S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Was wirklich hinter der massenhaften Überwachung steckt

Terrorabwehr? Von wegen! Es gibt einen anderen Grund, weshalb alles und alle überwacht werden: die kybernetische Steuerung der Gesellschaft. Dieser Kontrollwahn hat Folgen.

Überwachungsraum der amerikanischen Polizei: Ideologie der Kontrolle
Corbis

Überwachungsraum der amerikanischen Polizei: Ideologie der Kontrolle

Eine Kolumne von


Eine eigentlich brennende Frage - vielleicht die brennendste zur Totalüberwachung - wird kaum gestellt. Warum werden eigentlich alle überwacht? Vordergründige Antworten wie Terrorabwehr sind gerade plausibel genug, um in der Boulevardpresse zu funktionieren. Sie erklären aber nicht, weshalb alles und alle überwacht werden.

Eine genaue Antwort auf die Frage ist überraschend kompliziert. Erst recht, weil inzwischen bekannt ist, dass die jahrelange, wahllose Massenüberwachung der US-Telefonkommunikation zu einem einzigen vorweisbaren "Fall" führte: ein Taxifahrer aus San Diego hatte einer somalischen Terrorgruppe Geld überwiesen.

Wenn man sich dem Ur-Warum nähern möchte, führt der Weg zurück in die Vierzigerjahre. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war die Angst der Briten vor einem deutschen Luftschlag groß. Die noch junge Technologie Flugabwehrgeschütz aber hatte eine entscheidende Schwierigkeit: Man schoss auf Ziele, die sich ähnlich schnell bewegten wie die abgefeuerten Kugeln. Deshalb mussten die Schützen nicht auf die Flugzeuge zielen. Sondern auf den Punkt, an dem die Flugzeuge vermutlich sein würden, wenn das Projektil auftreffen würde. Das war auch deshalb schwierig, weil die Piloten natürlich wussten, dass sie beschossen werden.

In ihrer Not wandten sich die Briten an einen amerikanischen Mathematiker. Mit anderen Forschern entwickelte Norbert Wiener ein Konzept zur Lösung dieses Problems. Einen Algorithmus zur Steuerung einer Flugabwehrkanone, der die messbaren Daten des bisherigen Flugverhaltens nutzt, um vorauszusagen, wie sich der Pilot in den nächsten Sekunden verhalten wird. Um dann genau dorthin zu feuern, wo er der Wahrscheinlichkeit nach das Flugzeug hinsteuern wird. Das Vorbild war der Fangsprung der Katze. Die springt nicht dorthin, wo die wegrennende Maus sich aktuell befindet, sondern kalkuliert, wo die Maus bei Landung der Katze sein wird.

Zumindest im Labor funktionierte dieses Prinzip, und Norbert Wiener schuf eine Fachrichtung drumherum, die Kybernetik, die Lehre der Steuerung von Prozessen. Ein Überbleibsel ist das Wörtchen "cyber". Den Kern bildete die Überzeugung, dass sich aus dem Verhalten in der Vergangenheit das Verhalten in der Zukunft berechnen ließe. Wenn man nur über a) die richtigen und b) genügend Daten verfügt. Wie beim Flugzeug.

Das war militärisch so unmittelbar einleuchtend, dass man bald nach dem Zweiten Weltkrieg das Prinzip des Rückkopplungssystems auf die gesamte Gesellschaft übertrug. Im beginnenden Kalten Krieg ordneten die westlichen Machtzentren fast alles einer militärischen Logik unter. Eine Ideologie der Kontrolle entstand, eine Pervertierung der Kybernetik. Wenn man aus den Daten der Vergangenheit Verhalten der Zukunft vorhersagen kann, lässt sich die ganze Gesellschaft kybernetisch steuern, indem der Staat mit Anreizen und Sanktionen das berechnete Verhalten beeinflusst.

Die kybernetische Steuerung der Gesellschaft

Es handelt sich um ein ideologisch gefärbtes Gesellschaftsmodell, bei dem fatalerweise nicht einmal ausschlaggebend ist, ob es in der heutigen Ausprägung funktioniert oder nicht. Für beides gibt es Anzeichen. Mein Facebook-Chat wird ausgelesen, und trotzdem scheint die gesamte Welt inklusive amerikanischer Sicherheitsbehörden völlig überrascht, dass eine Armee von 10.000 Mann den Nordirak erobert und ein Kalifat ausruft. Leider sind weite Teile der Politik und Verwaltung überzeugt davon, dass sowohl Erfolg wie auch Misserfolg die Anwendbarkeit der kybernetischen Gesellschaftssteuerung beweisen. Im Erfolgsfall funktioniert die Methode, im Misserfolgsfall hatte man leider zu wenig Daten. Und braucht deshalb mehr Daten. Also mehr Überwachung.

Das ist der Kern der Totalüberwachung. Es geht um die kybernetische Steuerung der Gesellschaft, um Kontrolle. Die Politik hat Norbert Wieners Idee, aus dem Verhalten der Vergangenheit das Verhalten in der Zukunft abzuleiten und entsprechend zu reagieren, von der Kanone auf die Welt übertragen. Und die digitale Vernetzung ist unglaublich gut geeignet, um Details des Verhaltens besser und präziser zu überwachen als je zuvor, bis in die Tiefe der Gefühls- und Gedankenwelt einzelner Individuen.

