Überwachung in Libyen Reporter finden Hinweise auf westliche Spähtechnik

E-Mails, Chats, Internettelefonie - wir können alles mitschneiden und jeden finden. So werben westliche Unternehmen für Überwachungstechnik. In Tripolis fanden Reporter des "Wall Street Journals" Handbücher einer französischen Firma aus der Branche - in einer Überwachungszentrale.

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AP

Zwei Reporter des " Wall Street Journal" haben in Tripolis in einer verlassenen Überwachungszentrale Hinweise auf die Spähtechnik des gestürzten libyschen Regimes und seine Zulieferer entdeckt. Die Journalisten haben in Aktenordnern in einem Kontrollraum offenbar mitgeschnittene Chatprotokolle und E-Mail-Texte gefunden. Sie zitieren aus einem Chat über eine Yahoo-Software zwischen einem Regimegegner und einer Frau. Der mitgeschnittene Text stammt vom 26. Februar.

Der Mann berichtet einer Bekannten, Gaddafi-Truppen würden Listen mit den Namen von Zielpersonen zusammenstellen. Er werde bald untertauchen und sich bei ihr von einer neuen Mobilnummer aus melden - sie solle seine Pläne vertraulich behandeln. Die Reporter entdeckten in den Archiven außerdem E-Mails, die libysche Oppositionelle an eine Aktivistin von Human Rights Watch geschrieben haben und Nachrichten von libyschen Regimegegnern, die ein Anti-Gaddafi-Video ins Web stellen wollen.

Wie konnten die Späher des Regimes Chats und E-Mails mitschneiden? Welche Technik in den konkreten Fällen genutzt wurde, ist unklar. Gefunden haben die "WSJ"-Reporter allerdings Hinweise auf Spähtechnik aus Frankreich.

In dem Überwachungsraum fanden sie Handbücher mit dem Logo des französischen Unternehmens Amesys, das zum IT-Konzern Bull gehört. Laut dem "Wall Street Journal" waren die Unternehmen für die Installation der Überwachungszentrale zuständig. Gegenüber dem "Wall Street Journal" wollte sich Bull nicht zu der Angelegenheit äußern. Anfragen von SPIEGEL ONLINE haben weder Bull noch Amesys bis zur Veröffentlichung dieses Artikels beantwortet.

Einzelne Datenpakte analysieren, Zielpersonen erkennen

Allerdings gibt Amesys auf der eigenen Website an, man habe im Bereich Netzwerke und Sicherheit eine Reihe von Aufklärungsprodukten für die Bedürfnisse von "Regierungsorganisationen oder Strafverfolgern". Dazu gehört auch ein Komplettsystem namens Glint, das sich laut einer Broschüre von Amesys zur "strategischen, landesweiten Überwachung " eignet. Glint könne Datenverkehr aus einer Reihe von Übertragungswegen (IP-Netze, Mobilfunk, Satelitenkommunikation) verarbeiten.

Ob dieses System nach Libyen geliefert wurde, ob es dort im Einsatz war, ist nicht eindeutig belegt. Die Handbücher sind nur ein Indiz.

In Werbetexten schreibt der Hersteller, mit Glint sei es möglich, gezielt E-Mails, Internettelefonie (VoIP), Webmail, Webchats zu überwachen. Mögliche mache das eine Technik namens Deep Packet Inspection (DPI).

Dabei handelt es sich um eine Kombination von Hard- und Software zum Analysieren und Filtern einzelner Datenpakete im Internet. DPI-Systeme sind ein boomender Markt - chinesische, französische, deutsche und amerikanische Firmen bieten ähnliche Technik an. Marktforscher schätzen, dass US-Regierungsstellen im Jahr 2015 gut 1,8 Milliarden Dollar für DPI-Lösungen ausgeben werden - 36 Prozent mehr als im Jahr 2010.

DPI lässt sich sowohl zur Filterung bestimmter Inhalte als auch zur zielgenauen Überwachung bestimmter Kommunikationsströme im Datenverkehr nutzen.

Im Volltext des Datenverkehrs nach Zielpersonen und Themen suchen

Die Eagle-Software zur Analyse von IP-Verbindungen kann laut Amesys im Datenstrom mehr als 300 Übertragungsprotokolle unterscheiden. Als Beispiele für die erkannten Datenmuster führt Amesys auf:

  • E-Mail-Protokolle (SMTP, POP3, IMAP)
  • Voice over IP (SIP, H323, RTP, RTCP)
  • Webmail (Hotmail, Yahoo, Gmail)
  • Chats (MSN, AIM, Yahoo!)

Die Amesys-Broschüre beschreibt die Vorteile für die Ermittler so: "Sie können jederzeit die gesamte Datenbank in Echtzeit nach einer unbegrenzten Zahl von Stichworten durchsuchen." Mit dieser Überwachungstechnik ist es laut Amesys möglich, im gesamten Datenverkehr nach bestimmten E-Mail-Adressen von Empfängern oder Absendern zu suchen, nach Telefonnummern nach dem Namen oder dem Typ an E-Mails angehängter Dateien und nach den Namen von Anrufern oder Angerufenen.

Das Überwachungssystem lässt sich durch spezielle Software-Erweiterungen ausbauen. Sogenannte "smart modules" ermöglichen es, Sprache automatisch in Text umzuwandeln und diesen zu übersetzen. Andere Zusatzprogramme lokalisieren den Standort von Anrufern, ordnen einzelne Gespräche nach einer semantischen Textanalyse bestimmten Themengebieten zu oder erkennen die sprechenden Personen bei Audiomitschnitten.

Amesys verweist am Ende seiner Werbebroschüre für das Glint-System auf den Kundenservice des Unternehmens:

"Dank langjähriger Erfahrung in der Arbeit für Nachrichtendienste kann Amesys Ihnen helfen, ein Echtzeit-Überwachungszentrum basierend auf der Aufklärungsphilosophie zu bauen. Unsere spezialisierten Ingenieure werden vor Ort sein, um Ihnen bei der Installation und Schulung der Ermittler zu helfen."

Die Entdeckungen der Reporter des "Wall Street Journal" in Tripolis deuten darauf hin, dass Libyen ein derartiges Angebot angenommen hat - von Amesys oder einem anderen Anbieter derartige Überwachungstechnik.



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