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Umzug nach Hongkong: Google düpiert Chinas Web-Zensoren

Google setzt im Streit mit China auf eine Risikotaktik: Der Konzern hat seine Suchmaschine für die Volksrepublik in die Sonderzone Hongkong verlegt und kurzerhand die Zensur aufgehoben. Das ist zwar legal, Peking reagiert dennoch empört. Die Folgen für den Web-Giganten könnten gravierend sein.

San Francisco - Google wagt die große Kraftprobe mit der chinesischen Regierung - und zeigt sich dabei trotz unmissverständlicher Warnungen aus Peking fest entschlossen: Der Web-Konzern hat die Selbstzensur seiner Suchmaschine in China gestoppt und sich dafür einen Umweg ausgedacht. Nutzer von google.cn werden dazu auf Server in Hongkong umgeleitet, die politisch heikle Treffer nicht aus Suchergebnissen filtern. Das teilte der Konzern am Montagabend mit. Auf der chinesischsprachigen Seite hieß es: "Willkommen in der neuen Heimat der Google-Suche in China".

Google Chart zeigen hatte seine Haltung zu der von Peking verordneten Zensur nach dem Hackerangriff auf seinen E-Mail-Dienst GMail Ende vergangenen Jahres überdacht. Die Attacke sei nach China zurückverfolgt worden, hieß es damals. Das Unternehmen beharrt nun auf seinem neuen Kurs, weltweit entschiedener gegen Zensur vorgehen zu wollen. Notfalls werde man sich aus China zurückziehen, hieß es. In Gesprächen zwischen dem Unternehmen und der Regierung soll diese aber auf der obligatorischen Selbstzensur beharrt haben, der sich alle Web-Anbieter unterwerfen müssen.

Die kommunistische Regierung verlangt von westlichen Internetunternehmen, dass sie zum Beispiel Informationen über Tibet oder über die blutige Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 herausfiltern. Peking hatte unmissverständlich gewarnt, dass Google mit Konsequenzen rechnen müsse, falls der Konzern auf die vorgeschriebene Zensur verzichtet.

Doch nun umgeht Google die Selbstzensur einfach: In der zu China gehörenden Sonderverwaltungszone Hongkong müssen Internetanbieter keine Filtersysteme einsetzen. "Das ist eine komplett legale Lösung", sagte der deutsche Google-Sprecher Kay Oberbeck SPIEGEL ONLINE. Man hoffe, dass die Regierung den Schritt akzeptieren werde.

Chinesische Regierung reagiert empört

Diese Hoffnungen dürften sich aber vermutlich nicht erfüllen. Denn die chinesische Regierung reagierte empört auf die Entscheidung und sprach von "unerhörten Anschuldigungen wie auch Verhalten". Google habe "seine schriftlich gegebenen Zusagen" nicht eingehalten, zitierte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua einen für das Internet zuständigen Behördenvertreter. "Das ist vollkommen falsch", fügte der namentlich nicht genannte Sprecher hinzu.

Die US-Regierung zeigte sich "enttäuscht darüber, dass Google und die chinesische Regierung nicht in der Lage waren, eine Einigung zu erzielen". Dies teilte Mike Hammer, der Sprecher von Präsident Barack Obamas Nationalem Sicherheitsrat, mit. Das US-Außenministerium hatte Google in dem Streit unterstützt. Peking warf Washington im Gegenzug Internet-Imperialismus vor.

Dabei wäre Googles Kniff mit dem Umweg über Hongkong eigentlich eine elegante Lösung: Die chinesische Regierung kann ihr Gesicht wahren, weil Google sich an die Gesetze des Landes hält - und Google löst sein Versprechen ein und stoppt die Zensur.

"Es ist zwingend erforderlich, dass Regierungen, Unternehmen und Individuen mehr tun, um sicherzustellen, dass das Internet ein machtvolles Medium bleibt, um ohne Beschränkungen politische Meinungen, religiöse Ansichten und andere wichtige Dinge zu äußern", hatte Google-Vizepräsidentin Nicole Wong bei einer jüngsten Anhörung im US-Kongress gesagt. Die Debatte drehe sich aber nicht nur um Menschenrechte. "Es geht auch um das weitere wirtschaftliche Wachstum, das durch ein freies und weltweit zugängliches Internet angetrieben wird."

