Bilder zu Netzthemen Überwachung? Kann ich nicht mehr sehen!

Netzpolitik und Überwachung sind Themen, die jeden betreffen - trotzdem erreichen die wenigsten Artikel dazu hohe Klickzahlen. Liegt das vielleicht auch an der Bebilderung? Und wenn ja, wie lässt sich die Situation ändern?

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NSA-Hauptquartier in Fort Meade, Maryland: Standard-Bild für Snowden-Enthüllungen
AFP

NSA-Hauptquartier in Fort Meade, Maryland: Standard-Bild für Snowden-Enthüllungen

Und, können Sie dieses Gebäude noch sehen? Das NSA-Hauptquartier, das ständig auftaucht, wenn es um die die weltweite Internetüberwachung geht? Dann, wenn Redaktionen mal nicht Edward Snowden zeigen wollen, von dessen Gesicht man dank der immergleichen Aufnahmen längst jede Hautunreinheit kennt.

Alternativ gibt es natürlich noch NSA-Logos in allerlei Varianten, etwa auf einer Steintafel oder mit einer mysteriösen Silhouette davor:

Gesicht vor NSA-Logo: Wer der Mann ist, wissen wohl nur er selbst und der Fotograf
DPA

Gesicht vor NSA-Logo: Wer der Mann ist, wissen wohl nur er selbst und der Fotograf

Wenn Sie sich für Digitalthemen interessieren, kennen Sie bestimmt auch diese zwei Stecker eines Ethernet-Kabels. Mit ihnen hat SPIEGEL ONLINE kürzlich eine Kolumne zur Vorratsdatenspeicherung illustriert.

Stecker eines Ethernet-Kabels: Symbolbild für alles, was im Internet passiert
DPA

Stecker eines Ethernet-Kabels: Symbolbild für alles, was im Internet passiert

Auch bei anderen Medien ist das Foto ein beliebtes Symbolbild, da es für fast jedes Netzthema stehen kann, von Fluggastdaten (taz) bis zur Datensammelwut von Unternehmen (Bayern 2).

Noch häufiger kommt das folgende Motiv zum Einsatz, das in blauem Licht Finger auf einer Tastatur zeigt, vor einem Schaltplan:

Mann tippt auf einer Computer-Tastatur vor einem elektrischen Schaltplan: Gern zum Bebildern von Hacker-Angriffen genutzt
DPA

Mann tippt auf einer Computer-Tastatur vor einem elektrischen Schaltplan: Gern zum Bebildern von Hacker-Angriffen genutzt

Seit seiner Erstveröffentlichung 2011 ist dieses Agenturbild auf fast jeder größeren Nachrichtenseite erschienen, oft sogar mehrfach. SPIEGEL ONLINE hat es zum Beispiel bei einem Text über Cyberspionage in Asien verwendet. Nach Ansicht der "Welt" passt es aber auch zu Schlagzeilen wie "Digitale Revolution hinterlässt viele Verlierer".

Bei n-tv.de wird mit dem Foto ein Angriff auf den australischen Geheimdienst illustriert, bei Stern.de die Nachricht, dass jeder dritte Verfassungsschützer keinen Internetzugang hat. Und selbst auf einem Fachportal wie "Heise" taucht das Bild auf, bei einem Artikel über das sichere Benutzen einer Datenbank.

Man landet oft bei Kabel-Bildern

Je intensiver man sich mit Netzthemen beschäftigt, desto schwerer lässt es sich übersehen: In kaum einem anderen Fachgebiet begegnen einem medienübergeifend so oft dieselben, unattraktiven, nichtssagenden Fotos wie hier. Eine Beobachtung, die auch uns Journalisten nervt, die die Bilder mit auswählen.

Ein Grund für das optische Einerlei ist, dass es in der Netzwelt meistens um abstrakte Dinge geht - um Daten, um Software, um Codes. Ein zweiter, dass die Bildagenturen wenig Material zu Netzthemen zur Verfügung stellen. Bei Themen wie Netzwerken oder Internetverbindungen lande man oft bei einem Kabel-Symbolbild, sagt unser Bildredakteur Erik Seemann. Hinzu kommt, dass viele Symbolbilder plump gestellt oder extrem kitschig wirken, etwa zu Hacker-Angriffen.

Oder was halten Sie von diesem Fundstück?

Symbolbild zu Gefahren aus dem Internet: Viel trashiger geht es nicht
Corbis

Symbolbild zu Gefahren aus dem Internet: Viel trashiger geht es nicht

Oder von diesem?

Binärcode vor dem Begriff Virus: Unklar, was das Bild aussagen soll
Corbis

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Bilder ziehen in Texte

Die Bildarmut bei den Digitalthemen ist ein Problem, gerade im Online-Journalismus. Bilder entscheiden hier maßgeblich darüber, welche Artikel aufgerufen werden. Auch in sozialen Netzwerken wie Facebook sind optische Reize wichtig dafür, dass ein Artikel in der Masse von Inhalten überhaupt wahrgenommen wird.

