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Umzug nach Hongkong: Google überlässt Peking das Zensieren

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Es klingt wie ein Befreiungsschlag, doch Googles Umzug nach Hongkong bringt den chinesischen Nutzern nicht die Internet-Glasnost. Anstelle des Web-Konzerns übernimmt nun die staatliche Filtersoftware direkt den Zensurjob. Viele Inhalte bleiben gesperrt.

Chinesischer Polizist, Google-Werbung: Ausweichmanöver nach Hongkong Zur Großansicht
REUTERS

Chinesischer Polizist, Google-Werbung: Ausweichmanöver nach Hongkong

Das Manöver mutet an wie ein Befreiungsschlag im Kampf gegen die allmächtige Web-Zensur in China: Google leitet seit Montag Suchanfragen aus der Volksrepublik auf nicht-zensierte Server in Hongkong um. Das klingt auf den ersten Blick nach mehr Inhalten für Chinas Nutzer, tatsächlich aber dürfte sich für sie wenig ändern.

Ein Beispiel: Wer am Dienstag in Shanghai bei google.hk in Mandarin die Suchanfrage nach dem "Tiananmen-Massaker" eintippt, erhält keine Suchergebnisse, sondern eine Fehlermeldung, berichtet das englischsprachige Lokalblog " Shanghaiist" .

Auch der " Guardian" meldet, dass Suchanfragen aus dem übrigen China auf google.com.hk bei Themen wie "Tiananmen Studentenbewegung" und "89 Studentenbewegung" zur Fehlermeldung führen. "Die Verbindung wurde zurückgesetzt", heißt es dann. Als Google noch seine zensierte China-Suchmaschine Google.cn betrieb, hätten die nach "Tiananmen" Suchenden wohl eine sorgfältig um die dem Regime missliebigen Treffer bereinigte Auswahl erhalten.

Googles Umzug der Suchmaschine nach Hongkong zeigt daher die Unterschiede in Chinas Zensursystem. Im Inland unterwerfen sich Internetanbieter strengen Regeln der Selbstzensur. Hongkong ist da eine Ausnahme. Hier gibt es mehr Redefreiheit, weshalb der Internetverkehr aus der Volksrepublik nach Hongkong und umgekehrt vom chinesischen Filtersystem behandelt wird wie Auslandsdatenströme.

Selbstzensur für China, Filter für die Welt

Die unterschiedlichen Zensuransätze für Web-Inhalte in China beschreibt ein Jahresbericht der Open Net Initiative, ein Zusammenschluss mehrerer Spitzenuniversitäten, der sich für ein freies Netz einsetzt. Die Kontrolle der Netzinhalte, der Googles China-Suchmaschine bislang unterworfen war, erklären die Forscher so: "Die Kontrolle über Kommentare und Inhalte ist vielschichtig und wird durch strafrechtliche und finanzielle Sanktionen, Verpflichtungen zur Registrierung und zum Erwerb von Lizenzen und zum Befolgen von Selbstzensur-Leitlinien erreicht." Diesem Kontrollzwang unterliegen nichtstaatliche Akteure - Portale, Internetanbieter, Nutzer.

Laut Open Net sind alle Mitmach-Portale in China verantwortlich für die von ihren Nutzern veröffentlichten Inhalte: Videoseiten müssen verhindern, dass Nutzer "Filme in Bezug zu aktuellen Ereignissen" hochladen, sollten sie dafür keine Lizenz haben. Laut den Forschern prüfen E-Mail-Anbieter und Chat-Portale die Kommunikation ihrer Mitglieder auf kritische Stichworte und Äußerungen.

Weil Inhalte auf Servern im Ausland nicht so selektiv gesiebt werden können, nutzt China hier eine ausgefeilte Filtertechnik. Anfragen von Rechnern im Inland nach außen und die zurückfließenden Daten werden analysiert und ausgesiebt. China nutzt dabei eine mehrstufigen Filterarchitektur. Die rabiateste Methode ist die Sperrung von IP-Adressen.

Experte nennt Chinas Internetfilter "einmalig"

Die als Buchstabenfolge im Browser eingetippten Web-Adressen (URL) müssen in eine bestimmte Zahlenfolge, die sogenannte IP-Adresse, umgewandelt werden, um über das Internet Inhalte von den entsprechenden Angeboten zu empfangen. Welche IP-Adressen aktuell zu welchen URLs gehören, speichern sogenannte Name-Server. Die IP-Adressverzeichnisse sind vergleichbar mit einem Telefonbuch.