Google fürchtet Blockade

Auf einer neu eingerichteten Seite zeigt Google nun an, welche Dienste in China verfügbar sind. Demnach funktioniert die Suche nach Web-Seiten, Bildern und Nachrichten derzeit. Die Videoseite YouTube und die Publishing-Tools Sites und Blogger, die in der Übersicht als blockiert markiert sind, wurden auch vorher schon von der Regierung gesperrt.

Allerdings wissen die Google-Manager um mögliche Risiken: Man sei sich bewusst, "dass sie den Zugang zu unseren Diensten jederzeit blockieren" können, schreibt Google-Manager David Drummond im Firmen-Blog über den Wechsel nach Hongkong.

Das Risiko einer Eskalation ist groß. Die Revolte gegen die Zensur könnte das Wachstum des Konzerns in der Volksrepublik gefährden. Über Filter könnten die chinesischen Behörden Verbindungen vom Festland zum in Hongkong ansässigen Google-Dienst verhindern.

Google befürchtet offenbar Repressalien gegen Mitarbeiter

Dabei rechnet Google offenbar nicht nur mit einer Blockade der Weiterleitung seiner Nutzer auf Server nach Hongkong, sondern auch mit negativen Folgen für seine Mitarbeiter. "Wir wollen deutlich machen, dass diese Entscheidungen von der Konzernführung in den USA getroffen worden sind und keiner unserer Mitarbeiter in China dafür verantwortlich gemacht werden kann", erklärte Drummond.

Denn der Internetkonzern setzt gleichzeitig darauf, weiter auf dem riesigen chinesischen Markt präsent sein zu können. Die Entwicklungsarbeit in China und auch die Verkaufsbüros vor Ort sollten erhalten bleiben, hieß es. Gleichwohl werde der Umfang davon abhängen, wie viele Nutzer aus der Volksrepublik die Angebote künftig sehen könnten.

Die Infrastruktur in Hongkong musste nicht neu geschaffen werden, Google beschäftigt rund 20 Mitarbeiter in der Stadt. Trotzdem ist ein derart großer Umzug eine Premiere für Google. "Wir hoffen, dass die Dienste auch technisch stabil laufen", sagte Oberbeck am Montagabend. An seinen drei Standorten in China, an denen derzeit rund 600 Mitarbeiter beschäftigt sind, will das Unternehmen festhalten. Die Größe der Anzeigenabteilung könne sich aber ändern.

China ist für das Unternehmen ein lukrativer Markt

Für den Branchenprimus geht es um viel. Der Marktanteil von Google in China liegt bei rund 35 Prozent. Für das amerikanische Internetunternehmen wäre ein Rückzug aus China eine enorme Schlappe und ein Schritt, der dem Konzern langfristig den Zugang zu einem der wichtigsten Märkte der Welt verschließen könnte. Schon jetzt sind rund 380 Millionen Chinesen online, bilden eine gewaltige Zielgruppe für die Online-Werbung, mit der Google sein Geld verdient.

Anders als in den meisten Teilen der Welt ist Google in China allerdings nur die Suchmaschine Nummer zwei. Marktführer ist die chinesische Suchmaschine Baidu, die 60 Prozent Marktanteil für sich verbucht. Von einem Rückzug Googles würde vor allem Baidu profitieren. Allerdings wurden auch schon Gerüchte laut, der Rivale Microsoft spekuliere darauf, mit seiner Suchmaschine Bing den Platz von Google in China einnehmen zu können, falls das Unternehmen seine Rückzugsdrohung umsetzt.