Allerdings ist diese Erklärung zu "Warum Totalüberwachung?" zum einen vereinfacht dargestellt. Zum anderen handelt es sich nur um eine mögliche Deutung der Geschehnisse. Etwas so großes wie die radikale Totalüberwachung der Welt ist tendenziell eher nicht monokausal begründbar. Für kybernetische Ansätze hinter der Überwachung spricht aber, dass insbesondere im Bereich der Sicherheit immer offensichtlicher wird, dass es a) um Verhaltensberechnung geht und b) an immer mehr Punkten aufblitzt, dass die Rückkopplung auch tatsächlich betrieben wird. Auch in Deutschland.

Die Polizei in Nordrhein-Westfalen möchte eine Technologie namens "Predictive Policing" betreiben. Landeskriminaldirektor Dieter Schürmann erklärt im Behördenspiegel die Funktionsweise: "Stellen wir in einem Ort das gleichzeitige Aufkommen ausländischer Transportfahrzeuge und die Verwendung ebenso ausländischer Telefonkarten fest, und das in regionalen Bereichen, die sich für mobile Einbruchstäter aufgrund ihrer Lage, etwa in Grenznähe oder Nähe der Autobahn, besonders eignen, sollte man aufmerksam werden."

Dafür werden Softwares wie "PredPol" verwendet, die in Los Angeles bereits im Einsatz sind. Ein Datenauswertungsansatz aus Amsterdam behauptet gar, vorhersagen zu können, wann sich in einem Gebiet von 125 mal 125 Metern ein Einbruch ereignen wird. Sodass die Behörden schon vor einer Straftat reagieren können. Das ist Sicherheitskybernetik, das ist Kontrolle und Steuerung der Gesellschaft per Datenauswertung. Das Problem ist, dass dafür alles immer überall überwacht werden muss, alle Nummernschilder, alle Handys, alle Mails, alle Bewegungen auf der Straße.

too short, didn't read;

Wem diese Erklärung zu kurz war, kann hier einen Videovortrag über diese Zusammenhänge ansehen, der wie diese Kolumne inspiriert ist von einem nichtöffentlichen Vortrag des Medientheoretikers Claus Pias.

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insgesamt 153 Beiträge
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Seite 1
pepe_sargnagel 02.07.2014
1.
Zitat von sysopCorbisTerrorabwehr? Von wegen! Es gibt einen anderen Grund, weshalb alles und alle überwacht werden: die kybernetische Steuerung der Gesellschaft. Dieser Kontrollwahn hat Folgen. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/ueberwachung-und-kontrollwahn-dahinter-steckt-kybernetik-a-978704.html
Dass ich die Sammelwut der Geheimdienste für kritisch halte ist hinreichend bekannt - aber auch die Bedeutung dieses Wissens um Menschen zu steuern und zu lenken ist nicht zu unterschätzen. Ein Geheimdienst kann so die eigentliche Regierung stellen, wenn er jeden der Mandatsträger erpressen kann. Das gilt es unbedingt mit zu berücksichtigen und das würde "Demokratie adieu" bedeuten. Aber es gibt auch einen Nebenaspekt: Diese Masse an Daten ist auch nicht zu schlecht für die Medien. Diese können dann einen ehemaligen Günstling auch zum "richtigen Zeitpunkt" fallen lassen und Empörung vorgaukeln. Vor allem die Medien sollten einen offenen Dialog darüber führen, wie und wann sie an Informationen kommen bzw. gekommen sind. Nur so lassen sich auch klare Grenzen hin zur Mitwisserschaft bzw. Günstlingsberichterstattung ausräumen. Solange die Medien integer bleiben und Transparenz (man muss ja den Informanten nicht nennen, aber wenn man von irgendwem Daten über eine andere Person zugeleitet bekommt, dann kann man das auch kennzeichnen - es könnte sein, dass der Überbringer der Nachricht einen Eiggennutz verfolgt. Man muss keine Namen nennen, aber diesen Umstand kenntlich machen. Ebenso wann die Information eingetroffen ist, ist von Bedeutung, weil Empörung kurz vor der Wahl deutlich mehr EInfluss auf die Zukunft nimmt).
frubi 02.07.2014
2. .
Lobo verfasst hier zum Großteil Unsinn aber dieser Beitrag gehört jedem Schüler ab der 9ten Klasse auf den Tisch gelegt. Das ist genau der Knackpunkt in dieser ganzen Geschichte: Warum? Das traurige an der ganzen Geschichte ist unsere Untätigkeit. In 20 Jahren werden wir die Zustände haben die wir verdienen und es wird nicht schön.
otzer 02.07.2014
3. Natürlich geht es letztlich um Kontrolle des Volkes
was sonst? Ich prognostiziere, dass irgendwann Computer entscheiden, wann ein Mensch festgenommen wird, weil er mit 99.9x Prozent Wahrscheinlichkeit eine Straftat begehen WIRD oder - viel relevanter - sich gegen das dann bestehende Gesellschaftssystem auflehnen WIRD. Jede Wette.
nepomuk23 02.07.2014
4. Sinnvolle Anwendung, aber verhältnismäßig?
Die beschriebene Anwendung ist sicher mal eine sinnvolle Sache, doch die Verhältnismäßigkeit ist nicht gegeben. Ich habe eher Angst vor einer anderen Art der Kontrolle, und zwar die der Andersdenkenden. So eine Machtfülle darf in einem Staat keinem Organ an die Hand gegeben werden.
kuac 02.07.2014
5. Strategie
Was steckt hinter Kontrollwahn? Natürlich Kontrollwahn, was sonst? Ich frage mich immer, wo/was sind die Taten, die angeblich verhindert worden sind? Wo sind solche Täter? Wo finden die Prozesse gegen solche Täter statt? Ich sehe nur, dass Anschläge weltweit zunehmen. Zeit für eine andere Strategie.
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