Mit dieser Methode blockiert Peking unerwünschte Seiten wie Facebook und YouTube in China komplett. Sie ist besonders rabiat, weil hinter einer IP-Adresse mehrere tausend URLs liegen können. In solchen Fällen führt die IP-Adresse zu dem Server eines großen Anbieters von Web-Speicherplatz. Dieser verteilt den gesamten Verkehr selbst auf die Angebote, die er bereithält. Wer solch eine Massen-IP-Adresse sperrt, nimmt einen hohen Kollateralschaden in Kauf - es werden womöglich auch viele unbeteiligte Angebote gesperrt.

Der Informatiker Steven Murdoch, der an der Cambridge University über Filtertechnologie forscht, erläutert im "Guardian", dass China auch noch komplexere Filtertechnik nutzt. So sortiert Chinas Netzkontrolle laut Murdoch einige Angebote auch auf Basis der URL heraus. Das ist deutlich schwieriger, als Seiten auf der IP-Adress-Ebene zu sperren. Dafür muss die Filtersoftware den Datenverkehr der Nutzer tiefgehend analysieren.

Das tut China bei Abrufen von Seiten außerhalb des heimischen Web aber ohnehin. Dass chinesische Internetnutzer auf Google.hk bestimmte Suchworte nicht abfragen können, liegt daran, dass die Filtertechnik Datenpakte mit bestimmten Begriffen einfach nicht durchlässt. Murdoch bewertet diese Technik im "Guardian" als "nahezu einmalig". Chinas Netzzensur könne so sehr detailliert anhand von Stichwortlisten mit kritischen Begriffen unerwünschte Inhalte aus dem Ausland fernhalten, ohne den Internetzugang komplett zu blockieren.

Je besser Chinas Filtertechnik, desto sicherer ist Google.hk

Der Google-Umzug nach Hongkong führt also keineswegs zu mehr Freiheit. Googles Selbstzensur wird nur durch die chinesische Staatszensur ersetzt. Die unmittelbaren Vorteile für Nutzer dürften daher überschaubar sein: Selbst wenn bestimmte Suchanfragen nicht gefiltert werden und blockierte Suchergebnisse auftauchen, die man auf Google.cn nicht zu sehen bekam: Der Zugriff auf diese Seiten dürfte für alle Surfer in der Volksrepublik blockiert sein.

Der Umzug nach Hongkong hat für Google dennoch einen entscheidenden Vorteil: Der Suchmaschinenbetreiber macht sich die Hände nicht mehr selbst schmutzig. Fürs Filtern sind jetzt die chinesischen Behörden direkt zuständig. Die Nutzer der Suchmaschine im übrigen China spüren nun auch deutlicher, dass zensiert wird. Es ist etwas anderes, wenn Suchanfragen versanden, als wenn man eine Auswahl der regimefreundlichsten Treffer erhält.

Diese Eskalation führt zu einer paradoxen Situation: Google.com.hk könnte von der Volksrepublik aus erreichbar bleiben, wenn die chinesische Filtertechnik gut genug im Sinne der Regierung arbeitet. Die Zugänglichkeit von Googles China-Suchmaschine ist also von der Schlagkraft der chinesischen Netzzensur abhängig.