Die Google-Aktie wechselte mit der Umzugsankündigung von Gewinnen in die Verlustzone und verlor zum Handelsschluss in New York 0,45 Prozent auf 557,50 Dollar. Das Papier des Konkurrenten Microsoft Chart zeigen ging hingegen zeitgleich auf Erholungskurs.

ore/wit/dpa/AFP/Reuters

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 29 Beiträge
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1. Freies Internet in China?
G. Whittome 23.03.2010
>>Die US-Regierung zeigte sich "enttäuscht darüber, dass Google und die chinesische Regierung nicht in der Lage waren, eine Einigung zu erzielen".
2. Wer zuletzt lacht
hexe98 23.03.2010
Zitat von sysopGoogle setzt im Streit mit China auf eine Risikotaktik: Der Konzern hat seine Suchmaschine für die Volksrepublik in die Sonderzone Hongkong verlegt und kurzerhand die Zensur aufgehoben. Das ist zwar legal, Peking reagiert dennoch empört. Die Folgen für den Web-Giganten könnten gravierend sein. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,685123,00.html
Das brachte mich zum Lachen. Ein letzter Schritt von Google um in China bleiben zu koennen. Da wird China sicherlich das letzte Lachen haben und den Service blockieren (das ueberrascht auch niemanden). Die Buerger muessen doch 'beschuetzt' werden vor diesen auslaendischen Terroristen. Google ist doch amerikanisch, kapitalistisch und verbreitet Luegen. Man fragt sich was die chinesischen Buerger wirklich denken?
3. Go Google Go
Boone 23.03.2010
Wenn google das durchzieht, könnten sie der ganzen Welt zeigen, wo sie moralisch stehen und das Menschenrechte vor Profitmaximierung stehen.
4. ...
averell 23.03.2010
ich frage mich, ob dann Google Deutschland auch demnächst nach Österreich umzieht. denn nach China ist Deutschland wahrscheinlich der zweitmeist zensierte Markt was die Suchergebnisse betrifft.
5. In China kippt ein Sack Reis um...
tweet4fun 23.03.2010
Zitat von sysopGoogle setzt im Streit mit China auf eine Risikotaktik: Der Konzern hat seine Suchmaschine für die Volksrepublik in die Sonderzone Hongkong verlegt und kurzerhand die Zensur aufgehoben. Das ist zwar legal, Peking reagiert dennoch empört. Die Folgen für den Web-Giganten könnten gravierend sein. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,685123,00.html
Wen kümmert es? Google ist durchaus mächtig genug, um es auf eine Machtprobe selbst mit China ankommen zu lassen. Auf Dauer kann die chinesische Regierung ihren reaktionären Kurs der Zemsur nicht durchhalten. Die Welt dreht sich, auch ohne China. Die Menschen haben längst das Blut der freien Meinungsäußerung geleckt. Die ewiggestrigen Machthaber werden verschwinden. Es ist nur eine Frage der Zeit. Der freie Informations- und Meinungsaustausch ist mittlerweile Standard. Wie gesagt: Eine Frage der Zeit.
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Web-Konzern: Alles, was Sie über Google wissen müssen