Man kann wohl mittlerweile noch so gute und wichtige NSA- oder BND-Enthüllungsgeschichten schreiben, noch so originelle Plädoyers für oder gegen die Vorratsdatenspeicherung: Ohne ein Foto, das in den Artikel zieht, ist die Chance gering, dass der Text überdurchschnittlich oft gelesen wird und nicht nur die übliche Zielgruppe erreicht.

Snowden als Ikone des Themas

Die Masse ähnlicher Symbolbilder führt dazu, dass man sich als Leser kaum mehr an konkrete Aufnahmen erinnert. Arne Busse von der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) beispielsweise sagt, dass er mit Artikeln über die Massenüberwachung optisch eigentlich nur Edward Snowden verbindet, "als Ikone des Themas".

"Ansonsten sieht man meist Computer, an denen irgendetwas passiert", sagt Busse, "Menschen, die vor Bildschirmen sitzen. Vielleicht noch eine Satellitenanlage." Das Bildproblem sei zumindest ein Grund dafür, dass es den Medien fast unmöglich sei, die Dimension von Themen wie der NSA-Überwachung zu vermitteln, meint Busse.

Die Kunsthistorikerin Ines Dorian Gütt beschäftigt sich schon länger mit dem Thema Überwachungsbilder. Sie hat auf der Netzkonferenz re:publica einen Vortrag über "die fehlende Ästhetik der digitalen Massenüberwachung" gehalten, ihre Masterarbeit widmete sie dem Thema "Surveillance Art".

Wenige Kunstbilder eignen sich

Gütt hat den Eindruck, dass sich viele andere, grundsätzlich ebenfalls abstrakte Themen leichter bebildern lassen als die Überwachung, "etwa die Klimaveränderung". Als Beispiel für ein ästhetisches wie eingängiges Klimawandel-Bild nennt sie einen Eisbären auf einer winzigen Eisscholle - ein Motiv, das jeder versteht und das sich schnell mit dem eigenen Wissen verknüpfen lässt. Den meisten Netzthemen dagegen, und besonders die der Massenüberwachung, fehlten solche Aufnahmen, die unmittelbare Emotionen hervorrufen.

Gütts Erfahrung nach gibt es selbst in der Kunst nicht viele Bilder, die zum Illustrieren klassischer Nachrichtenartikel geeignet sind. Gütt mag zum Beispiel die Bilder von Trevor Paglen, einem Künstler, der die Schattenwelt der Geheimdienste sichtbar machen will. Einige von Paglens Bildern haben wir bei SPIEGEL ONLINE bereits verwendet.

NSA-Zentrale in Maryland, fotografiert von Trevor Paglen: Der Künstler spürt Geheimdiensten nach
DPA

NSA-Zentrale in Maryland, fotografiert von Trevor Paglen: Der Künstler spürt Geheimdiensten nach

Gefragt, ob es einen Ausweg aus der Fotomisere gibt, empfiehlt Gütt mehr Mut beim Bebildern: "Geht doch mal weg von Symbolbildern und probiert es mit Infografiken oder Bildern aus dem Comicbereich", sagt sie. "Vielleicht findet ihr ja auch aus Versehen eine Lösung, wenn ihr das Bildproblem mehr zum Thema macht?"

Mehr Menschen statt Kabel?

Arne Busse von der BPB rät dazu, nicht die Überwachung an sich, sondern deren Auswirkungen stärker zu thematisieren - auch im Bild. "Ich will wissen, wie es jemandem geht, der ausspioniert worden ist, der vielleicht unverschuldet in die Mühlen der Überwacher geraten ist", sagt Busse. Er wolle Menschen sehen, "statt den x-ten Router".

Auch Videos können Busses Einschätzung nach helfen, abstrakte Themen wie die Netzpolitik anschaulicher zu machen, dank der Kombination von Elementen wie Musik, Sprache, Illustrationen und Realbild.

Ähnlich denkt Alexander Lehmann, ein Filmkünstler, der sich unter anderem mit überwachungskritischen Clips wie "Wir lieben Überwachung" einen Namen gemacht hat. Vor wenigen Tagen hat er ein neues Video mit dem Titel "Netzneutralität tötet" ins Netz gestellt.

Lehmann wünscht sich, dass die Medien stärker dazu übergehen, ganze Netzwerke zu zeigen, statt zum Beispiel nur einen Router - dass sie darstellen, was sich hinter einem Gerät verbirgt. Das hält er für sinnvoller als Klischeebilder oder Fotos der Leute, die vermeintlich für ein Problem verantwortlich sind.

"Du bist Terrorist" war ein YouTube-Hit

"Man könnte versuchen, statt der Standardsachen schematische Darstellungen zu etablieren", sagt der Filmemacher. Ebenso seien Animationen ein guter Weg, abstrakte Themen in verständlicher Form aufzubereiten.