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Forum - Google und China - die richtige Entscheidung?
insgesamt 75 Beiträge
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1. Fortschritt
avollmer 23.03.2010
Es ist in so weit ein Fortschritt, dass die Informationen über existierende Angebote im Web jetzt auch in China in Landessprache verfügbar sind. Dass die eigentlichen Angebote regulär nicht angewählt werden können hat sich gegenüber bisher nicht geändert. Aber das ist ein anderes Thema und für den interessierten Festlandschinesen ein nicht unlösbares Problem. Aber die Verfügbarkeit der Information, dass und wo eine Information existiert, ist ein Fortschritt.
2. Ja
berntie 23.03.2010
Zitat von sysopEs klingt wie ein Befreiungsschlag, doch Googles Umzug nach Hongkong bringt den chinesischen Nutzern nicht die Internet-Perestroika. An Stelle des Web-Konzerns übernimmt nun die staatliche Filtersoftware direkt den Zensurjob. War es von Google dennoch die richtige Entscheidung?
Googles Motivation ist natürlich nicht der ehrenhafte Kampf für Meinungsfreiheit. Aber die Entscheidung an sich ist natürlich nur zu begrüßen, auch wenn die Motive fragwürdig sein mögen.
3. Ein Witz
Hollymoonstar 23.03.2010
Der Western gleich W China gleich C W sagt zu C: Ihr sollt nun alle universellen (westlichen) Normen akzeptieren, Menschenrechte, Demokratie, Freiheit, aber außer dem gleichen Lebensstandard wie im Western! C sagt W: Nein, ganz deutliches Nein, wir akzeptieren alle westlichen scheinheiligen Normen einschließlich der Freiheit und Demokratie nicht, die einzige Ausnahme ist aber der gleiche Lebensstandard wie im Western!
4. Western
Meckermann 23.03.2010
Zitat von HollymoonstarDer Western gleich W China gleich C W sagt zu C: Ihr sollt nun alle universellen (westlichen) Normen akzeptieren, Menschenrechte, Demokratie, Freiheit, aber außer dem gleichen Lebensstandard wie im Western! C sagt W: Nein, ganz deutliches Nein, wir akzeptieren alle westlichen scheinheiligen Normen einschließlich der Freiheit und Demokratie nicht, die einzige Ausnahme ist aber der gleiche Lebensstandard wie im Western!
Bei Western muss ich an John Wayne denken...
5.
Peter Werner 23.03.2010
Gemäß dieser (begrüssenswerten) Logik müsste sich google auch aus Deutschland zurückziehen. Auch hier werden zahlreiche Suchergebnisse zensiert; erkennbar an "aus Rechtsgründen sind xxx Ergebnisse entfernt" in der Fußzeile der Suche.
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Googles Geschichte
1995 - When Larry met Sergey
Angeblich konnten Larry Page und Sergey Brin einander erst einmal nicht besonders gut leiden, als sie sich im Jahr 1995 zum ersten Mal trafen. Der 24-jährige Brin war übers Wochenende in Stanford zu Besuch, der 23-jährige Page gehörte angeblich zu einer Gruppe von Studenten, die Besucher herumführen mussten. Der Legende nach stritten Brin und Page ununterbrochen miteinander.
1996 - Es begann mit einer Rückenmassage
Die erste Suchmaschine, die Page und Brin gemeinsam entwickelten, hatte den Arbeitstitel "BackRub" (Rückenmassage), weil sie im Gegensatz zu anderen zu dieser Zeit eingesetzten Suchtechniken auch "Backlinks" berücksichtigte, also Links, die auf die entsprechende Web-Seite verwiesen.
1998 - Finanzierung
Nachdem die Versuche gescheitert waren, die eigene Entwicklung an ein Unternehmen wie Yahoo zu verkaufen, entschlossen sich Brin und Page entgegen ihren ursprünglichen Plänen, selbst ein Unternehmen zu gründen. Der Legende nach bekamen sie von Andy Bechtolsheim, einem der Gründer von Sun Microsystems, einen Scheck über 100.000 Dollar - ausgestellt auf Google Inc., obwohl ein Unternehmen dieses Namens zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existierte. Insgesamt brachten die beiden eine Anfangsfinanzierung von knapp einer Million Dollar zusammen - was reichte, um in der Garage eines Freundes in Menlo Park, Kalifornien, ein Büro einzurichten und einen Angestellten zu engagieren. Im September wurde das mit einer Waschmaschine und einem Trockner ausgestattete Büro eröffnet - was heute als offizielle Geburtsstunde von Google betrachtet wird.
1999 - Mehr Geld und ein neues Heim
Schon im Februar 1999 zog das rasant wachsende Unternehmen in ein richtiges Bürogebäude um. Inzwischen hatte es acht Mitarbeiter. Erste Firmenkunden bezahlten Geld für Googles Dienste. Am 7. Juni wurde eine zweite Finanzierungsrunde verkündet: Die Wagniskapitalgeber Sequoia Capital und Kleiner Perkins Caufield & Byers schossen insgesamt 25 Millionen Dollar zu. Noch im gleichen Jahr bezog das Unternehmen den "Googleplex", den Kern des heutigen Hauptquartiers in Mountain View, Kalifornien.
2000 - AdWords
Das Jahr 2000 muss als jenes gelten, in dem Google tatsächlich zu dem gemacht wurde, was es heute ist: dem mächtigsten Werbe-Vermarkter im Internet. Der Start eines "Schlüsselwort-gesteuerten Werbe-Programms" schuf die Basis für den gewaltigen kommerziellen Erfolg von Google. Man benutze "ein proprietäres Anzeigen-Verteilungssystem, um eine der Suchanfrage eines Nutzers sorgfältig angepasste Werbeanzeige beizugeben", erklärt die Pressemitteilung von damals das Prinzip. Die Anzeigen konnten online auf sehr einfache Weise eingekauft werden - AdWords war geboren und brachte sofort Geld ein. Noch heute ist die Vermarktung der Textanzeigen auf der Suchseite die zentrale Säule des Google-Imperiums, die den Löwenanteil aller Umsätze ausmacht. Parallel wurden im Jahr 2000 neue Kunden gewonnen, die Google-Suche in ihre Angebote integrierten, darunter Web-Seiten aus China und Japan. Im gleichen Jahr wurde auch die Google Toolbar veröffentlicht, die es erlaubte, mit Google das Netz zu durchsuchen, ohne auf die Google-Web-Seite zu gehen.
2001 - Profit und ein neuer Eric Schmidt
Schon im Jahr 2001 machte Google Profit - was man von den meisten anderen Start-ups, die zu dieser Zeit noch die Phantasien der Börsenmakler beflügelten, nicht behaupten konnte. Um den Anforderungen eines rasant wachsenden Unternehmens gerecht zu werden, wurde Eric Schmidt, der zuvor schon führende Positionen in Firmen wie Novell und Sun Microsystems innegehabt hatte, im August 2001 zum Chief Executive Officer Googles ernannt.
2002 - Corporate Search, Google News, Froogle
Seit 2002 verkauft Google auch Hardware - Such-Lösungen für die Intranets von Unternehmen. Im September des Jahres wurde die Beta-Version von Google News livegeschaltet, dem Nachrichten-Aggregator, der bis heute für zuweilen böses Blut zwischen Zeitungen, Nachrichtenagenturen und den Suchmaschinisten sorgt. Ein Algorithmus sammelt Schlagzeilen und Bilder und komponiert daraus nach bestimmten Kriterien eine Übersichtsseite. Im Dezember startete zudem Froogle, eine mäßig erfolgreiche Produkt-Suchmaschine. Heute heißt Froogle schlicht Google Product Search.
2003 - AdSense und Blogger
AdSense ist die zweite wichtige Säule im Google-Anzeigenimperium. Im Jahr 2003 wurde der Dienst vorgestellt, der den Text auf Web-Seiten analysiert und daneben passende Werbeanzeigen platzieren soll. Das System bietet auch Betreibern kleiner Web-Seiten die Möglichkeit, ihre Angebote zu monetarisieren - die Einkünfte werden zwischen Seiteninhaber und Google aufgeteilt. Im gleichen Jahr kaufte Google Blogger, einen großen Blog-Hoster.
2004 - Picasa, Googlemail, Bücher und ein Börsengang
Der Start des E-Mail-Dienstes Googlemail (in den USA Gmail) wurde am 1. April verkündet, mitsamt der Nachricht, dass die Nutzer ein Gigabyte Speicherplatz zur Verfügung haben würden. Es wurde schnell klar, dass es sich nicht um einen Scherz handelte - und dass Google daran selbstverständlich verdienen will. AdSense wurde von Anfang an eingesetzt, um E-Mails nach Schlüsselwörtern zu durchsuchen und mehr oder minder passende Reklame daneben einzublenden. Im Juli kaufte Google Picasa, ein Unternehmen, das sich auf die digitale Fotoverwaltung spezialisiert hatte. Heute ist Picasa ein On- und Offline-Angebot - Googles Antwort auf Flickr.