Googles Geschichte
1995 - When Larry met Sergey
Angeblich konnten Larry Page und Sergey Brin einander erst einmal nicht besonders gut leiden, als sie sich im Jahr 1995 zum ersten Mal trafen. Der 24-jährige Brin war übers Wochenende in Stanford zu Besuch, der 23-jährige Page gehörte angeblich zu einer Gruppe von Studenten, die Besucher herumführen mussten. Der Legende nach stritten Brin und Page ununterbrochen miteinander.
1996 - Es begann mit einer Rückenmassage
Die erste Suchmaschine, die Page und Brin gemeinsam entwickelten, hatte den Arbeitstitel "BackRub" (Rückenmassage), weil sie im Gegensatz zu anderen zu dieser Zeit eingesetzten Suchtechniken auch "Backlinks" berücksichtigte, also Links, die auf die entsprechende Web-Seite verwiesen.
1998 - Finanzierung
Nachdem die Versuche gescheitert waren, die eigene Entwicklung an ein Unternehmen wie Yahoo zu verkaufen, entschlossen sich Brin und Page entgegen ihren ursprünglichen Plänen, selbst ein Unternehmen zu gründen. Der Legende nach bekamen sie von Andy Bechtolsheim, einem der Gründer von Sun Microsystems, einen Scheck über 100.000 Dollar - ausgestellt auf Google Inc., obwohl ein Unternehmen dieses Namens zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existierte. Insgesamt brachten die beiden eine Anfangsfinanzierung von knapp einer Million Dollar zusammen - was reichte, um in der Garage eines Freundes in Menlo Park, Kalifornien, ein Büro einzurichten und einen Angestellten zu engagieren. Im September wurde das mit einer Waschmaschine und einem Trockner ausgestattete Büro eröffnet - was heute als offizielle Geburtsstunde von Google betrachtet wird.
1999 - Mehr Geld und ein neues Heim
Schon im Februar 1999 zog das rasant wachsende Unternehmen in ein richtiges Bürogebäude um. Inzwischen hatte es acht Mitarbeiter. Erste Firmenkunden bezahlten Geld für Googles Dienste. Am 7. Juni wurde eine zweite Finanzierungsrunde verkündet: Die Wagniskapitalgeber Sequoia Capital und Kleiner Perkins Caufield & Byers schossen insgesamt 25 Millionen Dollar zu. Noch im gleichen Jahr bezog das Unternehmen den "Googleplex", den Kern des heutigen Hauptquartiers in Mountain View, Kalifornien.
2000 - AdWords
Das Jahr 2000 muss als jenes gelten, in dem Google tatsächlich zu dem gemacht wurde, was es heute ist: dem mächtigsten Werbe-Vermarkter im Internet. Der Start eines "Schlüsselwort-gesteuerten Werbe-Programms" schuf die Basis für den gewaltigen kommerziellen Erfolg von Google. Man benutze "ein proprietäres Anzeigen-Verteilungssystem, um eine der Suchanfrage eines Nutzers sorgfältig angepasste Werbeanzeige beizugeben", erklärt die Pressemitteilung von damals das Prinzip. Die Anzeigen konnten online auf sehr einfache Weise eingekauft werden - AdWords war geboren und brachte sofort Geld ein. Noch heute ist die Vermarktung der Textanzeigen auf der Suchseite die zentrale Säule des Google-Imperiums, die den Löwenanteil aller Umsätze ausmacht. Parallel wurden im Jahr 2000 neue Kunden gewonnen, die Google-Suche in ihre Angebote integrierten, darunter Web-Seiten aus China und Japan. Im gleichen Jahr wurde auch die Google Toolbar veröffentlicht, die es erlaubte, mit Google das Netz zu durchsuchen, ohne auf die Google-Web-Seite zu gehen.
2001 - Profit und ein neuer Eric Schmidt
Schon im Jahr 2001 machte Google Profit - was man von den meisten anderen Start-ups, die zu dieser Zeit noch die Phantasien der Börsenmakler beflügelten, nicht behaupten konnte. Um den Anforderungen eines rasant wachsenden Unternehmens gerecht zu werden, wurde Eric Schmidt, der zuvor schon führende Positionen in Firmen wie Novell und Sun Microsystems innegehabt hatte, im August 2001 zum Chief Executive Officer Googles ernannt.
2002 - Corporate Search, Google News, Froogle
Seit 2002 verkauft Google auch Hardware - Such-Lösungen für die Intranets von Unternehmen. Im September des Jahres wurde die Beta-Version von Google News livegeschaltet, dem Nachrichten-Aggregator, der bis heute für zuweilen böses Blut zwischen Zeitungen, Nachrichtenagenturen und den Suchmaschinisten sorgt. Ein Algorithmus sammelt Schlagzeilen und Bilder und komponiert daraus nach bestimmten Kriterien eine Übersichtsseite. Im Dezember startete zudem Froogle, eine mäßig erfolgreiche Produkt-Suchmaschine. Heute heißt Froogle schlicht Google Product Search.
2003 - AdSense und Blogger
AdSense ist die zweite wichtige Säule im Google-Anzeigenimperium. Im Jahr 2003 wurde der Dienst vorgestellt, der den Text auf Web-Seiten analysiert und daneben passende Werbeanzeigen platzieren soll. Das System bietet auch Betreibern kleiner Web-Seiten die Möglichkeit, ihre Angebote zu monetarisieren - die Einkünfte werden zwischen Seiteninhaber und Google aufgeteilt. Im gleichen Jahr kaufte Google Blogger, einen großen Blog-Hoster.
2004 - Picasa, Googlemail, Bücher und ein Börsengang
Der Start des E-Mail-Dienstes Googlemail (in den USA Gmail) wurde am 1. April verkündet, mitsamt der Nachricht, dass die Nutzer ein Gigabyte Speicherplatz zur Verfügung haben würden. Es wurde schnell klar, dass es sich nicht um einen Scherz handelte - und dass Google daran selbstverständlich verdienen will. AdSense wurde von Anfang an eingesetzt, um E-Mails nach Schlüsselwörtern zu durchsuchen und mehr oder minder passende Reklame daneben einzublenden. Im Juli kaufte Google Picasa, ein Unternehmen, das sich auf die digitale Fotoverwaltung spezialisiert hatte. Heute ist Picasa ein On- und Offline-Angebot - Googles Antwort auf Flickr.

