, wenn der Wind sich dreht und sie ihre "hippness" einbüßen (wer erinnert sich noch an myspace oder StudiVZ?). Und zu erwarten, dass sich Gewinne vertausendfachen, ist einfach obszön. Wer das tut, ist für mich auf einer Stufe mit Gewaltverbrechern und Terroristen, denn die wollen ebenso ihren Willen den anderen gewaltsam überstülpen. Ein Grund mehr, diese Selbstbeweihräucherungsbutzen wie Fratzenbuch und Zwitscher zu meiden wie der Teufel das Weihwasser. Mögen sie für ihre Gier in der Hölle schmoren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.