Am 19. April konnte man Google-Aktien an der Technologiebörse Nasdaq erstmals kaufen. Eine Aktie kostete 85 Dollar. Heute ist sie knapp fünfmal so viel wert. Mit dem vielen neuen Geld stieß Google noch im gleichen Jahr verschiedene Projekte an - unter anderem Google Print: Mit den Universitäten Harvard, Stanford, University of Michigan, University of Oxford und der New York Public Library kam man überein, Bücher zu scannen, zu digitalisieren und online durchsuchbar zu machen. Im darauffolgenden Jahr wurde Google Print in "Book Search" umbenannt. Inzwischen sind zahlreiche andere Bibliotheken mit im Boot - auch deutsche.
2005 - Google Maps und Google Earth
Im Jahr 2005 kam die Google-Maschinerie richtig in Schwung. In rasantem Tempo veröffentlichte das Unternehmen, das bis zum dritten Quartal auf fast 5000 Mitarbeiter angewachsen war, eine Anwendung nach der anderen. Die im Rückblick wohl wichtigste: Google Maps, der Kartendienst, der die Welt geografisch durchsuchbar machen sollte, und sogleich mit der bis dahin nur mäßig erfolgreichen lokalen Suche Google Local verschmolz. Die im Jahr zuvor angekaufte Satellitenkapazität kam nun zum Einsatz: Sie bot die heute beinahe selbstverständliche Möglichkeit, Satellitenfotos statt abstrakter Karten anzusehen. Später im Jahr kam auch noch die Desktop-Software Google Earth, Googles Digitalglobus. Außerdem starteten: die "personalisierte Homepage", die heute iGoogle heißt, Googles Video- und Fotosuche, die Voice-over-IP und Instant-Messaging-Lösung Google Talk, der bis heute ziemlich glücklose Kleinanzeigendienst Google Base, ein eigener RSS-Reader. Und: Google kaufte das Unternehem Urchin und verwandelte dessen Webtraffic-Analysemethoden in sein Angebot Google Analytics. Damit bot das Unternehmen nun erstmals die vollständige Dienst-Palette einer Netz-Mediaagentur, eines Online-Werbevermarkters.