Am 19. April konnte man Google-Aktien an der Technologiebörse Nasdaq erstmals kaufen. Eine Aktie kostete 85 Dollar. Heute ist sie knapp fünfmal so viel wert. Mit dem vielen neuen Geld stieß Google noch im gleichen Jahr verschiedene Projekte an - unter anderem Google Print: Mit den Universitäten Harvard, Stanford, University of Michigan, University of Oxford und der New York Public Library kam man überein, Bücher zu scannen, zu digitalisieren und online durchsuchbar zu machen. Im darauffolgenden Jahr wurde Google Print in "Book Search" umbenannt. Inzwischen sind zahlreiche andere Bibliotheken mit im Boot - auch deutsche.
2005 - Google Maps und Google Earth
Im Jahr 2005 kam die Google-Maschinerie richtig in Schwung. In rasantem Tempo veröffentlichte das Unternehmen, das bis zum dritten Quartal auf fast 5000 Mitarbeiter angewachsen war, eine Anwendung nach der anderen. Die im Rückblick wohl wichtigste: Google Maps, der Kartendienst, der die Welt geografisch durchsuchbar machen sollte, und sogleich mit der bis dahin nur mäßig erfolgreichen lokalen Suche Google Local verschmolz. Die im Jahr zuvor angekaufte Satellitenkapazität kam nun zum Einsatz: Sie bot die heute beinahe selbstverständliche Möglichkeit, Satellitenfotos statt abstrakter Karten anzusehen. Später im Jahr kam auch noch die Desktop-Software Google Earth, Googles Digitalglobus. Außerdem starteten: die "personalisierte Homepage", die heute iGoogle heißt, Googles Video- und Fotosuche, die Voice-over-IP und Instant-Messaging-Lösung Google Talk, der bis heute ziemlich glücklose Kleinanzeigendienst Google Base, ein eigener RSS-Reader. Und: Google kaufte das Unternehem Urchin und verwandelte dessen Webtraffic-Analysemethoden in sein Angebot Google Analytics. Damit bot das Unternehmen nun erstmals die vollständige Dienst-Palette einer Netz-Mediaagentur, eines Online-Werbevermarkters.

Die Geschäfte liefen auch 2005 hervorragend für Google - so gut, dass man eine Partnerschaft mit dem strauchelnden Online-Dinosaurier AOL verkünden und eine Millarde Dollar in das Unternehmen investieren konnte.
2006 - Google Video, Web-Applikationen , YouTube - und Kritik
Anfang des Jahres stellte Larry Page bei einem Vortrag bei der Consumer Electronics Show in Las Vegas Google Video vor - und Google Pack, einen ersten, offenkundigen Angriff auf Microsoft, denn das Software-Paket enthielt diverse Anwendungen, die als Konkurrenzprodukte zu Microsofts Angebot gelten können. Gegründet wurde die Wohltätigkeitsorganisation Google.org, an den Start gingen außerdem der Finanzinformationsdienst Google Finance und die Paypal-Konkurrenz Google Checkout. Vor allem aber ist 2006 das Jahr, in dem man bei Google ernsthaft damit begann, Office-Anwendungen ins Web zu verlegen. Neben dem Google-Kalender wurde am Jahresende auch Google Docs & Spreadsheets livegeschaltet. Zuvor hatte Google Upstartle gekauft, ein Unternehmen, das bis dahin das Online-Textverarbeitungsprogramm Writely hergestellt hatte - nur eine von mehreren Akquisitionen. Auch SketchUp (3-D-Gebilde für Google Earth) und die Wiki-Plattform JotSpot wurden 2006 ins Google-Reich integriert.