Lehmann selbst hat 2009 "Du bist Terrorist" veröffentlicht, ein Plädoyer gegen die Vorratsdatenspeicherung. "Ich hatte das Gefühl, es gibt viele tolle Zeitungsartikel, die die Vorratsdatenspeicherung und die damit verbundenen Probleme sehr gut beschreiben", erinnert er sich. "Aber es kam mir so vor, als würden die Artikel kein richtiges Gehör finden; dass in der Diskussion auf der Stelle getreten wird. Da war es für mich total logisch, einen Animationsfilm dazu zu machen."

"Du bist Terrorist" war seinerzeit ein großer Erfolg, das Video wurde bis heute über drei Millionen Mal aufgerufen - eine Klickzahl, von der Medien mit ihren Texten zur Vorratsdatenspeicherung nur träumen können. Wohl auch, weil die Artikel selten gut aussehen.

Haben Sie Ideen, welches Bildmaterial gut zu Artikeln über Themen wie Vorratsdatenspeicherung, Cyberangriffen oder der Überwachung durch die Geheimdienste passt? Wir freuen uns über jeden Tipp und Hinweis, am besten per E-Mail an spon_ueberwachungsbild@spiegel.de.

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insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
deegeecee 12.05.2015
1. Auf dem Holzweg
SpOn, es mag vielleicht untypisch sein, aber ich verrate Ihnen mal was: Ich verfolge Ihre Seite mit deaktiverter "Lade Bilder"-Funktion.
Jahiro1 12.05.2015
2. Immer zwei Bilder verwenden !
Stellen Sie den langweiligen und nichtssagenden Bildern immer ein Bild gegenüber, dass das Ergebnis der Handlung zeigt. Denn nur so werden die Massen verstehen, warum sie das Thema überhaupt interessieren sollte. Also zum Beispiel irgendein US-Offizieller, der irgendwelchen Unsinn von sich gibt, warum nur die USA die Welt retten können und alles was die USA tun daher perfekt und richtig ist vs. eine brennende Mutter mit ihrem Kind, wie es in einem Hellfire Inferno im US-Drohnenterror verreckt. Als Kolateralschaden. Weil nebenan jemand wohnt, den die USA als Terrorist klassifiziert haben. Ohne rechtsstaatliche Mittel und Wege zu bemühen. Einfach immer die US-Täter in ihren langweiligen Anzügen neben die Opfer stellen. Ungeschönt.
archback 12.05.2015
3. Nichts zu verbergen
Ich bin ein vorbildlicher Staatsbürger, der zur Wahl geht und die da oben dann machen lässt. Ich gucke keine Pornos, betrüge meine Versicherung nicht und tue auch sonst nichts Verbotenes, kurz ich habe nichts zu verbergen. Ich klicke lieber auf Eure Boulevardthemen.
Creedo! 12.05.2015
4. hm ...
Vielleicht liegen die geringen Klickzahlen nicht an den langweiligen Bildern, sondern daran, dass sich kaum einer für die Thematik interessiert. Abgehört zu werden ist zwar irgendwie doof, aber man merkt es ja nicht. Man spürt weder das Abhören selbst, noch werden viele Menschen spürbar Opfer der Abhörergebnisse. Auf der einen Seite sind Millionen, vielleicht Milliarden von Menschen betroffen, aber kaum einem passiert etwas. Das Überwachungsgedöns hat einfach kein Bedrohungspotential, zumindest kein fühlbares. Ausserdem dürften die Ungeheuerlichkeiten, die die Medien wälzen, schon lange als Tatsache im Bewußtsein der Bürger existieren. Jetzt kommen bestenfalls Beweise auf den Tisch für Dinge, die man eh schon immer stark vermutet oder gemeint gewußt zu haben. Dem Thema fehlt daher so ziemlich Alles, was es interessant machen könnte. Und da das Potential des Menschen begrenzt ist, sich über etwas aufzuregen, reicht die Aufregungskraft bei den vielen Aufregungsangeboten halt nicht, sich für die hinteren Plätze in der Aufregungsskala zu interessieren. Das Einzige was helfen würde: Sex sells! Wären die Artikel mit Pornobildern gespickt, würden sie sicher sehr oft geklickt. Ob die Leute dann nur die Bilder ansehen oder auch den Text lesen sei einmal dahin gestellt.
manhome ltd 12.05.2015
5. Schizophrenie
Es wundert mich nicht, dass Journalisten sich leidenschaftlicher mit Geheimdienstthemen auseinandersetzen als ihre meisten Leser. Da würden auch besser inszenierte Fotos nicht helfen. Geheimdienste machen das, was sie sollen: Ausforschen, schnüffeln, verdeckt ermitteln. Und was machen Journalisten: Investigativ arbeiten, anonyme Quellen nutzen, Privatsphäre verletzen, Schuldige und Unschuldige an den Pranger stellen. Es kommt immer darauf an, wie edel und gut die dabei verfolgten Absichten sind, oder wer es bezahlt. Also lasst doch die NSA-Leute oder den BND in Frieden. Die machen Ihren Job und ob es böse ist, entscheidet die Absicht. Natürlich ist die bei Journalisten per se eine gute.
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