Die Geschäfte liefen auch 2005 hervorragend für Google - so gut, dass man eine Partnerschaft mit dem strauchelnden Online-Dinosaurier AOL verkünden und eine Millarde Dollar in das Unternehmen investieren konnte.
2006 - Google Video, Web-Applikationen , YouTube - und Kritik
Anfang des Jahres stellte Larry Page bei einem Vortrag bei der Consumer Electronics Show in Las Vegas Google Video vor - und Google Pack, einen ersten, offenkundigen Angriff auf Microsoft, denn das Software-Paket enthielt diverse Anwendungen, die als Konkurrenzprodukte zu Microsofts Angebot gelten können. Gegründet wurde die Wohltätigkeitsorganisation Google.org, an den Start gingen außerdem der Finanzinformationsdienst Google Finance und die Paypal-Konkurrenz Google Checkout. Vor allem aber ist 2006 das Jahr, in dem man bei Google ernsthaft damit begann, Office-Anwendungen ins Web zu verlegen. Neben dem Google-Kalender wurde am Jahresende auch Google Docs & Spreadsheets livegeschaltet. Zuvor hatte Google Upstartle gekauft, ein Unternehmen, das bis dahin das Online-Textverarbeitungsprogramm Writely hergestellt hatte - nur eine von mehreren Akquisitionen. Auch SketchUp (3-D-Gebilde für Google Earth) und die Wiki-Plattform JotSpot wurden 2006 ins Google-Reich integriert.

Der prominenteste Ankauf des Jahres war jedoch YouTube: Google zahlte 1,65 Milliarden Dollar für die Videoplattform und holte sich so Konkurrenz zum eigenen, eben erst gestarteten Videoangebot ins Haus. Zudem wurde eine Werbe- und Suchpartnerschaft mit dem eben von Rupert Murdoch aufgekauften MySpace verkündet: Google stieg endlich ernsthaft ins Geschäft mit dem Web 2.0 ein.

Parallel verlor Google in den Augen vieler Nutzer seine Unschuld: mit dem Start einer eigenen Suchmaschine für China, die sich den Zensurwünschen der dortigen Regierung beugt. Eine Tibet-Unterstützergruppe rief eine Initiative namens "No love 4 Google" ins Leben - und fasste damit einen globalen Meinungsumschwung zusammen. Der Engelsglanz des vermeintlich anderen, besseren Unternehmens, den Google lange hatte aufrechterhalten können, schwand nach und nach.

Ende 2006 hat Google mehr als 10.600 Angestellte.
2007 - Googlemail für alle, DoubleClick, Streetview und Android
Im Februar wird Googles E-Mail-Dienst für alle geöffnet - bis dahin brauchte man eine Einladung, um seine E-Mails von AdSense nach Schlüsselwörtern durchsuchen zu lassen.