Der prominenteste Ankauf des Jahres war jedoch YouTube: Google zahlte 1,65 Milliarden Dollar für die Videoplattform und holte sich so Konkurrenz zum eigenen, eben erst gestarteten Videoangebot ins Haus. Zudem wurde eine Werbe- und Suchpartnerschaft mit dem eben von Rupert Murdoch aufgekauften MySpace verkündet: Google stieg endlich ernsthaft ins Geschäft mit dem Web 2.0 ein.

Parallel verlor Google in den Augen vieler Nutzer seine Unschuld: mit dem Start einer eigenen Suchmaschine für China, die sich den Zensurwünschen der dortigen Regierung beugt. Eine Tibet-Unterstützergruppe rief eine Initiative namens "No love 4 Google" ins Leben - und fasste damit einen globalen Meinungsumschwung zusammen. Der Engelsglanz des vermeintlich anderen, besseren Unternehmens, den Google lange hatte aufrechterhalten können, schwand nach und nach.

Ende 2006 hat Google mehr als 10.600 Angestellte.
2007 - Googlemail für alle, DoubleClick, Streetview und Android
Im Februar wird Googles E-Mail-Dienst für alle geöffnet - bis dahin brauchte man eine Einladung, um seine E-Mails von AdSense nach Schlüsselwörtern durchsuchen zu lassen.

Vor allem aber ging Google 2007 auf Einkaufstour - in seinem Kerngeschäftsbereich, der Online-Werbung. Zunächst wurde Adscape, ein Spezialist für Werbung in Computerspielen, aufgekauft, dann DoubleClick. Über drei Milliarden Dollar ließ man sich den Online-Anzeigenvermarkter kosten - und eine Menge Ärger. Erst im März 2008 segnete die EU-Kommission den Kauf ab. Datenschützer sehen Google seit der DoubleClick-Akquisition noch kritischer, denn das Unternehmen ist nicht zuletzt darauf spezialisiert, möglichst gründlich Nutzerdaten zu sammeln, um personalisierte Werbung servieren zu können.

Außerdem schickte Google 2007 seine Foto-Autos los: Für die Maps-Erweiterung Streetview fuhren die Kamera-Mobile zunächst durch US-Großstädte - im Jahr 2008 sind sie auch in Deutschland unterwegs.

Außerdem beginnt Google verstärkt, Fühler in Richtung der alten Medienwelt auszustrecken - es gibt Testläufe für Werbevermarktung im Radio, in Print-Publikationen und im traditionellen Fernsehen.

Schon seit Jahren hatte Google verschiedene seiner Dienste in speziellen Handy-kompatiblen Versionen angeboten - Ende 2007 kam dann der ganz große Schritt in die mobile Welt: Das Handy-Betriebssystem Android wurde angekündigt, ein Open-Source-Projekt in Zusammenarbeit mit vielen Telekommunikationsanbietern und Handy-Herstellern.

Ein weiteres Open-Source-Projekt soll Google den Zugriff auf das Vermarktungspotential der Social Networks erleichtern: Die Plattform OpenSocial soll Netzwerkapplikationen transportabel machen, so dass sie bei MySpace genauso laufen können wie bei Xing. Die meisten der großen Communitys sind OpenSocial beigetreten - bis auf Facebook.
2008 - Knol, Chrome und kein Ende
Im laut offizieller Zeitrechnung zehnten Jahr seiner Existenz lässt die Suchmaschine im Tempo nicht nach. 2008 wurden eine kollaborative Wissensplattform (Knol), eine 3-D-Chatanwendung (Lively), Straßenansichten für noch mehr Großstädte - und ein eigener Google-Browser gestartet.

Gleichzeitig wächst die Kritik am Suchmaschinengiganten. Die immer neuen Projekte scheinen vielen Nutzern und Datenschützern inzwischen Ausdruck eines gewaltigen Datenhungers - sowohl auf persönliche Informationen über die Nutzer als auch auf nahezu jede beliebige Art von Information, die dem gewaltigen Weltarchiv Google einverleibt werden könnte. Der Google Leitspruch "Don't be evil" hat für manche inzwischen einen hohlen Klang, und die Missionserklärung, man wolle "alle Information der Welt organisieren", klingt zuweilen eher wie eine Drohung.


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