Vor allem aber ging Google 2007 auf Einkaufstour - in seinem Kerngeschäftsbereich, der Online-Werbung. Zunächst wurde Adscape, ein Spezialist für Werbung in Computerspielen, aufgekauft, dann DoubleClick. Über drei Milliarden Dollar ließ man sich den Online-Anzeigenvermarkter kosten - und eine Menge Ärger. Erst im März 2008 segnete die EU-Kommission den Kauf ab. Datenschützer sehen Google seit der DoubleClick-Akquisition noch kritischer, denn das Unternehmen ist nicht zuletzt darauf spezialisiert, möglichst gründlich Nutzerdaten zu sammeln, um personalisierte Werbung servieren zu können.

Außerdem schickte Google 2007 seine Foto-Autos los: Für die Maps-Erweiterung Streetview fuhren die Kamera-Mobile zunächst durch US-Großstädte - im Jahr 2008 sind sie auch in Deutschland unterwegs.

Außerdem beginnt Google verstärkt, Fühler in Richtung der alten Medienwelt auszustrecken - es gibt Testläufe für Werbevermarktung im Radio, in Print-Publikationen und im traditionellen Fernsehen.

Schon seit Jahren hatte Google verschiedene seiner Dienste in speziellen Handy-kompatiblen Versionen angeboten - Ende 2007 kam dann der ganz große Schritt in die mobile Welt: Das Handy-Betriebssystem Android wurde angekündigt, ein Open-Source-Projekt in Zusammenarbeit mit vielen Telekommunikationsanbietern und Handy-Herstellern.

Ein weiteres Open-Source-Projekt soll Google den Zugriff auf das Vermarktungspotential der Social Networks erleichtern: Die Plattform OpenSocial soll Netzwerkapplikationen transportabel machen, so dass sie bei MySpace genauso laufen können wie bei Xing. Die meisten der großen Communitys sind OpenSocial beigetreten - bis auf Facebook.
2008 - Knol, Chrome und kein Ende
Im laut offizieller Zeitrechnung zehnten Jahr seiner Existenz lässt die Suchmaschine im Tempo nicht nach. 2008 wurden eine kollaborative Wissensplattform (Knol), eine 3-D-Chatanwendung (Lively), Straßenansichten für noch mehr Großstädte - und ein eigener Google-Browser gestartet.

Gleichzeitig wächst die Kritik am Suchmaschinengiganten. Die immer neuen Projekte scheinen vielen Nutzern und Datenschützern inzwischen Ausdruck eines gewaltigen Datenhungers - sowohl auf persönliche Informationen über die Nutzer als auch auf nahezu jede beliebige Art von Information, die dem gewaltigen Weltarchiv Google einverleibt werden könnte. Der Google Leitspruch "Don't be evil" hat für manche inzwischen einen hohlen Klang, und die Missionserklärung, man wolle "alle Information der Welt organisieren", klingt zuweilen eher wie eine Drohung.
Marktanteile: Google und die Konkurrenz
Browser
Microsoft Internet Explorer 58,35%
Firefox 23,72%
Chrome (Google) 11,50%
Safari (Apple) 4,15%
*weltweiter Marktanteil, erhoben auf der Webbrowser-Angabe, Stand: Januar 2012, Quelle: Net Applications
Suche
Google 75,68%
Baidu 11,95%
Yahoo 5,92%
Bing 4,24%
Stand: Februar 2012, Quelle: Net Applications
OS
Windows 91,92%
Mac 6,92%
Linux 1,16%
*weltweit, erhoben auf der Webbrowser-Angabe zum user-agent Stand: Februar 2012, Quelle: Net Applications
Werbung
Umsatz gesamt* Umsatz Google* Anteil Google (in %)
Internet 72,842 36,531 50,15
Magazine 43,122 0
TV 184,29 0
Zeitungen 91,495 0
gesamt 458,385 36,531 7,97
*Werbeumsätze 2011, weltweit in Mrd. Dollar, veröffentlicht von ZenithOptimedia 15. März 2012, Googles Werbeumsatz im Jahr 2011
Mobil
Android (Google) 49,7
iOS (Apple) 30,1
Symbian 6,9
RIM 2,1
Nokia 1,8
andere 9,4
Marktanteil an Smartphone-Betriebsystemen im März 2011 in Deutschland (%). Quelle: InMob Mobile Insights, Basis der Auswertung sind 518,7 Millionen inMobi-Werbeeinblendungen auf Mobilgeräten in Deutschland im März 2011 und 470,3 Millionen Werbeeinblendungen im Januar


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